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Monday, 22. december 2008 1 22 /12 /Dez. /2008 17:41
Fährt man von Brückenau nach Westen
am Flüsschen Sinn entlang durch das Tal hört die Stadt auf. Plötzlich beginnt sie wieder. Erst kommt eine bayrische Kirche, dann kastenförmige Zweck- und Wohnbauten um unvermittelt den Blick frei zu geben auf ein Karree hochherrschaftlicher Gebäude quer im Tal. Die Alleen in der Mitte enden am Schloss, das an Sanssouci erinnern soll und ist eingerahmt von wuchtigen Gebäuden aus der klassizistischen und barocken Zeit. Das Grand Hotel gibt es dort ebenso wie einen griechischen Tempel, Kurhallen, Rundbauten, Pavillons, Lokale,  alles aus dem vorletzten Jahrhundert und noch früher gebaut. Ich seh sie, die Herren in Frack und Melone, die Damen in Krinoline und blumengeschmückten Hüten wie sie flanieren und sich den Mund fusselig reden über Ludwig und Lola. In der Tat haben sich beide hier kennen und lieben gelernt was nicht schwer war, denn Bad Brückenau war das Staatsbad von König LudwigII.   Heute stören moderne Autos und Telefonzellen das Bild und im Pavillon ist ein Friseur untergebracht.

Kurz bevor man zum Staatsbad kommt steht rechter Hand am Berg ein hoher Plattenbau-Komplex.  Es ist das
Regena, ein Privatsanatorium für begüterte Leute. So hässlich von außen, so gediegen wirkt es innen. Ruhige, braun-gelbe, rote und graue Töne dominieren und schaffen eine entspannt Atmosphäre. Die Möbel sind bequem, die Dekoration zurückhaltend. Auffallend nett ist das Personal. Viele Gäste sind öfters hier. Weihnachten ist kein Platz mehr in dieser Herberge. Gesundheit als Ersatzreligion? Oder fehlt die Familie? Das Haus wird bei einem Test an dritter Stelle in Deutschland geführt.

M hat mich gefahren

und ist mit Max weiter zu Toria nach Nürnberg. 7 Tage Power-Woche zum Sonderpreis. Enthalten sind: Essen, Hotel, Fittnesscheck und Cardioprogramm. Bewegung, Sport war schon bei meinen Behandlungen im "Hotel zur lockeren Schraube" das Zentrum der Therapie (schau mal hier: Hotel zur lockeren Schraube 1. Aufenthalt ). Abgeschlossen leben in einer Atmosphäre der Ruhe fördert bei mir die Regeneration. In der letzten Zeit waren die Nachwirkungen des Burn Outs wieder spürbar, hatten die Depressionen wieder zugenommen.
Viel Sport machen, ausruhen, entschlacken war mein Ziel. Gestrichen sind Alc, Tabak, Sex, Feste, auch der PC und der ganze Unsinn der mich aufregt.

Hinzu buchen

könnte ich aus einem Katalog von Therapieangeboten (Auszug): Entspannen und Regeneration, Abnehmen & gesunde Ernährung, Schmerz & Energietherapie, Entgiftung, Entsäuerung, Good Age (die meinen wohl, gut in die Age kommen) auch gegen Überlastung, Stress & Schlafprobleme gibt es Programme. Und Kneipp / Alternativmedizin wird angeboten, sogar chinesische Ärzte praktizieren traditionelle chinesische Medizin. Und dann freilich auch "Beauty Sinnesfreuden" für Damen & Herren. Jedes Päckchen, jede Therapie kostet extra. Sogar Frischzellentherapie soll es geben.  
Ich buche zusätzlich: Kraft Training, Massage, Ayurveda Gesichts- und Halsmassage und später verordnet mir der Arzt eine Phyto-Therapie gegen den Reizhusten.

Die Nutzung von Schwimmbad und Saunen ist frei für die Gäste.

Das Schwimmbad ist ein Traum in blau, sogar das Wasser ist wie das Meer in der Karibik. Und es rauscht wie im Wasserfall. Taucht man an einem Ende ein, strahlen 3 Sonnen am anderen Ende. Daneben und draußen ist ein Sole-Warmbad, das ist nichts für mich. Riecht nach faulen Eiern.

Die Therme nutze ich fast jeden Tag. 4000 qm Saunalandschaft im griechischen Stil, zurückhaltend und vornehm. Die finnische Sauna ist mit dorischen Säulen dekoriert, auf blau-weiß bemaltem (griechischen) Himmel schimmern ovale Richtreflexe des Saunaofens. Flötenmusik tröpfelt von der Decke. In der Dampfsauna sind die gemauerten, tiefen und bequemen Bänke mit blauen Mosaiksteinchen ausgelegt, aus einer Amphore quillt Dampf und am künstlichen Himmel leuchten elektrische Sterne in wechselnden Farben. Im achteckigen Geruchstempel sind vier Nischen eingelassen und blau weiß verkachelt. In der Mitte steht eine Amphore auf einer Säule, darüber hängt an Perlenschnüren eine Schale, gefüllt mit Blüten. In Abständen geht ein magisches Licht darüber an, aus der Amphore strömt heißer Rauch nach oben durch die Schale und füllt den Raum mit duftigem Dampf.  


Es gibt noch eine Sauna, mit 60 Grad fast kalt. An der Decke verschiedenfarbige Neonröhren die wechselweise klickend angehen. Ich weiß nicht, wozu das Ganze dient. In einem Schrank liegen Handtücher für jede Gelegenheit. Unter einem Stapel steht: für den Körper, darunter: für die Sauna, darunter: Bettlaken für die Liegen. Unter einem Stapel mit kleinen Handtüchern steht: Sitztücher. Für was die sind hab ich nicht rausgekriegt.


In einer Schale mit Eis werden verschiedene Sorten Wasser und Apfelschorle angeboten. Eine Dusche ist mit unterschiedlichen Gusstechniken ausgestattet, daneben gibt es eine mit Tropenregen und Duftdusche. Der Eingang wird von einem Becken eingenommen, in den ein gekippter (natürlich griechischer) Krug Eisstückchen ausspuckt. Damit soll man sich den Kopf kühlen. Das Dauerklicken wirkt beruhigend. Neben dem Schwimmbad ist ein Raum mit körperwarmen Steinliegen, einem Brunnen, der plätschert und Rauch erzeugt, ruhigem, indirektem Licht auf braun gemaserten Wänden und einer griechischen Büste. Da soll ich nach der Massage hingehen. Ich entspanne wohlig. Nur Brunnen und leichtes Rauschen der Klimaanlage sind zu hören.  


Einzig der Kamin im Ruheraum stört mir die Eleganz. Er brennt elektrisch. Trotzdem steht Feuerholz davor.


Der Body-Check

ist ernüchternd. In Ruhestellung Spitzenklasse mit einem Puls von 56 und Blutdruck 130/80. Da merkt man das jahrzehntelange Training, denke ich stolz. Aber dann, unter Belastung steigt der Blutdruck auf 210/80!!! Besorgniserregend.  Der Body-Mass-Index liegt bei 23 und das Körperfett bei 22. Der Computer wirft aus: Mittelmass, Befriedigend. OK, ich liege weit über dem Mittelwert aller gemessenen gleichaltrigen Patienten. Aber ich will immer exzellent sein. Immer. M kommentiert trocken: was meinst du eigentlich, was da rauskommen soll bei deinem Saufen, Rauchen und anderen Lastern? Immer die Laster.
Ich erhalte ein Programm für Fahrradergometer, verschiedene Geräte und Laufband. Das ersetze ich und laufe durch Wald, Stadtbad und Park zurück.

Wunderbar der erste Morgen. Die Sonne glitzert auf dem Schnee, ich trabe durch die Landschaft. Ein alter Mann ruft mir freundlich zu: schöner Tag. Da grüßt der andere ältere Mann zurück: wunderschön der Tag. Ich schaue in die Sonne und bin glücklich. Ach ja, wir alten Männer.


Meine Schultern und Rückenpartien sind hart wie ein Waschbrett und wenn die Masseurin knetend hindurchwalkt rattert es bis in meinen Bauch. Und ich hatte geglaubt, nur mein Hals sei etwas steif.


Ich liebe und kenne diese abgeschlossene Stimmung.
Im "Hotel zur lockeren Schraube" war es auch so (Geschichten stehen unter Tansania). Mein Ich kriecht in mich hinein. Soziale Kontakte werden minimiert, konzentriere mich auf Sport, lesen, lernen, Musik hören, schreiben. Liege zumeist im Bett. Das Seelchen ist stabil bei 6 auf einer Skala von 1 (fast Selbstmord) bis 10 (glückselig). Kaum Schwankungen, Höhen, Tiefen. Ich existiere. Keine Zeitung, keine Nachrichten, kein Rauch, kein Alkohol. Der Zustand ist gut für eine bestimmte Zeit. Dann will ich wieder Höhen und Tiefen. All das Zeug, das ungesunde.

9.00 Uhr Frühstück, danach 1 Std. Fitnessraum, zurück ins Bett, lese, schreibe, gehe zur Massage. 12.30 Mittagessen. Kaum zurück, liege ich wieder im Bett, lese weiter (die erste Hälfte des Tages in der Regel Studium, danach Belletristik). Schlafe. Laufe 1/2 Std durch Wald und Park. Zurück bin ich wieder im Bett. Gehirnjogging. Dann Autogenes Training. Abendessen. 8.00 Uhr Sauna und dann lese ich weiter, im Fernsehen kommt nichts. Mein Gehirn arbeitet dual. Parallel zum Lesen fallen mir Ansätze ein die unbedingt aufgeschrieben werden wollen.
Wohlig, das Gefühl des in sich Lebens, konzentriert um Kernaufgaben, die mir gut tun. Zu Hause dominieren die zu erledigenden Aufgaben, Zeit erscheint vergeudet und ist es nicht. Da ist das Einkaufen, das hier was Machen, da was Tun, hierhin Fahren, dahin Gehen. Druck überall. Notwendig scheint alles, sinnvoll manches. Eine Wand baut sich manchmal auf, die Vereinnahmung heißt. Anforderungen werden zu Belastungen. Das gehört zum Krankheitsbild.

