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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Hass in der Politik, wo kommt der her? Können wir was dagegen tun?

13. November 2016 , Geschrieben von REinloft Veröffentlicht in #Unsere Welten - unsere Probleme

Was mich verstört ist der Hass.Hier und anderswo. Die wutentbrannten Gesichter auf Pegida- und AfD-Demos sind die gleichen wie auf Trump-Conventions. Halsadern treten hervor und drohen zu platzen, hat einer geschrieben, der drüben dabei war. „Der Hass wird für viele Menschen zur zuverlässigen Konstante. Sie benutzen ihn, um die Herausforderungen der Moderne abzuwehren.“ (https://patrick-gensing.info/2016/11/09/fluechtige-moderne-2-0-der-hass-als-neue-konstante/)

Was ist das nur? Wo kommt er her, der Hass?

Viele Erklärungen gibt es mittlerweile, weshalb Trump gewonnen hat. Einige der Probleme, die dahinter stecken, verstehe ich. Es sind (teilweise) auch unsere Probleme.

Da ist der ökonomistische Ansatz. Neoliberale Wirtschaftspolitik und Digitalisierung haben in den USA ganze Landstriche von Arbeitsplätzen leergeräumt. Ich kann verstehen, dass ein Arbeiter, der nie wieder die Chance auf Beschäftigung hat und anders als bei uns kaum soziale Absicherung für sich und seine Familie, nicht gut auf diese Veränderungen zu sprechen ist.

Lese gerade: „Rost“ (Philipp Meyer). In einem County hat die schuldenlastige Wirtschaftspolitik von Reagan den Dollar teuer gemacht und die Wettbewerbsfähigkeit der Stahlindustrie zerstört (Verteuerung von Exporten, Verbilligung von Importen - unvorstellbar, Trump will dasselbe tun). 140 000 Menschen waren auf einem Schlag arbeitslos. Ohne Chance, je dort wieder Arbeit zu kriegen. Wegziehen, von der Stütze elend leben oder Jäger und Sammler werden waren die Alternativen. (Letzteres ist übrigens einer der Gründe, weshalb sie Waffen haben. Kein Witz! Das hat schon einer der US-Botschafter in Deutschland aus seiner Kindheit während der großen Depression berichtet. Sie mussten jagen um zu überleben)

Eine weitere Erklärung gibt dem Bankencrash die Schuld. Millionen Amerikaner haben ihr Haus verloren und damit ihre Altersvorsorge. Den Bänkern geht es heute wieder gut. Doch die Ursache der Ablehnung scheint tiefer. Mir ist es schon immer schlecht gegangen, sagt einer in einem Interview. Nach und vor dem Crash.

Da ist der sozialpolitische Ansatz. Wutbürger werden ausgegrenzt. Political correctness greift um sich und lehrt mit erhobenen Zeigefinder, nicht auf Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle, auf Schwarze, gelbe und was weiß ich noch was für Hautfarben und sonderliche Eigenschaften ausgestattete Menschen herab zu sehen. Nur für die Wutbürger und den „White Trash“ (besonders in den USA, aber auch bei uns) gilt das nicht. Auf die darf anstandslos eingeprügelt werden.

Da ist was dran. Political corectness ist der Zwang, den eine kleine, dominante öffentlichkeitswirksame Gruppe liberaler Politiker, Publizisten und Intellektueller auslübt, um möglichst jede Randgruppe verbal in ihr Gutmenschentum einzuschließen. „Man muss doch Verständnis haben“ ist das Argument. Kann man, muss man aber nicht. Gegen dieses „müssen“ wehren sich viele Leute. Und dagegen, dass sie ungestraft als Zielscheibe ihrer Verachtung herhalten müssen..

Da ist der Gegensatz von „angry white men (and women)“ versus modernem, weltoffenem Menschen.

