Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Als Senior Experten in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien

11. Mai 2015 , Geschrieben von REinloft Veröffentlicht in #Andere Welten - andere Probleme

Als Senior Experten in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien

Santa Cruz, Freitag, den 8. Mai
Heute müsste ich feiern. Die neue Web-Seite ist fertig. Montag kommt sie ins Netz. Gut, da muss noch Feinarbeit rein, aber das kann ich selber machen. Und Gerasimo will zahlen! (mit Wiederstand).

Feiern müsste ich gleich doppelt. Mit M. Weil heute Freitag ist. 10:00 Abends, sie ist gerade aus der letzten Stunde gekommen. Wir gehen ins Bett, morgen, Samstag, ist wieder ein Arbeitstag. M hat 4 Klassen, ich muss sauber machen (die Bauarbeiter haben ziemlich Staub gemacht) und dann filmen. Den Direktor. Und 1 Lehrer. Wenn´s geht, der schließt immer ab, damit ihm die Schüler nicht davon laufen.

Draussen hämmern sie noch wie bekloppt. Hoffentlich kommen sie nicht wieder durch die Wand und schauen uns ins Bett.

Sonntag, den 10.Mai
Überall auf der Welt ist Muttertag, nur hier nicht. Den haben sie auf den 27. gelegt, dieses Jahr ein Mittwoch. Auf die Frage warum kommt die schulterzuckende Antwort: hier ist alles anders.

Gestern das reiche Santa Cruz gefunden. Sogar Bars gibt es. Und modernste Bauten, Anwesen im Hacienda-Stil, Häuser im Grünen, Apartments in feinen Hochhäusern, 5-Sterne Hotels, häufige Polizeiwachen, auf den Straßen röhren dicke Autos rauf und runter. Und dazwischen das bekannte Elend. Der Eindruck von Zufälligkeit in der Stadtplanung überwiegt.

Wir haben die Entdeckung ausgenutzt und einen drauf gemacht.

Warum sind uns die Cruzeños nicht geheuer? Es gibt einen politischen Grund. Sie sind die schärfsten Kritiker der sozialistischen Regierung Evo Morales. Waren schon immer reicher als die da auf den Höhen. Und sind noch reicher geworden durch Ölförderung und Coca-Mafia. Halten sich für eine bessere Rasse (eine Professorin erklärt mir: die Einwohner der 6 Departements rauf bis Altiplano nennt man „Collas“. Die stammen hauptsächlich von Indios ab, ein wenig von Spaniern und Afrikanern. Wir hier unten in den 3 Departments Santa Cruz, Beni und Pando nennt man „Cambas“ und wir stammen ab von Spaniern, Italienern und nur ein wenig auch von Indios.) Separatistische Tendenzen gab es schon lange und verstärkt wieder. Wie kommt ein Indio-Präsident dazu, uns sagen zu wollen, wo´s lang geht? Die morgendliche Zeitung auf dem Tisch veröffentlicht täglich negative Meinungen zu Präsident und Regierung. Zähneknirschend müssen sie ihn nennen, den ungeliebten. Dieser Tage mehrmals als Aufmacher die Nachricht von der Freilassung eines Ungarn und Slowenen (?). Unfähigkeit warf man der Regierung vor. Bei was habe ich nicht verstanden. Einzig ein Nebensatz verweist darauf, dass beide einer Gruppe von Umstürzlern angehörten, die 2009 in einem Hotel in Santa Cruz verhaftet wurden. Mehrere Tote hat es gegeben. Ich erinnere mich, da war eine Nachricht. Die Elite hier unten hatte internationale Söldner angeheuert um sich mit einem bewaffneten Aufstand unabhängig zu machen.

M: in der Bar abends bei ca. 25 Grad draußen gesessen und eine Caipirinha und einen Gin Tonic getrunken, damit wir nicht völlig entwöhnt sind, wenn wir zurück kommen. War ein netter Abend und wir haben viel geredet, aber heute früh hatte ich höllische Kopfschmerzen. Heute regnet es und es sieht nicht danach aus, dass es aufhört. Wir sitzen im Bett und lesen, schreiben und versuchen, eine Muttertags-Email weg zu schicken, aber es klappt nicht. Es ist verschärfter Kirchgang, schon den ganzen Morgen. Wahrscheinlich ist ihnen langweilig.

Heute haben wir die Hälfte unseres Einsatzes hinter uns und sehen auch klarer, was wir noch machen müssen. Reinhold geht nachmittags immer zu den Jungen in einer Wohngruppe im Internat und macht mit ihnen Hausaufgaben oder Blödsinn, je nachdem, was anliegt. (R: Blödsinn liegt öfters an).

R: Sonntag Abend wollten wir uns was Gutes tun. Ham wir geschafft. Zwei Straßen mit Restaurants gibt es, da pulst das Leben, wie M zu sagen pflegt. Eine Handvoll Cafes, Restaurants und Schnellimbisse. Und darunter ein Italiener. In einer Seitenstraße. Nichts Großes haben wir erwartet. Und Großes erhalten. Die beste Fischsuppe, das beste Osso Buco, hervorragende überbackene Austern. Wir sind geplättet.

Unserem Anspruch entsprechend wollen wir national essen, trinken, ausgehen. Jetzt haben wir als Hilfskonstrukt (um mehr den Italiener genießen zu können): täglich haben wir bolivianisches Essen.

Nachmittags Film im Bett. Zwei CDs mitgenommen. Beide Filme, wie wir feststellen, bekannt. Doch „Madam Mallory und der Duft von Curry“ kann man öfters sehen. Nur nicht, wenn man Hunger hat.

Als Senior Experten in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien
Als Senior Experten in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien

Diesen Post teilen

Repost 0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post