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Saturday, 31. january 2009 6 31 /01 /Jan. /2009 13:59
Mein Lebenspfad, den ich entlang laufe, ist voller Geschichten, die jeden Augenblick weiter und jeden Tag neu geschrieben werden, Kapitel um Kapitel bis zu meinem Tod. Einige der Geschichten werden einige Zeit bleiben und dann verwehen. Ich bin wie eine sich entfaltende Erzählung. Mein Pfad besteht aus Abdrücken in der Landschaft. Wie Fussabdrücke, die, wenn frisch, gelesen werden können aber in der Ferne verwischen. Dazwischen Narben, Abdrücke von zusammenfallenden Konstrukten, langsam vermodernd und vom Erdboden aufgenommen, an die Zustände seelischer Verwerfung, selbstsüchtigen Begehrens erinnernd. Wir sind Abdrücke, von etwas hinterlassen, was einmal hier war. Das ist mein "Ich".  Sagt der Buddhismus.

Es setzt sich zusammen durch alle Begebenheiten, und Begebenheiten definieren mich. Nicht ein essentielles Ich irgendwo in meinen Tiefen macht unseren Kern aus sondern eine einzigartige Matrix zusammentreffender Gegebenheiten, die uns vorausgingen und uns formen: "von der DNS-Struktur, die unsere Eltern uns mitgaben, bis zum Feuerwerk der abermilliarden Neuronen in unserem Gehirn, von der kulturellen und historischen Prägung das zwanzigsten Jahrhunderts unserer Erziehung und Ausbildung, und schließlich sämtlich Erfahrungen, die wir je gemacht, und sämtliche Entscheidungen, die wir je gefällt haben: all das fließt zusammen zu dieser einzigartigen Lebensbahn, die in diesem gegenwärtigen Augenblick kulminiert. Der unwiederholbare Abdruck all dessen ist das, was jetzt hier ist und was wir "ich" nennen". (Batchelor: Buddhismus für Ungläubige, 2006)

Das "Ich" unserer westlichen Philosophie sei eine Chimäre, sagt der Buddhismus. Es gibt keinen ewig lebenden Kern im Zentrum unseres Seins. Das Christentum, auch der Islam lehren den Glauben an eine Seele, die rein oder beschmutzt sein kann, die immer dieselbe Konstante in uns bleibt, ob als Kind oder Erwachsener und, gebe Gott, errettet werden kann. Schön, diese Vorstellung. Doch im Alltag ergibt das Leben mit einer Seele Dauerkonflikte mit Stimmungsschwankungen durch Verbesserungsversuche, Scheitern, neuen Bemühungen, guten und schlechten Gefühlen. Ein Auf und Ab. Buddhisten suchen einen anderen Weg der zur Ruhe in sich führen soll, zur "Leere.

Die "Leere", sagt ein tibetanischer Philosoph," ist der Pfad, auf dem der Mensch geht, der seine Mitte gefunden hat". Mit Leere ist nicht das Fehlen von Inhalt gemeint sondern der mittlere Weg, der zur Ruhe führt. Vielleicht wie das Auge im Zentrum eines Hurrikans. Rundherum tost der Sturm aber in der Mitte herrscht Ruhe. Der Weg dahin ist die Dharma-Praxis des bewussten Lebens, das ist ein anderes Kapitel. Buddhismus will nicht die Theorien des Ichs widerlegen, "sondern es geht um das Verstehen, das Lockern dieser Zwangsjacke der Ichbezogenheit, die Körper, Gefühle und Emotionen zu einem dichten Kern der Angst zusammenpresst." (ebd.) Wenn uns bewusster wird, dass das Ich eher wie ein sich entwickelnder Charakter im Verlauf eines Romanes ist, nicht Ding an sich, dann besteht die Chance, dass wir uns nicht so furchtbar ernst nehmen, "Gefallen an der spielerischen Ironie einer Geschichte (finden), die genau so noch nie erzählt wurde." (ebd.)


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Thursday, 29. january 2009 4 29 /01 /Jan. /2009 09:11
Die Konferenz zur Nahrungsmittelsicherheit 2009, gerade beendet, ging aus wie das Hornberger Schießen. Alle sagen, sie seine fleissig engagiert im Kampf gegen den Hunger, reden aber nicht davon, dass 2008 zwar 12 Mrd. Dollar auf der Welternährungskonferenz zugesagt wurden, davon einzig 25% bisher zu Verfügung gestellt wurde. Und verabschiedet haben sie keine bindenden Beschlüsse, einzig eine unkonkrete Erklärung:  "Die Teilnehmer verpflichteten sich zu erreichen, dass die Nahrungsmittelsicherheit für alle eine Realität wird".

Derzeit leiden knapp eine Milliarde Menschen unter Nahrungsmittelmangel. Damit ist die Weltgemeinschaft weit davon entfernt, das von der UNO gesteckte Millenniumsziel, Hunger und Armut zu beseitigen, zu erfüllen. Heute ist die Situation gravierender als beim ersten Gipfel zur Welternährung 1996. Die meisten der Betroffenen können sich die Lebensmittel einfach nicht leisten.

