Monday, 22. august 2011 1 22 /08 /Aug. /2011 12:19

Anpassung, lese ich bei Wikipedia, ist die "Fähigkeit, sich auf geänderte Anforderungen und Gegebenheiten...einzustellen". Na denn, da bin ich mal wieder mitten drin. War die Welt vorab im Nahbereich noch recht deutlich, in der Ferne verschwommen, kehrt sie sich jetzt um. Wie ein Adler seh ich jetzt die Spitzen der Bäume am Horizont, schön klar und farbig, doch auf dem Klo ist alle um mich herum schwummerig. OK, nicht nur da. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt der Volksmund treffender als Wikipedia. Das ist gut.

Friedhelm war gerade hier, der Überlebenskünstler. Immer, wenn ich mit ihm rede, gehen meine Wehwehchen gegen Null.

  "Englischer Harem " gelesen. Hat mich wieder erinnert an: Persien, heute auch Iran genannt und Afghanistan gehören keineswegs zur arabischen Welt. Ein Teil ihrer Urahnen stammt von arischen Völkern ab. Das Perserreich, 550 v. Chr. entstanden, entwickelte sich zu einer bedeutenden Zivilisation in Vorderasien und prägte die Geschichte der Menschheit. Und: unter dem Tschador bestimmen die Frauen, was sie tragen. Sie halten das für Selbstbestimmung. Und: Vielweiberei hat nichts mit unserer Haremsphantasie zu tun. Und: die Akzeptanz  anderer Welten und Gewohnheiten fällt allen Kulturen verdammt schwer.

Morgen ist die 2. Nachuntersuchung

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Saturday, 20. august 2011 6 20 /08 /Aug. /2011 14:49

P1020160Gestern stand er plötzlich vor der Tür, der Wanderer zwischen den Welten. Fast 3000 Km ist er gelaufen auf dem Jakobsweg von Marburg nach Santiago de Compostela und weiter nach Finesterra, ans Meer, da, wo der Pilgerpfad nicht mehr weiter geht. Da hat er sich besonnen und ist zurück gekehrt. Wie es sich für einen Pilger gehört auch das letzte Stück in der Heimat auf Schusters Rappen. Und kam bei uns vorbei. Braun gebrannt wie Wildleder, voller Geschichten und Erlebnissen. Schönen. Er wird viel zu berichten haben. Wir freuen uns! Der eigentliche Pilgerweg, sagt er, ist der Alltag des Lebens. P1020161Wir wünschen ihm, dass er viel behält von seinen Erfahrungen.

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Saturday, 20. august 2011 6 20 /08 /Aug. /2011 14:18

Das Auge, sagt Jörg, und das Ohr sind die sensibelsten Organe des Menschen. Wenn da was dran kommt, gehts einem schlecht. Letzten Donnerstag haben sie mir am rechten Auge eine neue (Kunststoff-)Linse eingesetzt , nächsten Donnerstag ist das linke Auge dran. Grauer Star. Ein kleiner Schnitt, die Linse wird zertrümmert und abgesaugt, die neue gerollt eingeschoben und aufgesetzt. In 15 Minuten ist die Operation vorbei und gemerkt hab ich nix. So gut sedieren sie. Jetzt ist die Welt rechts wieder klar und bunt und in der Ferne seh ich wie ein Adler. Sagen die. Nur die Scharfeinstellung in allen Bereichen darunter, die ist weg. Jetzt brauch ich Brillen für alle näheren Lebenslagen. Legen sie sich überall eine hin, war der Rat. Ja doch, Brillen brauchte ich schon, doch auch ohne konnte ich noch immer Wichtiges erkennen. Es schockt mich, nur verschwommen Schriften wahr zu nehmen. Doch eine Alternative gab es nicht. Nur langsam fortschreitender Sehverlust. Blindheit durch grauen Star ist in Afrika weit verbreitet. Häufig sieht man sie, die alten Männer mit den grau getrübten Linsen. Wie gut wir es haben. Trotz allem.

