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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Als Senior Experten in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien

6. Juni 2015 , Geschrieben von REinloft Veröffentlicht in #Andere Welten - andere Probleme

Typische Strasse in Sucre Kolonial
Typische Strasse in Sucre Kolonial

Santa Cruz, den 5. Juli 2015
Gestern aus Sucre zurückgekommen, gleich geht es los zum Flug nach Lima, Frank, Jan & die anderen Lieben besuchen.

Sucre und Potosí waren ein einmaliges Erlebnis. Nicht nur wegen ihren Attraktionen, auch wegen der Höhe. 2800m Sucre, Potosí nochmals 1300m höher. In der Stadtmitte. Und die Stadt ist steil! Nun weiß ich, was mir blühen kann im noch reiferen Alter. Das Gehirn leer, der Gang schwankend, die Beine wollen nicht, der Atem fehlt, die Lunge ringt nach Luft und das Herz klopft vor Begeisterung ob der vielen schönen Frauen. Ja, ja, jetzt kann ich schon wieder Witzchen drüber machen.

Sucre ist eine, wenn nicht die best erhaltene Kolonialstadt Südamerikas. Die weiße Stadt wird sie genannt. Und das Zentrum um die Plaza herum und in Quadras sich fortsetzenden Viertel der alten Stadt strahlen ebenso gut erhalten die Touristen an. So hat es in der Kolonialzeit mal ausgesehen. Wohl in allen Städten des spanischen Königreichs. Geherrscht haben sie von Chile und Argentinien im Süden bis nach Mexiko und die heutige USA hinein. Mit einer ausgeklügelten Verwaltung, die als zentrale Aufgabe hatte, den Reichtum des Kontinents nach Spanien zu schaffen. Und Zentrum des gewaltigen Reichtums war Potosí.

Als vor 50 000 Jahren die Nasca-Platte begann, sich unter den südamerikanischen Kontinent zu schieben und die Anden aus der Eben in 1000e Meter Höhe hob, explodierten Vulkane. Einer schaffte es nicht, seine Lava aus der Spitze zu schleudern, sie kam bis unter die Decke und breitete sich verästelt im Berg aus. Und diese Lava war aus Silber, Zinn und anderen Erzen. Der Cierro Rico, der Reiche Berg war entstanden. Die Inkas (auch Eroberer!) ahnten von dem Reichtum, doch eine heilige Weissagung verbot die Ausbeute. Kurz nach der Ankunft der Spanier Anfang des 16. Jhdts. entdeckten sie den Schatz. Ein Berg aus reinem Silber. Potosí wurde zur reichsten Stadt der bekannten Welt. Und das erste Gebiet auf der Welt, in dem mit kapitalistischen Methoden und Maschinen produziert wurde. Und zwar Geld! Die Mehrheit der „Taler“ der alten und neuen Welt stammen aus dem Berg, ein Gutteil davon in Potosí produziert. Die riesen Maschinen, unten von mehreren Pferden im Kreis getrieben, oben mit enormen Holzzahnrädern Stahl-Walzen drehend, mit denen die Silberplatten ausgedünnt wurden, haben wir besichtigt. Ausgestanzt und geprägt dienten sie Spanien dazu, den Reichtum ihrer Oberklasse und die Stabilisierung ihrer Herrschaft zu finanzieren. Sie, die Spanier haben den Fehler gemacht, nur zu konsumieren. Das Produzieren übernahmen anfangs die Engländer, später das kapitalistisch werdende Resteuropa. Und so sickerte der Reichtum von Potosí durch zu den Kapitalisten der alten Welt und verlagerte den Wechsel der Weltherrschaft der Spanier (und Portugiesen) in die frühkapitalistischen Länder. Und dort ist sie bis heute geblieben.

Heute ist der Berg durchlöchert wie ein Schweizer Käse, kein Stein liegt mehr in seiner ursprünglichen Lage, abenteuerliche und gefährliche Gänge bohren sich in ihn hinein. 8 Mio. Menschen sollen bei seiner Ausbeute umgekommen sein (die Höhe der Opfer ist umstritten, aber unglaubliches Leid ist da oben passiert.)

Nicht nur Spanien wurde reich, auch die Silberbarone. Wie reich, zeigt eine Geschichte. Die Tochter von Einem heiratete natürlich in der Kathedrale. Der Vater ließ alle Pflastersteine von seiner Villa bis zur Kirche herausreißen und durch Silbersteine ersetzen. Damit seine Tochter auf Reichtum gebettet schritte. (Er hat die Platten später wieder einsammeln lassen). Noch sein Großvater, erzählt Pedro, hat monatlich 3 Eisenbahnwaggons des besten Champagners importiert. Fast 400 Bordelle gab es in der kleinen Stadt in der unglaublich viel Geld zirkulierte. Heute ist die einstige Herrlichkeit dahin. Man kann sie nur noch ahnen. Und über allem ragt der verwundete Cerro Rico.

Pedro hat uns mit Geschichten seiner Heimat und seiner Familie gefüttert. Einer äußerst interessanten Familie. Schütt Opa kam aus Hamburg, nahm Ende des 19. Jhdts. eine Arbeit bei einem Großhändler in Potosí an, blieb im Land, wurde selbst Großhändler, reiste mit einer Mula-Karawane durch das Land und heiratete eine Bolivianerin. Genau wie der Sohn, Vater unseres Freundes Pedro. 40 000KM hat er geschätzt, sei er auf dem Rücken von Pferden und Mulas durch Bolivien geritten. 9 Kinder waren sie. Der Clan zog von Potosí nach Sucre, Pedros Vater importierte als Grossist alles, was gebraucht werden konnte, wurde deutscher Konsul, sein herrschaftliches Haus, in dem heute nur noch Freund Pedro wohnt, umfasst zwei Innenhöfe (der untere Teil, früheres Warenlager, ist heute an Geschäfte und Büros vermietet) und strahlt noch immer den Flair vergangener Bourgeoise aus (Hier ein Abriss: http://www.zeit.de/2007/47/Familie-Schuett).

Panorama Potosí

Panorama Potosí

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