Messias auf dem iPod. Händels wohltuende Musik strahlt direkt in mein Gehirn. Ich darf den Text nicht beachten: "Ein Mann der Schmerzen und umgeben von Qual". Wo bleibt der Mann der Liebe? Ach Jesus, was haben sie mit dir gemacht.


Die Speisekarte
vom Dienstag den 16. Dezember 2008
Mittagsbuffet: Gemüseeintopf mit Safran "Vegetarisch" oder Gebratenes Lammnüsschen in Zitronensoße "Mediterran" oder Geschmorte Schweineroulade in Specksoße  "Regional" oder Wockgeröstetes Fünffarbengemüse "Nach den 5 Elementen". Abends Kalt-warmes Buffet mit Meeresspezialitäten oder Bauernrösti mit Meeresfrüchteragout oder Ravioloni mit Pilzfüllung. Danach Käseauswahl und Dessertvariationen. Eine Frau vor mir schaut sich die Mousse ou Chocolat an, flüstert sich zu, eigentlich darf ich nicht und grapscht mit einem sicherstellenden Griff das Glas, weg ist sie. Richtig so! Diesen Köstlichkeiten sollte man nicht widerstehen.  

Lese

Einen Krimi von Ake Edwardson, Richard Kapuscinski: Afrikanisches Fieber und über die Erfindung und den Erfinder von Apple, Steve Wozniak. Manchmal noch mache ich mit Buddhismus weiter.
Edwardson  regt mich auf. Sein Kommissar Winter ist ein Männertyp, der es mir bis heute schwer macht, der zu sein der ich bin. Immer schon waren da die Vorbilder in den Büchern. Starke, verschlossene Männer. Tatkräftig. Auch mal zweifelnd. Aber irgendwann gingen sie ihren Weg geradeaus. Winter ist ein Frauenheld. Er will joggen, seinen Frust los werden. Es klingelt, eine seiner Frauen steht vor der Tür. Sofort schaltet er um, nimmt sie stürmisch in die Arme, drängt sie ins Schlafzimmer, vögelt sie schnell, heftig. Während er noch ihre wohlproportionierten Schenkel bestaunt klingelt das Telefon. Sie nimmt ab, übergibt, es ist sein Kollege aus London. Sie geht ins Bad, kommt angezogen zurück, winkt ihm freudig zu und verschwindet. Im Klappentext steht, es sei ein kritischer Roman über den Niedergang der schwedischen Sozialmodells, an Sjöwall-Walhö anknüpfend. Klingt eher nach Männerfantasien.

Richard Kapuscinski ist der fundierteste Afrika-Kenner, den ich bisher gelesen habe. Er war polnischer Journalist und hat vier Jahrzehnte den schwarzen Kontinent bereist. Seine Zeitung war arm, er lebte und reiste mit Afrikanern. Und übergibt tiefste Einblicke in die Kulturen, Konflikte und Ängste der Menschen, einfach und verständnisvoll beschrieben. Als Journalist jagte er Meldungen hinterher. Normalität ist keine Meldung. Hunger, Kriege, Völkermord, Revolution, Stammeskonflikte, Zauberei, Glaube sind seine Themen. Recht so! Deckt die Machenschaften des Unmenschlichen auf! Zu vielseitig sind sie, völkerübergreifend. Ihre Protagonisten agieren liebend gerne im Verborgenen. Deckt sie auf! Kapuscinski tut es. Die Seele Afrikas ist in dem Buch. Ehrenwert sein Versuch, afrikanische Denkart einsichtig zu machen als eine andere Welt und unterschiedlich zu unserer kalt-logischen aber ökonomisch erfolgreichen. Was mich stört weil zu selten durchschimmernd: das andere Afrika. Den Kontinent der lieben, strahlenden, menschlichen, ruhigen Menschen. Das Afrika, das ich so liebe. Einige Zeit später notiere ich: K macht mir Angst. Zu viel des Bösen. Immer nur Grauen und Leid. Und seine Ursachen, die von anderem Grauen und Leid zeugen.


Fertig mit iWaz. Steve Wozniak war der Erfinder der Apple I und II, der ersten wirklichen Personal Computer mit Einsatzmöglichkeiten (es hat schon vor ihm Kleincomputer gegeben aber entweder waren sie klotzig teuer für Spezialeinsätze oder sie waren Spielereien für Computer Freaks. Ein Genie, dieser Wozniak. Und Auslöser der wahrscheinlich größten industriellen Revolution. Die ganze Geschichte steht da drin.


Buddha lehrt, dass es im Leben nur eine einzige Gewissheit gibt, nämlich dass es enden wird. Der Gdanke gefällt uns nicht: wir geben uns Mühe, ihn zu vergessen indem wir uns nur auf das Leben vorbereiten. Eltern ihre Kinder, Institutionen sind für die Lebenden da, nicht für die Toten. Und die Religionen bieten tröstliches: vielleicht sterben wir doch nicht so richtig. Die Vorbereitung auf den Tod muss zu unserem Leben gehören. Wie wahr! Mir kommt es das Altern vor, als wenn ich in einen Trichter geraten sei dessen glatten Wände abwärts führen. Vergebens strecke ich mich nach einem Halt und kann doch höchstens manchmal bremsen.


Die Klientel

Sehr gesundheitsbewusst und überdurchschnittlich schlank. Einige davon sehr alt. Gedeckte Farben beherrschen die Mode, braun in braun und grau in grau, Männlein und Weiblein. Die Frauen sind mit praktischen Haarfrisuren ausgestattet, zwei ältere Damen haben sogar Stoppelhaar. Nichts für mein Auge.
Eine alte Frau erzählt. Sie kommt mit ihrem Mann schon lange Zeit regelmäßig. Im Sommer 4 Wochen, im Winter 3 Wochen. Ihr Mann ist im Frühjahr gestorben. Sie fühl sich hier zu Hause und bleibt in der Tradition. So was ähnliches wünsche im mir auch. Allemal besser als Mallorca. Mit einem Klick, sagt Frau W., habe der Therapeut ihre Allergien ausgeschaltet. Jetzt kann sie wieder ganze Tafeln Schokolade essen. Sie wird ihn fragen, ob er die Schoko-Antipathie nicht wieder zurück klicken kann. Heute hat der Arzt ihren Körper befragt nach der Reaktion des ausgestreckten Arms. Er behandelt mit Laser. Kostet 82,- Euro. Es hilft ihr. Mindestens 50% aller Heilkunst beruht auf Glauben. Weltweit. Ich glaube ihr.

Tischsitten

Frau W schafft es, mit Messer und Gabel Butter auf ihr Brötchen aufzubringen. Danach werden Messer und Gabel verwendet, um säuberlich und akkurat das Brötchen mit Käsestückchen zu belegen. Gekrönt wird das Ganze mit einem Viertelchen Obst, ebenso gekonnt mit Besteck entschalt, entkernt und aufgelegt. Das soll mal ein Chinese nachmachen! Übertrieben finde ich die Kunst der Besteck-Handhabung, wenn auch Spaghetti mit Messer und Gabel zugeführt werden. Ich falle auf. Habe keine Scheu, die Nahrung mit den Händen zu berühren, liebe es, mich auch am Geruch zu laben, esse wenn es geht mit der Gabel in der einen und Brot in der anderen Hand. Das habe ich von den Italienern und den Afrikanern und den Südamerikanern. Unsere Tischsitten sind nicht allgemein gültig.
Immer, wenn es um die Kunst geht, mit Messer und Gabel zu essen, fällt mir eine Geschichte ein. Es war auf einem Flug von Rio nach Lima. Der Flug ging weiter über San Franzisko nach Tokyo. Die Mehrheit der Passagiere waren Japaner. Es gab Fleisch, die erste Etappe war ein Inner-Kontinentalflug. Auf dem Tisch waren Besteck und Stäbchen ausgelegt. Einige nahmen das Fleisch mit den Stäbchen auf und knabberten an den Rändern herum. Ein paar Japaner trauten sich, Messer und Gabel zu benutzen. Es sah nach Selbstverstümmelung aus. Mir wurde klar, dass es eine hohe Kulturleistung ist, die langer Trainingszeit bedarf, um elegant und wirkungsvoll Messer und Gabel zu benutzen.

Ayurveda

Mittwoch, den 17.12.08. Bin völlig k.o. Habe mir Hals und Kopf indisch massieren lassen. Irre, wenn warmes Öl auf die Haare fließt und verteilt wird. Im Gesicht werden sanft aber bestimmt Nervenenden gedrückt. Das soll ruhig stellen. Ich will nur noch schlafen. Und stehe neben mir. Ayurveda, erfahre ich, ist eine ganzheitliche Heilkunde, in die essen, leben, Meditation genauso eingeschlossen sind wie Massage. Die Abendländer-Menschen haben sich das Angenehme rausgepickt.

Ich werde krank

Kriege einen Reizhusten und fiebere Nachts das Bett nass. Der Arzt ist schon zu Hause als ich mich melde. Er verschreibt telefonisch und eine halbe Stunde später habe ich Hustentropfen. Am nächsten Morgen soll ich mich bei ihm melden. Da werde ich eingereiht in die Alternativ-Medizin und kriege selbst gemixte Elixiere zur Stärkung der Abwehrkräfte. Ob sie geholfen haben weiß ich nicht. Denn die Arznei aus der Apotheke nehme ich weiter.

Dann ist die Woche rum und M kommt zur Tür rein.
Mein Herz geht auf und die Sonne strahlt. Was für ein wunderschöner, farbiger und freundlicher Anblick, diese Frau! Nach all den grauen Mäusen.



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Friday, 12. december 2008 5 12 /12 /Dez. /2008 14:19
Max trabt leichtfüßig und elegant neben mir her. Er hat die Ohren angelegt, der Schwanz ist hoch aufgerichtet und sein Halstuch lässt ihn verwegen aussehen. Manchmal dreht er mir seinen Kopf zu und schaut, ob ich auch mitkomme. Morgen fährt er mit M nach Nürnberg zu Toria. In der Rhön setzen sie mich ab, eine Woche will ich eine kleine Kur machen. Die Stimmungsschwankungen nehmen in der letzten Zeit wieder zu.
Nebeneffekte: Die Adresse des Hauses habe ich von einem Leser meiner Burn Out Geschichte.

