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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Viele Menschen fliehen, weil Europa ihre Heimatländer ausbeutet und in Abhängigkeit hält

28. Mai 2016 , Geschrieben von REinloft Veröffentlicht in #Unsere Welten - unsere Probleme, #Geschichte

Ein Gastbeitrag von Houssam Hamade und Christoph Sorg.
.....Die historische „Schuld“ Europas beginnt schon mit der Industrialisierung, die wesentlich durch die Ausbeutung der Kolonien mitfinanziert wurde. Zum Erbe der Europäer gehört auch, dass sie die Grenzen Afrikas ungeachtet aller religiösen, ethnischen und historischen Gegebenheiten gezogen haben. Bestimmte ethnische Gruppen wurden privilegiert, andere benachteiligt, Klassenstrukturen entlang ethnischer Linien teils erzeugt, teils verfestigt, wie beispielsweise in Ruanda. Das verursacht und begünstigt bis heute ungeheure soziale Spannungen in vielen afrikanischen Ländern.

Mit Hilfe der auch dadurch erhaltenen Machtasymmetrie hat der Internationale Währungsfond (IWF) beispielsweise in den achtziger und neunziger Jahren vielen afrikanischen Staaten weitreichende Strukturanpassungsprogramme aufgezwungen. Der IWF ist ein supranationales Organ, in dem die europäischen Länder die meisten Stimmen halten. So wurden Importrestriktionen abgeschafft und Importzölle reduziert. Zwar stiegen die Exporte der afrikanischen Länder in der Regel, aber die Importe stiegen noch stärker, was zu großen Handels- und Zahlungsdefiziten und damit zu höherer Verschuldung führte. Ein Großteil des Exportwachstums konzentrierte sich zudem auf wenige Ressourcen und auf Waren, die mit gering qualifizierter Arbeitskraft produziert wurden. Das alles führte insgesamt zu höherer Verschuldung, steigender Ungleichheit, abnehmender Effizienz und zunehmender Instabilität der Staaten.

Erzwungene Marktöffnungen ruinieren schwache Volkswirtschaften

Auch in den letzten Jahren haben die mächtigen europäischen Staaten Marktöffnungen erzwungen, die für schwache Volkswirtschaften desaströs sind. Welche falschen Grundannahmen dahinterstehen, lässt sich hier nachlesen. Aktuell ist die europäische Agrarpolitik dafür mitverantwortlich, dass lokale Industrien einbrechen, Menschen Arbeit und Einkommen verlieren und so weiteres Elend entsteht. Hochsubventionierte EU-Agrarprodukte werden auf afrikanische Märkte geworfen und zerstören den dortigen Agrarsektor, was wiederum mittel- und langfristig die Ernährungssicherheit bedroht und Perspektiven für die Zukunft gefährdet. Der Stärkere, in diesem Fall die EU, bestimmt die Regeln zu seinen Gunsten.

Es gibt unendlich viele Beispiele: Die westafrikanische Küstenfischerei wird ruiniert durch schwimmende Fischfabriken, unter anderem aus Europa. Diese Praxis ist für Senegals Wirtschaft und Ernährungssicherheit fatal, da sie stark von der Fischerei abhängen. In Somalia, aus dem hunderttausende Flüchtlinge stammen, führt das dazu, dass viele ehemalige Fischer zu Piraten werden. Selbstverständlich ist das nicht die eine Ursache, die die massenhafte Flucht dort auslöst. Aber sie trägt wesentlich dazu bei.

Durch das „Land-Grabbing“ (die Landnahme durch ausländische Investoren zum Anbau u. a. von Biokraftstoffen) geht in ungeheurem Maße Anbaufläche verloren, die für die lokale Bevölkerung nötig wäre. Im westafrikanischen Liberia sind laut Oxfam binnen fünf Jahren mehr als 30 Prozent des Staatsgebiets an Investoren gegangen. Das treibt Teile der Bevölkerung vieler afrikanischer Staaten in existentielle Notsituationen.

Verantwortung für die Welt zu übernehmen bedeutet, Mitschuld einzugestehen

Rico Grimm kritisiert die mangelhafte Effektivität der „Entwicklungshilfe“ („Entwicklungszusammenarbeit“ genannt). Gleichzeitig sollte aber auch erwähnt werden, dass die Regierungen sie oft dazu benutzen, ihre eigenen Profite zu erhöhen und bestimmte Richtlinien durchzusetzen. In Tunesien besteht beispielsweise der Großteil der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, etwa 600 Millionen Euro von insgesamt 1 Milliarde, daraus, dass die KfW-Entwicklungsbank Kredite an tunesische Unternehmen vergibt, deren Zinssätze etwas unter den Sätzen der globalen Finanzmärkte liegen. Die tunesischen Unternehmen sparen, die KfW macht dadurch etwas kleinere Profite; im Gegenzug fordert die deutsche Regierung Unterstützung in der mörderischen Abschottung der Grenzen.

Die rund 160 deutschen Unternehmen in Tunesien agieren in „Export Processing Zones“. Ausländische Unternehmen müssen in diesen Zonen kaum Steuern zahlen und können trotzdem gleichzeitig den Pool billiger Arbeitskräfte im globalen Süden anzapfen. Eine tunesische Näherin schuftet unter härtesten Arbeitsbedingungen und verdient in etwa 180 Euro pro Monat - kaum mehr als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn. Genauso viel kostet ein einzelnes schickes T-Shirt von „van Laack“, einem Textilunternehmen aus Mönchengladbach. „Tunesische Arbeitskräfte seien sehr teuer“, hört man immer wieder; aber immerhin spart das Unternehmen wieder bei den im Vergleich zu Ostasien geringeren Transportkosten nach Europa. „Van Laack“ besitzt neben seinen vier tunesischen Fabriken noch eine vietnamesische und indonesische und produziert Millionen Kleidungsstücke. Etwa neun Prozent der tunesischen Lohnabhängigen sind in solchen Zonen angestellt.

Zusammengefasst: Es geht nicht darum, eine Alleinschuld „Europas“ zu konstatieren. Fast in allen Fällen bereichern sich auch lokale Eliten und arbeiten mit europäischen Eliten zusammen. Korruption und fehlende demokratische Institutionen sind ein ernsthaftes Problem, aber auch das hängt nicht unwesentlich mit westlichen Einflüssen zusammen. Auch die reichen Golfstaaten, die USA und andere Länder beteiligen sich am globalen Ausbeutungssystem. Dennoch heißt das nicht, dass Europa „kaum Schuld“ trägt, wie hier an einigen Beispielen gezeigt wurde. Wer Verantwortung für diese Welt übernehmen möchte, der muss auch die eigene Beteiligung an ihrer Misere anerkennen.

Wer den gesamten Artikel lesen will, hier ist er:

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