Artikel teilen! (102) TANSANIA März 2007: Abschied: (Im März 2007 geschrieben) Eigenartig mir ist wieder so wie beim Abzug aus Rio. Vor all dem Durcheinand ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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(Im März 2007 geschrieben) Eigenartig
mir ist wieder so wie beim Abzug aus Rio. Vor all dem Durcheinander hab ich mich in eine Krankheit verzogen. Weiß noch, wie ich mit Fieber über Maiami nach Bogota geflogen und davon kaum was
mitgekriegt habe. Jetzt fängt das wieder an. Mittelohrentzündung und heute Abend Fieber beim Kochen. Ich werde krank als Schutzschild vor dem Abschied. (Übrigens sagt Arzt Ype, das sei typisch
bei dem Wetter, dass sich Bakterien feuchtwarm im Ohr halten und vermehren. Also kein Grund zur Beunruhigung. Hatte ich schon mehrmals).
Wir haben uns entschieden, gehen nicht nach Spanien, gehen nach Hommertshausen zurück in unser schönes, kleines Holzhaus. Das haben wir
gebaut, bauen lassen als Refugium, sichere Heimstatt nach dem Überfall in Rio. Da hat der Psychologe bei der Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung mich fliegen lassen über einen
sicheren Ort (denn die Wohnung war durch das Eindringen der Übeltäter nicht mehr sicher, war ihrer Unschuld beraubt). Und dieser sichere Ort war die Heimat. Einen Teil des Jahres wollen wir dort
verbringen, den anderen reisen.
Ich geh nicht in RENTE, ich geh in den VORRUHESTAND, gezwungenermaßen. Die Krankheit hat mir zu sehr Kraft genommen, Aufregung kann ich überhaupt nicht mehr ab, das Burn Out wirkt weiter, ich fall zusammen. Sofort. Ype hat mir Tabletten zur Beruhigung gegeben und gesagt, scheiß was drauf, nimm sie wenn's notwendig ist. Es geht nicht ums Überleben, es geht darum, so gut wie möglich hier raus und in die neue (alte) Welt in Hommertshausen rein zu kommen. Obwohl Leute öfters erzählen von einem den sie gekannt und der nach 4 Wochen nach der Verrentung gestorben sei. Ich kenn auch so einen Fall. Er war ein alter Schuster bei Freunden in München hinten im Hof in einer Hütte. Die lag im Gang zum Gemeindehaus. Der alte Mann hat allen die Schuhe gemacht und mit den Leuten geredet, Zeitung gelesen und die Namen der Politiker auf bayrisch unverständlich ausgesprochen. Ich hab manchmal bei ihm gesessen. Sie wollten einen sauberen Gang zum Gemeindehaus, seine Hütte abreißen. Haben ihn in ein Altersheim verfrachtet. Da war der alte Mann nach 4 Wochen tot. An dessen Stelle bin ich nun wirklich nicht. Ich hab so viele Ideen. Im Zeitbuch hab ich gelesen, dass man die Sabbatjahre einhalten sollte. Zu empfehlen sei das 7x7. Jahr, das früher bei den Juden eine ganz wichtige Funktion hatte. Da wurden alle Schulden erlassen, alles zurückgegeben, was angeeignet war. Ein Jahr lang Ruhe um zu überlegen, was war und sein sollte. Das will ich auch machen. Mir ein Sabbatjahr gönnen. Na ja, dem Senior Experten Service hab ich geschrieben, ich sei ab 1.1.08 einsatzbereit.
Und M ist bewundernswert. Sie hält alles von mir weg was zu erledigen ist und macht das bravourös. Sogar mit der Stiftung korrespondiert sie und dieser Dumpling von der Personalstelle meint, er könne sie bekritteln, weil wir Entscheidungen ohne ihn getroffen haben. VIER WOCHEN haben die sich auf alle unsere Anfragen nicht gerührt. Sag mal einer Umzugsfirma, sie soll in einer Woche kommen. Die pusten dir was weil sie Wochen brauchen um einen Termin frei zu haben. M ist Klasse! Jetzt hat sie das Ruder übernommen. Der Wagen muss verkauft, Internet und Fernsehen abgemeldet werden (was mindestens genau so zeitaufwändig ist wie das Anmelden), Versicherungen sind abzuschließen und umzumelden, die Flüge zu koordinieren, Blumen zu verschenken, Sachen zu verkaufen und und und. Ich hab erst mal genug von an der Front stehen. Jetzt muss ich Kartoffelbrei machen denn heute Abend gibt es Krabben in Knoblauch. Kann nicht gut kauen.
Jetzt, sagt M, hab ich kein Fieber mehr. Können wir nicht messen, weil das Thermometer irgendwo in den zwei blauen Kisten des unbegleiteten
Fluggepäcks versteckt ist. Das muss morgen weg, damit es in Deutschland bei unserer Ankunft da ist.
Für Monate wird es unsere einzige Habe sein. Unsere Unzugssachen sehen wir mindestens ein halbes Jahr nicht mehr. Was für Veränderungen!
Seit heute nehme ich starke Antibiotika zu den Ohrentropfen, will nicht mit nem zunen Ohr fliegen. In einer Woche wollen wir schon in der Luft sein. Alles lassen.
Nun hat uns die SPD beauftragt, Präsident Kikwete einzuladen. Das ist der krönende Höhepunkt meiner Bemühungen, beide Länder und unsere Parteien wieder näher zusammen zu bringen. Die Botschaft wird uns unterstützen, sie achtet meine Arbeit.
Gestern Abend hat uns der 2. Mann von der Botschaft ein Abschiedsessen gegeben mit all den Leuten von der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Da kamen dann wieder diese Diskussionen auf, wie blöd die Tansanier sind. Sie folgen einfach nicht den Beratern und machen statt der Gesundheitsreform der GTZ lieber Basisgesundheitsdienste. Das ist ein Ding! Da regte sich unser verantwortlicher Freund fürchterlich drüber auf. Ich sitz da und trau meinen Ohren nicht. Ja, sagt er mir, du und deinesgleichen, ihr seht das Land viel zu positiv. Ansonsten ist er ein lieber Mensch.
Morgen haben wir nochmals Latinafest, Samstag bei uns die letzte Abschiedsparty und Sonntag fahren wir zur
Lazy Lagoon, auf die kleine Insel, meinen Geburtstag, unseren Silberhochzeitstag und unseren Abschied feiern.
Dienstag müssen wir die Koffer packen, Mittwoch kommt die Umzugsfirma, packt alles zusammen und schickt es auf die große, lange Reise. Wir gehen ins Hotel und dann ist es vorbei.
Es soll noch ein Hurrikan
vorbeikommen. Lass ihn kommen. Er entspricht meiner Stimmung.