Den PC nehme ich nicht mit. Das soll eine Woche des Rückzuges werden. Nicht saufen, huren, kiffen, schlemmen und was es noch alles für schöne Sachen gibt. Nein, mit viel Ruhe, lesen, Sport, Übungen, Anwendungen.

Es wird also in meinem Blog Funkstille herrschen. Aber danach kommen weitere Geschichten aus anderen Welten.
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Tuesday, 9. december 2008 2 09 /12 /Dez. /2008 16:49
Es fing im Monat April 1996 in Rio an.

Der Ameisenumzug
Also, was ich da neulich erlebt habe, das war toll. Ich sitz im Bad auf dem Klo, guck so auf den Rand vom Waschbecken und trau meinen Augen nicht. Kommt doch aus so´nem kleinen Loch der Chef von den Ameisen, die bei uns wohnen. Doch, doch, wir haben richtige Hausameisen. Und die sind sehr praktisch. Wenn wir Baratas – Kakerlaken abends erschlagen müssen, weil sie wieder wie wild durch die Gegend sausen, dann sind in Nullkommanix die freundlichen Ameisen da und hastdunichtgesehen haben sie das Viech huckepack und schleppen es ab. Also, kommt da der Chef raus, schaut sich so um, übersieht mich großzügig (ich mag sie ja auch und bin ihr Freund) und dann seh ich, wie er sich rumdreht und was in´s Loch ruft. Schon kommen die jungen Kerls raus, die als Kundschafter arbeiten. Und schon sind sie die Wand runter, wieseln übern Boden, machen eine kleine Konferenz und dann laufen einige von denen zurück, die Wand hoch und erstatten Bericht. Ich seh noch, wie der Chef nickt, dann dreht er sich um und was glaubt Ihr, was er jetzt macht: er pfeift. Richtig, er pfeift auf seinen Vorderpfoten. Also, ich konnts ja nicht genau hören, aber ausgesehen hat es genauso. Und dann gehts los. Mit Sack und Pack und Kind und Kegel kommt der ganze Verein aus dem Loch raus und runter die Wand. Eine Ameise hinter der anderen. Das hat gedauert, das waren vielleicht viele. Unten waren die ersten schon unter der Tür durch, immer hinter den Kundschaftern her. Ich bin aufgestanden und hinterher. Das wollt ich doch genauer sehen. Aber die waren ja so klein. Da hab ich meine Lupe geholt. Und wirklich! Die hatten den ganzen Hausrat dabei! Und auch noch die Eier von der Aufzucht- und Nachwuchsabteilung! Die haben sie schön vorsichtig über den Kopf gehalten und ab gings immer in einer Reihe. Vorne waren schon die ersten im Wohnzimmer unter dem Tisch durch und rechts bei den Pflanzen angelangt. Und als ich ins Bad kam, sind gerade die letzten aus dem Loch gekommen. Es war eine lange Reihe von meinen Freunden, den Hausameisen, die zogen mit Kind und Kegel um. Und dann sind sie am Fenster in ein anderes Loch eingezogen. Und dann hat es noch etwas gedauert und die Reihe wurde kürzer und kürzer und dann waren sie in der neuen Wohnung und nichts mehr zu sehen. Ja, hab ich mir gedacht, das siehst du alter Knacker aber auch zum ersten Mal in deinem Leben. Und vielleicht nie wieder. Es war ein denkwürdiger Tag. Mein Ameisenumzugstag.

So, jetzt geh ich ins Bett. Hab zu viel gegessen, mein Bauch kneift so. Was macht Ihr denn in so einem Fall?

Bis bald, Euer Willibald aus Rio

1 Woche später

Mir ist da noch was eingefallen was ich vergessen hatte zu schreiben vom Ameisenumzug. Da war nämlich so eine nette kleine Ameise, so im Ameisenvorschulalter. Die schleppte da was über dem Kopf durch die Gegend, das konnte ich nicht genau erkennen. Ich also mit dem Vergrößerungsglas ran und was glaubt Ihr, was die da hatte? Ihr glaubt's mir ja nicht, wenn ich Euch das erzähl. Die hatte nämlich ihren kleinen Teddybären mitgenommen! Wirklich. Jetzt weiß ich auch, wo der Name *Ameisenbär* herkommt.

Ganz viel Tage, so ungefähr 14 später

Ja ja, der Ameisenbär. Ich mein, so was kriegt man ja auch nicht alle Tage zu sehen. Hübsch war der kleine Kerl. Wirklich. So mit Pausbäckchen und Außen aufgerauht. Das sollte wohl das Zottelfell sein. Und der kleine Ameisenjunge, der ihn schleppte, der hatte vielleicht sein Schaff! Der war ja nun schwer für ihn und da mußte er immer so Trippelschritte machen, damit er in der Reihe blieb. Immer 2 normale Schritte und dann wieder 2 schnelle Trippler. Der war richtig stolz auf sein Bärchen, das konnte man sehen. Ob der den zum Geburtstag gekriegt hat?

Wieder eine Zeit später

Die Ameisenmusikkapelle
Also, das mit dem Ameisenbär das ist so: Ganz genau konnt ich ja nicht sehen, was sie machten. War halt so klein. Hab zwar meine Lupe genommen, aber auch das hat nicht gereicht. Das sah aber so aus, so bärenhaft, was der Kleine Ameisenjunge auf dem Rücken hatte. Da hab ich mir vorgestellt, es sei ein Bär. Ich meine, man guckt ja auch manchmal aus dem Fenster und denkt, das wär ein Pferd da, was man sieht und dann ist es nur ein Euch kann ich ja reden Fahrrad. Nur weil man gerne mal ein Pferd gesehen hätte, kapiert? Gut. Mit, die anderen, die lachen mich aus, wenn ich ihnen so was erzähle.

Da gibt's nämlich noch was, was ich meinte, gesehen zu haben. Ganz vorne, nach den Kriegern und den Kundschaftern, da war doch so eine Gruppe, die ging nicht hintereinander her wie die anderen Ameisen. Nee, die ging so ein bisschen nebeneinander, nicht ganz in der Reihe, nein, nein, war schon etwas durcheinander, aber die marschierten zusammen. Auch das hab ich mir durch meine Lupe genauer angeschaut. Also, ich bin mir nicht so sicher, hören konnt ich ja nix, aber ich denk, das war denen ihre Musikkapelle. Auf jedem Marsch hatt man heutzutage sowas, wenn's geordnet zugeht. Vorneweg marschierte ein Kerl, der streckte sein ein Bein immer in die Luft und wackelte damit. Der hat den Takt geschlagen! Und dann waren welche, so dicke olle, die haben sich mit ihren beiden Vorderbeinen immer auf die Brust gekloppt. Das waren die Trommler. Und dann waren da welche, die haben sich mit einem Bein über das andere gestrichen, kam mir so vor wie bei den Grillen. Und dann noch ganz schlanke Ameisen, die sind sich mit einem Bein immer über den Rücken gefahren. Fideler? Was meint Ihr. Und hinter der ganzen Gruppe so ein paar ganz kleine Ameisenkinder, die haben so komisch herumgetollt. So als wenn sie wumtata wumtata nach der Musik machen und alles nicht ganz so ernst nehmen. Also, das war schon was!

Kurz vor Weihnachten

Die Weihnachtsbaumblattschneiderameise
Meine Ameisen waren verschwunden. Da irgendwo unter den Blumen am Fenster in einem Loch. Hatte lange Zeit nix mehr von ihnen gesehen. Neulich lieg ich in der Hängematte und sinnier so vor mich hin. Und da seh ich doch, wie aus diesem Loch 2 Späherameisen rauskommen. Ihr müßt wissen, die sind viel größer als die Arbeitsameisen, diese Späher und Kriegerameisen. Bis zu 200 mal größer können die werden als die ganz einfachen Ameisen. Also, die sind jetzt nicht so groß wie kleine Tiere aber doch für die Ameisenfamilie große Wummer. Na ja, hinter den beiden kam eine, die sah mir aus wie der Chef. Bißchen würdiger war der. Und die beiden Späher, die wieselten auch so rum und die Chefameise, die offenbar Sachen zu denen gesagt hat. Ich konnt es natürlich nicht hören, ist doch ganz klar. Und außerdem haben Ameisen ja auch keine Sprache. Die reden aber wirklich miteinander. Nee, die riechen miteinander und können sich so was sagen. Wenigsten hatte ich den Eindruck, der sagt denen, Jungens, jetzt paßt mal auf wo ihr hingeht, nix mit Kneipe und so und kommt gut wieder heim. Also, die beiden auf die Jück. Geradewegs auf unser Fenster zu, die Wand rauf und schon hatten sie einen Spalt gefunden und waren draußen. Na, denk ich noch, wo wollen denn die so eilig hin. Ist doch gefährlich da draußen. Eine Ameise allein in Rio, was da nicht alles passieren kann. Und dann bin ich eingeschlafen. Genau eine halbe Stunde später wach ich wieder auf. Und weil ich so schräg in der Hängematte lag, guck ich genau auf den Boden. Und denk, ich seh nicht recht. Ich auf, nach meiner Lupe gelaufen. Da waren die beiden zurück und hatten eine riesige Ameise bei sich. Also wirklich, die Hausameise ist ja nicht so groß. Aber die, die da jetzt vor dem Loch steht, die war gaanz irre groß. Die Chefameise guckte mit dem Oberkörper aus dem Loch, na ja, offenbar haben die sich was berochen-besprochen. Dann ist ein ganzer Trupp ab und in unseren Nadelbaum rein. In den, den wir letztes Jahr als Weihnachtsbaum benutzt haben. Und auf einmal wußte ich, was die große Ameise war: eine Blattschneiderameise! Die hatten die extra geholt, sie arbeitet draußen an den Palmen. Dann ist der ganze Trupp an den Ästen entlang, haben mal hier geguckt, mal da geschaut, mal höher und mal tiefer. Und dann hat die Blattschneiderameise ein schönes kleines Ästchen einfach abgesägt. So wie ein kleiner Finger so lang. Und die anderen haben das Ästchen auf den Rücken genommen und ab ging`s, den Baum runter. Und schnurstracks Richtung Höhle. Und da haben sie dann das Ästchen durch die Öffnung gezerrt und dann war wieder Ruhe. Und ich wußte, die feiern jetzt Weihnachten mit ihrem kleinen Bäumchen. Da hab ich denn da in meiner Hängematte gelegen, mir einen geschmunzelt und gedacht, was es nicht alles gibt im Leben!

