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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Fidel Castro 

1. Dezember 2016 , Geschrieben von REinloft Veröffentlicht in #Lateinamerika

Nun ist er gestorben. Mein ganzes politisches Leben lang war er der Bewundernswerte, der etwas besonderes geschaffen hatte. Ein Entwicklungsland, in dem es keine Hungerkatastrophen gab, stattdessen Bildung und Gesundheit für alle. Lange konnte ich nicht differenzieren, das habe ich erst spät gelernt.

1979 war ich das erste Mal in Cuba. A. hatte mich mitgenommen zur Begleitung einer informellen Delegation von drei linken Bundestagsabgeordneten (sie wurden danach nicht mehr lange in der SPD gelitten). Neun Jahre nach den zwei Jahren in Chile war ich wieder in Lateinamerika. Und genoss es. Die Wärme, die Menschen, die anders, lebensfreudiger waren, diese Leichtigkeit des Seins.. Doch irgend etwas war anders in Cuba. Es waren nicht die Geschäfte mit kaum Auslagen, die heruntergekommenen Häuser, die Straßen mit Löchern, die schiefen Hütten der Vorstädte, nein, das kannte ich, das gab es in den Vierteln der armen Leute im übrigen Lateinamerika auch. Sogar noch schlimmer und häufiger. Erst am letzten Tag des Aufenthaltes kam ich drauf. Es fehlten die Bettler, Schuhputzer, abgerissenen Jungens, es fehlten die Leute an jeder Ecke, die Kleinigkeiten verkaufen wollten um zu überleben, es fehlte dieses pittoreske Bild armer Menschen, die die Plätze und Straßen der Innenstädte im übrigen Lateinamerika bevölkerten. In Cuba gab es die nicht. Es gab Armut, aber die war auf einem unteren Level für die meisten Menschen gleich.

An eine alte Frau erinnere ich mich, sie lehnte aus einem Fenster, lachte mich an, wir kamen ins Gespräch. Nein, sagte sie, ich will nie wieder zurück in die Zeit vor Fidel (jeder nannte ihn Fidel). Da kannten wir Hunger und Elend, da war Leben und Einkommen unsicher, da kannten wir keine Bildung. Ich hab noch in meinem Alter lesen und schreiben gelernt, sagte sie stolz. Tausende junge Leute waren nach kurzer Einarbeitungszeit als Alphabetisierer schon kurz nach der Revolution im Land ausgeschwärmt, fast 80%, sagten sie stolz, seien jetzt alphabetisiert. Und alle Kinder könnten Kindergärten und Schulen besuchen. Und überall im Land sei die Gesundheitsversorgung garantiert. Und Prävention würde hoch gehalten bis in die kleinsten Außenposten auf dem Land. 

Klar waren die Gesprächspartner bis zum Parlament darauf aus, unserer kleinen politischen Delegation die besten Zahlen zu verkünden. Sicher funktionierte nicht alles so, wie es auf dem Papier stand, doch es war allemal mehr als in jedem anderen Entwicklungsland das ich kannte und von dem ich gelesen und gehört hatte.

Später in Ecuador waren wir mit einer Zahnärztin befreundet. Sie erzählte voller Begeisterung von den Fortbildungen in Cuba. Basisärzte für den ganzen Kontinent würden dort in Spezialschulen ausgebildet in einfachen, wissenschaftlich auf dem neuesten Stand gehaltenen Behandlungsmethoden und mit alternativer Medizin. So etwas gibt es sonst nicht, sagte sie. 

In Tansania sind sie uns wieder begegnet, die kubanischen Ärzte. Sie waren Entwicklungshelfer, tätig in ländlichen Regionen in Krankenhäusern, wo tansanische Ärzte nicht hin wollten. Sie verdienten nicht mehr als ihre tansanische Kollegen. Das einzige Privileg war, dass ihre Kinder in Cuba auf gute Schulen kamen. In Mozambique, Südafrika, Namibia, überall waren sie eingesetzt, die kubanischen Ärzte. Genauso wie in Venezuela, Mittelamerika, Bolivien (erst diese Woche gelesen, dass in Bolivien 600 von ihnen tätig sind.

