Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Über den Djihadismus und die Verführung junger Europäer/-innen

13. Juli 2016 , Geschrieben von Rainer Schweers Veröffentlicht in #Andere Welten - andere Probleme, #Unsere Welten - unsere Probleme

"Bemühungen, die jüngsten Entwicklungen zu verstehen"

Ich habe einen Artikel von Rainer Schweers gefunden, den ich im Folgenden veröffentliche.

Wer wissen will

- wie der Djihadismus entstand,

- was er ist,

- wie er im Kontext des Islam zu werten ist

- warum er auf junge Leute wirkt und

- was man dagegen tun kann,

der sollte diesen Text von Rainer Schweers lesen. Er beschreibt in knapper, konzentrierter, ausführlichen Form mit überraschenden Erkenntnissen die Problematik.

Hier ist der Artikel:

Rainer.schweers@gmx.net

"Definitionen:
Islamismus ist noch nicht Gewalt. Selbst seine reaktionäre Variante, der Salafismus bedeutet noch nicht Gewalt. Unterschieden wird zwischen

  • Puristischem Salafismus, quietistisch = Mehrheit der Muslime, interessiert sich nicht für Politik und kritisiert, verdammt  den Djihadismus. (Einer Frau oder einem Mann nicht die Hand geben zu wollen, bedeutet nicht automatisch, dass es sich um Djihadisten handelt).
  • Politischem Salafismus, Moslem Brüder, die legalen Rahmen nutzen, langfristig strategisch handeln, sich sehr hervortun durch soziales Engagement
  • Dschihadistischem Salafismus, bedeutet Gewalt

Der Salafismus ist minoritär. Die Mehrzahl der islamischen Strömungen gehört zu „interpretativen“ Schulen, die die Anpassung an die sich entwickelnde Gesellschaft für notwendig halten.
Salonfähig gemacht worden ist der Salafismus durch das reiche Saudi Arabien, das seit vielen Jahrzehnten diese Strömungen finanziert und Prediger ausbildet.
Bei uns wird der Djihad mit Heiligem Krieg gleichgesetzt. Ursprünglich unterscheidet man:

  • großen Djihad: Kampf gegen den inneren Schweinehund, um ein guter Moslem zu werden
  • kleinen Djihad: Kampf gegen äußere Feinde

Offenbar ist da etwas verlorengegangen.


Scharia:
„Weg, den es zu verfolgen gilt“, „der von Gott gebahnte Weg“, „der Weg zur Quelle“ überliefert über Akte Mohammeds und spätere Deutungen. Unterschieden werden muss noch zwischen „gottesdienstlichen Handlungen“ und „Normen der zwischenmenschlichen Beziehungen.“
Diese rechtlichen Normen unterliegen (normalerweise) der gesellschaftlichen Interpretation. Nach dem muslimischen Theologen Al Gazali gilt es dabei zu unterscheiden: Glaube, Leben, Vernunft, Nachkommenschaft und Eigentum. Dazu habe ich mal einen Text verschickt, „Der Weg zur Quelle“. Eine Studie an einer Teheraner Universität kam zu der Überzeugung, dass Luxemburg und die skandinavischen Länder am ehesten die Scharia erfüllen. Die muslimischen Länder liegen weit hinten.
Zunächst als Orientierung für die Gläubigen gedacht, hat die Scharia erst mit der Gründung von Nationalstaaten Eingang in Gesetze der Staaten gefunden. Und ab dieser Zeit wird sie auch zu manipulativen Zwecken benutzt.
Der IS ist die Krönung dieses Irrwegs. Wie ist er entstanden: Wir verweisen auf das Buch von Christoph Reuter: Die schwarze Macht – Der islamische Staat und die Strategie des Terrors.