(von Marianne)

Sie haben auch die Schublade gefunden haben, wo ich immer die Plätzchen verstecke. Ja, und zu einer richtigen Weihnachtsfeier gehören nun mal Plätzchen. Und die haben sie fein säuberlich in Plätzchen-Puzzles (Krümel) zerlegt und nach Hause in ihren Bau getragen. Da sitzen sie jetzt drin, und nur ab und zu kommt noch mal einer von ihnen raus und guckt, ob es schneit. Na, wie Ihr wißt, können sie da lange warten! Wir können ihnen ja mal ein paar Cocosstreusel hinpusten, damit sie einen Schneesturm haben.

 

(Jetzt wieder ich): Penedo

Nach Weihnachten sind wir nach Penedo gefahren, das liegt, wenn wir rechterhand bei uns abfahren den Copacabana-Strand entlang, dann immer weiter Richtung Südpol bis fast nach Sao Paulo und da ab in die Berge. Da haben Finnen gesiedelt. Da gibt’s eine bißchen andere Weihnachtsstimmung. Mit Sauna und Mistelzweigen.

Die Geschichte von den Blattschneiderameisen in Penedo
Das kann doch nicht wahr sein, hab ich noch gedacht. Wie kommt der denn hier hin. Den kenn ich doch aus Rio, diesen Ameisenkerl. Das war doch der, der den Weihnachtsbaum für meine Hausameisen abgemacht hat. Ich war ganz sicher. Der muß aber ganz schön gelaufen sein, wir hatten mit dem Auto 2 Stunden gebraucht. Nun ja, nun traf ich ihn in Penedo wieder. Gut, gut, ich geb's ja zu, ich kann mich auch getäuscht haben, aber er sah genau so aus, wie er da am Straßenrand hochmarschierte. Also, das kam so: wir waren spazierengegangen. Ja, ja, ich auch. Geh ja nicht so gerne spazieren, aber da in Penedo, da war's so richtig urwaldlich. Alles voll mit allen möglichen Pflanzen und Bäumen, die haben vor sich hin gewuchert. Ganz schön mächtig manchmal. Und bunt, meine Güte wie bunt. Blau und gelb und rot und natürlich 35 Sorten von grün. Ich hab so geguckt und da war er, mein Blattschneiderameiserich. Also, hab ich gedacht, da schauste doch mal, wo der jetzt hinwill. Vielleicht noch ´n Weihnachtsbaum abmachen? Und wie wir so den Weg hochwandern, er ganz am Rand, ich ein wenig daneben, da kommen plötzlich weitere Kollegen von dem aus den Büschen und ganz langsam immer mehr und die wandern hintereinander her und da kommen auch schon welche von vorne und da war das eine Blattschneiderameisenstraße. Nur, die von vorne kamen, die hatten was geladen. Auf dem Rücken trugen die kleine Blätter. Manche bisschen größer, manche kleiner. Die mit den größeren Blättern, die sind sogar manchmal umgefallen weil das Blatt so schwer war. Dann kamen sofort andere an und haben geholfen. Aber nur beim Aufstehen. Laufen mußte die mit ihrer Last alleine. Man hat richtig gesehen, wie sie geschwitzt haben. Nu, hab ich gedacht, wo holen denn die die Blätter her. Also, es waren keine ganzen Blätter, nein, nur Teile, kleine Teile davon. Und dann hab ich's gesehen! Die waren an einem klitzekleinen Bäumchen. Einem gerade neu geborenen Mangobäumchen. Hunderte von Blattschneiderameisen auf der Straße hoch und runter. Und die meisten Blätter schon ab. Und dann hab sie mir gezeigt, wie sie das machen. Auf so einem Blatt wuseln so 20 bis 50 kleine Schneideameisen rum. Sie sitzen am Rand und wißt Ihr, was die machen? Die machen Löcher. So welche wie im Klopapier. Halbrund am Blattrand entlang. Und dann kommt die Trägerblattschneiderameise und die setzt sich halb auf das ausgestanzte Blättchen, halb auf den Rand und bohrt fertig und dann wippt sie das Teil mal hin und mal her und schwupp hat sie es huckepack. Und ab damit. Hunderte sind das die da dauernd kleine Teilchen vom Blatt davonschleppen. Immerzu. Man kann richtig zusehen, wie das Blatt kleiner wird. Und das passiert auf jedem Blatt. Also nee, die haben das kleine Bäumchen richtig abgeerntet. Ich hab ihnen gut zugeredet, ich hab geschimpft, die wollten nicht aufhören. Die haben die kleinen Blattteilchen auf der Straße runtergeschleppt, eine hinter der anderen her und ab ging die Post, Richtung Bau, wo sie wohnen. Und da verschwand ein Blättchen nach dem anderen im Loch.

Nun ja, was machen die denn damit? Also, ich hab meinen Freund gefragt, den, der in Rio war und den Weihnachtsbaum abgemacht hat. Und der hat mir folgendes erzählt: in der großen Höhle da unter dem Loch, da haben sie einen Garten angelegt. Und da tragen sie die Blätter hin und schichten sie aufeinander. So wie ein Silo, wo die Bauern das Gras in einem Turm aufeinanderschichten. Und dann fängt das an zu faulen. Und da drauf wachsen kleine Pilze. Und die Pilze, die brauchen sie als Nahrung. Weil die essen sie gerne. Und besonders ihre kleinen Blattschneiderameisenkinder, die lieben geradezu diese Speise und werden dann groß. So etwa hab ich ihn verstanden, meinen Freund. Ich mein, wenn das so ist, dann brauchen sie ja die Blätter. Und wirklich haben sie auch nur diesen einen Baum geerntet. Drumherum nix. Na ja, wir Menschen machen das ja auch so. Wir ernten und leben davon. Tja, das war die Geschichte von den Blattscheideameisen. Gute Nacht, ich fahr jetzt nach Bolivien. Bestimmt kommt mein Freund nicht bis dahin. Ob er's wirklich war?

Das war die Geschichte aus Penedo von eurem Ameisenonkel Reinhold

(Viel später wieder in Rio)

Mangomeisen
Gerade gab´s Bratkartoffeln mit eingelegtem Fisch! Ach du liebe Güte, wie hab ich gef...uttert. Bratkartoffel, was gibt's Besseres als Bratkartoffeln. Na ja, Hähnchen in Schokoladensoße und eingelegter Hering und ... na ja, aber Bratkartoffeln, mmmmm.

Ich komm aus der Küche. Da um die Ecke, wo der Abfalleimer steht. Sie sind wieder da, unsere Freunde. Also, jetzt haben sie ja ein Ding entdeckt, das ist einzigartig. Wie Zirkus! Das müßtet Ihr sehen. Aber der Reihe nach. Das geht so. Sie haben ein Informationssystem. Ich hab mir das mal genauer angesehen. Wenn wir Mangoschalen und Kerne in den Eimer werfen, dann steht so ein kleiner Ameiserichkerl da, ich will ja nicht sagen mit Schlapphut, wie ein Detektiv, aber an so einen erinnert er mich. Der linst immer um die Ecken. Und wenn dann was kommt, tja, was macht er dann. Er stellt sich auf seine Hinterbeine und fummelt vor seinem Gesicht rum mit den Vorderbeinen. Ich hab mir gedacht, der pfeift. Der pfeift den berühmten Ameisenpfiff! Mit seinen 2 Pfoten zwischen den Zähnen. Das muß ganz schön grell sein, weil wie der Blitz ist die Bande da. Und dann kannst du was erleben. Dann wuselt und wieselt und suselt und zieselt es den Abfalleimer rauf. Gar nicht wie sonst, wo sie doch immer so diszipliniert hintereinander her laufen. Ist klar, kann ich auch verstehen, der erste kriegt natürlich das Beste. Und wenn sie dann oben am Rand sind, meine Güte, als ich dass das erste Mal gesehen hab, ich hab gedacht, ich hol mich nicht ein vor lachen. Der Abfallkorb ist ja meist voll, haben Abfallkörbe so an sich. Oder habt Ihr schon mal einen leeren gesehen? Ja, ja, wenn der Papa den gerade ausgeleert hat und ihn zurückbringt. Dann schon. Aber danach, wutsch, ist er doch mindestens halbvoll. Unserer auch. Halb oder dreiviertel voll. Und dann kommen unsere Freunde oben an. Die kräftigsten zuerst. Und das scheinen auch die mutigsten zu sein. Und dann stellen sie sich auf - und hast du nicht gesehen, mit einem Köpper rein ins Vergnügen. Abfall ist meistens weich, nicht. Da tauchen sie dann ein in die Schalen und Kerne von den Mangos. Und dann geht ein Knabbern und Schleckern los. Aber glaubt ja nicht, daß sie alles nur für sich behalten. Sie nehmen immer Stückchen ins Maul und ab zurück. Das ist bestimmt für die Oma und die Tanten und auch natürlich für die Königin, die muß ja zu Hause bleiben und den Nachwuchs großziehen. Aber zurück zu dem Zirkus. Die ganz mutigen, die springen, wie gesagt, mit'm Köpper rein. Und dann kommen die Kleineren. Unser Korb geht vom Rand schräg nach innen rein. Das nutzen die Kleineren aus und rutschen runter. Wirklich. Ich sag's Euch. Setzten sich auf den Hintern und rutschen bis zu den Mangoschalen. Ich kann's zwar nicht hören, aber ich bin sicher, sie kichern das Ameisenkichern vor lauter Vergnügen. Erst rutschen und dann Mangos. Das ist ja auch was. Die anderen, die steigen ganz normal ab, so wie sich das für Ameisen gehört. Ich glaub, sie haben uns ganz gern. Denn manchmal holen sie von der Anrichte die Reste, ratzeputz. Sie helfen uns saubermachen. Und die toten Barata-Kakerlaken, die sowieso. Wo ich die doch nicht leiden kann. Das wissen die. Und räumen sie weg.

