Friday, 7. march 2008 5 07 /03 /März /2008 13:49
Die Quadratur des Kreises
Gut, wenn das Kurzzeitgedächtnis dominiert. Gerade beim Spielen gewonnen, der Tag ist gerettet. Die Gummiwände, gegen die ich heute wieder gelaufen bin, treten zurück und der angenehme Abendwind streichelt die Haut. Freunde haben geschrieben „Es scheint so: Ihr sollt helfen ohne zu helfen, jedenfalls ohne dabei merklich bedeutsam zu sein“. Ja, wir sollen was verändern ohne dass etwas an-ders wird. Heute wieder Palaver. 2 ½ Std. lang. Ich gewöhne mich dran. Lang-sam. Wenn wir es schaffen, ihn freizukriegen von den 100 Kleinigkeiten des All-tags, dann haben wir viel erreicht. Ich arbeite an einem Organigramm um seine Verwaltung zu strukturieren.
Nun ist Feierabend. Wir haben noch auf meinem Bett Backgammon gespielt, ich dusche, binde mein Tuch um, Kopfhörer und Taschenlampe in der Hand, Kopf-kissen unterm Arm, schreite ich über den Flur. Ein wenig schaue ich noch, aber um 9.30 abends ist niemand mehr da, der mich erwischt. Das Haus ist zu und erscheint menschenleer. Wir hören noch ein Buch.

Sekretärin
Unserem Bischof haben wir einen Sekretär empfohlen, der seine Termine über-wacht, die Ordner in Ordnung hält und ungebetene Besucher vom Leib. Dabei natürlich nicht an M gedacht. Aber er schon! Umgehend hat er M gebeten, Über-setzungen vom französischen und einen pastoralen Antwortbrief in Portugiesisch zu verfassen. Ich wusste gar nicht, dass Marianne solch einen Sermon schreiben kann (auf Portugiesisch!). Will sie doch wechseln?

Es ist Donnerstag,
Wochenende und Musik fangen an. M meint, Donnerstag sei der Samstag für die Muslime. Die Trommel schlägt stundenlang einen treibenden Rhythmus, schnell, abgehackt, mitreißend.

Im falschen Film?
Vor uns war ein Spanier in derselben Mission hier. Ein Unternehmer. Einen Monat. Seine Übersichten mit den Arbeitsabläufen sind in der Apotheke über jedem Arbeitsplatz ausgehängt. Sehr gut. Auch die PC-gestützte Inventarisierung der Medikamente gibt es schon. Wer war das, der uns da für nötig hielt? Wir können Verbesserungen vorschlagen.
Misereor Projekt: Vor 10 Monaten sind die Verträge unterschrieben worden, jetzt sind die Projektmittel eingetroffen. Sie sind hier fest davon überzeugt, die Schuld liege bei Misereor. Sie sind sauer auf die Organisation die so viel nach-fragt. Hier macht man das anders.
Seminar mit dem Misereor-Evaluierungsteam: Die genaue Schreibweise eines Wortes wird gesucht. M hat das Lexikon dabei. Nein, meint Frederico, der Land-wirtschaftsmann, das sei nur ein Buch. Hier schreibe man das anders. Sie sind sehr überzeugt von sich. Ich glaube, sie sind auch sauer auf uns Besserwisser. Weil: hier macht man das anders.

Sonntag Vormittag am Strand
und Bach im Kopfhörer. Vor mir das Meer, links landen kleine Boote, ein Haufen Menschen wartet, sie wollen Fische kaufen und schauen zu, wie die Boote ele-gant durch die Dünung kommen. Ab und an dringt Meeresrauschen durch.

Schimmel
Julio, der manchmal sauber macht, hat ihn entdeckt. Die Ledertasche, schwarze Schuhe, der Lederkoffer, ja sogar mein Sakko und die Wollpullover sind dick mit grünen Flecken bedeckt. Der Schimmel aus Dar es Salaam hat uns eingeholt.

Die endlose Geschichte der Fahrzeug - Entzollung
Ich hatte eine Fantasie: Mit unserem Herumwirbeln haben wir das Wasser wild aufgewühlt, Kanäle geöffnet, neue Rinnen gesucht, auch gefunden, das Ganze als Lösung präsentiert und nun, nun ist die See ist wieder ruhig geworden. Der Fluss daraus fließt seinen gewohnten, trägen Gang, ein Wassertropfen fällt noch, alles bleibt beim alten und das Fahrzeug steht weiter im Hafen. Herausgekom-men ist einzig, dass das wichtigste Papier nun auch noch verloren gegangen ist.  Wir gewöhnen uns dran und fließen auch ruhiger dahin.

Geschwindigkeit ist relativ oder: wie ich Einstein verstand.
Es fiel mir schwer, den Sinn der eigenen Tätigkeit zu erkennen. Aber vielleicht lag das an meiner Geschwindigkeitsvorstellung? Schon reduziert auf die Schnelligkeit eines Goggomobils war ich angereist. Das aber war immer noch zu schnell. Jetzt hab ich runter geschaltet und siehe da, im Schneckengang gibt’s auch noch Veränderungen, man sieht sie nur nicht wenn man Goggo fährt.
Mir geht es seit 1 Woche wieder besser, nachdem ich mal die Geduld verloren hatte. Jetzt hab ich sie wieder gefunden.

