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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Als Senior Experten in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien

22. April 2015 , Geschrieben von REinloft Veröffentlicht in #Andere Welten - andere Probleme

Abflug Mitternacht Barcelona-Lima
Abflug Mitternacht Barcelona-Lima

Sonntag, den 19.4.2015
Um 6 Uhr morgens Anflug auf Lima, auf meiner Uhr war es Sonntag Mittag um eins. Vor 12 Std., um 1/2 Eins nach Mitternacht waren wir in Madrid gestartet und Stunden davor hatte uns Hanne brav wie immer am Flughafen FFM abgelieferte (wie oft hat sie das wohl schon gemacht?) Ganz weit im Osten sendete die Sonne ihre ersten Strahlen und ich stellte mir vor, wie die Erde unter dem Flugzeug nach Osten sich drehte und Helligkeit fächerförmig gen Westen verschob. Vier einhalb Stunden Aufenthalt in Lima. Mit der Helligkeit des neuen Tages kam der Nebel, schloss den Flughafen ein. Lima, die Nebelstadt. Eigenartiges Gefühl, Frank, Jan und Ana so nahe zu wissen. Auf dem Rückflug werden wir sie sehen.
Um 17:30 nach meiner Uhr Start Richtung La Paz. Wollten wir vermeiden, der Flughafen liegt über 4000 m hoch. Jedesmal hat uns der Sorocho, die Höhenkrankheit zugesetzt. Jetzt steht kein Frank draußen mit Coca-Tee. Ich erinnere mich gerne, wir kamen aus Rio und Ana reichte mir die neugeborene Tati. Ich, der ich immer der Meinung war, Babys seien alle hässlich, verliebte mich stande pete in dieses wunderschöne Kind. (Hat bis heute gehalten).
Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, den Titicaca See zu überfliegen. Meine Uhr zeigt 7 Abends. 24 Stunden sind wir jetzt unterwegs. Ortszeit: ein Uhr Mittags. Karg wie Mond das Altiplano unter uns. Wie können da Menschen leben? Sie tun es schon lange. Um La Paz anzufliegen brauchen die Piloten eine Spezialausbildung. Hat man mir gesagt. Zu dünn die Luft. Zu kurz die Piste. Unten im Kessel die Stadt, der Ilimani dahinter schneebedeckt und heilig.
Wir dürfen im Flugzeug bleiben. Die Türen gehen auf, sofort spüre ich Atembeschwerden und das Herz fängt an zu rasen. El Alto, die Höhe, war früher ein kleiner Flecken oberhalb La Paz mit einem Rollfeld. 46 Jahre ist das her. Heute ist es eine hässliche, graue Millionenstadt mit dem Flugplatz mitten drin.
4000m die Anden hinab geht der Flug. In einer Std. sollen wir ankommen. Auf meiner (deutschen) Uhr wird es 21:30 anzeigen. Santa Cruz de La Sierra, Ortszeit 15.30 Uhr.
Ich hab Hunger. Um 2:00 Uhr morgens gabs Abendessen, um 11:00 Uhr Frühstück, von Lima rauf ein Muffin und eben ein Bonbon. Offenbar als Kaffee Ersatz. Bei den Padres gabs als Abendessen Cracker, Cola, Käse und Schinken.

Mail vom Montag, den 20.4.2015
Ihr Lieben,
obwohl ich nicht weiß, ob die Mail raus geht, denn hier geht das Internet nur wann es will (und dass es nicht will ist zumeist der Fall), wollten wir nicht versäumen, Euch unsere wohlbehaltene Ankunft gestern, Sonntag den 19.4.2015 15:25 Uhr (21:25 Uhr deutsche Sommerzeit) in Santa Cruz zu vermelden. Wir wurden mit einer deutschen Fahne auf der „Bienvenidos Reinhold & Marianne" stand, am Flughafen begrüßt. Wir wohnen im Haus der Brüder des Kapuziner-Ordens. Das Zimmer ist einfach, doch wir dürfen diesmal zusammen schlafen. Im Schrank hängen 3 braune Mönchskutten.

Nachdem wir 12 Stunden geschlafen hatten, ging es heute Morgen (Montag) ganz gut, obwohl ich gleich die Kreditkarte im Automaten vergessen habe. So gut scheint es doch noch nicht zu gehen. Jetzt ist es nach unserer Zeit 1/2 9:00 Abends (bei Euch 1/2 3:00 des Nachts), wir kommen von einem Rundgang durch die technische Schule zurück (Abends wird fleißig gelernt) und haben einen guten Eindruck. Auch wenn wir noch nicht genau wissen, was wir wann und wie machen werden. M jedenfalls soll nach deren Meinung jeden Tag mehrere Stunden technisches Englisch unterrichten und Samstag die Mädchen in der Ausbildung zu Kindergarten-Helferinnen. Und ich soll die ganze interne Computerei auf Vordermann bringen. Davon gibts aber noch so gut wie nichts. Mal sehn. Kommt Zeit kommt Rat.

