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Sunday, 10. february 2008 7 10 /02 /Feb. /2008 13:21
R: Kamillentee
Ich hab ihn gefunden! Der Inder oder Pakistani mit dem voll gepackten Ramsch-laden, der hat offenbar alles. Sogar Müsli! Jetzt kann ich die restlich Entzündung am Zahn und Montezumas Rache behandeln. Sollte Kamille gegen letzteres nicht wirken, muss ich mal auf das alte Buschläuferrezept zurückgreifen. Eine halbe Flasche Rum. Entweder es wirkt oder es ist dir egal.

Knie durchgedrückt
Heute hab ich einen Mann in der Hocke sitzend arbeiten sehen. Das ist selten. Afrikanische Frauen und Männer arbeiten zumeist stehend vornüber gebeugt mit gespreizten, durchgedrückten Knien. Die Frauen sitzen auch so. Beine als V aus-einander, lang gestreckt und flach auf der Matte. Kann ich nicht.

Sonntagessen
Mittags gekochte Kartoffeln mit Soße und Hähnchenteilen, davor Suppe, als Nachtisch Obstsalat. Abend Reis, Fisch, gekochte Bohnenblätter. Suppe davor und 1 kl. Banane danach. Frühstück: Waschlappen – Weißbrot, Marmelade, Mar¬garine, Instant- Kaffee, Instant- Milch, Zucker, heißes Wasser.

11.02. M: Um halb zehn war die 1.Deutschstunde für meinen Schüler Dom Er¬nesto angesetzt. Jetzt ist es halb zwölf, und er konferiert immer noch mit Schwester  Pilar, der Generalsekretärin von Caritas. Die beiden sind sich nicht besonders grün, habe ich den Eindruck, sie ist eine energische Spanierin und nimmt kein Blatt vor den Mund.
Da es bei uns nicht weiter geht (keine Druckerfarbe für die Briefe, die wir aus-drucken wollen, der Bischof hat keine Zeit), sucht sich R. was zu tun. Jetzt stellt er die Emails der Mitarbeiter um, damit sie einen POP Account haben und nicht immer übers Internet ihre Mails lesen und schicken müssen.

Gringos
Seit gestern sind zwei „Neue“ da, ein Priester aus Sri Lanka, der aber in den USA lebt und dieses grauenhafte asiatische Englisch spricht. Gott-sei-Dank kann er auch etwas Spanisch, sodass eine Verständigung mit dem Bischof und den Schwestern möglich ist. Der Andere spricht kein Wort von irgendwas, nur Eng¬lisch. Als ich ihn fragte, warum er hier sei, meinte er, er habe das Maul zu weit aufgerissen und hinterher nicht mehr nein sagen können. Sie bleiben einen Mo¬nat und wollen in der Zeit in drei oder vier Dörfern Brunnen bohren, außerdem eine Schule und ein Hospital bauen und der Priester will neue Früchte und An¬baumethoden einführen. Wir haben sehr gestaunt, aber wir lassen und gerne überraschen.
Der Nichtpriester-Gringo ist aus New York und spricht auch so. Er war 20 Jahre bei den Marines in aller Welt und ist sehr katholisch. Vor und nach dem Essen stehen wir hinter den Stühlen, Kreuze werden geschlagen und Ave Marias ge¬betet. Der Ex-Mariner sticht heraus mit seinen nach Dürer gefalteten Händen und langem Kreuzschlagen. Die Padres, wenn sie alleine sind, machen das schnell, schnell. Beide Amis halten Bush Jr. nicht für christlich. Seine Bekeh¬rungsdarstellung sei Schaulaufen um Stimmen und Geld anzuziehen, sagen sie. Die katholische Konkurrenz ist gnadenlos, wenn es um „Sekten“ geht. Aber in dem Fall rührt sich in mir Zustimmung.