Zur Entstehung des IS :
Nach unterschiedlichen Quellen haben von den 24 Führungskadern des IS 17 – nach anderer Quelle 9 - in amerikanischen Gefängnissen gesessen, z.B. in Abou Graib oder Camp Bucca.
Der Krieg der Amerikaner und Engländer im Irak hat das Land in religiös-ethnische Teile zerlegt, wie es Fachleute vorausgesagt haben, siehe die gleiche Entwicklung auch in Libyen.
Nach dem Sturz Saddam Husseins ist aufgrund des Ausschlusses führender Militärs aus der Armee und der Mitglieder der Baas-Partei aus dem öffentlichen Dienst ein großer Teil der sunnitischen Elite in den Untergrund gegangen, z.B. Leute aus der Armee und dem Geheimdienst spielen eine wichtige Rolle im IS. Sie sind nicht nur kompetent in Kriegsführung sondern auch in der Lage, Funktionen zu übernehmen, die ein Staat leisten muss, z.B. bürokratische (Finanzen organisieren) und soziale Funktionen (Witwen und Verletzte betreuen). Ohne die irakisch-sunnitische Basis hätte es den IS wahrscheinlich so nicht gegeben.
Der IS ist eine sunnitische Bewegung. Sunniten sind im Irak in der Minderheit gegenüber den Schiiten. Kurden sind minoritär, haben aber im Norden eine begrenzte Autonomie erreicht. Kurden sind die einzigen Kräfte die sich erfolgreich gegen den IS wehren, allerdings mit Waffenhilfe durch USA und auch Deutschland.
Zu Syrien nur so viel: Es begann als multireligiöse Bewegung gegen das Regime von Al Assad mit Forderungen nach mehr Freiheit, Ende der Korruption und besseres Leben, als politischer Protest, aus der Mitte der Gesellschaft. Die Brutalität der Reaktion hat diese Bewegung zerschlagen und zu einer Radikalisierung geführt, die auch zu Übergriffen auf die Reichen geführt hat und erst allmählich Fronten geschaffen, die als Kampf verschiedener Religionen erscheinen. Durch die Einmischungen der Regionalmächte, die Selbstverteidigung Ethnien, von Städten und Dörfern, clanmäßig organisiert, ist es inzwischen zu völliger Zersplitterung des Landes gekommen, zu einer völligen Militarisierung der Gesellschaft mit den Konsequenzen, von denen Europa einen kleinen Teil tragen sollte, aber nicht will.
Auf der aktuellen Konferenz in Wien sind über 100 Gruppen repräsentiert. Die Schwäche der oppositionellen Gruppen besteht darin, dass das Land in viele kleine Einheiten zerfallen ist, die dem IS und dem Assad-Regime wenig entgegenzusetzen haben. Zeugen beschreiben es auch so, dass die Kämpfer sich zum Teil den dominanten Gruppen anschließen, die gerade am meisten Einfluss haben. Was sie eint, ist der Hass auf Al Assads Regime, das ohne russische Unterstützung vermutlich bald zusammengebrochen wäre.
Saudi Arabien und sein reaktionärer Wahabismus  haben in den letzten Jahrzehnten die Expansion des Salafismus massiv gefördert, wesentlich auch in Afrika über Bau vom Moscheen und Ausbildung von Imamen. Al Quaida ist aus diesem Zusammenhang entstanden. Die Al Nosra-Front wird immer noch unterstützt, der IS nicht mehr offiziell, aber vermutlich noch privat finanziert.
Kennzeichen des Wahabismus und Salafismus ist, dass sie sich auf die Ursprünge des Islam beziehen und neuere Deutungen nicht akzeptieren. Dabei gibt es zahlreiche andere Strömungen, die eine moderne Interpretation und Umgang mit den Koran erlauben.
Die sehr problematische Rolle der Türkei sei nur erwähnt. Sie hat anfangs de IS unterstützt durch offene Grenzen und Rückzugsgebiete und wohl auch mit Waffenlieferungen.
Der IS ist die einzige internationale Kraft, die es versteht, alle Ethnien einzuschließen, z. B Uiguren aus China, Usbeken, Tadschiken, Engländer,Franzosen, Belgier, Deutsche… Grundlage ist der sunnitische Islam. Dass diese ausländischen Kämpfer gern an die Front geschickt werden und auch für brutale Akte instrumentalisiert werden, dass sie von der Bevölkerung als besonders brutal wahrgenommen werden, schließt nicht aus, dass die arabische Führung das Sagen hat. So wurden kürzlich 6 niederländische Djihadisten hingerichtet, weil sie Streit mit der Obrigkeit hatten.
Vergessen wird manchmal, dass der IS seine Leute bezahlt. Dass es für junge Leute und Arbeitslose auch ökonomische Pull-Faktoren gibt, sich in die Region zu begeben. Viele Leute aus dem Maghreb nehmen nicht nur an Kämpfen teil, sondern sind wichtige Kader für den Aufbau des Staates, der sich Kalifat nennt, zunächst die muslimischen Länder integrieren will, also auf Expansion ausgelegt ist.


