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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Heinrich Heine: Ein Stern erster Größe

21. Februar 2016 , Geschrieben von REinloft Veröffentlicht in #Buecher-Geschichten-Geschichte

Denk ich an Deutschland in der Nacht
so bin ich um den Schlaf gebrac
ht

Wer kennt sie nicht, diese immer noch gültigen (oder schon wieder gültigen) Zeilen? Heinrich Heine ist noch immer up to date. Ich komme drauf, weil ich gerade eine Biografie über ihn beendet habe. (Rudolf Hoßfeld: Heinrich Heine. Die Erfindung des europäischen Intellektuellen). Der Zusatz im Buchtitel verweist auf eine Dimension seiner Arbeit, die ich bisher nicht sah. Er hat nur im vereinten Europa die Bedingung für Frieden, Freiheit und Wohlstand gesehen. Und der Überwindung des altdeutschen (und altfranzösischem und altenglischen) Nationalismus. Republikanischer Nationalismus, ja, den kann man haben, hat er gesagt. Sollten wir uns mal überlegen. Republikanisch in dem Sinn, dass demokratischer Wille Grundlage der politischen Handlungen ist. Noch viel zu tun in Europa, nicht?

Europäer war er, gebildet durch Reisen und seine Übersiedelung 1831 nach Paris - gut, er musste, der preußische Staat konnte ihn nicht leiden und war hinter ihm her (später hat er sogar seine Druckerzeugnisse gänzlich verboten.)

Was war Heine nicht alles. Heinrich Mann hielt ihn für das vorweggenommene Beispiel des modernen Menschen, sachlich bei aller Phantasie, scharf und zärtlich, ein tapferer Zweifler.

Und was hat er nicht alles bewirkt:
Er machte die Alltagssprache lyrikfähig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Literatur eine zuvor nicht gekannte elegante Leichtigkeit. Die Werke kaum eines anderen Dichters deutscher Sprache wurden bis heute so häufig übersetzt und vertont. Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war Heine ebenso bewundert wie gefürchtet. Und er war Philosoph (hat bei Hegel studiert und war Freund von Marx und Engels, deren Ideen er aber nicht gänzlich akzeptierte) und Geschichtswissenschaftler. Seine „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ hat Aufsehen erregt. Und er, mosaisch geboren und konvertiert, war ein Kämpfer für jüdische Aufklärung als Teil Deutschlands.

Mit einzigartigem Spürsinn hat er die Strömungen seiner Zeit erfasst und sie in Prosa und Poesie umgesetzt. Seine politischen Analysen, anschaulich geschrieben und in wichtigen Zeitungen veröffentlicht, haben die Gattung Feuilleton begründet und sollten dazu beitragen, die Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich zu überwinden. Es kam anders, wie man weiß. Er, Heine, der Frühachtundvierziger, Bewunderer des Code Civil des großen Napoleon, Kämpfer für Demokratie und Freiheit, ist lange gescheitert wie die Revolution der 48er selbst. Nicht mehr, weniger Demokratie kam, nicht weniger, mehr Feindschaft zwischen den Völkern und besonders Frankreich war die Folge. Bismarck kam und mit ihm die Politik des Eisens und der Erbfeindschaft, er, der eiserne, der die Nachbarn unterjochte und all die kleinen Pflänzchen der Demokratie niederwalzte einzig um das unseligen Preusen zum Herrscher aller Reusen zu machen, in dessen Pfuhle sich der elendige Großhansel Kaiser Wilhelm der II mit seinen Weltmachtansprüchen suhlte; der WK I kam folgerichtig, die Faschisten kamen, WK II kam. Und immer noch waren Demokratie, Freiheit und Freundschaft Fremdwörter eines infantilen Nationalismus. Erst unsere Zeit hat sie überwunden, die Feindschaft. Wir müssen die Freundschaft zwischen den Völkern wahren wie ein Juwel. Das hätte Heine gefallen.

Ja, trauriger Romantiker war er - zeitweise, er, der gerne liebte und oft scheiterte, der Liebesabenteuer suchte und sich verbrannte, der die Höhen und Tiefen des Lebens in vollen Zügen auslotete.

Ich hab im Traum geweinet
mir träumte, du wärest mir gut
ich wachte auf und noch immer
floss meiner Trän
enflut

Um dann der verträumt-sentimentalen Romantik ihren Tritt zu versetzen

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang.
Es rührte sie so sehre
der Sonnenunte
rgang.

Mein Fräulein! Sein sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten z
urück.

Und genauso unverblümt-sarkastisch entlarvt er den ach so gepflegten Tiefsinn der Deutschen, setzt der „Teutomanie“ (Heine) die Leichtigkeit des Ernsten entgegen und erntet Feindschaft. Bis heute. Nach einem jener „Deutschen Feste“ des aufstrebenden studentischen Nationalismus auf dem Drachenfels dichtet er:

Sieh nun, mein Freund, so eine Nacht durchwacht ich
Auf hohem Drachenfels doch leider bracht ich
Den Schnupfen und den Husten mit nach H
aus.