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Friday, 19. august 2011 5 19 /08 /Aug. /2011 18:51

Das Scheitern der Ujamaa-Dörfer lag nicht nur an den menschlichen Egoismen der Bevölkerung. Nach seiner Idee sollte die Umsiedlung in die Ujamaa-Dörfer ohne Zwang, nur durch Überzeugung durchgeführt werden. Doch eine sich selbständig machende Bürokratie wendete zunehmend Zwang an und setzte die vorgesehene Versorgung der Dörfer nicht um. Korruption und Misswirtschaft nahmen zu, aufgeblähten Behördenstrukturen sorgten für sich selber, kurzum, das neue System produzierte weniger als das traditionelle. Sicher kamen externe Faktoren hinzu, die Nyerere immer wieder erwähnte. Da war der Ölpreis, der in der Ölkrise 1973 in die Höhe schnellte, da war der Krieg gegen den Diktator Iddi Amin in Uganda, der Tansania 1978/79 angriff, da waren die immer weiter auseinander klaffenden Terms of Trade, das Tauschverhältnis importierter Industriegüter zu exportierten Rohstoffen, da waren extreme Klimaschwankungen usw. Ebenso wichtig für die Fehlentwicklung ist indes die von Nyerere zumindest tolerierte Politik des tansanischen Staates im Inneren. Eine verfehlte Agrarpolitik ließ den Bauern keinerlei Produktionsanreize, hinzu kam die aufgeblähte, in Teilen korrupte, unterbezahlte und völlig unproduktive Bürokratie und eine politische Führung, die nicht in der Lage war, diese Fehler zu korrigieren.

Nyerere hatte viele Freunde und Bewunderer, besonders in Schweden, in der Bundesrepublik, auch in den USA und in den internationalen Gremien. Die Entwicklungshilfe für Tansania nahm sprunghaft zu, doch viele, am Ende unproduktive Investitionen gingen gerade auf die internationale "Hilfe" zurück, bei der eigene Projekte im Vordergrund standen und nicht die notwendigen strukturellen Reformmaßnahmen. Die an Sachinvestitionen ausgerichtete Hilfe kam zu schnell, war mit anderen Bereichen wenig abgestimmt, verursachte hohe Folgekosten und eine starke Überschuldung des Landes und führte damit zu einer Steigerung der von Nyerere so bekämpften Abhängigkeit.

Was bleibt?  Nicht vergessen haben die Tansanier ihren "Mwalimu". Noch heute hängt sein Bild in vielen Amtsstuben und Wohnungen vorrangig oder zumindest gleichwertig neben dem des aktuellen Präsidenten. An die beträchtliche Verbesserung des Bildungs- und Gesundheitssystems erinnert man sich und an die politische Stabilität und den inneren Frieden. Tansania unter Nyerere kannte keine tief greifenden sozio-ökonomischen Klassenunterschiede und seine Programm zur sozialen Gleichheit fand breite Akzeptanz. Und außenpolitisch waren sie stolz auf ihren Präsidenten, der international gehört und verehrt wurde. Nyerere hat eine eigenständige afrikanische Diskussion über Entwicklungswege angestoßen, die auf einem anderen, einem afrikanischen Wertesystem beruhte und für den Kontinent eine hohe Bedeutung hatte und hat. Zu seinen größten Verdiensten gehörte sicherlich sein demokratischer Abgang 1984, der für andere afrikanische Regime ein Vorbild darstellt und dem Land einen geordneten Übergang zu einem Mehrparteiensystem ermöglichte.

Tansania wurde in der Nach-Nyerere Zeit von der internationalen Gebergemeinschaft zu Strukturanpassungsmaßnahmen gezwungen, um den Schuldenberg abzutragen und um das Land von seiner afrikanisch-sozialistischen Ausrichtung in die westliche kapitalistische Wirtschaftsform einzugliedern. Die Folge waren zunehmende soziale Ungleichheit, Sozialkürzungen und Verarmung einer breiten Bevölkerungsschicht.

"Tansania ist mehr als die meisten Länder durch die Vision eines Mannes geprägt worden, durch Julius Nyerere, den ersten Präsidenten des Landes. Dort wie im Ausland wird er (noch immer) verehrt und respektiert aufgrund seines Verstandes, seiner Integrität und seiner Hingabe für sein Volk. Er war untypisch unter den afrikanischen Führern, und der persönliche Respekt ihm gegenüber blieb auch nach seinem Ausscheiden aus de Amt bestehen. Jedoch hat Tansania seit der Unabhängigkeit nur geringen wirtschaftlichen Fortschritt gemacht, viele von Nyereres politischen Idee scheiterten und das Land ist weiterhin trotz der erheblichen Entwicklungshilfe unsäglich arm."(Spalding 1996). Ein wenig hat sich die ökonomische Lage heute verbessert.

Am 14. Oktober 1999 ist Julius Nyerere in einer Londoner Klinik gestorben.