1991 war ich mit M in Cuba. Es war die Zeit der großen Wenden. Katastrophalen Folgen für die Insel hatte die Auflösung der Sowjetunion. Es gab keine Abnahme des Zuckers zu Festpreisen über dem Marktpreis mehr, die USA boykottierten das Land immer strenger und Cuba war pleite. In der gesamten Castro-Zeit war es versäumt worden, die zentrale wirtschaftliche Säule Zuckerrohr zu diversifizieren. (Tabak ist das zweitwichtigste landwirtschaftliche Exportgut, brachte aber nicht so viel ein). Es gab Ansätze, doch das alles reichte bei Weitem nicht, die Ineffizienz der zentralen Wirtschaftslenkung auszugleichen.

Wir gehörten zu den ersten Touristen, die in kleinen Gruppen die Insel in vorbestimmten Korridoren aber frei (mit Guide) bereisen durften. In dem zumeist hügelige Land dominiert das satte Grün der Bäume, Pflanzen, Weiden, Felder. Alles barst vor Fruchtbarkeit (eigentlich könnte drei Mal im Jahr geerntet werden). Doch die Felder lagen häufig brach, die Früchte blieben vielerorts hängen, es fehlte an der Koordination oder dem Anreiz, sie zu sammeln und in die Stadt zu bringen. Ich erinnere mich an einen Mangobaum der zu platzen drohte. Überall herum lagen die reifen Früchte. Und in der Stadt hatten sie nichts. Der vermeintlich sozialistische Ansatz der zentral gesteuerten Wirtschaftslenkung versagte nicht nur, weil ab einem bestimmten Umfang an Gütern die Verteilung per Plan kaum noch möglich ist, nein, die neue Elite der Parteiorgane war auch noch durchtränkt mit Korruption und Unvermögen.

An den jungen Mann erinnere ich mich noch. Er sprach uns an auf dem Malecon, der prachtvollen Uferstrasse Havanas. Sein Deutsch war gut, er lerne es auf der Abendschule und suche immer Leute um zu praktizieren. Ja, Deutschland wolle er gerne mal besuchen. Aber aus Cuba weg? Nein, nie. 

Kubaner begannen zu hungern. Notgedrungen wurden unter Raul Castro die rigiden Lenkungsverordnungen gelockert und im kleinen Maßstab Marktmechanismen zugelassen. 

Ich liebte das Land noch immer, doch einige der Menschen mit Macht nicht mehr. Auch wir bekamen sie zu spüren. Das waren keine Latinos mehr. Das waren sture Beamte wie aus der DDR bekannt.

Später, in Tansania, haben wir auch noch den kubanischen Internationalismus kennen gelernt. Die Botschaft Kubas hatte eine Ausstellung über militärische Aktivitäten im Kongo. Che Guevara war der Anführer, er war über Tansania als Geschäftsmann verkleidet ohne Bart und mit Brille und gescheiteltem Haar eingereist. Kongo war weniger erfolgreich, doch Cuba blieb der starke Rückhalt aller Befreiungsbewegungen nicht nur verbal auf internationalem Parkett sondern auch mit militärischer und wirtschaftlicher Unterstützung im Großmaßstab. Und das zu einer Zeit, als die Afrikaner wenige politische Verbündete in ihrem Kampf gegen Kolonialismus und Apartheid hatten. In körnigen Schwarz-Weiß-Bildern sieht man  Castro lächelnd mit Ghanas Kwame Nkrumah, Angolas Augustinho Neto und Tanzania Julius Nyerere und dem mosambikanischen Unabhängigkeitsführer Samora Machel. Man muss es sich ansehen, wie Castro von Nelson Mandela umarmt und als Bruder bezeichnet wird. Denn als die Apartheidregierung, unterstützt von den USA, Angola angriff, war Castro die Hilfe der Afrikaner. Er schickte 36.000 Soldaten, denen es gelang, die südafrikanischen Soldaten zurückzudrängen. Das war der Beginn des Endes der Apartheidregierungen im südlichen Afrika. (Eine gute afrikanische Sicht mit einem netten Filmchen hier: http://qz.com/846337/cuban-leader-fidel-castro-was-a-liberation-icon-in-africa-and-remained-committed-to-the-continent/)

Kuba wurde auch Heimat für junge afrikanische Aktivisten im Exil. Da hat die kleine Insel, die selbst wenig hat, gezeigt, wie moralische sozialistische Grundlagen ernst genommen werden in einer Zeit, da die meisten kapitalistischen Staaten menschenverachtende Apartheid des Geldes willen unterdrücken ließen. In Afrika, zumindest in den Ländern mit Befreiungsbewegungen gegen den Kolonialismus, bleibt Fidel Castro der Übervater, der geliebte Freund und Helfer in Not.  

