M: Montag 16.10.06
Wir waren über eine Woche lang am Südstrand. Eigentlich wollten wir nur drei Tage bleiben, aber R hat sich dort so gut erholt und der Aufenthalt hat den Vorteil, dass er da nicht an seinen
geliebten Computer kann. So haben wir den Urlaub ausgedehnt. Wir haben in der Sonne und im Schatten gelegen, gedöst, gelesen, sind am Strand entlang gelaufen, haben gegessen, geredet, Hörbücher
gehört und viel geschlafen. Leider gibt es jetzt einen neuen Koch, dessen „Raffinesse“ darin besteht, auf alles Mayonnaise zu schütten. Am Strand entstehen jede Menge neuer Hütten und Lodges,
Gott-sei-Dank einstöckig, aber ich denke, zu Weihnachten wird wesentlich mehr los sein als wir es bisher gewöhnt waren. Vielleicht werde ich ja dann auch nicht mehr so angestarrt, wenn ich mit
meinem Bikini rumlaufe?
Am Freitag habe ich R ins Büro gefahren,
zu Hause nach dem Rechten und den Emails gesehen und ihn wieder abgeholt, zum Strand. Als ich zu unserer Wohnung kam, war gerade ein städtischer Bulldozer da gewesen und hatte „unseren“ Kiosk,
den Fahrradreparateur umgeworfen. Alle standen entgeistert um die Trümmer herum und begannen dann, aufzuräumen und zu retten, was es noch zu retten gab. Traurig, traurig! Und Reinhold kann jetzt
nicht mehr schnell Zigaretten holen. Ich bring ihm ja vom Einkaufen keine mit! Auch die anderen Verkaufsbuden entlang der Straße sind umgerissen worden . Die Menschen laufen zwischen den Trümmern
herum und suchen, ob sie noch etwas finden, was gebraucht werden kann. Besonders die Balken und Bretter für neue Hütten werden abgeholt, die Steine geklopft.....Oder sie sitzen traurig mit ein
paar Sachen inmitten der Trümmer und versuchen noch etwas zu verkaufen.
R: Die Stadt lässt alle wild gewucherten Kioske abreißen. Es waren ihrer viele. Leute haben ihr eigenes, klitzekleines Geschäft aufgemacht, vielleicht Blumen oder
Obst im
fernen Großmarkt oder auf dem Land gekauft und an der viel bewohnten Strasse im reicheren Viertel für ein wenig Gewinn weiter verkauft. Und die paar Pfennige Mehreinnahmen wieder investiert und
mehr verkauft. Sich ein paar Bretter besorgt, eine Bude gebaut. Neben das Obst ein paar Zigaretten gelegt. Nicht in Packungen, einzeln. Die Bude angestrichen, das Angebot ein wenig vergrößert. Es
war genug um die Familie zu ernähren. Jetzt sind sie weg. Sie sollen alle auf einen zentralen Platz. Niemand von der alten Klientel wird dort kaufen. Ihr Vorteil war das billige Angebot weil
selbst herangetragene Waren nicht so viel kosten wie Anlieferer. Und sie arbeiteten ohne Steuern und Abgaben. Sie waren ja nur „informell" tätig. Jetzt ist das ganze Bunte am Straßenrand
verschwunden. Und das billige Einkaufen auch. Schade. Aber die Stadt will Ordnung und will Steuern. Auch ein Argument.
Eine traurige Ansicht ohne den Kiosk gegenüber. Unser Wahrzeichen ist fort. Freitag kam ein Bulldozer der Stadt und hat ihn umgefahren. Es ist es ein Verlust für mich. Nie wieder das Klacken der
Halma-Steine aus Kronenkorken, nie wieder die eifernden Stimmen bei der Auswertung der Spiele, nie wieder die Musik aus dem Kofferradio, Sonntags oft kirchlich und gospelhaft, sonst
tansanisch-träge. Nie wieder Eier und Zigaretten und Getränke auf der Straße gegenüber. Traurig aber wahr. Das Land entwickelt sich.
Sag nie „nie wieder“ in Tansania. 3 Tage später hat sich die Fahrrad Reparatur 200 m weiter vorne unter den Bäumen etabliert.
M: Die ersten Kleinunternehmer sind schon wieder da. Die, die was verkaufen, achten darauf, dass sie jederzeit verschwinden können. Sie stehen mit Bauchläden herum, verkaufen Kleinkram,
andere sitzen auf Plastikstühlen unter Bäumen mit ihren Angeboten: einer Tafel, auf der sie sich als Spezialisten für Reparaturen von elektrischen Geräten und Leitungen anbieten, zwei Frauen, die
ihren Kundinnen einen Pappdeckel zum Sitzen auf dem Boden offerieren und ihnen in stundenlanger Arbeit eine Zöpfchenfrisur flechten. Wo die Obstbuden standen, stehen jetzt Blumentöpfe, die
ebenfalls schnell weg geräumt werden können. Die Buden (Container) mit dem Kunsthandwerk sind einfach ein paar Meter zurück gesetzt worden, stehen jetzt im Garten eines Mietshauses und haben
ihren Betrieb wieder aufgenommen. Wo unser Fahrradmechaniker und –kiosk stand, hängt nur noch ein Fahrradschloss am Zaun und man wundert sich, dass dort jemals Platz für einen Kiosk war.
Am
letzten Sonntag saß ich gerade auf dem Balkon und vertrieb ab und an die Krähen aus unserem Garten, als ich ein maschinelles Getöse hörte: eine große Straßenmaschine
kam angeholpert und schob unsere „Straße“ gerade. Die Löcher waren mittlerweile so tief, dass normale Wagen kaum noch fahren konnten und alles im Schritttempo ging. Jetzt ist
alles eben und plötzlich wird wieder gerast, die Wagen ziehen eine gewaltigen Staubwolke hinter sich her, und die Leute, die zu Fuß gehen, bedecken ihr Gesicht mit Tüchern. Auch in der Wohnung
ist es wieder staubiger.


























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