Die hohen Preise im vergangenen Jahr haben mehrere Gründe. Zum einen steigt der Bedarf an Fleisch und Milchprodukten in den Schwellenländern, wie in China und Indien; Getreide wird so zum Futtermittel und die Anbauflächen verdrängen die nationale Lebensmittelproduktion. Zum anderen kaufen oder mieten die reichen Nationen sowie die arabischen Ölstaaten riesige Flächen, um Pflanzen für die Gewinnung von Biodiesel und Bioethanol anzubauen. All diese Großinvestitionen verdrängen Kleinbauern. Die aber sind die Einzigen, die langfristig die Ernährung in den Entwicklungsländern sicher stellen können.

In den Steuerungsgremien zur Bekämpfung des Hungers sind die Entwicklungsländer nicht demokratisch beteiligt, wohl aber Vertreter des Agrobusiness. Was die wollen, wissen wir ja.

Hier sind noch andere Informationen über das, was die wollen: Hunger II
Landwirtschaft und Unterentwicklung: Hunger I
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Wednesday, 28. january 2009 3 28 /01 /Jan. /2009 18:25
Techniker im statischen Versuch, Entwicklungsring Süd, München    1964-1967
bei der Erprobung der Hochleistungssenkrechtsstarter VJ 101/102 und des Starfighter

VJ 101 hieß das Flugzeug. Von dem Versuchsjäger gab es 2 Prototypen. Die X1 ist in Manching vom Himmel gefallen, die X2 hängt heute im Deutschen Museum in München. Es waren Senkrechtstarter, die die Nachfolge des Starfighters antreten sollten. Zwei Hubtriebwerke im Rumpf stabilisierten den Schwebeflug, die drehbaren Gondeln außen an den Flügeln waren für Hub und Schub zuständig. Hier lag das technische Problem. Durch das dünne Rohr, das die Triebwerksgondel mit dem Flügel verband, wurde die gesamte Versorgung plus Elektrik geleitet und es musste die Kräfte des Fluges aushalten. Der Verschleiß an den Rohrwänden war zu hoch. Auch aus politischen Gründen ging der Typ nie in Serie. Für Strauss und Co war es ein Prestigeprojekt in einer Zeit, in der die Militärmacht meinte, auf Flugplätze verzichten zu können, denn Flugplätze sind leicht zu orten und zu bombardieren. Die Jäger sollten senkrecht wie ein Hubschrauber von befestigten Flächen, möglichst aus Waldschneisen aufsteigen und landen. Militärs in Europa und Amerika setzten auf Senkrechtstarter. Übersehen hatte man dabei die Schlange notwendiger Versorgungsfahrzeuge, die ein prima Ziel abgaben. Jedenfalls überlebten nur wenige Versuchstypen, so die englische Hawker Siddeley Harrier, die bis heute besonders auf Flugzeugträgern und bei Luftfahrtschaus eingesetzt wird.

In dieser Welt war ich 1964 gelandet. Im Statischen Versuch des Entwicklungsring Süd von Focke-Wulf, Heinkel und Messerschmitt in München. Das Material der VJ sollten wir biegen, dehnen, zerreißen, seine Standhaftigkeit vermessen. Im Flugzeugbau sind nur enge Sicherheitsmargen möglich, das Gerät wird sonst zu schwer. Der statische Versuch gab Aufschluss über Toleranzgrenzen und Haltbarkeit des Materials. Das Flugzeug oder Teile davon wurde in einem Gestell fest eingebaut und mit hydraulischen Hebeln belastet. Gemessen wurde mit Dehnmessstreifen und Messgrößen kleiner als 1/1000 mm. Auf einer alten Rechenmaschine die ratterte, musste ich Stunden und Tage lange Listen auswerten, Gondeln zeichnen und Messstreifen verlegen. Ich begriff nur wenig was da vor sich ging und war wahrscheinlich der schlechteste Ingenieur im Flugzeugbau. Mein primäres Interesse galt auch nicht dem Flugzeugbau. Es galt dem Leben Lernen.

München. Großstadt. Nachtleben. Geheimnisse die mich anzogen wie eine Motte das Licht. Schon bei der Ankunft am Bahnhof  witterte meine Abenteuer suchende Nase den ungeheuer vielfältigen Sex in der City. Am nächsten Tag war ich deprimiert. Das ging lange so. Da war die spannende andere Welt, die mich anzog und wenn ich dem Neuen nachgegeben hatte, abstieß. Die alten Normen und Regeln der Erziehung hielten mich umfangen. Ich hatte Glück und fand neue Freunde. Natürlich aus der "Freien Gemeinde" aber sie waren anders, lebten, genossen, gingen aus, auch mal ins Kino, hatten Liebschaften, feierten und beteten natürlich auch. Nach der Enge des Glaubens in Hommertshausen war es wie eine Befreiung: So ging Christ sein auch. Ganz konnte ich es nicht glauben. Immer verblieb in meinem Hinterkopf das Regelwerk und Bibelverständnis meines Opas als Messgröße. Und das verbot, sich auszuleben.