Ach, wie ich ihn liebe, ihn, der oft ganz schön sozial daher kam:

Ein neues Lied, ein besseres Lied
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich erri
chten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch
Was fleißige Hände erw
arben.

Sein Poem über die Not der Schlesischen Weber, deren Forderung nach etwas mehr als Hungerlohn auf Befehl des Kaisers brutal niederkartätscht, wurde zuerst im Vorwärts von Marx veröffentlicht und ging, als Flugblätter verteilt, wie ein Flächenbrand über Deutschland hinweg. Und die Obrigkeit war entsetzt ob dieses sprachgewaltigen Dissidenten, der ihre Ungerechtigkeit denunzierte. Und verhängte Einreiseverbot.

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt –
Wir weben, wi
r weben!

Marx hat seine Formulierung, Religion sei Opium für das Volk von Heine! Lasalle, den Erfinder der Sozialdemokratie, hat er auch beeinflusst. Nein, er war kein radikaler Sozialist oder Kommunist. Vielmehr hat er glasklar gesehen, dass, wenn die unteren Klassen ans Ruder kommen, viele Errungenschaften der alten und bürgerlichen Gesellschaft den Bach runter gehen. Und doch, sagt er, und doch, wenn man zustimmt, dass alle Menschen das Recht auf Essen haben, muss die soziale Revolution folgerichtig gedacht werden.

Er hielt den schon damals von Zeit zu Zeit wie eine Schlange aus der Grube kommenden Populismus für eine große Gefahr (in seiner Zeit war es der „aufgeklärte“ Antisemitismus, heute ist es der unaufgeklärte Rassismus.)

Aber wir verstehen uns bass,
Wir Germanen auf den Hass.
Aus Gemütes Tiefen quillt er,
Deutscher Hass! Doch riesig schwillt er,
Und mit seinem Gifte füllt er
Schier das Heidelb
erger Faß.

Was für eine zukunftsweisende Beschreibung noch heute manifester Hass-Orgien im Internet und anderen Medien. Deutscher Hass, er quillt wieder und wieder.

Wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Haltung wurde er von Antisemiten und Nationalisten über seinen Tod hinaus angefeindet. Er sah schon Mitte des 19. Jhdts. einen fürchterlichen Zusammenhang.
…………………………………. dort wo man Bücher verbrennt,
verbrennt man auch am Ende Mensche
n.

Zum Sterben brauchte er 10 Jahre in seiner „Matratzengruft“ (Heine), fast erblindet, gelähmt und von Krämpfen geschüttelt (es war, sagen heutige Forschungen, wahrscheinlich nicht die Syphilis, wie Heine, der Lebemann, selbst annahm.) Trotz dieses großen Handicaps hat er fleißig weiter Bücher geschrieben, an seinen Schriften gefeilt, gedichtet, veröffentlich. Mathilde, seine Frau, muss ihm eine große Stütze gewesen sein. Nachmittags empfängt er. Sie besuchen ihn, alle, die Rang und Namen haben. Alexandre Dumas, Hector Berlioz, Fürst Pückler, Friedrich Engels, Alfred Meißner, Gautier, Eignet, Staatsrat Michael Chevalier und und und. In Frankreich hat man ihn geliebt. Die endlose Periode seines Sterbens hat er mit beispielloser Grandezza, Heiterkeit und Arbeitswut bewältigt. Und doch war er traurig, schon scheiden zu müssen. O Gott! dichtete er

O Gott! wie hässlich bitter ist das Sterben!
O Gott, wie süß und traulich lässt sich leben
In diesem traulich süßen Erdenn
este

Er hat uns gezeigt, wie man den Tod zwar nicht überwinden, dafür aber zivilisieren kann. Er starb langsam, doch bis ans Ende lebensbejahend. Kurz vor seinem Tod dichtete er:

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,
Und gähnend wandelt jetzt nach Haus
Mein liebes deutsches Publikum,
Die guten Leutchen sind nicht dumm,
Das speist jetzt ganz vergnügt zu Nacht,
Und trinkt sein Schöppchen, singt und lacht –
Er hatte recht, der edle Heros,
Der weiland sprach im Buch Homeros':
Der kleinste lebendige Philister
Zu Stukkert am Neckar, viel glücklicher ist er
Als ich, der Pelide, der tote Held,
Der Schattenf
ürst in der Unterwelt.

Am 17. Februar 1856 um 5.00 Uhr morgens ist er gestorben. Gautier hatte recht in seinem Nachruf:. Ein Stern erster Größe ist am Himmel erloschen.

(Quellen: Wikipedia; Rolf Hostel: Heinrich Heine; eigenes Gedächtnis)

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