Das war der erste Kurzbericht. Wir sind müde und gehen ins Bett. Es ist noch feucht-heiß, nachts kühlt es ab, dann brauchen wir eine leichte Wolldecke.
Ganz liebe Grüße

Dienstag, den 21.4.2015
Heute wurde fumigiert. Männer in Schutzanzügen haben das gesamte Heim eingenebelt um die Moskitos zu vernichten. Das geht zwar nicht, ist auch nicht ganz gesund, aber immer noch besser, als Dengue oder Malaria zu kriegen. Sagen sie. Und machen es zwei Mal im Jahr. Nach der Aktion gab es Mittagessen im vernebelten Speisesaal. Wir sind spazieren gegangen.

Auf Atahualpas Rache ist Verlass. Zumeist erwischt es einen. Diesmal M. Das sei aber früh, sagen sie, ansonsten käme sie nach 4-5 Tagen. Da hab ich ja noch etwas Zeit. Hat man die Rache, ist es ratsam, nicht zu husten oder zu niesen. Das macht die eh schon unangenehme Sache explosiv.

Ruhig geht es zu. Die Menschen bewegen sich zumeist wie unter Wasser, langsam und bedächtig. Warten ist kein Problem, zu spät kommen auch nicht. Kann doch jedem passieren. Wenn es hoch kommt gilt: Eile mit Weile. Nur im Verkehr, da ahmen einige ihren Rennidolen nach. Eine Karikatur in der Zeitung: Schade um den jungen Kerl, wir schreiben ihm seinen Wahlspruch auf das Grab: „Besoffen fahr ich am besten“.

Ein Fernseher, an dem ich vorbei komme, ist an. Und wer spielt? Bayern gegen Porto. Mag nicht hin schauen und muss doch zwei bildschöne Tore sehen. Später erfahre ich, die Bayern haben 6:1 gewonnen. Und mein Traum war, sie hätten sich, wenn ich zurück komme, selbst aufgelöst. Wg. Ärztemangel. Der FC Bayern verfolgt mich bis in den letzten Winkel dieser Erde, schreibt die Schwester. Unser beider Glaube an eine bessere Welt hat einen weiteren Knacks gekriegt.

Ganz langsam konkretisiert sich, was wir tun können. Auch hier haben sie das Problem des Schülermangels. Wie in Rumänien, unserem letzten Projekt. Doch diese technische Schule ist weitaus besser ausgestattet, die Räume in den 3 Stockwerken sind hell und offen, der Anspruch scheint höher. Und die Wirklichkeit niedriger. Von 10 Schülern der letzten Handwerker-Prüfung haben nur 3 bestanden. Unterauslastung auch hier, Schulräume nur halb besetzt. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Niedere Ausbildungsqualität gleich niedere Attraktivität. Weniger Schüler gleich weniger Einnahmen. Weniger Einnahmen gleich billigere Ausbilder. Und die Chose geht von vorne los.

M:
Da mein iPad nicht automatisch auf die hiesige Zeit umgestellt war, und ich den Wecker auf halb neun gestellt hatte, wurden wir letzte Nacht um halb drei geweckt. Ich konnte dann nicht mehr einschlafen und hatte genügend Zeit zum Grübeln. Mental habe ich den ganzen Unterricht für die nächsten Wochen vorbereitet.
Inzwischen hat sich die Situation wieder geändert und ich kann diese Nacht von vorne beginnen.
Gute Nacht denn!

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Friedhelm 04/24/2015 12:23

Hallo Ihr zwei Weltenbummler,
obwohl Ihr Euch im Laufe der Jahre zu wahren Improvisationskünstern gemausert habt, scheint ja jede neue Reise ein neues Abenteuer zu sein.
Unser WUNSCH: Wir hoffen, dass Ihr vor allen erdenklichen Schwierigkeiten und K.. (vergessen wir die Gedanken daran) verschont bleibt.... und dass Ihr neben der Arbeit auch erholsame Stunden habt.
Wir werden Euren Blog mit Interesse verfolgen und freuen uns schon jetzt auf ein Wiedersehen.
Herzliche Grüße
Friedhelm

REinloft 04/24/2015 15:19

Danke Friedhelm, immer schön zu wissen, dass zu Hause liebe Leute warten. Da hast Du recht, das hier ist mal wieder ein ganz anderes Abenteuer. Schwierigkeiten, nun ja, so lange sie einen nicht auffressen, gehts ja noch. Und manche gehen wie sie gekommen sind.
Auch Dir und Euch alles erdenklich Gute
Bestens R&M

Werner Bartsch 04/23/2015 09:11

Hallo Ihr Lieben - das liest sich toll...spannend was ihr da macht....riecht nach Weite und dünner Luft :-)...viel Erfolg und lasst wieder hören....Herzlichst aus Hamburg - Werner

REinloft 04/23/2015 15:46

Das kannste meinen, dass das spannend ist. Wir wissen Morgens oft nicht, was Abends gemacht sein wird. Aber langsam lichtet sich der Nebel und nach vielem Warten und geduldigem Zuhören tut sich dann doch was. Warten ist schön. Hier. Alle warten. Und nicht auf Godot.
Weite ja, Höhe nicht. Wir sind im subtropischen Wetter und gerade ist ein bisschen Regenzeit.
Grüße an all Deine Lieben
und bis dann, R&M
PS: Die Grass Bilder sind beeindruckend. Sie hängen mir im Kopf und sollen auch da bleiben