Warum man den Djihadismus nicht wesentlich aus einer Koranexegese erklären kann
Politiker nehmen gern wieder die Thesen von Samuel Huntington auf über den Kampf der Zivilisationen. Raphael Liogier: La guerre des civilisations n’aura pas lieux, CNRS Editions, wirft die Frage auf, ob man nicht inzwischen eine Weltkultur hat durch die Globalisierung.
Fethula Gülen, muslimischer Erzfeind (ehemals Förderer) von Erdogan meint, es gehe nicht um den Kampf der Zivilisationen, sondern um einen zwischen Zivilisation und Barbarei. Der Islam sei gefragt, seine Werte zu verteidigen gegen die Extremisten.
Was noch dafür, spricht, dass die Radikalisierung ein Produkt der Gegenwart ist: Die Djihadisten bedienen sich der modernsten Möglichkeiten der Propaganda, zeigen höchste Kreativität in Kriegsführung und in geschäftlichen Angelegenheiten. Sie sind in der Lage, die nicht-islamische Ideologie auseinander zu nehmen und zu nutzen. Sie sprechen die Jugend an, die sich zu den Verlierern der Globalisierung zählt. Sie nehmen einzelne Grundsätze des Zusammenlebens wie Gleichheit und Brüderlichkeit auf und interpretieren Demokratie und Freiheit als ideologische Formen, die zu Armut und Elend führen, weil sich die Oberen immer mehr bereichern und sie immer mehr Gewalt anwenden, um ihr System zu sichern. Ihre Strategie zur Verschärfung der Widersprüche muss als sehr erfolgreich angesehen werden. (Notstandsgesetzgebung, Verfassungsänderung in Frankreich, Angstauslösung im Westen).


Erklärungen des Fundamentalismus aus der Dynamik der Entwicklung der westlichen Gesellschaften
Harald Welzer hebt hervor, dass die die Globalisierung der letzten 30 Jahre eine negative Bilanz hervorgebracht hat in Bezug auf Terrorismus, fehlende Bildungschancen, prekäre Beschäftigung, zurückgefahrener sozialer Wohnungsbau. Alles, was in unserer Gesellschaft problematisch ist, ist auch problematisch ohne Flüchtlinge.
Marcel Gauchet, entwickelt (Le Monde vom 22/23 November 2016, S. 20) interessante Thesen:
„Die Globalisierung ist eine kulturelle Verwestlichung der Welt unter wissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Aspekten. Dies hat zum Ergebnis den Austritt des Westens aus der Religion. Die Verbreitung dieser Tendenz führt bei den anderen Gesellschaften zu einem Bruch mit der religiösen Organisation der Gesellschaft. Das Eindringen dieser Art von Modernität wird von einigen Kontexten als eine kulturelle Aggression erlebt, die eine heftige Reaktivierung religiöser Grundlagen provoziert, die bedroht sind, aber noch hinreichend vorhanden sind, um mobilisiert zu werden. Aber Achtung: Fundamentalismus ist nicht zugleich synonym mit Terrorismus. Das sind zwei Tendenzen, die nebeneinander existieren können.“
Während der Verlust von religiösem Glauben in der Regel vom Individuum erlebt und verarbeitet werden muss, wird der Fundamentalismus als ein politisch revolutionäres Projekt verstanden. (Es ist interessant, dass die konservative polnische Führung Ihr Projekt auch als Revolution bezeichnet). Gauchet unterscheidet zwischen Fundamentalismus und Totalitarismus. Fundamentalismus gibt es im Islam wie in allen anderen Religionen.
Die Besonderheit der Beziehungen zwischen christlicher und islamischer Welt besteht zum einen darin, dass beide Religionen gemeinsame Wurzeln haben und in einem ideologischen Konkurrenzverhältnis stehen. Der Islam wird verstanden als Vollendung des Monotheismus. Als letzte und beste Religion steht sie in einem Spannungsverhältnis zur westlichen aus zwei Gründen: Der Westen hat den Orient kolonisiert und dominiert ihn ökonomisch. Dieses Gefühl der Unterlegenheit scheint die arabische Welt tief verinnerlicht zu haben. Bewunderung und Hass sind die zwei Seiten dieser Medaille.
Zum Kolonialismus als legitimierendes Element für den Djihad: Hatten die Briten nicht im ersten Weltkrieg versprochen, einen sunnitischen Staat zu fördern? Sie haben stattdessen viele entstehen lassen nach nationalstaatlichem Modell. Irak, Syrien, Libanon, Jordanien, Saudi-Arabien. Die Gründung der Türkei als laizistischem Staat und die Aufhebung des Kalifats waren Akte gegen die islamische Souveränität. Die islamistische Ideologie knüpft an dieses verletzte Ideal an.
Teile und herrsche war immer ihr Prinzip. Es hat lange funktioniert. Der Westen hat lediglich seine Interessen verteidigt und sich wenig um die Innenpolitik und Menschenrechte in den Regimen gekümmert. Bestes Beispiel: Saudi-Arabien. Insofern wird die westliche Politik als unglaubwürdig wahrgenommen, womit sich auch ein Teil der nicht-muslimischen Akteure identifizieren kann.
Die Gründung und Existenzsicherung von Israel durch den Westen bleibt ein weiterer Stachel. Die Nichtanwendung der Sicherheitsratsresolutionen wird dem Westen als Heuchelei vorgehalten und nährt Ideen eines internationalen Komplotts gegen muslimische Länder, die man auch im Maghreb sehr verbreitet vorfindet.
Junge Muslime sagen, dass alles probiert worden ist: Kapitalismus, Sozialismus, Nationalismus, Demokratie. Nichts hat für sie funktioniert. Sie wollen andere Lösungen, tun sich aber schwer damit, eine reale Entwicklungsstrategie zu formulieren, die nicht rückwärtsgewandt ist.