Ja, das war die Geschichte von den Mangos und den Ameisen.

(wieder später, unterwegs)

Der Zeitungsschneider
Wir waren mal wieder unterwegs, Richtung Mottas. Also, Mottas, das liegt von Rio aus wenn man vom Strand guckt, so halb rechts 3 Stunden. Da geht's in die Berge. Erst ist es noch flach wie ein Teppich und auf einmal schlängelt sich die Straße an ganz glatten, steilen Felsen hoch. Meine Güte, da sind Felsen dabei! Wie Türme von hohen Kirchen. Der eine heißt auch so: dedo de Deus, Gottes Finger. Und wenn man ziemlich oben ist, dann geht's rechts und nach ner halben Stunde wieder links und dann ist man auf einem Schotterweg. Das ist natürlich eine richtige und wichtige Straße, kein Weg so zwischen den Wiesen. Ja, und die Straße muß man genau 30 Km weit fahren. Ganz genau. Dann links rein, ein bißchen den Abhang runter und noch mal 7 Km bis zum Ende von Tal. Da ist dann Mottas. Und da hat unser Freund Alfredo sein Landhaus. Und da hat er auch eine Vorschule und eine Werkstatt gebaut, wo die Kinder was lernen können. So weit draußen da am Ende der Welt, da gibt's sonst nicht viel.

Also, da lag ich denn vor dem Haus von meinem Freund Alfredo auf dem Rasen und hab so den Wolken zugeschaut. Nee, eigentlich hab ich auf den Apfelsinenbaum geschaut und mich gefragt, wer mir denn jetzt ne Apfelsine bringen könnte. In dem Moment kitzelt mich jemand an der Hand!

Ich bin vielleicht erschrocken. Und trau meinen Augen nicht. Steht doch da mein Freund, der Blattschneider. Ich kann's bis heute nicht fassen. Erst haben wir uns in Rio getroffen, als er den Weihnachtsbaum für meine Hausameisen abgemacht hat, dann in Penedo, da wo die Finnen mit ihren Saunen wohnen und jetzt hier. Ich mein, das sind ja weite Wege! Oder, ob es doch nicht derselbe ist? Man kennt sich ja nicht so aus bei den kleinen Kerlen. Wenigstens, der kannte mich. Ob die so ein Informationssystem haben, sowas wie Ameisen-Internet? Oder Rauchsignale? Ich hab gesehen, sie tippen sich immer mit ihren Fühlern an, vielleicht reichen sie damit ihre Nachrichten weiter? Wie auch immer, da war er, mein kleiner Freund. Und hinter ihm eine ganze Reihe seiner Brüder und Schwestern. Und alle hatten über dem Kopf ein Schnitzelchen, ein Stückchen - aber diesmal war es nicht von einem Blatt wie sie's normal tragen. Nee, diesmal sah's aus wie was Geschriebenes. Na, denk ich noch, schau an, jetzt gehen die auch schon in die Schule und lernen lesen und schreiben, potzderblitz! Da macht mein Freund so Bewegungen mit seinen Vorderbeinen und schon schert die Reihe aus und verteilt sich im Gras. Hier einer hin, da einer hin, die wußten ganz genau, wo sie hin mußten, um ihre Schnippelchen fallenzulassen. Also, Ihr glaubt mir´s nicht. Nehm ich Euch ja auch nicht für übel. Wenn ich's selbst nicht gesehen hätte, tät ich's ja auch nicht glauben. Langsam, ganz langsam setzt sich da vor mir doch die erste Seite der Mottaer Sonntagszeitung zusammen! Weil Motta so klein ist, hat die Zeitung nur ein Blatt. Und das hatten die doch meinem Freund Alfredo vom Tisch geklaut, säuberlich zerschnitten in kleine Dreiecke und mir gebracht. Ich war ganz gerührt. Obwohl, lesen konnte ich nichts mehr. Und dann kam auch noch der Wind und hat die meisten Schnippsel weggetragen. Und meine Freunde standen dabei und haben ungläubig den Resten ihrer Arbeit nachgeschaut. Ich konnte genau sehen, was sie dachten: ach, hätten wir's doch nur unserer Königin gebracht. Die hätte anders auf unsere Arbeit aufgepaßt.

Ich hab sie gerne, die kleinen Freunde. Wirklich. Und am nächsten Tag haben sie Zeitungsschnippel in das Loch, dort, wo sie wohnten, reingetragen. Wahrscheinlich liest ihre Königin die neuesten Nachrichten.

Und das, meine Freunde, war die Geschichte von den Blattschneiderameisen in Rio und Umgebung.

Nun sind wir schon einige Zeit zurück in Bogotá.

Ich glaube, so weit kann mein Freund nicht laufen. Wenigstens habe ich ihn noch nie entdeckt. Aber ein wenig Heimweh nach ihm und seiner großen Familie hab ich schon.

Ameisenbär
Mir ist da noch was eingefallen was ich vergessen hatte zu schreiben vom Ameisenumzug. Da war nämlich so eine nette kleine Ameise, so im Ameisenvorschulalter. Die schleppte da was über dem Kopf durch die Gegend, das konnte ich nicht genau erkennen. Ich also mit dem Vergrößerungsglas ran und was glaubt Ihr, was die da hatte. Ihr glaubt's mir ja nicht, wenn ich Euch das erzähl. Die hatte nämlich ihren kleinen Teddybären mitgenommen! Wirklich. Jetzt weiß ich auch, wo der Name *Ameisenbär* herkommt.
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Friday, 5. december 2008 5 05 /12 /Dez. /2008 14:47
Hier ist ein Bericht über unsere Reise in Brasilien, durch den Norden und über den Amazonas. Es ist kein wissenschaftlicher Bericht. Er ist geschrieben im Gedanken an Euch und was ich gerne erzählen würde. Ich habe aufgeschrieben, was und wie ich es sehe. Und was mir dabei noch so im Kopf rum geht.

Am Donnerstag, den 24. April 1997 sind wir von Bogotá abgeflogen und am 25. April um 7.40 Uhr in Rio gelandet. Von Freitag bis Dienstag Rio. Liebe Leute getroffen, alles zu schön. Jemand sagt, alles ist voller Staus hier. Marianne sagt, es gibt keinen schöneren Stau als den auf der Avenida Atlântica mit dem Strand und den attraktiven Menschen.

Dienstag um 15.30 Uhr Flug nach São Luis.

Um Mitternacht kommen wir an. 27 Grad, hat der Pilot gesagt. Wir kommen dem Äquator nah! Warm. Obwohl - in Rio war´s auch schön mollig. Egal, alles besser als im kühlen Bogotá. Jetzt sind wir schon wieder 10 Std. unterwegs. Von Rio bis hierher über 3.000 km, etwa 30 Mal von Dietzenbach nach Hommertshausen! Und dann 4 ½ Std gewartet in Fortaleza. Da war´s auch schön warm.

São Luís ist eine französische Gründung aus der Zeit, als die Franzosen den Portugiesen ihre Kolonien abnehmen wollten. Hieß mal Saint Louis. So wie die berühmte Stadt in Amerika. Da wo der alte Blues, der so heißt wie die Stadt, noch heute gespielt wird. Aber hier in São Luís wird er nicht gespielt. Die Franzosen haben sie schnell wieder rausgeworfen.

BELÉM DO PARÁ
Jawohl, die Stadt heißt Bethlehem. Belém auf portugiesisch. Und Nazareth gibt es auch, und zwar als Stadtteil In Nazaré. Gibt es den Urwald im Palmengarten “Jardim Zoobotânico Emílio Goeldi”. Mit Urwaldbäumen und Tieren. Ganz angenehm, auf Wegen durch den Urwald zu laufen, und die Krokodile sind hinter Gittern und liegen nicht hinter der nächsten Wegbiegung. Ganz schön mächtige Dinger, diese “jacarés”. Fünf Meter lang war eins. Wenn der das Maul aufmacht, dann passt ein Kleinwagen rein. Nun ja, ein ganz kleiner Kleinwagen. Und schnell sind sie, diese Biester. Das traut man denen gar nicht zu. Wie der Blitz starten sie los, wenn sie wollen und zack, hast du ein Bein weniger und sie eins mehr.

Und dann haben wir einen Peixe-Boi gesehen - eine Seekuh. Diese Säugetiere gibt’s schon seit etwa 25 Mio. Jahren, doch gegenwärtig sind sie vom Aussterben bedroht und stehen unter Naturschutz. Unser Bursche da, der war schätzungsweise schon an die 50 Jahre alt, mit seiner Schweineschnauze Tang müffelnd. Diese friedlichen Flussbewohner können bis zu 750 kg schwer und 4,5 Meter lang werden! Und kunterbunte Vögel gab´s und Affen, Panther und Leoparden und ein Becken voll mit Hunderten von Kinderschildkröten. Niedlich. Und im anderen Becken, da lagen die Eltern-Schildkröten aufeinander. Der Vater war zu faul zum Laufen, und die Mutter musste ihn tragen. Oder umgekehrt. Aber gaaaanz langsam voran, dass der Krähwinkler Landsturm nachkommen kann.

Belém liegt am Amazonas-Delta. Das dürft ihr euch keinesfalls so vorstellen, als wenn die Lahn in den Rhein einbiegt. Da bei Lahnstein. Nein, der Amazonas, der ist nicht einfach so ein Fluss. Er ist, der Fluss aller Flüsse. Und alle anderen Flüsse müssen SIE zu ihm sagen. Er ist so groß, dass eine Insel, größer als die Schweiz, in seinem Delta Platz hat. Und nicht nur eine Insel. Hunderte, ja Tausende auf seinem Lauf von Peru bis hierher besitzt er.