Unser Bispo
Er redet gerne. Seit Tagen tagelang. Mit wechselnden Leuten. Manchmal vergisst er Mittag- und Abendessen. Bei Tisch präsidiert er mit Charme und oft witzig. Seine Augen blitzen schelmisch, wenn er Witze erzählt, durchaus auch selbstkri-tische, die Kirche betreffend. Oder er erzählt Geschichten die er erlebt hat voller lustiger Einfälle. Er bestimmt gerne. Lächeln bescheidet er dem malariakranken Padre, Er, der Bischof, habe ihm dazu keine Erlaubnis gegeben. Als wir ihm mit-teilen, in der Apotheke sei ein Personalproblem gelöst worden, kriegt er fast ei-nen Anfall. Ohne seine Entscheidung ist nichts gelöst. Die Italienischen Schwes-tern haben ein sehr gutes Projekt aufgebaut (M hat es beschrieben). Es ist sozial ausgerichtet, betreut und unterstützt Aids-Kranke und ihre Familien, hilft nicht nur durch Lebensmittel-Spenden sondern auch durch Kleinprojekte, die Ein-kommen schaffen. Das Projekt hat mir sehr imponiert. Ich hätte gerne gewech-selt. Da wird was Sinnvolles gemacht. Kurzum, der Bischof könnte stolz sein. Und was macht er? Er macht es wie der König im Märchen. Der hatte eine große Schatzkammer. Das schönste Stück war eine goldene Flöte. Wenn man da rein schaute, konnte man das ganze Königreich sehen. Berge und Wiesen und Wälder und die fleißigen Menschen all überall. Und was machte der König mit der Flöte? Er pfiff drauf. Später hat er versucht, es uns zu erklären. Dass er das Projekt und die Oberin schneidet ist wohl eine disziplinarische Maßnahem, die er vonnö-ten hält. Er wurde nicht gefragt und bei Entscheidungen übergangen. Es ist ihm wichtig, dass wir verstehen. Dann lächelt er sein Bubenlächeln und sagt, unse-ren Appell, bei solchen Maßnahmen die Menschlichkeit voran zu stellen, müsse er sich wohl noch mal überlegen. Er ist sehr gescheit. Ich habe einen 60-seitigen Hirtenbrief von ihm gesehen Da ist alles drin von der Geschichte der Provinz und der Diözese bis zu theologischen Problemen. Die Unterhaltungen mit ihm über philosophische Fragen sind sehr lehrreich. Er ist halt noch sehr jung. Und muss noch aus Fehlern lernen.

Bei Dalai Lama gelesen:
„Der christliche Klerus ist besonders dem Dienst am Nächsten auf dem Gebiet der Erziehung, Gesundheit und Sozialhilfe verpflichtet“ (und ruft den Buddhis-mus auf, davon zu lernen). Ich schreibe das auf, weil genau diese Hilfen von den Nonnen, die wir kennen gelernt haben, geleistet wird. Das nennen sie „Mission“.

Wir haben was Schönes gesehen
und ein Bild an Jörg geschickt. Prompt kam seine Antwort: „Es handelt sich um ein Mitglied aus der Familie der Buprestidae, auf deutsch Prachtkäfer.
Ihren Namen haben sie völlig zu Recht, es gibt kaum im besten Sinne schönere Käfer. Es gibt sie schon in Gold und Emaille seit den Pharaonen und man hat sie (konserviert in echt) sogar als Brosche am Revers getragen“. Ich muss sagen, mir läuft ein kleiner Schauer über den Rücken, wenn ich eine Verbindung zwischen mir und den Pharaonen finde. Beide haben wir denselben Geschmack. Ich hab ihn ja gar nicht gefunden. M hat ihn entdeckt und mir gezeigt. Er ist in der Tat ein Prachtkerlchen. Schnell allerdings ist er auch nicht. Vielleicht hat seine Gattung deshalb überlebt? Fragen der Zeitökonomie halten mich in Atem.

Wo bleibt das Positive, Herr Einloft?
Recht gefragt, denn es gibt dessen eine Menge. Fangen wir an: Noch nie abends die Stirnlampe zum Lesen gebraucht. Gut, das mag auch daran liegen, dass wir im Bett Hörbuch hören. Der Strom allerdings fällt deutlich weniger aus als in Tansania. Dann: 3 mal am Tag steht Essen auf dem Tisch. Mir schmeckt es. Viel Fisch und kleine Portionen. Ich brauche nicht abwaschen und einkaufen. Dann: Projekte und Organisationsstrukturen auszuarbeiten macht mir Spaß. An Tabel-len und Grafiken fissele ich bis in die Nacht hinein. Mein Element. Dann: Heute ist die Hälfte der Zeit rum! Noch 40 Tage. Und für die Wochenende haben wir den Strand und das Hotel gefunden. Dann: Abends spielen, lesen, Bilder sortie-ren, Sachen am PC ausprobieren und Bücher hören. Es füllt mich mehr aus als Fernsehen. Dem verfalle ich zu schnell. Auch: Kein Alkohol die Woche durch, nur am Wochenende – geht gut. Und besonders: mit M zusammen zu arbeiten ist sehr angenehm. Wir ergänzen uns. Sie ist gleich bleibend gelassen und fängt mich ein, wenn nötig, allein mit ihrem Sein. Nicht zu vergessen: Ich habe Zeit übrig für Studien, die schon lange liegen. Und ich lerne. Langsam leben hat auch seine Qualitäten. Ich bin einfach privilegiert. Wer kann schon so viel von ver-schiedenen Leben lernen?