Auch Castros Kampf gegen die drückende Übermacht der Vereinigten Staaten, die „ihre“ Insel wieder zurückverwandeln wollten in die Abhängigkeit der USA wurde als beispielhafte Auflehnung gegen Imperialismus und Neokolonialismus von afrikanischen Freiheitskämpfern gesehen.

All das hat mich sehr bewegt und für Castro eingenommen. Trotzdem ist heute mein Blick auf die Insel differenzierter.

Im Positiven wird Fidel Castro als Revolutionär und Architekt eines alternativen Gesellschaftsmodells in Erinnerung bleiben, das Bildung und Gesundheit vor materielle Werte gestellt hat. Kuba ist auch heute noch ein Entwicklungsland, das mit vielen Problemen zu kämpfen hat, schneidet aber bei der Erhebung des Index für menschliche Entwicklung (HDI: BIP/Lebenserwartung/Ausbildungschancen) regelmäßig auf Industrielandniveau ab. Erst kürzlich belegte es in einem regionalen Vergleich von Save the Children den ersten Platz in Bezug auf Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten von Mädchen. Cuba ist das einzige Land Lateinamerikas und der Karibik ohne unterernährte Kinder. Global besteht sein Vermächtnis in den Erfolgen im Kampf gegen Kolonialismus, Rassismus und Apartheid. Sympathieträger für viele war er auch als David gegen Goliath, der wie kein anderer de Imperialismus und dVorherrschaft der USA in Lateinamerika herausgefordert und getrotzt hat 1.

Er steht aber auch für das Negative der kubanischen Revolution, die der kubanischen Bevölkerung große Bürden aufgeladen und tausende in Flucht und Exil getrieben hat. Zu seiner Hinterlassenschaft gehören zudem eine am Boden liegende Wirtschaft und ein autoritär-zentralistischer Staatsapparat, der politische und zivile Menschenrechte hintanstellt und repressiv mit politischen Gegnern und Kritikern umgeht.

Die Welt ohne Fidel Castro wird ärmer sein um einen, der es geschafft hat, ein alternatives Entwicklungsmodell für arme Länder zu entwickeln und in Teilen aufzubauen. Vieles ist nicht gelungen, aber einiges doch. Manches verstehe ich in seiner Rigidität nicht. Manches schon. Ich wünsche der kleinen Insel in der Karibik eine gute Zukunft. Das Gedächtnis an ihren großen Führer werden sie sowieso behalten. Gegen den Widerstand jedweder Geier aus dem Norden. 

 

1 In vielen Bereichen gibt es überraschende Erfolge. Hier einige: Da ist die auf wissenschaftlicher Basis erfolgreiche Viehzucht mit großen Herden. Da ist die hochentwickelte Biotechnologie für biologische Anbaumethoden, gefördert, weil keine künstliche Dünger importiert werden konnten. Da ist die kleine, feine Industrie, die Sonnenkollektoren auch international vertreibt. Und da ist die Pharmaindustrie, die heute weltweit zahlreiche kubanische Patente auf Medikamente vermarktet. Kuba zählt zu den ersten Ländern, in denen Impfstoffe gegen Meningitis B und C, Hepatitis B, ein therapeutischer Impfstoff gegen Lungenkrebs und ein Medikament für die Behandlung von Geschwüren des Diabetikerfußes entwickelt wurden. Medizinische Produkte sind mit einem Volumen von 350 Millionen US-Dollar (2007) zum zweitwichtigsten Exportgut Kubas geworden. Haupteinnahmequelle ist mittlerweile der Tourismus.

Und weiter: Eine umfassende Umweltschutzgesetzgebung in Verbindung mit Umwelterziehungsprogrammen und zahlreichen Umweltschutzprojekten trugen dazu bei, dass Kuba das Land mit der besten ökologischen Bilanz im Verhältnis zum Lebensstandard ist. Es ist weltweit das einzige Land, das vom WWF eine „nachhaltige Entwicklung“ bescheinigt bekam. Erfolgreich ist Cuba ebenso im Umweltschutz und bei den Energiesparmassnahmen und neuen Wegen mit der Erzeugung von Solarenergie. (Wikipedia)

Schöne Erinnerung an einen Kindergarten

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Hanne 12/02/2016 00:08

Ich würde den Artikel gerne auf Twitter teilen, finde aber keine Button.

REinloft 12/02/2016 10:48

Schau mal in die oberste Leiste links, da ist Twitter. Keine Ahnung, ob das geht, probiers mal.
Gruss R