12.02.M:
Gestern ist uns wieder so eine Geschichte passiert, die, wenn man sie erzählt, urkomisch scheint, aber wenn man sie selber erlebt eher nervig ist: der Drucker im Büro des Projekts, wo wir meistens arbeiten, benötigt so teure Farbkartu¬schen, dass sie bis zum letzten Tropfen ausgenutzt werden, und dann mit dem Kauf neuer so lange gewartet wird, bis es wirklich nicht mehr anders geht. Zur Zeit kann nur noch mit blauer Farbe gedruckt werden, was eigentlich ganz okay ist, nur für die offiziellen Briefe an die Botschaften und den farbigen Briefkopf des Bischofs mit einem schwarz-blau-grünen Phantasiewappen geht es nicht. Also haben wir uns den privaten Drucker von Dom Ernesto geliehen. Rs Mac fand ihn erst lange nicht aber dann hatten wir eine CD mit dem Druckertreiber und ein Handbuch. Nach anderthalbstündigem schweißtreibendem Nachdenken und Gefummel (was ist hier nicht schweißtreibend?)  gab’s die erste Reaktion: er ruckte. Nach einer weiteren halben Stunde Einstellen und Rumprobieren wurde tatsächlich das erste Schreiben ausgedruckt – das  Wappen in rosa! Also nach dem Abendessen neue Suche im Handbuch, neue Einstellungen, Reinigung der Düsen und neues Einsetzen der Kartuschen, ein neuer Probeausdruck – wieder rosa. R. gibt nicht auf, probierte es ein weiteres Mal, und als der Briefkopf wie¬der in pink aus dem Drucker ruckelte, entschlossen wir uns, das Drucken auf morgen zu verschieben und das Angebot eines anderen Priesters anzunehmen, seinen Drucker zu benutzen. Es war mittlerweile nach neun. In diesem Moment krabbelte ein haariges Monster aus dem Drucker, torkelte ein paar Mal hin und her und fiel dann auf den Rücken. Erst sah es aus wie ein kleiner Krebs, die Fi-gur, die Größe, aber es war eine Spinne!
Danach funktionierte der Drucker einwandfrei.
Allerdings hat sich heute der Bischof die fertigen 12 Briefe zum ersten Mal richtig gründlich durchgelesen und einige Änderungen verlangt. Er hatte zwar seit Ta¬gen unsere Vorlage, aber die hatte er nicht gelesen. Deshalb muss heute alles noch mal geschrieben und ausgedruckt werden. Das geht aber nicht, denn es  gibt wieder mal keinen Strom.
Der neue Priester aus Sri Lanka ist ein Gewinn. Er mag genau wie wir und die mexikanischen Nonnen kein fades Essen. Wir haben jetzt scharfes Piri Piri auf dem Tisch stehen und er hat Pfeffer gekauft  und gekocht: die Suppe und die Kartoffeln mit Cocos und den Reis mit Nelken. Hmmm!

Abfallbeseitigung
Sie schmeißen den Müll in Haufen an den Straßenrand. Wir meckern. Und stellen fest, dass diese Müllhaufen periodisch von der Müllabfuhr abgeholt werden. Mit einem Bagger. Ihre Art.

Kamillentee
wirkt wunder bei Durchfall und Zahnfleischentzündung. Sehr zu empfehlen! Danke Bruder!

Besäufnis
Die Schwestern aus Mexiko haben sich verabschiedet. Wie schade. Aber ihr Haus ist fertig. Sie haben zum Abendessen einen ausgegeben. 3 Fl. Bier, ½ Fl. Rot¬wein und 1 Fl. süßer Schampus sind von 10 Leuten verkonsumiert werden. Es war ein richtiges Fest von ½ Std. Dann sind wir traurig auseinander gegangen. Hätte nie gedacht, dass Nonnen so fröhlich und nett sein können.

Freunde
Das haben uns Freunde mit langjähriger Afrika Erfahrung geschrieben. „Hoffent-lich habt Ihr das Buch "Where there is no doctor" mitgenommen oder noch am crash course "Wie operiere ich mich selbst teilgenommen"? Zu spät. Ham wir nicht. Stand auch nicht in der Projektbeschreibung. Wir vertrauen dem Bischof und seinen Kontakten.

18.2.M: Wir haben die mexikanischen Schwestern gleich in ihrem neuen Haus besucht um zu sehen, was ihnen noch alles fehlt. So können wir ihnen gezielt etwas mitbringen, wenn sie uns zu Tortillas einladen. Schade, dass sie weg sind – wir haben viel miteinander gelacht und auch die beiden Priester neben dem Bischof mochten sie gerne und verstanden schon eine Menge Spanisch.