Bei Walter und Helga fühlte ich mich aufgehoben. Sie hatten 3 Kinder (später 5, zwei Mal Zwillinge) und schafften die Schar mit links. Obwohl die Räumlichkeiten beengt waren, war der Umgang mit den Kleinen locker. Im Kinderzimmer hatten sie die unteren Wände mit abwaschbarer Farbe bemalt. Die konnten beschmiert werden. Drei Wühler machten aus ihrer Bude täglich ein Chaos, nur abends, da musste alles aufgeräumt sein. Eingebrannt hat sich mir, dass die Kinder nach Papier verlangen, Helga in der Küchenbank einen Katalog auskramte und ihn im hohen Bogen in das Nachbarzimmer warf.  Standardkleidung waren Lederhosen und Hemd. Das kannte ich aus meiner Kinderzeit, war aber mittlerweile nicht mehr modern. Mich faszinierte die Lässigkeit des Umgangs mit Kindern bei gleichzeitig festem Regelwerk. Es war ein Vorgeschmack auf 68. Und ein Abgesang auf meine autoritäre Erziehung.

Ich hatte es ja versucht mich mit Schöngeistigem zu beschäftigen, ging in Museen, besuchte Konzerte, nahm an Diskussionsgruppen teil, las viel, ja dichtete sogar. Und belästigte damit meine Freunde. Fotografieren war das Einzige, was mich einigermaßen anzog. Neben Sex und Nachtleben. Dem konnte ich nicht ausweichen. Sowie es dunkel und später wurde war der Drang da. Ich musste mich verbrennen.  Der erste Whisky weichte die guten Vorsätze auf. Ab ging’s, die dunklen Seiten der Stadt zu erkunden. Geld hatte ich nicht viel. In meinem Kopf schwirrte Musik, Tanz, dunkle Kaschemmen, Trinken, Leichtigkeit, zufälliges Zusammentreffen in einer geladenen Atmosphäre. In meinen Büchern und in der Zeitschrift "Twen" - die erste Lifestile Zeitschrift auf bundesdeutschem Markt mit Jazz, schönen Bildern, Frauen, Geschichten - gab es das und ich wollte es auch. Das Leben. Nur: wo war es?

Am nächsten Tag war alles vorbei und die Abscheu vor mir selbst hatte mich wieder. Sein übriges tat der elendig lange Tag mit Tabellen, Dehnmessstreifen und arbeitsamen Kollegen. Manchmal konnte ich sie zum Reden über ihr Leben bringen. Das interessierte mich, war aber nicht spannend. Alles nur Familie, Häuschen, Hobby (einer baute Raketen), Aufstieg. Nur die Sekretärin hatte mich in ihr Herz geschlossen. Als sie erfuhr, dass ich Heide sei (jeder war Heide, der nicht katholisch war. Evangelisch wäre vielleicht auch noch durchgegangen. Aber Freikirchlich!), wollte sie mich nottaufen. Ein so netter Mensch und verloren. Das war mir neu. Bis dato war einzig Opas Glaube der Weg zum Himmel. Nicht die Taufe. Verwirrend.  

In der Nachbarabteilung waren nur Diplom-Ingenieure beschäftigt. Sie beschäftigten sich mit Elektronik und waren feiner als wir Flügelbieger. Ob ich mit ihm und seiner Freundin nach Spanien fahre, fragte einer. Spanien, Stierkampf, Sonne, draußen sitzen und trinken, das kannte ich von Hemingway. Wir machten Urlaub in Lloret de Mar. Im Flugzeug hatte mein Kollege das Du angeboten, im Hotel schlief er in meinem Zimmer. Das verstand ich nicht, sie war wohlgeformt und hübsch. Ich folgte Ernesto, trank in Bars und ging zum Stierkampf als Experte. Zuviel Blut, zugeben durfte ich das nicht. Eine Irin kam  mit mir aus der Bar. Wir gingen in mein Hotel, der Kollege hatte angeboten, bei seiner Frau Freundin zu schlafen wenn ich mal könnte was alle wollten. Er sprang aus dem Bett als würde ich ihn überfallen und verweigerte jede Kooperation. Am Strand, neben dem umgekippten Fischerboot, kam die Polizei und in der Höhle zum anderen Strand klappte es.  Die Höhle habe ich letztes Jahr wieder gesehen, die Irin nicht. Sie flog zurück am Tag darauf. Auf unserem Heimflug hat mir der Kollege das Du wieder entzogen.

Ich konnte es nicht füllen, mein Leben. Und beschloss, an Wochenenden freiwillig in einem Heim für behinderte Kinder mit zu arbeiten. Die Fahrt dahin war lang, ging durch die Provinz und zeigte mir die Schönheit der Bayrischen Landschaft. Und dann waren da Menschen, gewöhnungsbedürftig zwar, aber junge Leute, die sich freuten, wenn ich kam. Kartoffel schälen, Fallsüchtige beaufsichtigen, Rollstuhl gebannte ausfahren, ich hatte einen Inhalt. Sonntagabend ging’s zurück und Montagmorgen an die Dehnmessstreifen.

Einer der Betreuer im Heim hatte ein Zimmer mit verhängten Fenstern, Matratzen auf dem Boden, Kerzen überall. Wir tranken Tee, er legte Musik auf und erzählte von seinem esoterischen Leben, seiner Vergangenheit, seinem Leben. Andere Welten deuteten sich an.