Ein Padre ist krank
Die ganzen Tage schon lief die Nachricht um, ein Padre im Inneren sei schwer an Malaria erkrankt. Es gibt in der ganzen Provinz nur ein Krankenhaus, das hier um die Ecke. Und das ist auch noch völlig unterbemittelt mit Medikamenten, Ausrüstung und Personal. Da draußen gibt’s gerade mal eine Gesundheitsstation. Heute Morgen dann Aufregung, der Bischof fuhr los und wir glaubten schon zur letzten Ölung. Heute Abend war der Kranke hier, er hatte ihn geholt. Nun liegt er im Zimmer zwischen M und mir. Hoffentlich stirbt er nicht.
(Einen Tag später) Nee, scheint nicht so. Er tattert zwar geisterhaft durch die Gegend, immer im Schlafanzug mit kurzen Höschen, aber am Essen nimmt er teil und telefoniert wie ein Weltmeister dabei. Wer so viel am Handy hängt stirbt noch nicht.

Hinterland
Es verschlägt und uns alleweil in Hinterländer. Hinterland nennt man die Gegend von Hommertshausen (die Zeitung heißt sogar: Hinterländer Anzeiger) und hier nennen sie abgelegene Gegenden sage und schreibe auf Deutsch auch Hinter-land. Hab ich in der Zeitung gelesen. Wo sie das herhaben?

Portu-Spanisch
Noch immer passiert uns das Vermenge aus beiden Sprachen. M schreibt in ih-rem Evaluierungsbericht von „Padres de Familia“ und beide wissen wir, das heißt „Eltern“. Bis der Bischof dumm guckt weil sie empfiehlt, er solle sie treffen. Wen, die Priester der Familie?

Die Karawane zieht weiter
Heute ein Stück vorangekommen mit der Arbeit. Es ist wie mit dem Schleppnetz fischen. Lange Zeit sind die Haken über den Boden geschrappt und jetzt haben einige ein wenig Widerstand gefunden. Wir haben für die 3 Bereiche Schule, A-potheke und Schreinerei unsere Evaluierungen und Empfehlungen vorgestellt, schön aufbereitet in Tabellen und Berichten. M dazu die Vorschläge, wie das Strandgrundstück genutzt werden kann. Die einfachen Konstruktionen vom Süd-strand und der Insel Bongoyo in TAN haben uns animiert. Wir dürfen den Antrag auf einen SES-Schreiner wegschicken. Aber vorsichtig, ganz vorsichtig. 3 Stun-den Palaver. Ihm brummt der Kopf vor Vorschlägen, hat er gesagt. Und gefragt, wie es weitergeht, ob wir die Sachen nicht nur entwickeln sondern auch bei der Umsetzung in die Hand nehmen. Ich muss ich sagen: Grundsätzlich ja, wir sind ja schon dabei. Aber von ihrer Seite muss auch was passieren. Und ein wenig Abstand brauche ich erst mal.

5 mal geduscht heute. Es wirkt nur kurz. Die Hitze macht mich schlapp. Zur Apotheke laufen wir. Das ist jedes Mal eine Stunde hin und zurück. Heute bin ich kaum noch den Berg hoch gekommen.
Das hasse ich, wenn die Anopheles mir vor der Nase rumtanzt! Mistviecher. Heu-te hat mich eine erwischt. Seltsam: Malaria ist die Krankheit mit den meisten Todesfällen und kaum einer redet drüber. Aids dagegen mit weitaus weniger To-ten steht in jedem Bericht an erster Stelle. Natürlich ist diese Krankheit ein Rie-senproblem besonders, weil Menschen die arbeiten können häufiger sterben. Gerade liegt wieder ein Bekannter des Bischofs im Krankenhaus im Koma. Mala-ria.

Unser Priester mit der Malaria ist der Vertreter des Bischofs und schon etwas länger im Dienst. Das merkt man ihm an. Seine Rede erinnert mich an eine Mes-se. Eintönig, fast ohne Heben und Senken der Stimme, ähnlich dmn Gemurmel wenn sie zelebrieren. Die Anderen verstehen ihn.
Heute hat es wieder gegossen und die Luft ist klarer und angenehm kühl. Denke, so 27 Grad. Seit Tagen laufen wir hinter einem Drucker her. Meine Güte, ist das manchmal nervig. Aber morgen fahren wir an den Strand. Da ist zwar auch kein Drucker aber auch kein Druck.
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