Montag, den 5.5., Belém
Tropenregen. Hitze und Schwüle verwirren meinen Kopf. Nichts als Rumhängen. Für Mittwoch ist das Schiff nach Manaus gebucht. Offene Decks mit Hängematten. Hier fahren keine Touristen mit. Ist nicht ungefährlich auf diesen landesüblichen Passagierschiffen, warnt man uns. M. hat die Leica dabei. Wir haben eine Kabine gebucht.
Belem liegt im Bundesstaat Pará. Para-Nüsse kommen von hier. Sie liegen wie Babies im Schoß der braunen Frucht. Niedlich.
Haben heute am Hafen und bei den Hallen des Marktes “Ver-O-Peso” fotografiert. Plötzlich hatten wir gut bewaffnete Begleitung. Ein Polizist blieb neben uns. Auf diesem sehr populären Markt werden außer Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse auch Kräuter, Essenzen und Tinkturen für und gegen alles angeboten, z.B. gegen böse Schwiegermütter, untreue Ehemänner, Unfruchtbarkeit, und auch vieles, das mit dem Aberglauben der Einheimischen zu tun hat.

Dienstag, den 6.5.
Am Hafen steht eine Menschenansammlung und bewundert das Boot von Bill Gates. Nun ja Boot. Eine Jacht so groß wie ein Flussdampfer, nur viel schöner. Soll 20 Mio. Dollar gekostet haben. Der Chef von Microsoft hat’s ja. Dreht uns dusselige Programme wie Windows an und scheffelt Geld. 40 Milliarden Dollar soll er mittlerweile als Vermögen besitzen. Der Herr Gates kam aber nicht raus aus seinem Schiff. Hätte ihm liebend gerne gesagt, dass ich nichts von seinen Sachen halte. Dass er, aus purer Macht- und Gewinnsucht die mögliche Verbesserung der Computer aufgehalten hat.

Hier gibt´s ganz wundersames Essen. Schon die Namen allein machen mir Hunger: Pacú, Pirarucú, Tacacá, Tamuatá de Tucupí und so. Viel Maniok wird benutzt. Die kartoffelartige Wurzel stammt ja auch von hier. Ach, und schmecken tut es erst! Wie Urwald.

Donnerstag, den 8.5. , 6 Uhr früh.
Seit gestern Abend unterwegs. Auf dem Fluss der Flüsse. Besser gesagt, noch immer auf seinem Abflusssystem. Über Hunderte von Kilometern ist es ein System von Flüssen, Kanälen, Strömen und Bächen, die den Urwald entwässern. Und seine Majestät Amazonas mittendrin.

Unser Schiff heißt “Golfinho”(Delphin). Es hat zwei Decks, das sind einfache, zur Seite hin offene Plattformen und einen dicken Bauch für die vielen Güter, die den Fluss hinauf sollen. Hier wird alles, was die Menschen am Amazonas brauchen, über den Fluss transportiert. Und wenn man bedenkt, dass das Amazonas-Becken ein Drittel der Oberfläche von Brasilien einnimmt und Brasilien so 25 mal größer ist als Deutschland, dann ist das ein riesiges Gebiet am Fluss hinauf und in seinem Hinterland.

Die Plattformen des Schiffs haben an der Decke Haken. Und da hängt sich jeder seine Hängematte auf. Dicht an dicht, eine oben, zwei schräg drunter. Wie im Hühnerstall. Platz für 450 Leute, steht am Schiff. Wenn einer nachts raus muss, stößt er unweigerlich die anderen Hängematten an und alle wachen auf, oder auch nicht.  Nachts und wenn es regnet werden an den Seitenwänden Planen runtergelassen, tagsüber hat man eine prima Sicht und eine gute Belüftung. Und den ganzen Tag schaukeln die Leute lässig und zufrieden in ihren Matten.
Wir schlafen in einer winzigen Kabine. Stehend umdrehen kann man sich nur, wenn der Andere auf dem Bett liegt.

Um 5.30 Uhr morgens der erste Aufenthalt. Frauen und Kinder in Kanus tauchen neben dem Schiff auf. Sie hoffen auf Essen und Kleidung. Die ganze Strecke werden sie da sein, still wartend in ihren schlingernden Einbäumen, ob jemand eine zugeknotete Plastiktüte raus wirft. Und dann tanzen sie in den Wellen, die unser Schiff hinterlässt und bleiben mit ihren hungrigen Blicken zurück. Fahren können sie mit ihren Booten. Sie gleiten und wenden, wie Schwimmer in der Brandung. Ihre Hütten, die ab und an am Ufer auftauchen, sind längliche Bretterverschläge. Sie stehen auf Pfählen und haben Türöffnungen und Fenster, die wie Augen in einem Totenschädel aussehen. Morgens schon früh steigt Rauch durch das Palmendach. Der Urwald ist dicht dran, links und rechts. Manchmal sind es auch kleine Ansammlungen von Hütten, alle haben einen Steg oder mindestens einen Baumstamm in den Fluss hinein. Da liegen ihre Einbäume. Wovon die wohl leben?

Jetzt fahren wir eine Abkürzung durch einen Kanal. Das kenn ich von unserem Fahrer in Esmeraldas in Ecuador. Der ist mit dem Boot auch immer quer durch den Mangrovenwald gesaust. Da gab es Abkürzungen, deren Eingänge wir in den dicht herabhängenden Wurzeln und Blättern nicht gesehen hatten. Und wutsch, waren wir mittendrin in den Mangroven. Die Mangroven sehen aus, als stünden sie auf Fingern wenn man die steif auf den Tisch stellt. Das sind ihre Wurzeln. Mit denen stehen sie im Wasser. Und saugen sich ihre Energie daraus. Ein unendliches Gewusel. Und diese Mangroven stehen auch hier an den Ufern des Kanals.

Unten ist das ärmere Deck. Wie im richtigen Leben. Die Armen sind unten. Aber von da aus fliegen die meisten Plastiktüten zu den Kindern mit den großen Augen in den Kanus. Die ganze Nacht durchgefahren ist der Steuermann. Pechschwarze Nacht. Kein Radar. Nur einen großen Suchscheinwerfer, der vor ihm die Wasseroberfläche absucht.

Freitag, 9.5. 7 :00 Uhr.
Jetzt sind wir seit 36 Std. unterwegs. Die Hälfte der Strecke haben wir hinter uns. Gleich kommen wir nach Santarém. Frühaufsteher muss man hier sein. Um 5.00 Uhr schimmert die Sonne durch die Plane an der östlichen Seite. Wenn sie hoch gerollt wird, beginnt das Menschengewirr in den Hängematten sich zu regen. Manche haben sich eine Decke über das Gesicht gezogen, andere sind eingerollt wie eine Larve in ihrem Kokon, husten tut einer hier und da, Füße kommen raus, und verschlafene Gesichter schauen umher als wollten sie noch nicht so richtig glauben, dass es bereits Morgen ist. Und dann muss man sich anstellen beim Waschen und am Klo. Es gibt nämlich nur ein Waschbecken auf jedem Deck und je 2 Klos für Männer und für Frauen. Praktisch ist das: man sitzt auf dem Klo und kann sich gleichzeitig duschen. Um ¼ vor 6 knallen die beiden Mädchen von der Küche eine große Kanne hinten auf den Tisch, dann segelt eine Schale von der anderen Seite hinterher, und ein Bottich mit Tassen wird auf einen Stuhl gewuchtet. Das Frühstück ist da. Es gibt (wie immer) sehr süße Milch mit einem Hauch Kaffee drin und trockene Kräcker. Und da es nicht für alle reicht, muss man ein wenig drängeln. Die Kinder nehmen sich Berge von Kräckern, weil es bis Mittag reichen muss und ob es mittags was gibt ist so sicher gar nicht. Und dann steh ich mit meiner ergatterten Tasse Milchkaffee an der Reling und schau auf den frischen Urwald, der im Morgenlicht glitzert und geheimnisvoll strahlt.

Daneben benommen
Hinten und vorn auf dem Schiff stehen Blechkajüten. Vorne ist es das Ruderhaus, da wo der Käpt´n und sein Steuermann stehen. Dahinter sind die 7 Kabinen. In einer davon sind wir untergebracht. Und hinten auf dem Schiff sind die Blechkabinen der Klos, die gleichzeitig Duschen sind. Und die Küche ist auch dort. Zwischen dem Männer- und Frauenklo links und rechts steht ein langer Tisch mit zwei Bänken, an denen in drei Schichten gegessen wird. Reis und Farofa (Maniok-Mehl) gibt es immer. Ohne “farofa”, so sagen sie, taugt das Essen nichts. Und dann gibt´s mal Fleisch- mal Hähnchenstücke und auch mal Nudeln und braune Bohnen (anstelle der schwarzen, wie in Rio) als Beilage. Wir haben natürlich - vornehm wie wir sind - Messer und Gabel benutzt. Bis uns Blicke auf die anderen Mitesser klarmachten, dass das nicht die richtige amazonische Art ist. Die geht so: Man benutzt als Haupt-Ess-Instrument den Löffel. Den greift die Hand von oben im Klammergriff, den Daumen elegant zum Löffel hin gestreckt, den Oberkörper vorgebeugt. Da sie durchweg klein sind, die Mischlinge indianischen Ursprungs, müssen sie sich nicht weit zum Tisch hin vorbeugen. Mit dem Löffelrand wird alles zerkleinert, und hier und da, wenn es zu zäh ist, darf auch das Messer benutzt werden. Und dann wird geschaufelt, was das Zeug hält. Ja, ja, fremde Sitten!

Marianne hat Schnupfen. Das kommt von den Klimaanlagen in den Hotels. Die Leute hier haben eine Lust am Frost wie wir an der Wärme. Wenn eine Klimaanlage da ist, wird sie aufgedreht. Sie tanken sich mit Kälte voll wie wir mit Hitze.