Trotz allen Eintauchens  in das Leben der Nacht gelang es mir nur selten, eine Frau kennen zu lernen. Geschweige denn mit ihr zu schlafen. Das klappte nur 3 oder 4 mal. Einmal hab ich Dussel aus lauter Angabe mich als Geheimagenten ausgegeben (weil ich Geheimnisträger war kam die Idee) und prompt die Bekanntschaft verloren. Und einmal gelang mir, ein Stückchen vom Leben das ich suchte zu erwischen. Fasching brachte genau die Stimmung und prompt funktionierte  es. Die Frau wollte dann doch lieber zu ihrem Freund zurück. Verliebt habe ich mich öfters. Meine Pickel verhinderten ein gesundes Selbstvertrauen. Auf der anderen Seite musste sichtbares Interesse sein, sonst wagte ich keinen Anfang. Reden konnte ich, meist ungegoren. Und dann klappte es, ich hatte eine Freundin. Scheint nicht viel gewesen, den Namen habe ich vergessen, nicht aber ein paar schöne Stunden.

Interessant wurde es im Flugzeugbau, wenn der Testflieger erzählte. Er kam von einem amerikanischen Testflughafen, war groß, schlaksig und trug zu kurze Hosen. Nerven muss der gehabt haben wie Stahlseile. Wir hatten in den Maschinen die neuen Martin Baker Sitze eingebaut. Die schossen den Piloten 80 m hoch damit sein Fallschirm sich auch bei Gefahr im Stillstand entfalten konnte. Die Einzelteile unseres Prototypen wurden in ganz Europa gebaut. Engländer hatten zuletzt den Rotor gewartet, der die Stabilität der Maschine verstärkt. Der Rotor war umgepolt, wurde aber wegen offenbar fehlenden Warnungen genau so wie vorher in Manching zurückgebaut. Alle Starts wurden gefilmt, auch die normalen auf der Rollbahn. Auf dem Film sieht man: die Maschine rollt an, hebt ab und fällt in 10m Höhe aus dem Sucher der Kamera. Augenzeugen berichten, dass sich die Maschine drehte und aufknallte. Alle waren sicher, der Testpilot ist tot. Doch der schwebte am Fallschirm zur Erde. Er hatte, als die Maschine sich drehte, erst grün - die Erde - gesehen, gewartet bis blauer Himmel über der Kanzel erschien und den Nothebel zwischen seinen Beinen gezogen. Sein Rücken war gestaucht, er war in gekrümmter Position nach oben geschossen. Normal hätte er sein Visier zuziehen und den Abschuss mit einem Hebel oberhalb von ihm auslösen müssen. Dann wäre er mit geradem Rücken und mit der Kanzel auf Fallschirmhöhe gebracht worden. Dafür aber war keine Zeit. Der Schnellschuss-Hebel schoss den Piloten durch die Kanzel. Nach 4 Wochen war er wieder flugtauglich und wir bauten an der X2 weiter.  

Weder Religion, noch die Suche nach Leben, schon gar nicht die Arbeit brachten mich weiter. Ich meldete mich beim Deutschen Entwicklungsdienst DED und wurde als Entwicklungshelfer angenommen. Zur gleichen Zeit entließ mich der Entwicklungsring Süd weil das Projekt auslief. Ich war einer der Ersten. Sie überredeten mich, selbst zu kündigen, das sei besser bei späteren Bewerbungen. Dadurch entfiel das Arbeitslosengeld. Ich wollte sowieso nicht zum Arbeitsamt, wartete auf den Bescheid des DED und fuhr Minicar. Kleine R4 Autos, die billig Fahrgäste transportierten. Manchmal verdiente ich nichts, Miete des Wagens, Benzin und Nebenkosten waren höher als die Einnahmen. Es dauerte, bis ich ein wenig zurecht kam und bis heute noch höre ich den Taxifunk. der meine Nummer ruft.

Anfang Januar 1968 begann die Ausbildung beim DED in Wächtersbach. Im März reisten wir aus nach Chile. Das aber ist eine andere Geschichte.   

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Wednesday, 28. january 2009 3 28 /01 /Jan. /2009 12:00
Schon wieder die Mülltonne falsch raus gestellt! GELBE TONNE IST DRAN. Nicht Restmüll. Aber der muss weg, nach 6 Wochen dringend. Drei Mal hab ich die Tonne den langen Weg auf die Straße gerollt, mich gewundert, dass ich der Einzige bin oder in der Dunkelheit nicht gemerkt, dass die Tonnen, die da stehen, anders aussehen. Bis ich feststelle, dass ich den Abfuhrplan vom Nachbarort habe! Das Müllsystem in Deutschland will nicht an mich ran. Es war viel einfacher in Afrika und Lateinamerika. Verpackungen gab es wenig, Abfälle wurden im Garten verwertet, Müll war Müll und wurde verbrannt oder abgeholt.

Erinnere mich an den Botschafter von Mexiko in Bonn, der musste nach 5 Jahren zurück. Ärgerlich, hat er gesagt, wo ich doch gerade die Mülltrennung begriffen habe. 