Zum Phänomen der jungen europäischen Djihadisten:
Gab es in Bezug auf die Morde von Mitglieder von Charlie Hebdo noch einen irgendwie erkennbaren Zusammenhang (Beleidigung des Propheten – „die sind selbst Schuld“), so haben die letzten Angriffe auf Pariser Bürger unter den „normalen“ Muslimen nur noch Abscheu erzeugt. Umso mehr stellt sich die Frage, wie es zur Entmenschlichung so vieler junger Leute kommen kann?
12 000 Europäer sind seit 2011 nach Syrien und Irak gegangen, während nur 10 000 internationale Kämpfer innerhalb von 10 Jahren sich in Afghanistan gegen die Sowjetunion engagiert haben. Das größere Kontingent von Fremden kommt aber aus den Maghreb-Ländern und aus Saudi-Arabien.
In Europa kommen 40 % aus der Mittelklasse, 30 – 40 % sind konvertiert.
Zwei Drittel der aus dem Ausland nach Syrien und Irak einreisenden europäischen Djihadisten sind zwischen 15 und 25 Jahre alt. Es ist unübersehbar, dass es sich um eine Revolte der Jugend handelt. Es gilt als sicher, dass sie den Koran kaum gelesen, geschweige denn, ihn verstanden haben. Soren Seelow sieht im Djihadismus ein Lösungsbündel („un kit de solutions“) (Le monde 27. März 2015):
Das Phänomen der Radikalisierung hat nicht viel mit Religion zu tun. Die Jugendlichen, die sich dem Djihad zuwenden, sind nicht eigentlich zum Islam bekehrt, sondern zum Radikalismus. Sie haben fast alle eine Situation des Scheiterns, des Bruchs, sind auf der Suche nach Identität. Sie können mit der grenzenlosen Freiheit unseres Systems und mit Emanzipation nicht umgehen. Sie könnten sich genauso gut Sekten anschließen, zur Armee gehen, Drogen nehmen oder Selbstmord begehen.
Die Macht der Djihadisten macht aus, dass sie für Alles eine Lösung anbieten. Man bietet den Unterschied zwischen Reinheit und Verdorbensein, die Wahrheit oder die Verschwörung, Strafe Gottes oder Paradies, Gut oder Böse. Junge Menschen werden eingeladen auf der Seite des Guten zu sein, die Welt zu reinigen, das Gute zu schützen und zu verteidigen bis zum Tod. Der radikale Islam bietet eine Identitätsprothese. Es geht nicht primär um die Suche nach einer Religion.
Ein Teil der Jugendlichen erlebt Frustrationen, das Gefühl, nicht zur nationalen Community zu gehören. Manche tragen einen Bart oder religiöse Kleidung, um aus der Anonymität herauszutreten. Der IS bietet ihnen einen Raum an für die Heilung und sie erleben Wertschätzung. Sie treten in eine neue Community ein. Es geht um narzisstische Heilung. Auch Mohamed kam aus bescheidenem Milieu, ist herumgeirrt, bekam eine Eingebung, dann Kränkungen, dann Emigration, um dann als Sieger seine Heimat wieder zu erobern. So bekommt das Scheitern einen höheren Sinn. Ein solches Bild stiftet Identifizierung mit dem neuen Leben im Djihad.
Ein Konvertit, Musa Schmitz suchte, was jungen Leuten häufig fehlt: Einfache Antworten auf wichtige Fragen: Halt, Familie, Regeln, Strukturen, Hoffnung, dass man weiß, wie es nach dem Tod weitergeht. Er war in Mekka und begeistert von den 100 000, die alle die Nähe Gottes wollten. Man hat lauter Brüder und Schwestern, also große Familie… Moschee-Schließung wird als Ungerechtigkeit wahrgenommen…Er wacht wieder auf, weil er Gewalt nicht für legitim hält und Christen diskriminiert werden. Ein alter Freund hält zu ihm, dann steigt er aus.
Andere können mit dem widersprüchlichen Verhalten des Westens nicht umgehen. Sie erleben den Zustand in den Ländern als Konsequenz der Unterdrückung und Ausbeutung.
Bis zu 20% der Djihadisten sind sehr junge Frauen, z.T. Mädchen unter 15 Jahre,die nach Syrien ausreisen, manchmal mit ihren Kindern. Von den 876 Djihadisten aus Frankreich, die zwischen 2013 und 2015 nach Syrien gegangen sind, waren  35 % Frauen. Von den Heranwachsenden 84 waren 51 junge Mädchen. Es scheint die Perspektive der Heirat, der Familie, Kinder und wenn es sein muss auch der Tod zu sein, der sie motiviert. Sie werden angeworben von Spezialisten und über Facebook auch direkt von Kämpfern angeschrieben, die Ihnen ein ehrliches religiöses Leben versprechen. In Wirklichkeit braucht der IS Frauen, um ein Volk aufzubauen.
Die ausländischen scheinen inzwischen eine wichtige Rolle in der strengen Kontrolle der Frauen in Bezug auf die Einhaltung der Scharia in den vom IS kontrollierten Gebieten zu spielen.