Die Dinge verändern sich rasant. In der modernen, globalisierten Welt gewinnt der eloquente, wandlungsfähige, flexible, auf sich selbst bezogene Mensch. Der ist für andere kulturelle Werte offen, prüft sie, kann akzeptieren oder ablehnen. Auf die Spitze getrieben sehe ich sie vor mir, die smarten Typen, die sich, wo man sie hinstellt, seidenweich einpassen können. Sie kommen dem „Homo Ökonomicus“ der bürgerlichen Wirtschaftstheorie nahe, der einzig die Maximierung seines Tuns im Auge hat. (Kritische Ökonomen weisen schon lange darauf hin, dass menschliches Handeln von weit mehr Faktoren geprägt ist, es nutzt nichts, der Homo Ökonomicus bleibt die Basisvoraussetzung dieser Wissenschaft. Offenbar hat sich der Typus als Vorbild auch in der modernen Welt durchgesetzt).

Ja gut, die meisten von uns gehören nicht zu diesem Idealtyp, doch offen und flexibel wollen wir allemal sein.

Demgegenüber stehen die anderen, die von uns Hinterwäldler, Vorstadtkleinkrämer, ewig Gestrige genannt werden. Und Werte wie Familie, Heimat, harte Arbeit vertreten. (siehe auch: Werte und Wertewandel in Moderne und Postmoderne http://www.geschichte.uni-mainz.de/neuestegeschichte/244.php). Der Spiegel schreibt in seiner neuen Ausgabe (46/2016): „Die wü­ten­de, wei­ße, männ­li­che, min­der­ge­bil­de­te, äl­te­re Mit­tel­schicht, auch „an­gry whi­te men“ ge­nannt, die die Zeit zu­rück­dre­hen will, gibt es auch hier, und oft ist sie gar nicht so un­ge­bil­det, manch­mal auch nicht alt, ge­le­gent­lich ist sie so­gar weib­lich. Sie sind Rent­ner in Meer­busch am Nie­der­rhein oder Ar­chi­tekt in Ham­burg, sie stu­die­ren Busi­ness Ma­nage­ment oder tra­gen Adels­ti­tel im Na­men, sie fah­ren Taxi in Bo­chum oder ar­bei­ten als Arzt in Ber­lin.“ Ihre idealisierte Welt hat eher was mit Heimatfilm zu tun denn mit der schnelllebigen neuen Zeit, die alte Werte nicht mehr goutiert. „Und so sehnt sich die reaktionäre Kampfgemeinschaft, mit der wir aktuell konfrontiert sind, zurück nach einer übersichtlichen Welt, in der alles so in Stein gemeißelt bleibt, wie es einst gewesen sein soll. Man will zwei Geschlechter, beide heterosexuell, der Mann geht ehrlich schaffen, die Frau kümmert sich um die Kinder. …Minderheitenrechte sind in dieser Welt gefährlicher Unsinn, Homosexualität abnormal, von Feminismus möchte ich gar nicht erst anfangen.“ (Patrik Gensing). (Da ist es wieder, dieses überhebliche herabschauen auf Andersdenkende. Inhaltlich stimmt es ja, man kann das auch weniger verletzend schreiben)

Eine Traumwelt wird zum Glücksort und alle, die dagegen sind, sind die Feinde meines Glückes

Beide Welten verstehen sich nicht, leben aneinander vorbei.

Richtig ist, der modernen Welt sind Werte abhanden gekommen. Konsum und Selbstentfaltung als dominanten Wert anzubieten ist zu wenig. Dass sie jemand in der alten Welt sucht, kann ich verstehen. Nur sind sie da nicht.

Und da ist noch das Gefühl beim „angry white men“, zu kurz gekommen zu sein. Aus ihrer Sicht kümmerte sich die Politik seit Jahr und Tag vorrangig um die Wirtschaft, um Randgruppen und zuletzt um Flüchtlinge, schiebt denen - so sagen sie - alles hinten rein und für sie bleibt nur Abfall. Das Gefühl geht noch weiter (und es handelt sich hierbei vorrangig um Gefühle, warum auch nicht, nur weil wir vermeintlich auf Fakten aufbauen? Täuschen wir uns da nicht, Gefühle dominieren auch uns): Sie fühlen sich abgehängt. Der Staat, der für alle da sein solle ist (nach ihrer Meinung) nicht mehr für sie da. Er ist zum Feind geworden. Die Zeit schreibt, das Grundvertrauen, die Regierung kümmere sich in erster Linie um ihre Bürger und erst dann um übergeordnete Ziele sei weggefallen. (http://www.zeit.de/amp/politik/ausland/2016-11/us-wahl-donald-trump-medien-5vor8)