Wenns denn sinnvoll wäre! Aber der Müll in Deutschland wird mehr, Berge häufen sich auf - mehrere Millionen Tonnen pro Jahr allein in Deutschland - exportiert muss werden, immer mehr Müll hat das Trennsystem gebracht. Stolz auf das Trennen, müllt der Bundsbürger was das Zeug hergibt. Das kann es doch nicht sein, oder? Ich bin dafür, weniger Müll zu produzieren. Es geht, wir tuns. Und kriegen ihn nicht weg, den Müll weil ich zu blöd dafür bin. Mal sehn, morgen sind die 14tägigen Tonnen dran. Ob sie meine mitnehmen? Wir haben eine 4wöchige.
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Tuesday, 27. january 2009 2 27 /01 /Jan. /2009 13:21
Dreher und Maschinenschlosser, Arnold-Werke, Friedensdorf 
in der Reparaturwerkstatt einer Herd- und Offenfabrik 1961-1963
Fachschule Biedenkopf (5 Sem) 1961-1963
Maschinenbau-Technikum TEWIFA Stockach/Baden   
TEWIFA-Ingenieur 1963-1964

Noch immer stand ich morgens 8:15 draußen vor der Werkstatt, sah dem Schnellzug nach und hatte Fernweh. Noch immer war es die gleiche Klitsche mit dem antiquierten Deckenvorgelege zum Antrieb von Maschinen. Noch immer strampelte ich morgens kurz nach 6:00 die 4 km zum Arnold,  manchmal nahm mich Vater mit, der im selben Betrieb Herde und Öfen ausmauerte. Um 1/2 7 fing die Arbeit an und um 4:00 waren wir zurück für die "Nebenerwerbstätigkeit" (so der verschrobene Terminus Technicus)  auf Hof und Feld. Aber jetzt war ich Facharbeiter und verdiente 400 DM im Monat. Ich musste nicht mehr Bier und Brötchen holen, bekam keine mehr auf die Finger, wenn ich die Werkstücke beim Schweißen ungenügend zusammenhielt und die Stanzerei holte sich andere Stifte zur Aushilfe. Dafür hatte ich eine eigene Drehbank, moderner zwar als die mit dem Deckenvorgelege, aber schon recht betagt und dazu einen wackeligen Spind mit Drehwerkzeugen und dem Bild von zwei wie Tänzer dahin gleitenden Schlittschuhläufern. Seltsamerweise tröstete mich das Foto, es strahlte die Ruhe einer anderen Welt aus. Meine Welt war Bolzen drehen, Gewinde schneiden, Passungen auf 1/100 mm genau hinkriegen, Reparaturstücke anfertigen. Traurige Wahrheit war, dass diese Arbeit immer so bleiben würde. Allenfalls Gewinde mit spiegelglatter Oberfläche hinkriegen war eine befriedigende Kunst, die mir selten gelang. Mehr als das tote Material interessierten mich die Menschen. Wann immer möglich versuchte ich sie zum Reden zu bringen.

Onkel Otto war der Betriebsingenieur und mein Mentor. Ich sollte in seine Fußstapfen treten. Was auch sonst. Alternativen waren nicht bekannt. Ingenieur zu werden war machbar. Also ran. Zuerst die Fachschulreife, sie war eine der Eingangsvorrausetzung für das Studium. Angenehm war der Gedanke nicht, doch immer noch besser als Facharbeiter bleiben. Es heißt zwar: Doch schauen sollt ich weiter als ich greife - nur war der Spruch unbekannt und das Schauen begrenzt.  

Die Fachschule in der Kreisstadt war abends und eine bessere Alternative, als auf dem Feld arbeiten. Meist fuhr ich die 10 Km mit dem Fahrrad. Vater lieh mir das Goggomobil. Ich packte 7 junge Männer rein. Wir wollten die Pause nutzen, zum Marktplatz fahren, frische Luft in der Nase haben und den Mädchen nachschauen. Nach 9 Stunden im Betrieb und anschließendem Unterricht kamen solche Gelüste hoch. War das ein Spaß in dem übervollen Goggo!  Endlich mal was Anderes! Und dann passierte das Unmögliche. Ich bog auf dem Marktplatz mit der tief liegenden Blechbombe ein, hielt,  öffnete beide Türen und heraus quoll einer nach dem Anderen unter Gelächter und Geschrei. Plötzlich stand Vater neben mir mit entsetztem Blick, er, der nie abends in Biedenkopf war. Der Goggo war sein erstes Auto, er war nicht mehr Wind und Wetter ausgesetzt, musste nicht mehr Görike fahren, das kleine Motorrad. Und sein Sohn, dem er vertraut hatte, behandelte seine schwer erarbeitete Errungenschaft mit solcher Geringschätzung!. Vor Scham wurde ich ganz klein mit Hut. .

Es war langweilig mit all dem theoretischem und technischen Zeug, das da geballt unterrichtet wurde. Das Niveau zog an, blieb aber trocken und leblos. Den Pythagoras  hatte Onkel Otto schon erklärt, ich aber  hatte nicht verstanden, wo der praktische Nutzen liegt wenn a im Quadrat plus b im Quadrat gleich c im Quadrat ergibt. Jetzt gings ans Kräfteparallelogramm, an Jaul und Pi und Ohm, der ganze Schrott.

Cousin Manfred lernte von Schulbeginn an meiner Seite.  8 Klassen lang saßen wir nebeneinander. Wir hatten zusammen das Gymnasium erprobt, waren nach dem ersten Halbjahr zurückgekehrt in die Dorfschule wo wir hingehörten, hatten Dreher gelernt, er in einem modernen Betrieb, ich in einer Klitsche, gingen zusammen auf die Fachschule, wollten Ingenieur werden. Manfred war immer einen Tick fleißiger, cleverer, begriff die Technik besser, war fleißig und strebsam. Sonntags spielten wir Schach und hörten klassische Musik. Manchmal mussten wir auch spazieren gehen. Er war Vorbild für meine Eltern.