Offenbar ist es die Idee der Umma, der ursprünglichen Gemeinschaft, die sie anzieht. Hier wird ihrem Leben ein Sinn gegeben. Der höchste Wert ist die Gemeinschaft und ggf. für sie zu sterben, d.h. ins Paradies zu kommen. (Dass nach dem Koran weder Mördern noch Selbstmördern das Paradies offensteht, zeigt nur den Grad der Verblendung und Hirnwäsche).
Psychologische Erklärungen sind: Jugendlichen, die keine Perspektive für sich sehen, fehlt es an Selbstvertrauen. Sie sehen keinen Sinn in ihrem Leben. Sie wenden sich nicht nur von der westlichen Gesellschaft ab, sondern auch von ihren Familien. Die geringe Selbstwertschätzung schlägt um in Hass auf die Gesellschaft und auf ihre Familien, die es nicht schaffen, sich gegen die westliche Kultur zu wehren. Sie lösen sich von den traditionellen Werten, auch des Islam. Die Perspektive Djihad gibt ihnen eine Ausrichtung und die soziale Orientierung gibt ihnen Halt und die Möglichkeit einerseits sozial tätig zu werden, andererseits über andere zu herrschen. Dann wandelt sich ihre Machtlosigkeit in Macht über andere, um sich zu rächen und …ins Paradies zu kommen. Der Motivationsfaktor Paradies wird erstaunlicherweise auch von Konvertiten ausgesprochen, die dann Angst haben vor dem strafenden Gott, wenn Sie nicht die Norm der neuen Sekte erfüllen. „Die soziale Frustration, das Bedürfnis nach Anerkennung, wird als Erklärung gegeben für die aggressive Dimension und Revanche für die Kränkung. Die djihadische Gruppe sieht sich als die Auserwählten, die die Feinde Gottes töten dürfen.
Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass die Radikalisierung nicht wesentlich über die Imame und die Moscheen verläuft, sondern übers Internet, über Bekannte, in Gefängnissen etc. Die erste Stufe der Radikalisierung läuft bei ihnen über das Internet. Dann gibt es meist reale oder Internet-Gruppen, die sie bestätigen.
Neben den im IS-Reich geplanten Attentaten in Europa gibt es auch einzelne Personen, die nicht organisiert sind, sondern ihre Taten alleine planen und (manchmal zum Glück dilettantisch) durchführen. Nicht immer sind sie von Syrien gesteuert. Es sind auch nicht alle vorher straffällig geworden. (Hier stoßen auch die besten Geheimdienste an ihre Grenzen). Es sind auch Kinder „aus gutem Hause“ dabei.
Es gibt einzelne Beispiele von ethnischen Europäern (wenn es so etwas noch gibt), die den Zwängen der bürgerlichen Existenz und Familie entkommen wollen und sich einen „Kick“ geben wollen (Djihad als Abenteuer).
Besonders anfällig sind laut einer Studie aus England Personen, die depressive Charaktere sind. Oft seien es Personen, die Schwierigkeiten haben, Kontakte aufzubauen, Ideen zu diskutieren, Konflikte durchzustehen. Die Gesellschaft müsse sich um diese gesundheitlichen Aspekte seiner Bürger kümmern. (Wohl interessant für die Einzelgänger, siehe auch die Amokläufer in USA und Europa). Einmütigkeit besteht unter Psychologen, dass besonders in Phasen der Identitätssuche, junge Menschen besonders anfällig sind für Extremismus, in Lebensphasen, in denen sie nicht darüber sprechen können. Sie zu begleiten, ihr Selbstwertgefühl zu entwickeln, wäre also Aufgabe von sozialen Diensten.
Die Unterwerfung unter die IS-Ordnung fällt muslimischen Jugendlichen leichter, wenn sie selbst in der Familie unter Hierarchie,  strenger Ordnung, Patriarchat, Macht des Vaters, des Imam erzogen sind (Angst vor Vater – Angst vor Gott). Wenn Gott alles sieht, ist die Unterwerfung eine mögliche Reaktion. Wenn der Gott als ein strafender und nicht barmherziger Gott verstanden wird, wird diese Haltung verstärkt. Das autoritäre Modell diente schließlich auch bei der Erklärung der Funktionsweise des deutschen Faschismus. “Befehl ist Befehl“. So werden Täter gar zu Opfern.
Die extremistische Orientierung des Djihadismus bietet den ideologischen Rahmen für einen Krieg gegen das bestehende globale Gesellschaftssystem, es gibt Halt, Orientierung, Gemeinschaftsgefühl und Macht und erlaubt die als legitim verstandene Abfuhr von tiefsitzenden Frustrationen. Ein Journalist meint, es gehe nicht um die Radikalisierung des Djihad, sondern um die Djihadisierung der Radikalität einer Jugend, die sich ausgeschlossen wähnt.


