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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

So gehts auch: Ein Dorf kümmert sich um Flüchtlinge

31. August 2015 , Geschrieben von REinloft Veröffentlicht in #Meine Welten heute

Modellwohnung in H

Wir betreuen Flüchtlinge. In gemeinschaftlicher Verantwortung. Der vom Kreis Marburg-Biedenkopf verfolgte Ansatz der „Modellwohnung“ baut auf die hohe Beteiligung der Dorfbewohner an der Betreuung der Asylbewerberinnen. Damit soll die „Integration verbessert werden“ (Zachow/ 1. Kreisabgeordneter). In einem dem Kreis gehörenden Doppelhaus (ehemaliges Lehrerhaus/Tagungshaus) sollen bis zu 15 Asylbewerberinnen (nur Frauen) untergebracht werden.

Information zur aktuellen Situation in der Modellwohnung

Stand 31.08. 2015-08-29

Bewohnerinnen: 5 Frauen aus Eritrea, zwei aus dem Iran und eine aus dem Irak

Betreuer:

Ca. 30 Personen als potentielle Unterstützer und

13 Ehrenamtliche im Koordinationskreis:

Bürger, Marion und Michael; Einloft, Klaus und Marga; Einloft, Reinhold; Hartmann, Friedhelm und Ursula; Hegnauer-Leinberger, Renate; Kolbe-Scheu, Karin; Schreiber-Einloft, Marianne; Stark, Anke; Thome, Alexandra; Wohnrade, Uwe (Ortsvorsteher)

Offizielle Unterstützung durch das Sozialamt Marburg- Biedenkopf mit den Sozialarbeitern Jennifer Decher und Armin Kunz

Dem Ortsbürgermeister steht ein Fond für Fahrtkosten und kleinere Ausgaben zur Verfügung.

Verfahren bei Neuankömmlingen:

Die Sozialarbeiter kündigen die Neuaufnahmen an und begleiten sie. Sie melden sie bei der Gemeinde und der Schule an und sorgen für die nötigen Papiere. Sie stehen bei Problemen telefonisch oder persönlich zur Verfügung.

Die Ehrenamtlichen (der Koordinationskreis)

Nach der Ankunft am Montag werden die Neuankömmlinge zur Eröffnung eines Kontos zur Sparkasse nach Dautphe begleitet. Dort muss man meist zweimal erscheinen, bis alle Formalitäten geregelt sind. Dienstags werden sie nach Biedenkopf zur „Tafel“ gefahren und angemeldet und danach zur Kleiderkammer der Diakonie. In der Regel möchten sie noch einkaufen: beim Türken in Biedenkopf gibt es orientalische Spezialitäten, der Rest wird in Dautphe gekauft.

Nach einigen Tagen wissen unsere Gäste, welchen Bus sie nehmen müssen, um die Einkäufe selbst zu machen und zur Schule zu kommen. Ein Busfahrplan hängt in der Modellwohnung.

Normalerweise erhalten die Flüchtlinge offiziell 100 Stunden Deutschunterricht in Dautphe in der Mittelpunktsschule. Dies genügt bei weitem nicht und so bieten wir ihnen zusätzlichen freiwilligen Unterricht in der Wohnung an. Da die drei Stunden pro Woche nicht genug waren, gibt es ab sofort acht Stunden pro Woche. Für den Kurs „Deutsch als Fremdsprache“ werden Unterrichtsmaterialien angepasst und ausgearbeitet. Der Unterricht findet ab sofort in einem Raum der Freien Evangelischen Gemeinde statt. Wir sind in Kontakt mit einer weiteren pensionierten Lehrerin, die sich gerne beteiligen würde. Das Problem ist, dass einige Frauen jetzt schon Unterricht für Fortgeschrittene bekommen und einige fast nichts verstehen. Wenn alle gemeinsam lernen, wird es für die besser Deutsch Sprechenden schnell langweilig, für die Anderen ist es zu schwierig.

Für Frauen, die nicht lesen und schreiben können, gibt es Lese- und Schreibunterricht in der Modellwohnung (einmal pro Woche).

Ein PC-gestütztes Lernprogramm für Deutsch wurde 2 der Gäste zu 50% gegenfinanziert sowie spezielle Wörterbücher in der jeweiligen Heimatsprache und Deutsch.


Ein immer wiederkehrendes Problem sind die Arztbesuche: viele Frauen sind traumatisiert, haben gesundheitliche Probleme und zwei sind schwanger. Die Ehrenamtlichen suchen die passenden Ärzte, vereinbaren Termine und fahren mit den Flüchtlingen zum Arzt oder zur Geburtsvorbereitung. Manchmal muss auch ein Dolmetscher organisiert werden. Insgesamt sind die Ärzte im Umkreis sehr hilfsbereit und viele Frauen können sich mit Englisch verständlich machen.

Ein weiteres Problem sind die Krankenscheine, die bei den Sozialarbeitern beantragt werden. Sie kommen manchmal nicht rechtzeitig. Das kann doppelte Fahrten verursachen. Unser Antrag ist deshalb: Am Quartalsanfang erhalten alle Frauen ihre Scheine.

Nach einer böswilligen Anzeige und der Drohung mit einer Ausweisung für drei junge Frauen helfen zwei Mitarbeiter der Koordinationsgruppe bei den organisatorischen und rechtlichen Fragen und bemühen sich um Schadensbegrenzung.