Freie Kurse gab es, die zogen mich an. Ich belegte Fotografie und später eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Bild-Zeitung beschäftigte. Das Lehrer-Ehepaar war anders als alle bisher bekannten Lehrer. Sie fragten, hörten zu, ließen Kleingruppen selbst arbeiten und sahen die Bild kritisch. Was für ein Ding! Die Zeitung, die zu meinem Alltag gehörte, soll lügen, manipulieren, einseitig orientieren? Aber die Meldungen, mit anderen Zeitungen, Pressemitteilungen, Quellen verglichen, zeigten es deutlich. Bild lügt. Manchmal. Eine Offenbarung. Die Sicht auf die bekannte Welt bekam einen Riss.

10.00 Uhr abends, der Fotokurs war zu Ende. Ich aber wollte nicht heim, wollte bei diesen Leuten bleiben, mit denen zu reden ein Vergnügen war, die auf meiner Wellenlänge funkten, die gleichen Interessen hatten. Pudelwohl fühlte ich mich in ihrer Mitte. Wie ein kleines Kind versteckte ich mich in einem Unterschrank und tat, als ob ich schliefe. Das Licht in der Dunkelkammer ging an, sie fanden mich und bemühten sich, den scheinbar schlafenden zu wecken. Liebevoll, freundschaftlich taten sie das, ach der Arme, muss jetzt noch 10 Km mit dem Fahrrad fahren.

Die freundlichen Lehrer luden Schüler zu sich nach Hause ein. Das gab es also auch, persönliche Kontakte mit oben Stehenden. Ich gehörte zu den Auserwählten, sie fragten nach: Was meinst du zu dem Problem? Und der junge Mann vom Dorf engagierte sich mit seinem bescheidenen Wissen, wollte dabei sein, gefragt werden, mehr erfahren.
Die erste Fahrt durch Berlin im Bus war wie ein Vorhang, der sich öffnete. Diese Stadt, die Größe, die vielen Menschen, Plakate, Bahnen und Busse, Strassen, Häuser, Monumente. Einiges kam bekannt vor, anderes war völlig fremd. Ich hupfte auf meinem Sitz herum und gab unsinnige Kommentare ab. Das ging einige Zeit gut, dann aber ermahnten mich die Lehrerfreunde und es gab einen Knacks. Sie hatten mich kritisiert! Ein Häufchen Unglück fuhr weiter durch die Stadt. Auch als sie sich später entschuldigten weil sie begriffen, dass es Überschwang gewesen war, ging das Schuldgefühl nicht weg. Nachts hauten wir ab in eine Disko. Eine Treppe tief hinab ging es, ein Eingang zu unbekannten Freuden. Musik wurde lauter, die Tür öffnete sich und da waren, Lichtexplosionen,  ohrenbetäubender Lärm, Rauch, Gewühle. Das war nicht das, was ich erwartet hatte. Sicher, da waren auch Frauen, aber sie tanzten in einem Menschenknäuel, einige standen herum, tranken und redeten. Wie sollte denn der unsichere Junge Mann mit Pickel da ran kommen? Nein, das traute ich mir nicht zu. Später gingen wir an Nachtlokalen vorbei mit halb-nackten Frauenbildern im Fenster, an Türstehern, die aufforderten, ein zu treten,  Prostituierte sahen wir in Eingängen stehen, das war eine Welt, die kennen zu lernen war. Meine Kollegen gingen weiter, ich musste mit.    

Meine große Liebe schon aus Schulzeiten begehrte ich von ferne. Sie hieß Thea, wohnte in der Nachbarschaft und wenn ihre Mutter sauer war, beugte sie sich um die Ecke und schrie Dorothea. Dann wussten alle Bescheid, denn sonst wurde sie Thea genannt. Die Mutter war aus Berlin in das Dorf verschlagen worden und eine schöne Frau. Der Vater, ein Schlawiner, der nicht ins Dorf passte, verzog sich zwei mal in die Fremdenlegion und entzog sich schlussendlich ganz der Familie.  Schon früh war Thea wohlproportioniert und in meinen Augen wunderschön. Ihr gepflegtes Deutsch hob sie heraus aus der Masse, die gerade mal Platt konnte und in der Volksschule Hochdeutsch lernte. Einmal habe ich mich getraut und meine Liebe gestanden. In ihrem Schulheft. Da war sie sauer.

Hildegard hieß die erste richtige Freundin. Nach dem Kino stand sie in der Gruppe der Freunde und ihrer Mädchen und ging mit mir in den Wald. Ich durfte immer noch nicht. Weder eine Freundin haben noch ins Kino gehen. Es war angenehm, mit ihr in der Kuhle zu liegen, zu küssen, zu schmusen. Meine Welt, ich hatte es gewusst. Eines Tages machte ich mich nach der Arbeit in der Küche fein, die Mädchen wollten kommen. Da hörte ich Mutter auf dem Hof schelten. Was fällt euch ein hier her zu kommen, macht euch fort. Als ich herausstürzte, fuhren sie auf ihren Fahrrädern weg. Aus Berlin zurück nach einer Woche voller Eindrücke und neuen Erfahrungen fand ich sie auf der Kirmes im Nachbardorf. Hildegard war abweisend, sie hatte einen anderen Freund. Wenn du so lange weg bist.  