Dann kamen zwei deutsche Frauen, eine Entwicklungshelferin von Misereor, die schon längere Zeit im Tschad und im Senegal war und ab Mai hier arbeiten soll und eine Consultant, die versucht, unsere Leute hier im Projektbüro für ländliche Entwicklung zu kontrollieren, zu motivieren und zu coachen (fitt zu machen). Ob des Ablagesystems, das ich ja schon etwas geordnet hatte, konnte sie nur müh-sam die Fassung bewahren. Motto: ein Griff und die Sucherei geht los. Das meis-te an Papier hatten wir noch gar nicht zu Gesicht bekommen, es lag in dicken Briefumschlägen in den Schubladen des Schreibtisches. Wir haben am Wochen-ende an einer der Sitzungen teil genommen und R. hat durch gezieltes Nachfra-gen ein bisschen Licht in das Dunkel bringen können.
Und dann, dann haben wir es endlich gemacht: wir waren am Strand und haben ein nettes Hotel gefunden, wo es sich angenehm sein lässt. Unsere Hütte hatte sogar eine Dusche mit starkem Strahl und warmem Wasser, wo ich mir in Zukunft dann die Haare waschen kann. Wir saßen vor unserem „Chalet“ und schau-ten auf das tiefblaue Meer
und ließen das beruhigende und gleichmäßige Heranrollen der Wellen auf uns einwirken, die Luft war erst wie Backofen, später am Abend wie Seide. Mittags bei Garnelensalat und abends bei Gin Tonic und Garnelencurry fragten wir uns, warum wir das nicht schön längst mal gemacht hatten. Wir haben für die Woche vor Ostern reserviert. Am nächsten Morgen fühlten wir uns wie zwischen zwei Welten: wir geben für eine Nacht soviel aus, wie die Leute hier in zwei Monaten verdienen (70,-€). Und das Sein bestimmt wirklich das Bewusstsein: habe ich noch vor ein paar Tagen bemängelt, dass es keinen offiziellen Strand gibt, wo alle hin können, finde ich es jetzt plötzlich nicht mehr so toll, dass jeder an „un-seren“ Strand beim Hotel kommen kann. Der Strand ist nämlich doch für alle, es ist nur von der Straße aus nicht zu sehen, weil alles zugebaut ist. Und wenn wir am Strand liegen, werden wir belagert von Ketten-, Münzen-, Muschel- und Schnitzereiverkäufern, und wenn wir glaubhaft gemacht haben, dass wir wirklich nichts mehr kaufen wollen, dann heißt es „aber ihr wollt mir doch bestimmt hel-fen!“ Wenn ich sie so vor mir stehen sehe, diese Hungerleider, zuerst freundlich, dann immer aufdringlicher, sie wollen ja nicht betteln, sie wollen ihr Geld auf „ehrliche“ Weise verdienen, also müssen wir was kaufen. Natürlich zahlen wir viel zu viel und dann kommt schon der Nächste. Und alle – das geht nicht. Aber sie sehen es nicht ein – wir sind doch reich und sie sind arm! Wir müssten nach so vielen Jahren in armen Ländern Mechanismen haben, wie wir damit umgehen, aber es macht uns viel aus, wir fühlen uns schlecht.
Es gibt auch noch einen städtischen Strand, den hatte uns der Bischof beim Vor-beifahren nicht gezeigt und der ist sehr schön, mit vielen schattigen Bäumen und sanftem Sand.
In die Boote passt gerade ein Mann. Mit diesen Nussschalen paddeln sie hinaus zum fischen mit der Leine. Draußen sieht man sie nur als Flecken auf dem Was-serteppich.

Strom weg
Gestern Abend hat ein orkanartiger Sturm das Licht ausgeblasen. Jetzt geht nichts mehr. Heute versucht, Radio zu hören. Wie dumm von mir. Natürlich ist kein Sender da.

Guten Morgen
Sie grüßen nicht, wenn sie ins Büro kommen und wenn sie wieder gehen. Wir sitzen eng zusammen und dachten schon, sie sind beleidigt. Kommt hinzu, dass wir ihnen ja hin und wieder auch sagen, wo´s lang geht und natürlich wissen wir alles besser. Jetzt liest M, dass in Mosambik grundsätzlich nicht gegrüßt wird beim Betreten eines Zimmers. Wir aber grüßen weiter. Dann kommt immer eine freundliche Antwort.
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