Lösungsversuche
Der marokkanische König Mohammed VI hat eine Ausbildungsstätte für Imame und (notabene!) Predigerinnen gründen lassen. Der malekitische Islam ist eine Variante, die Gemeinsamkeiten mit den Alawiten (siehe Baschar Al Assad) hat. Hier werden jährlich 500 Imame aus Afrika, aber auch (50) aus Frankreich ausgebildet. Hier werden die modernen Wissenschaften dargestellt als Herausforderung für den Islam.
Vieles deutet allerdings darauf hin, dass die Radikalisierung von Jugendlichen nicht wesentlich in Moscheen erfolgt, sondern übers Internet, über Netzwerke, über Vertrauenspersonen. Insgesamt ist diese Ausbildung aber positiv zu bewerten, weil hier die Wissenschaften nicht der Rechtfertigung der Religion dienen.
Der Krieg gegen den Djihadismus (bei manchen auch gegen den Islam) suggeriert, dass das Problem durch Gewalt zu lösen sei. Dies ist schon bei den Taliban gescheitert. Es wird erst recht gegen den IS scheitern, wenn nicht andere Maßnahmen getroffen werden. Der Versuch von Hollande, die Verfassung zu ändern suggeriert Entschlossenheit und dient mehr der innenpolitischen Rehabilitation als der Lösung eines komplexen Problems. Je autoritärer die Reaktion, umso mehr spielt man dem IS in die Hände, der das westliche System angreifen will.
Die Mehrzahl der jungen Djihadisten (90 %) kommen zurück nach Europa, sofern sie nicht als Selbstmordattentäter geendet sind. Sie werden häufig nicht so gut empfangen, wie sie es sich in ihren Träumen und Phantasien ausgemalt haben. Die lokalen Djihadisten werfen ihnen vor, dass sie nicht arabisch sprechen und misstrauen ihnen, weil sie die Infiltration durch Geheimdienste fürchten. Sie werden zunächst an Waffen ausgebildet, ehe sie im Rang aufsteigen können. Dann werden sie speziell eingesetzt für Kidnapping und für Kommandoeinsätze. Oder sie beaufsichtigen Geiseln, deren Sprache sie sprechen. Die Mädchen werden Frauen von Terroristen, machen den Haushalt und werden als Wächterinnen gefangener Frauen eingesetzt.
Statt alle Rückkehrer ins Gefängnis zu stecken (wo sie zum Teil erst radikalisiert worden sind), lohnt es sich, sich mit ihnen zu befassen, ihre Beweggründe zu verstehen, Konzepte zu entwickeln, sich mit den gefährdeten Jugendlichen intensiver zu befassen.
Überzeugungsversuche durch normative, moralische Interventionen und Verbote erweisen sich in der Regel als unfruchtbar bis kontraproduktiv. Feste Glaubenssätze zur Absicherung ihrer Haltung können durch Argumente kaum aufgeweicht werden. Analogien erleben wir bei PEGIDA. Weltverschwörungsphantasien versperren den Blick auf eine differenzierte Sicht. Die Außenprojektion vermeidet es, seine eigenen Anteile zu erkennen, zuzulassen und Verantwortung für sich und die Folgen seines Handelns zu übernehmen.
