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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Camino Portugues XVI

21. September 2017 , Geschrieben von REinloft

Camino Portugues XVI
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Donnerstag, den 21. September 2017 Santiago de Compostela - Porto

In 3 1/2 Std! Das müsste verboten werden! 2 Wochen waren es zu Fuß.

Der Bus gerammelt voll mit ex-Pilgern.



Gestern geschrieben, wie mich dieses überfüllte Gewusel geschockt hat. Nach Natur und Einsamkeit kein Wunder. Und dass ich nicht so viele alte Steine anschauen will. Am späten Nachmittag war die Kathedrale nicht mehr so voll. Sie ist bombastisch. Ob sie größer ist als der Petersdom? Das Querkreuz scheint mir genau so lang wie das Langschiff. Und überall sind Kapellen angehängt und Räume und wieder Kapellchen. Hinter dem mit Gold und Cupidos und barocken Engeln mit Flügeln und Säulen überbordend ausgefülltem Altar bin auch ich hinter die Büste des Jakobus (woher wissen die, wie der aussah?) den schmalen Gang hochgestiegen. Man soll seine Arme in den Altarraum vorstecken und den Mantel des Jakobus streicheln. Und dann soll man sein Schärflein in die Beterbank mit Schlitz hineinwerfen. Beides nicht gemacht, der Mantel des Armen ist ja schon ganz abgenutzt. Schlitz zum Geldeinwurf findet man überall in der Kirche. Und unter dem Altar, ein schmales Treppchen runter, in einem höhlenartigen Einschub, der Sarg. Massives Silber nehme ich an. Da sollen seine Gebeine drin liegen. Die des Jakobus.



Ich war am nächsten Morgen nochmals da. Lange Zeit könnte ich verbringen in diesem Meisterwerk von Bau- und Anbaukunst, überfüllt mit Bildhauerwerken, die Staunen abringen.

Das Überladene, Überfüllte in manchen Bereichen des Bauwerks, das macht mir unwohl. Dann aber wieder Gradlinigkeit der Linienführung, der Säulen, der Hallen. Es ist halt ein Mischmasch jahrhundertealter Bautätigkeit. Seit einiger Zeit renovieren sie ausführlich und von außen sieht die Kathedrale teilweise aus, als hätte der Verpackungskünstler Christo gewirkt.



Nicht bewundern konnte ich den Portico de La Gloria. Er ist unter Gerüst und Planen vollständig verschwunden. So gerne hätte ich dort gestanden, wo Friedemann seine Margrit erkannte. Ich hab mir das Portal auf Bildern angeschaut ( trigonart.com/3d-scan-q), er muss atemberaubend sein, ein magischer Ort, sagt Margrit (dass Friedemann trotz des Staunens über diese einmalige Bildhauerarbeit die Margrit noch gesehen hat, spricht für ihre Einmaligkeit).



Dasselbe mit den Gebäuden und Plätzen drumherum. Bestaunenswert. Besonders der Obradoiro hat es mir angetan. Nicht nur, weil der Pilgerweg mitten auf dem Platz endet. Der Platz, etwas asymmetrisch, könnte auch in Siena liegen, hat italienischen Charme. Man kann in den engen Gassen der Altstadt herumwandern und trifft überall auf Kirchen und Plätze, die zum Verweilen einladen. Santiago, schreibt Margrit, ist einfach unheimlich schön. Ja!



Ich kann trotz all meines Staunens, meiner Anerkennung solch architektonischer und künstlerischer Leistung (auch Kitsch kann Kunst sein) nie (auch anderswo) verhindern, dass mir Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters präsent sind. Wer baute das siebentorige Theben? Wer baute die himmelstürmende Kathedrale, wer waren die vielen namenlosen Arbeiter und Künstler? Und wer hat das alles bezahlt?

Noch eine Anmerkung dazu. Ich sehe diese Betrachtungsweise dualistisch, als zwei Seiten derselben Medaille. Es ist kein „Ja - Aber“. Ja, das ist alles schön, ABER denken wir doch mal an die armen Arbeiter….Es ist ein „Sowohl - Als auch“. Sie sind schön und bewundernswert, die siebentorigen Bauten, doch sie wurden NICHT erbaut von Königen, Herrschern, Bischöfen, Sultanen, die alle benötigten eine Menge einfache Menschen. Uns eben.



Ich sitze im Bus. Die Grenze haben wir schon passiert. Der Regen hat aufgehört. In Galizien goss es. Der Himmel weinte, weil ich gehe.

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