Ungemein bildend wirkte die "twen". Die Zeitschrift war großformatig in einem ästhetischen Grafikdesign gestaltet, hatte Anfangs noch s/w, später Farbfotos von hervorragenden Fotografen, dazwischen immer wieder aparte Frauen wie Uschi Obermeier und Artikel von Hemingway, Faulkner von Philip Roth, Ben Shahn, Irving Penn, von Will McBride un Guy Bourdin - in "twen" publizierten nur die Besten. Inhaltlich ging es vor allem um Lifestyle-Themen wie Mode, Musik und Urlaub und um Sexualität und Partnerschaft. Sogar einen eigenen Modestil kreierte die Twen. Ich aber traute mich nicht, die lässigen Sachen zu bestellen, zu teuer und extravagant. Marylin Monroe lernte ich begehren, Henry Miller, Jeanne Moreau, interessante Filme faszinierten, Geschichten von Bars, Getränken, Tanzen, Flirten lockten. Joachim E. Berendt erklärte Jazz und die bemerkenswerte Schallplattenserie orientierte meinen Musikgeschmack. Eine Aufbruchstimmung sprang mich an, das da war sie, meine Welt.

Nachts las ich im Bett, manchmal bis weit nach Mitternacht. Dann waren die Augen rot am Morgen wenn die Mutter um 1/4 vor 6.00 weckte. Die Decke über den Kopf, um nicht durch den Lichtschein unter der Tür verraten zu werden, schmökerte ich durch die Welt. Das Buch über Brasilien hatte Bilder von Indianermädchen aus dem Urwald. Das also waren Frauenbrüste, die berühmten. Sie waren anders als vorgestellt, weniger aufregend, obwohl es spannend genug war, so ein Buch zu besitzen. Ein Missionar aus Brasilien war zu Besuch. Dem wollte ich imponieren. Aber die Bilder, die Bilder, ein Aufschrei würde das Haus wecken und ich wäre verloren. Auf Erden und im Himmel. Das Zeigen Wollen war stärker und so riss ich die Seiten mit den blanken Brüsten raus, zerschnippelte sie und führte mein Wissen vor. Der Missionar interessierte sich nicht sehr.    

Vater half, ein einfaches Fotolabor auf den Dachboden zu bauen. Wasser musste im Eimer hoch geschleppt werden und der Staub schlug sich auf die Fotopapiere. Mehr als Kontaktabzüge war nicht drin, ein Vergrößerungsgerät war zu teuer und auf dem Speicher war kein Anschluss für Elektrogeräte. Von den 6x6 Filmen meiner Kamera ließen sich kleine Bildchen machen. Mich faszinierte, wie aus dem Nichts im Entwickler langsam Umrisse und Bilder hervortraten. Der Sandsack zum Boxen, der auf dem Speicher von einem Balken hing, war Eigenproduktion und zu hart. Die Knöchel schwollen. Handschuhe waren nicht erschwinglich. Armin Hary war 1960 die 100 m als Erster in 10 Sekunden gelaufen und hatte im gleichen Jahr zwei Goldmedaillen gewonnen. Der war mein Vorbild. Mit dem Halbrennrad trainierte ich schon länger, nun fing ich an zu laufen, alleine, im Feld. Den Hang hinter Krauses hoch bis zum Wald, an dem lang, im hohen Bogen an der schrägen Waldwiese vorbei, dahinter Hang abwärts, über einen kleinen Hügel hinweg, hoch zum Kaiser Willhelmsplatz und zurück nach Hause. Auch im Winter lief ich die Strecke. Im Betrieb baute ich mir eigene Startblöcke, Onkel Otto half sogar. Und dann sah ich in der Kreisstadt in einem Schaufenster Spikes liegen. Sie waren billig, weil der eine Schuh durch das Sonnenlicht braun geworden war. Nun war ich stolzer Besitzer von Spikes. Was für ein Glück. Das Training brachte nicht viel. Beim Sportfest wurde ich siebter.

Das schönste Geschenk meiner Eltern war der Halbrenner, umgebaut aus einem Tourenrad, ausgestattet mit Rennlenkstange, Felgenbremse, Kettenschaltung und bunt angemalt. Im Windschatten des Omnibus die Landstraße nach Silberg hoch strampelte ich mir die Seele aus dem Leib um den Mädchen hinten im Bus zu imponieren. Zu selten sah eine raus. Am Berg hinter Silberg verlor ich den Bus. Nach Duisburg wollte ich, da wohnten Freunde der Familie, die es im Krieg nach Hommertshausen verschlagen hatte. Abends bekam ich richtig Zoff mit Vater und morgens um 5:00 zog ich los wie ein Abenteurer. 200 km wollte ich schaffen. Schon hinter Laasphe die Berge hoch kamen Bedenken. Vor Hagen hatte ich nur noch ein Pedal, das andere war ausgeschlagen, es war Samstag, keine Chance auf Reparatur. Da fuhr ich froh und glücklich die letzten 100 km mit der Bahn. Es gab Bücher mit Sex, ich durfte schmökern und sonntags zum Frühschoppen. Ein Bier und ein Schnaps genügten, den Tag wundersam werden zu lassen. Zu Hause hatte es einen Skandal gegeben. Der Nachbar liebte es zu lauschen, hatte den Streit mit Vater und meine frühe Abfahrt mitgekriegt und erzählte überall, ich wäre abgehauen.