In Aarhus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks, existiert ein Zentrum zur ideologischen Entgiftung reuiger Dschihadisten. Dort werden Heimkehrer psychologisch betreut, sie bekommen Beistand bei der Wohnungs- und Arbeitssuche oder zur Fortsetzung ihres Studiums, eine Betreuung, die in Dänemark auch kritisch betrachtet wird.
Vergleichbar ist in Frankreich bisher nur das private Präventionszentrum gegen sektiererisches Abgleiten verbunden mit dem Islam (CPDSI): Die Initiative mit dem sperrigen Namen wurde vor zwei Jahren von Dounia Bouzar gegründet. Die Anthropologin wurde durch hilflose Eltern aufgeschreckt, die sie um Hilfe baten. Seither hat ihr Zentrum rund 4000 Familien betreut.
Ihre Methodik vergleicht sie mit der Behandlung von Suchtkranken: "In der Herangehensweise arbeiten wir wie die Anonymen Alkoholiker." Denn auch angehende Djihadisten würden durch gezielte Indoktrinierung in steigender Dosis angefixt: "Der Jugendliche entwickelt allmählich einen totalen Hass gegen alle, die keine 'wahren Muslime' sind." Am Ende stehe die Ausgrenzung des Andersdenkenden, so Bouzar, "beinahe wie im Nationalsozialismus". Das Ziel: "Die Deshumanisierung des anderen."
Die Wissenschaftlerin scheut sich daher nicht, auch ehemalige IS-Sympathisanten in ihrem Team mitarbeiten zu lassen. "Die sind am höchsten motiviert, sie haben keine Angst, und sie wissen, dass man diese jungen Leute wieder zu Personen mit menschlichen Werten machen kann."
In Frankreich hat man festgestellt, dass es sehr unterschiedliche Wege in den Djihad gibt. Der IS hat Leute ausgebildet, die auf die individuellen Muster eingehen und sie mit entsprechenden Verlockungen anwerben. Daraus schließt Frau Bouzar, dass man keine allgemeinen Konzepte (Gegengehirnwäsche) anwenden kann, sondern genauso auf jede Person eingehen muss, ihnen ihre Persönlichkeit zurückgeben muss, an ihre Werte anknüpfen muss. Das ist sehr aufwendig, aber erfolgversprechend. Immerhin erleben viele Europäer die Kluft sehr deutlich zwischen dem, was versprochen wird und der brutalen Realität und sie wollen zurück. Dieser Impuls sollte genutzt werden."

 

Islam by country.svg

Staaten mit einem islamischen Bevölkerungsanteil von mehr als 5 % Grün: Sunniten, Rot: Schiiten, Blau: Ibaditen (Oman)

Von Baba66, NNW (talk) Before changing this file, please look at the detailed information provided in its source code. - Eigenes Werk, Data from CIA World Factbook, ca. 2005, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=697595

Diesen Post teilen

Repost 0

Kommentiere diesen Post