Artikel teilen! (108) Mosambik 2008 Seniorexperten: M ist mit dem Bischof unterwegs: M, 10.2. Mit dem Bischof unterwegsAls wir im Wagen saßen, morgens um se ...
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M, 10.2. Mit dem Bischof unterwegs
Als wir im
Wagen saßen, morgens um sechs, die drei Schwestern, der Bischof und ich, beteten sie erst drei Ave Marias. Später merkte ich warum. Wir wollten zu einem Ort, wo der neue Pfarrer und Schuldirektor
geweiht und eingesetzt werden sollte. Der erste Teil der Straße, etwa 120 Kilometer, waren hervorragend in Ordnung, wir mussten nur auf die Menschen am Straßenrand aufpassen. Frauen mit einer
Hacke und einer Wasserflasche auf dem Kopf, das unvermeidliche Baby auf dem Rücken auf dem Weg zur Feldarbeit, Frauen mit Feuerholz aber anders als im Süden Tansanias auch viele Männer zu Fuß
oder mit Fahrrädern, auch sie mit Holz, Holzkohle oder Wasser und sogar Kleinkindern auf der Schulter. Auf weiter Strecke mitten auf der Schnellstraße ein kleiner Junge mit einer Fahrradfelge und
einem Stock zum Antreiben war so selbstvergessen in sein Spiel vertieft, dass er uns auch dann nicht hörte, als wir zehn Meter hinter ihm eine Notbremsung machten. Die Unheil verkündenden Wolken
öffneten sich und ließen alles raus, was drin war. Trotz schnellstmöglicher Scheibenwischer-Einstellung war kaum noch was zu erkennen, aber außer ein paar LKWs, die das wertvolle Tropenholz aus
dem Landesinneren an die Küste und zu den chinesischen Schiffen bringen, war kein Verkehr. Dafür saßen und knieten plötzlich Frauen und Mädchen mit Wäschebergen am Straßenrand, seiften ein,
schlugen die Wäschestücke auf den Asphalt, rubbelten sie, walkten sie durch, spülten sie im Regen und wrangen sie aus. Die Dörfer wurden immer spärlicher, aber als der Wolkenbruch nachließ,
konnten wir sehen, wie bezaubernd grün und sanft hügelig die Landschaft ist. Und die Mango- und Cashewbäume, weit ausladend und einladend, darunter im Schatten zu
sitzen.
Wir mussten noch einige Notbremsungen machen – der Bischof hat
die Angewohnheit, mit beiden Händen zu reden und dem in die Augen zu sehen, mit dem er gerade spricht, auch wenn es eine Schwester ist, die hinter ihm auf der Rückbank sitzt. Als er es gerade
noch vermeiden konnte, in eine Gruppe von Leuten zu rasen, lachte er erleichtert und meinte, er sei immer so unkonzentriert beim Fahren und schlafe dabei auch leicht
ein.
Nach zwei Stunden erreichten wir eine Missionsstation, wo wir
schon mit Frühstück erwartet wurden. Der Fernseher lief, die Schwester und der Priester hatten gerade den Kinderkanal eingeschaltet und einen Comic angesehen.
In der Kirche
hingen von einem einheimischen Künstler gemalte Kreuzigungsszenen mit einem schwarzen Christus, Frauen in Capulanas und einem offensichtlich muslimischen Folterknecht.
Die Nonne ließ uns ausrichten, dass sie seit einer Woche versucht habe, Mehl für das Dorf zu
kaufen, es aber keins mehr gebe, da nächste Woche die Preise erhöht würden und die Händler nichts mehr zum alten Preis abgäben. Wir könnten also nichts mitnehmen.
Dann begann der Weg, auf dem ich mich fragte, warum ich mir das immer wieder antue.