So ist es! Neoliberalismus samt Globalisierung haben Zwänge entstehen lassen, denen sich die westlichen Regierungen vermeintlich unterwerfen müssen.

Kathrin Cramer, eine der wenigen WissenschaftlerInnen, die seit Jahren im ländlichen Wisconsin politische Einstellungen in persönlichen Gesprächen erforscht, zeigt, wie Politik zunehmend eine Frage der persönlichen Identität geworden ist. Fast alle ihre Gesprächspartner fühlten eine tiefe Bitterkeit gegenüber Eliten und Stadtbewohnern, bei denen sich Macht und Geld konzentriert; Fast alle von ihnen fühlten, es würde auf ihnen herumgetrampelt, sie würden nicht respektiert und betrogen um das, was sie verdient hätten. „So it’s all three of these things — the power, the money, the respect. People are feeling like they’re not getting their fair share of any of that“. (Quarz Daily Brief 12.11. und Washington Post 8.11.16: A new theory for why Trump voters are so angry).

Und die Soziologin Arlie Hochschild stellt einen wahrgenommenen Verrat am amerikanischen Traum fest. According to her research, white voters feel the American Dream is drifting out of reach for them, and they are angry because they believe minorities and immigrants have butted in line.§ (https://www.washingtonpost.com/news/book-party/wp/2016/09/01/a-berkeley-sociologist-made-some-tea-party-friends-and-wrote-a-condescending-book-about-them/)

Und dann noch das Konzept: Trump der Rattenfänger. Ist er. Er hat sich mit bewundernswertem politischem Gespür diese enorme Zielgruppe der Wutbürger ausgesucht, die vom Establishment längst vergessen war. Donald Trump“ schreibt die Zeit „ hat sich den (diesen) Amerikanern als Führer eines Kulturkampfes dargeboten, als Feldherr gegen ein vermeintlich korruptes Establishment, gegen die Globalisierung, gegen die hergebrachten Regeln des Anstands“. Er ist ein Lügner? Na und? Die anderen lügen genauso. Er ist ein Sexist, Rassist, Egomane? Ist mir lieber, sagen sie, als der angepasste Klüngel der Eliten an Ost- und Westküste, die so tun als ob und einzig auf Perpetuieren ihrer Macht aus sind. Einer Macht, die dem Kapital vorrangig Macht zugesteht und die Menschen dahinter vergisst.

Korte hat für den Erfolg von Trump eine schöne Erklärung gefunden: „Es ist eher so, dass eine zukunftsängstliche Empörungsbewegung eine Führerfigur gesucht und gefunden hat“ (Stern 11.11.16). Das mit der „zukunftsängstlichen Empörungsbewegung“ dürfte auch bei uns ähnlich sein

So. Das wars so ungefähr, was ich in letzter Zeit gelesen und verstanden habe, warum Trump Präsident und die AfD so stark wird. Erklärt das die Wut? Kann sein, Ohnmachtsgefühle haben es in sich, umzuschlagen in Aggression. Doch es reicht mir nicht. Da muss mehr sein. Denn Wutbürger gibt es schon länger.