Links und rechts in einiger Entfernung gleiten die Wände des Urwalds vorbei. M. sagt, schrecklich der Gedanke, hier zu kentern. Es stimmt, man käme gar nicht rein in den Wald, der wie eine Wand hoch aufragt. Alles zu. Am Horizont Rauchschwaden. Sie brennen den Wald ab für Weiden oder Ackerland. Aber das geht nicht, nein, so kann man diesen Wald nicht behandeln! Er geht dabei gründlich zugrunde, und zwar für immer. Der Regenwald, so hat man mich gelehrt, hat nur eine kleine fruchtbare Humusschicht auf seinem Boden. Der grüne Dschungel lebt von seinem Blätterdach. Und wenn man die Bäume fällt und den Wald abräumt, dann kann man auf dem bisschen an fruchtbarer Krume nur etwa 5 bis 7 Jahre lang etwas anbauen. Dann ist der Boden ausgelaugt und steinig, und nie wieder wächst etwas. Dann muss neuer Urwald gerodet werden. Und dann wieder neuer. Alle zwei Sekunden wird weltweit so viel wie ein Fußballfeld an Urwald platt gemacht. Und das ist schlimm. Nicht schade, nein, schlimm. Warum? Weil dieser Wald die für uns notwendige Luft zum Atmen produziert. Wenn der Urwald nicht mehr da ist, dann müssen wir uns die Luft beim “Aldi” in Dosen holen.

Und dann kommen die Siedler. Sie finden sonst keinen Platz, weil Großgrundbesitz durchweg das anbaufähige Land okkupiert. Flächen z.T. so groß wie Bundesländer. Und die Siedler wollen aus dem Regenwald ihr Ackerland gewinnen. Dann sind da die großen Viehherden die immer weiter in den Wald eindringen, weil wir Leute im Norden jeden Tag Fleisch und Wurst brauchen (McDonald lässt grüssen), auch für sie wird aus dem Regenwald Weideland gemacht. Dann sind da die vielen klugen Köpfe, die wollen jeden Tag ihre Zeitung, doch für Papier, da braucht der moderne Mensch unsägliche Mengen Holz. Und all das soll der Regenwald dem Menschen liefern. Aber so kann man ihn nicht nutzen, nein, so wird er nur vernichtet. Denn das Ackerland wird zur Wüste in kurzer Zeit und das Weideland wird zur Steppe nach kurzer Zeit. Und die Bäume für Papier, die wachsen nicht nach, weil der Mensch vergisst, sie neu anzupflanzen. Er vergisst es einfach, weil, so sagt er, soviel davon da ist. Ja, das stimmt. Nur: wie lange noch?

Samstag, den 10.5.
Gestern in Santarém um 5 Uhr nachmittags abgefahren. Um halb 7 :00 auf eine Sandbank aufgelaufen. Es gab einen hellen Schlag und die Antriebswelle zur Schraube war verbogen. Der Amazonas ist tückisch. Für den Menschen, der darauf Schiff fahren will. Laufend verändert sich sein Untergrund. Denn er räumt den Abfall des Urwalds ab und befördert Unmengen an Bäumen, Inseln, Geröll, Sand, Steine, halt alles, was nicht niet und nagelfest ist und hineinfällt. Die tiefste Stelle, über die wir gefahren sind, war 110 Meter tief, und wo eben noch eine Fahrrinne war, ist plötzlich Sand unter der Oberfläche. Und so sind wir aufgelaufen. Und abgetrieben in die Mangroven. Weil der Motor nicht funktionierte, der den Anker runterlässt. Und dann haben sie ihn mit der Hand geleiert wie wild. Und wir hatten nur 1 m unter dem Kiel. Und dann hat der Anker gefasst und wir lagen still, direkt am Urwaldrand. Sie haben versucht, die Welle zu reparieren. Es ging nicht. Wir mussten zurück nach Santarém, der Abfahrtsstelle. Bis 11 Uhr nachts hat es gedauert, dann ging die eine Schraube wieder. Unser Schiff, das “Golfinho”, ist das schnellste auf der Strecke Belém - Manaus. Schafft die 1.500 km in 3 Tagen, die anderen benötigen 6 Tage. Nun aber ist das Delfinchen angeschlagen, und wir wissen nicht, wie lange wir brauchen bis Manaus. Niemand regt sich auf. Niemand. Zeit ist das, was man hat. Angenehm, so zu denken. Sonst müsste man sich hier dauernd aufregen.
Nun sind wir schon ein ganzes Stück den Amazonas rauf, und er ist noch immer so breit wie ein See. 5 bis 10 km allemal.
Der Regenwald hat sich verändert. Er ist niedriger, in der Ferne sieht man Berge. Weite Flächen sind überschwemmt. Manchmal ist auch eine Farm in Sicht.

Pilzeinschlag
So nutzen die Indianer den Urwald. Und nur so funktioniert es auf Dauer, wenn Menschen ihn nutzen wollen. Eine Fläche wie ein Pilz von 100 oder 200 m im Durchmesser wird gerodet und darauf bauen sie den Mais, die Juca, Bananen, die Kräuter und das Gemüse an. Soviel wie sie brauchen. 5 bis 7 Jahre lang. Und dann ziehen sie weiter. Und der Pilzeinschlag ist exakt so groß, dass alle Bäume und alle Pflanzen zurückkommen können. Auch die großen Bäume und die mit schweren Samen können sich den Lebensraum zurückerobern, den sie brauchen. Ist die Fläche zu groß, die gerodet wurde, schaffen das nur die Pflanzen mit leichtem Flugsamen und Bäume, die den Tieren ihren Samen mitgeben:
Und wenn nicht alle Pflanzen dahin zurück können, wo sie mal waren und dort wo sie gebraucht werden, dann ist das Gleichgewicht gestört, das fein ausgewogene. Denn im sensiblen Regenwald lebt alles abgestuft auf jedes, und fehlt ein Teil, geht die Uhr nicht mehr. Die des Urwalds.

Samstag, 10.5.
Das Leben auf dem Dampfer ist schön angenehm und entspannend. Man hat Zeit. Einfach Zeit. Schaukelt in der Hängematte, redet miteinander, schläft, schaut dem Urwald zu, wie er da träge vorbeizieht. Ab und an Anlegestellen, Menschen und Material werden ausgeladen.
Die Ankunft in Manaus war für heute 18 Uhr vorgesehen. Wegen der defekten Welle kommen wir morgen irgendwann an. Wen juckts, Hauptsache, wir kommen an.

Gestern mussten wir die Uhren um 1 Std. zurückstellen. Wir sind über eine Zeitzone gefahren. Jetzt geht die Sonne etwas früher unter. (Ja, ja, der Mensch in seinem Wahn: nicht die Sonne geht früher unter, meine Uhr ist verstellt, sonst nichts. Juckt die Sonne aber auch nicht).

Also Kinder, Christoph Kolumbus hat Amerika und die Indianer entdeckt .... Herr Lehrer, Herr Lehrer, das ist nicht richtig, sagt mein Onkel. Erstens hieß der Mann nicht Kolumbus, sondern Colón und zweitens sind die Indianer keine Indianer. Ja nun, mein Kind, jetzt sag einmal, warum denn das nicht? Hast du denn noch nie was von dem großen Indianer Winnetou gehört oder von den Indianern, die im Urwald leben? Doch, natürlich, Herr Lehrer, aber mein Onkel sagt, dass der Herr Colón sich geirrt hat als er Amerika entdeckte. Er glaubte, er wäre in Indien gelandet, denn da wollte er hin, sagt mein Onkel und wegen Indien hat er die Leute dort Indianer genannt. Ja, mein Kind, das mag schon so sein, aber wir bleiben denn doch mal lieber bei der offiziellen Version, gelle ! Also, als Kolumbus Amerika entdeckte und die Indianer ...

In Brasilien gibt es noch an die 200 000 Indianer, schätzt man. Es sollen ein paar Millionen gewesen sein, bevor Colón Amerika und der gute Vespucci Brasilien entdeckten. Und der Weiße hat die Kultur gebracht, daran sind die Indianer wie die Fliegen gestorben. Sowohl an Sklavenarbeit bis zum Krepieren, als auch an Krankheiten, die der weiße Mann mitbrachte, an Menschenjagd, um Platz zu machen für die hohen weißen Herren, die die Bodenschätze brauchen und den Reichtum des Waldes. Da haben sie sich denn zurückgezogen, die Indianer, in die unzugänglichen Tiefen des Urwaldes. Es gibt noch immer unentdeckte Stämme, die so leben wie ihre Ururahnen gelebt haben. Erst neulich hat die Indianerbehörde Kontakt bekommen mit einem Stamm, den keiner kannte. Eigentlich ist ihnen das Land, worauf sie leben, vom weißen Mann und seiner Regierung zugesagt worden. Aber dann setzt zu oft das gleiche Spiel ein. Da gibt es dann das gute Holz oder viele Bodenschätze oder irgendwas, was man brauchen kann in unserem modernen Leben. Und dann finden sich schon Tricks, wie das Land den Ureinwohnern weggenommen werden kann.

Hallo, Sie da, hallo, Herr Häuptling ! Verflixt, versteht das halbnackte Wesen mich denn nicht? He, Sie, also, pass mal auf, ich hab hier ein Radio, neustes Modell, Dingsblaster oder wie das heißt, ist ja auch egal, Mordswummer gibt das Ding von sich, wenn du in die Nähe von ´ner Radiostation kommst. Was? Ja, natürlich, Strom braucht das Ding, aber dafür gibt´s Batterien. Kriegste heute in jedem Laden, was? Habt ihr nicht ? Egal, pass mal auf: ihr habt doch das Recht, Bäume zu fällen, gehört euch doch alles hier, nicht? Ich brauch nur ein paar davon, hier, die Edelhölzer und so. Und falls ich noch mehr brauche, also, wie wär´s denn mit ´nem Jeep für die Konzession, bei euch buddeln zu dürfen? (erfunden die Geschichte? Leider nein, nur der Dialog)
Es gibt Stämme, da sind die Selbstmordraten unter den jugendlichen Indianern so hoch, dass ihr Fortbestand gefährdet ist. Sie löschen sich selbst aus. Weil sie keine Zukunft mehr sehen. Als Indianer-Menschen.