Ich kenne sie doch schon, die Schlammpisten, die schmalen Stege über reißenden Bächen, die abgebrochenen Ränder
und Querrinnen und das Gefühl „jetzt geht’s schief, das hier schaffen wir nicht!“ Und nach einer Stunde bremsen, durchstarten, durchdrehen, rutschen und hoffen ging es wirklich nicht mehr weiter.
Wir brauchten es gar nicht zu probieren, wir sahen, wie die halbwüchsigen Jungen einen Bach, der quer über dem Weg verlief, als Schwimmbad umfunktioniert hatten. Sie machten Kopfsprünge hinein
und
Erwachsene kämpften
sich durch das flachste Stück, wo ihnen das Wasser bis zur Taille reichte. Eine dünne kleine Frau konnte gerade noch festgehalten und gerettet werden, ehe es sie abgetrieben hätte. Der Ort, zu
dem wir wollten, hat natürlich keinen Strom, kein Telefon, keinen Handyempfang, nix. Und die Leute dort warteten mit einem Festessen, dekorierter Kapelle und Schule und freudiger Erregung auf
uns, und es gab nicht mal die Möglichkeit, Bescheid zu sagen. Gott-sei-Dank sah auch der Bischof ein, dass es keinen Sinn hatte. Er hielt einige Leute an, die es trotzdem versuchen wollten, mit
ihren Motorrädern auf der Schulter den Bach zu überqueren und ins Dorf zu gelangen und bat sie, dort zu melden, dass er seinen Segen schicke.
Ich war sehr erleichtert, ich hatte auch keine große Lust auf ein weiteres dreckiges, verschlammtes mückenverseuchtes Dorf mit Hunderten von verschwitzten Leuten, die mir alle die Hand geben
wollten.
So fuhren wir in ein Dorf in der Nähe, wo 6 Nonnen eine
Schule, eine Frauenkooperative, einen Kräutergarten für alternative Medizin, einen Kindergarten und ein Jugendzentrum betreuen. Die meisten Schwestern (alle in normaler afrikanischer Kleidung)
kannte ich schon von der Tagung, an der wir teilgenommen hatten. Sie waren so freundlich, freuten sich so offensichtlich über den unerwarteten Besuch und ich hatte das Gefühl, in eine WG zu
kommen mit lauter lieben Freundinnen. Der Bischof wollte eigentlich nur einen starken Kaffee, aber die Maschinerie lief an und ohne viel Aufhebens hatten wir alle fünf ein tolles Mittagessen vor
uns stehen. Ihr Tiefkühlschrank war am Tage vorher kaputt gegangen und um die Sachen zu retten, hatten sie alles gekocht und verarbeitet. Es gab Hähnchen und Spinat zum Abwinken, die
Brasilianerin (aus Rio!) machte einen Salat, den ersten, den ich hier gegessen habe und da auch eine Italienerin dabei ist, gab es hinterher einen leckeren Espresso. Dann nötigten sie den Bischof
zu einem Mittagsschläfchen, und wir ließen uns die Projekte zeigen.
Besonders beeindruckt hat mich der Garten mit den Heilkräutern und die Apotheke, in der all die Kräuter zu
Sirup, Tee, Cremes, Tinkturen und Tabletten verarbeitet werden. Und die Selbstsicherheit und der Stolz der schwarzen Mitarbeiterin, einer Frau aus dem Dorf.
Die Schwestern haben mich eingeladen, ich solle sie auf alle Fälle noch mal besuchen, sie gäben
mir dann auch viele Zitronengras-Pflanzen für Tee und thailändisches Essen mit – ja, da würde ich gerne wieder hin!
Auf dem Rückweg sahen wir uns noch zwei Projekte der Diözese an, die beide nicht funktionieren. Irgendwie läuft es immer wieder darauf hinaus, dass
der Bischof sich zu wenig darum kümmern kann und auch kein Personal hat, das sowohl vertrauenswürdig als auch kompetent als auch bereit wäre, auf angemessene Bezahlung zu verzichten.