 

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Thursday, 18. august 2011 4 18 /08 /Aug. /2011 18:47

Besonders die Schulbildung lag dem Lehrer, der nun zum Lehrer seines Volkes wurde, am Herzen. Denn Self-Reliance war von ihm wesentlich als eine Frage der Erziehung gedacht. Die Schule muss auf die konkreten Bedürfnisse der Schüler und der Gesellschaft abzielen und  traditionelles mit modernem Wissen verknüpfen. Bildung soll den Kindern auch vermitteln, wie sie ihren Familien gute Nahrung verschaffen oder Werkzeuge herstellen und benutzen können. Mitbestimmung der Schüler und Selbstversorgung der Schulen durch eigene Farmen gehörten mit zu dem Konzept. In der beträchtlichen Verbesserung des Bildungssystems liegen auch die Erfolge von Nyerere. Bis 1979 stieg die Einschulungsrate von 25% in 1960 auf in vergleichbaren Ländern unerreichte 94%. Und die Alphabetisierung Erwachsener nahm von 10% in 1960 auf fast 80% in 1979 zu. In der Nach-Nyerere Zeit, als man Tansania den modernen Kapitalismus aufzwang, fiel die Einschulungsquote prompt wieder auf die Hälfte (inzwischen ist sie wieder angestiegen).

Innenpolitisch wollte Nyerere den Tribalismus überwinden und ein nationales Bewusstsein schaffen. Über 130 Ethnien hatten und haben nicht nur ihre eigenen Sprachen sondern auch eigene Kulturen und Traditionen, die sie gegenseitig, zum Teil feindlich abgrenzten. Das zu beenden hat er geschafft. Heute sprechen fast alle Tansanier eine Nationalsprache, das Kisuaheli und noch immer herrscht ein in Afrika vorbildlicher innerer Friede. Die TANU als Einheitspartei sollte, nach den Vorstellungen von Nyerere, nicht den autoritären Charakter haben wie in anderen Ländern des "realen Sozialismus". Besser als im Mehrparteiensystem, wo die Parteien Partikularinteressen vertreten, sollte die TANU einen Rahmen für wirkliche demokratische Prozesse bilden, indem z. B. Kandidaten für politische Wahlämter von der Bevölkerung selbst ausgesucht, bestätigt und auch wieder abgelöst würden. Mitbestimmung der Basis wurde allerdings nie gänzlich umgesetzt, obwohl die inneren Prozesse auch der  Nachfolgepartei CCM breite Mitwirkung bei der Kandidatennominierung vorsehen. 

Nyereres Vision war ein Staat, in dem die Tansanier wie im Familienverband füreinander einstehen. "Es würde sicher einen größeren sozialen Schaden bedeuten" schrieb er 1966, " wenn ein Mitglied der Familie, selbst ein älteres, z.B. persönlichen Besitz...anhäuft, wenn anderen Mitgliedern ihre Grundrechte (-bedürfnisse) vorenthalten werden."  Aus diesem (angenommenen) "Ursozialismus" in den traditionellen afrikanischen Gesellschaften entwickelte Nyerere den "Ujamaa"-Sozialismus auf nationaler Ebene. Jeder soll nach seinen Fähigkeiten arbeiten, Alte, Kranke, Kinder und in Not Geratene sollen unterstützt werden, gegenseitiger Respekt und Würde werden eingefordert und auch die Stellung der (in der afrikanischen Praxis unterdrückten) Frau soll verbessert werden. "Ujamaa" bedeutet "Zusammenhalt" und war sein Programm, sein Instrument zur Überwindung der Unterentwicklung. In Ujamaa-Dörfer, Kooperativen gleich, sollte die Bevölkerung aus ihren isolierten Weilern umgesiedelt werden um nach ursozialistischen Werten zusammen zu leben. Richtig war sicherlich die Überlegung, dass in diesen Dörfern die weit verstreut wohnende Landbevölkerung mit Infrastruktureinrichtungen wie Schulen, Krankenstationen, Läden und Produktionsmitteln besser versorgt werden können. Als falsch erwies sich die Annahme, dass 2000 Menschen in einem durchschnittlichen Ujamaa-Dorf, " an einem -Strang ziehen können wie eine Großfamilie. 1977 lebten etwa 85% der Landbevölkerung in solchen Dörfern und produzierten weniger als vorher. Mit dieser Wirtschaftspolitik hat er versagt.

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