Nach einem halben Jahr ständigen Insistierens bei Behörde und Telekom haben sie nun auch eine Internetverbindung mit W-LAN im Haus, worüber sie sehr glücklich sind, weil nun der Kontakt mit ihren Familien einfacher und kostengünstiger. Beim Kauf von Handys und bei Problemen werden sie durch einen Ehrenamtlichen unterstützt.

Bei akut auftauchenden Problemen findet eine schnelle Kontaktaufnahme der Koordinationsgruppe über Telefon, Email oder Whats App statt und Unterstützer aus dem Dorf werden mit einbezogen, z.B. für den Fahrdienst zu den Ärzten. Die Gruppe trifft sich nach Bedarf, meist einmal im Monat. Es gibt eine Mailing Liste, eine Liste der Ärzte, der Ansprechpartner in den Behörden und der Projekte.

Es gibt einen Hausmeister, der zweimal pro Woche nach dem Rechten sieht (und eine kleine Entschädigung durch den Kreis erhält).

Wir sind jetzt dabei, für die Frauen nach Ausbildungs- bzw. Arbeitsmöglichkeiten zu suchen. Sie möchten gerne etwas tun und evtl. gibt es Chancen für ein freiwilliges soziales Jahr, Minijobs, Praktika oder einen Schulabschluss. Das Problem sind immer noch die mangelnden Deutschkenntnisse. Natürlich sprechen sie im Heim mit ihren Freundinnen ihre Muttersprache, und es wäre sehr hilfreich, wenn sie mit Deutschen gemeinsam arbeiten und lernen könnten. Allerdings ist all dies im Dorf nur schwer zu organisieren. Die Frauen müssten fahren oder umziehen.

Wir erwarten in Anbetracht der vielen Flüchtlinge und der Überfüllung der Aufnahmelager die Zuweisung von mehr Frauen in der nächsten Zeit.

Das Dorf

Von Anfang an waren viele interessierte Dorfbewohner bereit zu helfen. So wurden zur Begrüßung Kuchen gebacken, Blumen und Obst gebracht, es wurden ein zusätzlicher Kühlschrank, zwei Fernseher, DVD-Geräte, Wäschespinne u.a. gespendet, Kleider gesammelt und Filme zur Verfügung gestellt. Die beiden Frauen, die Anfang Oktober ihre Babys erwarten, haben eine Fülle von Kleidung für sich und die Kinder. Falls noch etwas gebraucht wird, sind wir sicher, dass wir durch ein Rundschreiben schnell alles Nötige zusammen bekommen. Bei dem Umzug einer Bewohnerin des Heims haben wir angebotene Möbel gesichtet, eingesammelt, mit einem Anhänger nach Marburg gebracht und dort wieder aufgebaut.

Ein paar Gäste haben bei der Beerenernte und dem Marmelade Kochen geholfen. Dabei gibt es immer wieder Möglichkeiten zu Gesprächen auf Deutsch. Auch bei der Betreuung von Kindern sind sie gerne behilflich, z.B. Kinder in den Kindergarten bringen und wieder abholen. .

Zwei Frauen gehen seit Monaten zur Gymnastikstunde im Dorf, einige werden zu den Gottesdiensten in der Gemeinde, in Breidenbach (kath.) oder in Bad Endbach, wo es Dolmetscher gibt, begleitet.

Es wurden einige Fahrräder gespendet und instand gesetzt. Leider können sie meist nicht Fahrrad fahren. Der Radfahr-Unterricht muss weiter organisiert werden.

Eingeladen werden die Frauen auch zu Festen und Veranstaltungen im Dorf und die Mutigen kommen. Bei dem heißen Wetter wurden sie mehrmals ins Schwimmbad eingeladen, wo sie allerdings Hemmungen haben, sich im (gespendeten) Badeanzug zu zeigen. Bei Nachbarn mit Swimmingpool konnten sie baden. Sie können nicht schwimmen.

Es gab außerdem ein Grillfest mit Lamm und internationalen Beilagen, sowie arabischer und afrikanischer Musik.

Generelle Probleme:

Unser Dorf hat nur einen kleinen Laden (Morgens von 6:00 bis 10:00 geöffnet) und ein Café (Mittwochs und jeden ersten Samstag im Monat ab 14:00 geöffnet). Deshalb müssen die Frauen fast alles auswärts erledigen. Zu den Ärzten fahren wir sie, einige fahren auch schon mit dem Bus, Einkaufen organisieren sie selbst (jede hat einen Trolley, den wir mit finanzieren, damit gehen sie wöchentlich zur „Tafel“ und in Dautphe in die Geschäfte).

Selbstredend gibt es auch Probleme im Heim. Afrikanerinnen und Frauen aus Vorderasien sind sich fremd, die Kulturen sehr unterschiedlich. Außer einem Konflikt im Januar, der von Außenstehenden angeheizt wurde und in Handgreiflichkeiten endete, muss man eine durchgängig freundliche Atmosphäre auch gegenüber uns Helfern konstatieren. Damit neue Konflikte nicht auflaufen, haben wir empfohlen, wöchentlich ein Konfliktgespräch zu führen. Das wollen sie tun.

Ré­su­mé Die Aufnahme im Dorf ist und die Betreuung läuft gut. Allenfalls wäre es wünschenswert, wenn mehr Leute Kontakt mit unseren Gästen suchen und ein- zweimal pro Woche eine Stunde Zeit erübrigen könnten, um mit ihnen etwas zu unternehmen oder zu reden.

f.d.R. Marianne Schreiber-Einloft Reinhold Einloft

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