Ein Gläschen Wein war erlaubt, trinken, gar saufen, streng verboten. Die Meute im Dorf hänselte mich. Trau dich mal was, komm mit, du Feigling, du bist kein Mann, ein Hampelmann eher. Sie hatten eine Party organisiert, die Eltern waren nicht zu Hause. Es gab Bier, Schnaps, Coca Cola und Rainer neben mir schüttete nach, komm, sei ein Mann. Musik war da, auch Mädchen saßen herum. Ich ließ mich nicht zwei Mal bitten und schluckte Schnaps und nach Luft. Dann drehte sich alles, ich war besoffen und hatte einen Fadenriss. Am nächsten Morgen gaben die Beine unter mir nach als ich aufstehen wollte, ich landete am Spiegel, rutsche daran herunter und sah ein mir unbekanntes Gesicht. Zur Arbeit musste ich. Tage später erzählten sie mir, was passiert war. Du bist umgefallen, wir haben versucht, dich die steile Treppe runter zu bringen, da bist du die ganzen Stufen abwärts  gepurzelt. Wieso hast du dir nichts getan? Wir haben dich in der Schubkarre gefahren, laufen war nicht mehr drin. Und zu Hause bist du auf allen Vieren die Treppe hoch. Wieso konntest du arbeiten? Ich hab lange keinen Schnaps mehr angefasst. Thea war dabei und hatte Angst um mich gehabt. Das gab Hoffnung.

Klaus war 6, Hanne 12 Jahre jünger. Der Abstand war zu groß um mit den Geschwistern zusammen was unternehmen zu können. Hanne wollte lernen wie ich, Klaus arbeiten. Und zwar Speis machen. Ansonsten stand er rum, hatte die Hände in der Tasche und rauchte spitze Stöckchen. Das wurde ihm eines Tages zum Verhängnis. Er lief den Hof hinunter, stolperte, fiel und stach sich den Stock in den Rachen. Was für eine Aufregung. Mutter kam hinten auf die kleine Görike, Klaus im Schoß. Im Nachbarort hat der Arzt den Jungen ohne Betäubung genäht. Samstags war unsere Aufgabe, den Hof zu kehren. Er oben, das kleinere Stück, ich unten. Klaus trödelt, ich wollte fertig werden. Denn nach dem Kehren kam nur noch Baden, dann war Feierabend für die Woche. Regelmäßig musste ich einen Großteil seines Bereichs mit kehren. Aber wenn es Speis zu machen gab, dann nahm er die Hände aus der Tasche und packte zu. Vater und Sohn arbeiteten freudig nebeneinander, ich versuchte zu verschwinden, wurde für das Wasser gebraucht und machte schweren Herzens mit.  Meine kleine Schwester war liebenswert, sie verehrte mich und ich beschützte sie. Erst später habe ich sie richtig kennen und lieben gelernt.

Sonntags spazieren gehen gehörte wie der Gottesdienst, das gute Mittagessen, Kaffee und Kuchen und Chorsingen abends zum festen Programm. Mir lief die Zeit davon. Was hätte ich nicht alles lesen und hören können in der Zeit. Aber ich musste neben den Eltern und Geschwister her traben und die Natur genießen. Ich hatte es versucht, wollte Waldläufer werden, Naturbursche, der im Freien zu Hause ist. Einen Hund wollte ich haben und mit ihm zusammen durch die Wälder streifen. Opa beschied knapp, du brauchst einen Hund, der deine Anschläge frisst, sonst keinen. Wahrscheinlich eine weise Entscheidung von Opa, denn ich fasste keinen Fuß im Wald. Sie war nichts für mich, die freie Natur. Aber jeden Sonntag musste ich wieder spazieren gehen. Das latente Unbehagen über mein Leben erreichte seinen Höhepunkt auf einem kleinen Hügel vor dem Dorf. Da war ich hoch geklettert, die anderen gingen weiter. Ich sah auf das Tal, das Dorf, die Enge, und eine Frage nahm Besitz von mir: Das soll es gewesen sein?

Die Reklame der privaten Technischen und Wissenschaftlichen Fachschule war interessant. Studium zum Techniker in 6 Monaten, zum Ingenieur in zwölf. Ein  verlockendes Angebot weil kürzer als die 6 Semester auf der Ingenieurschule. Onkel Otto prüfte und erklärte die Lehrinhalte für ausreichend. Meine Eltern hatten viel von meinem Lohn gespart - ich kam mit einem geringen Taschengeld aus - und mit einem Zuschuss von zu Hause konnte ich gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: keine Fachschule mehr, die ungeheuer lange Studienzeit ließ sich verkürzen und ich kam von zu Hause weg. Was für eine Aufregung. Statt nach Gießen gings nach Stockach am Bodensee. Vor der Abreise waren die Nachbarn zu verabschieden, ich sprang von Bordstein zu Bordstein, rutschte ab und hatte eine schlimme Verstauchung im Knöchel. Die Reise mit dick umwickelten Bein war wie eine Vorausschau auf die Technikerlaufbahn: immer etwas behindert. Auf dem Abschlusszeugnis war ich "TEWIFA.Ingenieur".

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