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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Als Senior Experten in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien

4. Mai 2015 , Geschrieben von REinloft Veröffentlicht in #Andere Welten - andere Probleme

Als Senior Experten in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien

Santa Cruz, den 1. Mai 2015
M. Heute war Festtag. Hab ich auch gebraucht nach der Lehrerkonferenz gestern Abend. Sie haben mir jetzt insgesamt 13 Klassen pro Woche mit je zwei Stunden aufs Auge gedrückt plus einen Intensivkurs für Lehrer. Freitags abends habe ich fünf Stunden und samstags bis Nachmittag. Da ich keine Bücher für die über 200 Schüler habe und kaum Kopien machen kann wegen Geldmangel, ließ mich das erstmal nicht schlafen. Mittlerweile hab ich mich wieder beruhigt. Aber Wegfahren an langen Wochenenden ist nicht.

Der Oberpadre hat heute wunderbar gekocht und hat mir erzählt, dass er gelernter Koch und Patissier ist. Es gab viele Salate, dazu Filet Mignon mit Reis und Kartoffel. Und zum ersten Mal für jeden eine Dose Bier.

Dann wurde es lustig. Die Novizen holten eine Flasche Rum, Limetten und Pfefferminze von irgendwoher und machten Mojitos. Als wir von unserem Mittagsschläfchen runter kamen, waren sie schon gehobener Stimmung. Es wurde gealbert und gelacht, dazu laute Musik, das hörte sich an wie in einem Schullandheim. Wir wollten in die Stadt, aber einen Mojito wollte ich doch probieren. Der Oberpadre in seiner braunen Kutte läuft immer barfuß in Sandalen herum und hat etwas sehr Lebenslustiges an sich. Er wackelt beim Abwasch mit dem Hintern, wenn gute Musik im Radio läuft. Sie hatten das Radio an und plötzlich kam Rockmusik aus den 80ern. Er kickte die Sandalen in die Ecke, hob die Kutte hoch und tanzte mit der anderen Freiwilligen. Richtig gut! (R. und ich hatten angefangen).

In der Stadt konnte ich endlich mal wieder kurz ins Internet in dem Café, wo’s die guten Säfte gibt. Wir saßen im Park vor der Kathedrale und guckten den Leuten zu.
Wie ich es liebe: wenn ich aus der Stadt nachhause komme und mir an der Zimmertür die Klamotten vom Leibe reiße und unter die kalte Dusche stelle. Ahhhh!

R: seltsam, wenn man in den Tropen auf dem Bett liegt und einen Roman liest, in dem Marburg und Biedenkopf eine Hauptrolle spielen (Stephan Thome: Fliehkräfte). Jede Strecke, jeder Abschnitt, jede Kreuzung und Kurve spiegelt sich im Kopf als reale Bilder. Der Typ hat auch Schwierigkeiten mit seiner Heimat und doch kommt er immer wieder zurück. So manches Andere hat er ähnlich, sogar den Tinitus.

Schon anders, wenn ein Buch kostbar wird (neue Bücher sind nicht in Sicht, manche Seiten lese ich zwei Mal), wenn Zeit für sich selbst selten wird (wir wohnen mitten im Geschehen, Ausklinken ist schwer wenn alle tätig sind), wenn der Tag um 22:00 Uhr aufhört (rundum beginnt der Tag vor 6:00), wenn Fernsehen seinen Reiz verliert (es gibt einen Apparat unten, das Programm aber ist noch schlechter als in D), wenn das geliebte Essen zur Nahrungsaufnahme abfällt (Ausnahmen wie heute sind selten, zumeist werden wir aus der Großküche des Heims verköstigt), wenn der Freitag nicht mehr Freitag ist (zu feiern wie wir es lieben wäre in dieser Umgebung obszön). Interessant allemal, sich wieder neu zu justieren.

Santa Cruz ist eine selten hässliche Stadt. Das Zentrum mit der Plaza ist gut erhalten mit seinen weißen offiziellen Gebäuden und der Kathedrale aus Klinkerstein. Doch schon ein Quadrat entfernt nach allen Richtungen beginnt Verfall und Schmutz. Und setzt sich fort bis in die Außenbezirke, unterbrochen nur von neuen Bauten und Baugerippen. Sie sind stolz auf ihre Stadt, die Cruzeños, schau mal, wie sie sich entwickelt hat, explodiert, wie gebaut wird. Ja gut, wir kennen nur einen Teil der Stadt, mag sein, sie ist woanders anders, ja gut, auch in anderen Städten die wir in Lateinamerika und Afrika kennen gibt es Schmutz und Verfall. Ja gut, vielleicht hab ich nur einen schlechten Tag.

M. Die vier Klassen mit den Erzieherinnen am Samstag wollte ich eigentlich nicht unterrichten. Ich dachte, sie haben in den vier Wochen, die noch verbleiben, fünfmal Englisch, das ist sehr wenig, das lohnt sich nicht. Und für mich bedeutet es zwanzig Stunden. Andererseits fand ich es ungerecht, ausgerechnet die Frauen links liegen zu lassen, sie fühlen sich sicherlich benachteiligt.
Als ich die erste Klasse betrat, empfingen mich lauter fröhliche Gesichter, eine Frau mit beiden Daumen nach oben: gefällt mir! In der Klasse waren 36 Teilnehmerinnen, zusätzlich drei Kleinkinder. Wenn eins weinte, wurde ein bisschen lauter gesprochen, aber sie waren sehr lieb und haben auf dem Fußboden zusammen gespielt. In den anderen Klassen war es ähnlich, überall freundliche Akzeptanz und Dankbarkeit, Klatschen nach dem Unterricht. Das kann sich ein deutscher Lehrer überhaupt nicht vorstellen. Es macht glücklich.

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anais 05/05/2015 19:42

So lesen sich die zeitgenössischen Reiseberichte. Mindestens genauso spannend wie die Reisebeschreibungen früherer Gelehrter, z. B. A. v. Humboldt. Ihr habe eine Menge Arbeit zu leisten. Bewundernswert.
Gruß
Joachim

REinloft 05/05/2015 20:46

So hoch wollen wir dann doch nicht geifen. Aber Danke für den Versuch der Einordnung:) Humbold, der große, unerreichte, unerreichbare Gelehrte, der Lateinmerika aus dem Dunkel der Geschichte gehoben hat. Wir sind froh, wenn wir in einer Schule ein paar Lichtblicke hinterlassen. Und bei uns Erinnerungen und Geschichten speichern können.
Beste Grüße aus dem z.Z. sehr kalten (13-17 Grad) Santa Cruz
RE