Sonntag, 11.5., 7 Uhr morgens
1.500 km sind wir jetzt auf dem Amazonas gefahren. Und bis zur peruanischen und kolumbianischen Grenze ist es noch mal so weit. Aber Amazonas heißt er von hier ab nicht mehr. Offiziell. Inoffiziell heißt er freilich weiter so, wie jedes Kind weiß. Und warum sollte das nicht mehr der Amazonas sein? Weil sich hier bei Manaus zwei Flussgiganten treffen, der Rio Solimões, der seine Wassermassen aus den Anden Perus herunterwälzt und der dunkle, mächtige Rio Negro aus Venezuela, schwarz wie sein Name besagt. Hier bei Manaus vereinen sie sich, die beiden Riesen. Aber vereinen wollen sie sich anfangs nicht. Und so fließen sie Kilometer um Kilometer nebeneinander her, der schwarze Rio Negro und der braune Rio Solimões. Und dann umarmen sie sich und werden DER FLUSS - Rio Amazonas.

Montag, 12.5. Manaus, Hotel Da Vinci
Was für eine andere Welt! Gestern kurz nach 8 Uhr vom Schiff in ein Taxi in ein Hotel mit 4 Sternen. Luxus. Wir kamen uns fremd vor. Deplaziert. Im falschen Film. Da waren die letzten Tage Blechverschläge gewesen, mit Abtritt und darüber das offenen Rohr als Dusche - und das für 200 Leute (unten gab´s nochmals so was) und hier Marmor. Vergrößerungsspiegel mit indirektem Licht im Bad (damit man seine Pickel auch richtig dick sieht) und ein Klo in dunkel gebeiztem Holz für zwei Leute! Und zwei große Betten. Und Lichter daneben, Und eine Minibar. Und Fernseher mit 13 Programmen. Und Ober, die um einen herumschleichen, ob man noch was möchte. Und da? Da gab´s morgens von viertel vor 6 bis viertel nach 6 eine zuckersüße Milch mit einem Hauch Kaffee und einer Handvoll Kekse. Wer nicht rechtzeitig kam, kriegte ein goldenes “Nix-chen” und ein silbernes “Não-chen” (Não heißt Nein). Und mittags und abends Schlange stehen. Platz am langen Tisch ergattern. Und dann knallten die Teller vor einen, und dann kamen der Reis und die Nudeln und ein wenig Fleisch, und wenn die gut gelaunt waren in der Küche, da unten im Heck, dann gab´s auch noch Bohnen dazu. Und einmal waren sie nicht gut gelaunt. Da gab´s nur Bohnen verdünnt, und Reste von Nudeln schwammen einsam umher in der Wassersuppe, die schon etwas vergoren war. Und einmal waren sie gar nicht gelaunt, und da gab es gar nichts. Und nett war´s. Freundlich und oft fröhlich, auf diesem überfüllten Schiff, auf dem es nicht eng wurde. Wir hatten sogar ein paar Freunde da. Und niemand hat sich beschwert. Und niemand ist unfreundlich geworden. Wir waren eine Familie. Und hier? Purer Luxus. Alles ist da. Wir sind allein zu zweit. Überlegen, ob wir weiterfahren.

Der Regenwald lässt regnen
Deshalb heißt er ja Regenwald. Gigantische Wassermassen verdampft er in die Luft, und dann kriegt er sie wieder auf den Kopf. Das sind dann die berühmten Tropenregen. Die dunkle Wolkenwand kommt näher, grau-blau-schwarz. Franst nach unten aus. Menschen rennen, suchen einen trockenen Platz. Schon kracht es, Blitz und Donner folgen einander, und dann öffnet sich der Himmel. Wasserfälle platschen auf die Erde. Vor den Fenstern und den Dachüberhängen erscheinen Wasservorhänge. Die Schwüle kühlt ein wenig ab. Aber nur so lange der Regen strömt. Und dann ist es wieder vorbei. Die Erde dampft wie eine Sauna und der Zyklus beginnt aufs Neue.

Ich hatte einen kleinen Freund auf der Reise. Er schlief in der Hängematte neben unserer Kabine. Wenn ich in mein Heft schrieb, guckte er mit großen Augen zu. Marianne haben sie in Ricaurte, in Ecuador, wo sie ihr Buch geschrieben hat, mal erstaunt gefragt, ob sie das alles auswendig kann, was sie da aufschreibt. Er konnte seinen Namen schreiben: Luis Henrique. Und war ganz stolz darauf. Oben auf dem Deck, wo die Stühle standen und wir den Sonnenuntergang und die Abendkühle genossen, hat er mich gesucht und unten, bei den anderen Leuten und vorn und hinten, um dann mit leuchtenden Augen zu verkünden: “te encontrei” - ich hab dich gefunden. Und manchmal traute sich seine kleine Hand in die meinige. Mutter, Großmutter, der Onkel und die Kinder machten die beschwerliche Reise nach Manaus in der Hoffnung, Arbeit zu finden. Luis hat jetzt mein kleines Taschenmesser.


Mittwoch 14.5., Flughafen Manaus
Um 6 Uhr sind schon viele Leute unterwegs. Unser Taxifahrer hatte wohl bei Ayrton Senna gelernt, dem berühmten brasilianischen Rennfahrer, der gegen eine Mauer fuhr und dabei tödlich verunglückte.

Ein Tag zuvor: Wir wollten unbedingt mit dem Bus aus der Stadt zum Hotel zurück. Nirgends ein Stadtplan und niemand kannte die Straße. Und ein Bus nach dem anderen mit unbekanntem Namen fuhr an uns vorbei. Ein alter Mann mit einer sichelförmigen Narbe auf der Backe erinnert sich: ja, ihr müsst den 113 nehmen. Jawohl, sagt der Kassierer, zu der Strasse fahren wir, ich sage Bescheid. Und dann wird die Strasse immer schlechter und die Gegend immer wüster und die Menschen immer ärmlicher. Hier haben sie bestimmt noch nie einen Touristen gesehen. Uns wird es immer schwummriger. Marianne hat die Leica unterm Arm geklemmt. Und dann sagt der Fahrer: hier ist es, und Marianne sagt, hier steige ich nicht aus. Dann fragt der Kassierer die Leute, aber es konnte einfach nicht sein, dass in dieser Gegend ein Hotel steht. Wir haben ein wenig gezittert und mussten dann doch aussteigen, Endhaltestelle. Der Bus wurde abgeschlossen und der Fahrer geht essen. Und sie winken uns alle freundlich zu, halten den Daumen hoch und rufen “wird schon” und „da drüben geht’s weiter“. Zu unserer Erleichterung kommt ein Taxi, das bringt uns quer durch die Stadt zurück zum Hotel in die Straße mit dem gleichen Namen. Es gibt zwei davon. Und wir brauchen einen Schnaps.

Donnerstag. Kurz vor 8 Uhr morgens - Bogotá
Da sind wir wieder in der kalten Stadt am Abhang der Anden, da, wo es zum Urwald runtergeht. Die Reise durch den Urwald ist zu Ende. Gestern sind wir von Manaus nach Tabatinga geflogen. Das ist ein verlorener Ort mitten im Urwald dort, wo sich die Grenzen treffen von Peru, Kolumbien und Brasilien. Auf der kolumbianischen Seite heißt derselbe der Ort Leticia. Wir sind mit dem Taxi rüber. Aber eine Grenze, so mit Schlagbaum und Grenzer, die gibt es nicht. Irgendwann fand ich die Reklame am Straßenrand komisch geschrieben. Ach, da waren wir wieder im Spanischen und in Kolumbien. Die Stempel der Ausreise aus Brasilien und der Einreise nach Kolumbien muss man sich irgendwo holen. Der Taxifahrer zum Flughafen war der letzte nette Brasilianer auf der Reise, das Taxi ein alter VW, der in Schlangenlinien den Schlaglöchern ausweicht. Wobei die alte Klapperkiste mehr dem eigenen Willen als dem seines Fahrers gehorcht. Aber irgendwann tauchte dann doch der kleine Flughafen auf. Und mit dem alten Wagen und dem netten jungen Mann darin haben wir Abschied genommen von Brasilien. Dem Land unserer Liebe. Hauptsächlich deshalb, weil die Menschen so nett sind, menschliche Wärme bezeugen. Auf den anderen Menschen bezogen, für ihn mitdenkend. Und lieb und freundlich, oft strahlend. Meist stressfrei. Und wenn Probleme auftauchen, dann heben sie sehr oft ihren rechten Daumen und sagen  “ tudo bem” und versuchen, den Konflikt im Keim zu ersticken. Obwohl, da sind auch die vielen Verbrechen und die soziale Ungerechtigkeit. Die vielen armen Leute, die Kinder, die arbeiten müssen, damit die Familie überhaupt überleben kann. Ja, das ist auch da. Das darf man nicht übersehen. Auch das hat mir imponiert, wenn die Leute sagten, jawohl, das finden wir schlimm. Und wenn man genug darüber geredet hatte über das Allgemeine und Schlechte und so, dann kam das Persönliche. Dann wurde was Nettes, was Positives gesucht. Denn selbst leben, das ist ganz, ganz wichtig. Das hab ich gelernt. Theoretisch.

M. sagt, sie glaubt, in einem früheren Leben sei sie Brasilianerin gewesen. Das drückt es genau aus, das Gefühl

 

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Wednesday, 3. december 2008 3 03 /12 /Dez. /2008 13:59
Nachdem der Schnee getaut war bis auf kleine Reste hat es heute Nacht stark zu schneien begonnen. Tief verschneit Tal und Dorf. Die Kinder hatten Schulfrei, die Busse kamen nicht durch. Sie fahren Schlitten. Seltsam verzaubert. Weihnachtlich. Wir sollten jetzt Weihnachten feiern und nicht dann, wenn es regnet.











Die letzten Tage waren schwer zum schreiben. Samstag der rauschende Geburtstag von Mutter, fast die ganze Familie war da (Goran mit Anhang kam Sonntag und Jörg hatte sich Die Rache Montezumas zugezogen). Wir haben uns prächtig amüsiert. Ich wohl ein bisschen zu viel. Viel gelacht und geredet und gelacht und disputiert und lieb gehabt. Die Lieblingsnichten haben mich nach Hause begleitet. Wär doch nicht nötig gewesen!

Montag und gestern ging mein Seelenlebchen baden, heute gehts wieder, dafür musste ich zum Zahnarzt, Wurzelbehandlung. Keine Spritze half wirklich. Hat mich umgehauen. Geschlafen. M hat ein prima Süppchen gekocht, jetzt schreibt er wieder (und neue Fotos gibts auch in Dorf)
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