In seinem vielgelobten Buch “Hillbilly Elegy” beschreibt J.D. Vance’s gebrochene Familien und sozialer Zerfall in den ländlich-bergigen Gegenden der USA. “There is a lack of agency here — a feeling that you have little control over your life and a willingness to blame everyone but yourself,” (Washington Post). Nicht mehr Herr seines Lebens zu sein und jeden, nur nicht sich selbst die Schuld geben kann sicher Hassgefühle gebären. Es ist unglaublich, wie viele Menschen in den USA in elendigen Verhältnissen leben, zu kaputt sind für Beziehungen, Gewalt als normales Verhalten ansehen - auch und gerade zu Hause, Menschen, die an Heroin zerbrechen (das war mir neu, dass harte Drogen auf dem Land so um sich gegriffen haben), an der (fast) unmöglichen Chance, Arbeit zu finden, kaum staatliche Sozialhilfe in Anspruch nehmen können und auf alle, die anders sind, Wut haben.

Wut haben, scheint in Amerika Tradition. Bei der Wiederwahl von Bush Junior war der Demokrat John Kerry Gegenkandidat. Der war hochdekorierter Offizier im Vietnamkrieg. Doch nach seiner Verwundung und Rückkehr wurde er zum Kriegsgegner. Eine Kampagne wütender Patrioten war mit der Grund, dass er die Wahl verlor. Es war nicht nur eine Gegnerschaft anders denkender Menschen, Wut und Hass überschütteten ihn und die Gesellschaft, die nicht so dachte. Wut ist Teil des amerikanischen Rassenproblems, Wut dominiert die fundamentalistischen Christen bei ihren Kampagnen gegen Abtreibung, Homoehe, lesbischen Frauengemeinschaften, Evolutionstheorie in Schulen. Warum sind so viele Menschen wütend? Wir können anderer Meinung sein, doch warum muss das in Aggressivität umschlagen?

Auch in Deutschland gibt es sie, die Wutbürger. Sie waren schon immer da, nur jetzt haben sie in AfD, Pegida und anderen populistischen Gruppierungen eine Plattform gefunden, um ihre Wut auszutoben. Ich stell mir den typischen Pegida- und AfD-Nachläufer vor wie den wütenden Nachbarn, der aufpasst, dass mein Busch nicht über seine Grenze wächst und wenn doch, dann gehts los. Auch dieser Typ Blockwart, alles kontrollierend und denunzierend, was nicht in sein Weltbild passt. Wir kennen sie alle. Sie sind wütend aus Prinzip. Auf alles sogar auf sich selbst. Ihr Weltbild ist von gestern. Wir können sie uns weg wünschen, doch damit sind sie nicht weg. Wir müssen mit ihnen leben. (Ist klar, die Palette der AfD-Sympathisanten ist breiter, siehe Spiegel weiter oben)

Was tun? Natürlich muss die Politik sich mehr um ALLE Bürger kümmern und nicht Priorität einräumen den Banken, der Waffenindustrie, und anderen Lobbyisten. Es stimmt nicht, es gibt Konzepte gegen neoliberale, globalisierende Wirtschaftstheorien. Es gibt Konzepte zu einer Grundversorgung für alle. Es gibt Konzepte, auch ohne Wachstum gut zu leben. Es gibt Konzepte, die 3. Welt nicht auszubeuten. Es gibt, bis heute, nur die Regierung nicht dazu.

Und dann gibt es noch was (für die, die es können). Miteinander reden, so schwer es fällt. Cramer beschreibt diesen Annäherungsprozess schön: „Thank God I was as naive as I was when I started. If I knew then what I know now about the level of resentment people have toward urban, professional elite women, would I walk into a gas station at 5:30 in the morning and say, “Hi! I’m Kathy from the University of Madison”?…So what happened to me is that, within three minutes, people knew I was a professor at UW-Madison, and they gave me an earful about the many ways in which that riled them up — and then we kept talking. And then I would go back for a second visit, a third visit, a fourth, fifth and sixth. And we liked each other. Even at the end of my first visit, they would say, “You know, you’re the first professor from Madison I’ve ever met, and you’re actually kind of normal.” And we’d laugh. We got to know each other as human beings.“ (Washington Post)

Doch so lange die Menschen das Gefühl haben, es geht nicht mehr um sie sondern nur noch um Reichtum für wenige, solange es einen aggressiven Machtkampf der Reichen gegen die Armen gibt, so lange wird der Populismus weiter auf dem Vormarsch sein.

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