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Sunday, 9. march 2008 7 09 /03 /März /2008 14:03
Bischof der Belesene
Heute haben wir am Abendbrottisch – abends Brot scheint auch eine typisch deutsche Sitte, denn hier gab es Suppe, Nudeln und Fisch – über Goethe, Hesse und Thomas Mann geredet. Der Bischof hat geredet, er hatte sie gelesen. In Ita-lienisch. Wir haben nur (erstaunt) kommentiert um zu bekunden, dass wir auch was wissen. Enorm, was der Mann alles kennt.

Biestige Priester
Immer dachte ich, ein Bischof ist eine Persönlichkeit zu der alle Untergebenen ehrfurchtsvoll aufblicken. Hier ist das anders. Was wir mitkriegen, sind Graben-kämpfe um eigene Unabhängigkeitsbereiche zumindest einiger Priester. Das scheint so weit zu gehen, dass sie ihn, unseren Bischof, auflaufen lassen. Heute war schlechte Stimmung bei Tisch. Einer hatte ihn einfach sitzen lassen obwohl er doch gesagt hatte, er wartet auf den Bischof, sagt der Bischof. Und ist stock-sauer. Das wird Konsequenzen haben, sagt er. Und tritt gleich dem nächsten auf den Fuß. Unter seiner Schafherde sind einige sture Böcke.

Trommler
Da war sie wieder, diese Musik in der Nacht. Die treibenden Trommeln, sicher mehrere. Der Rhythmus scheint immer schneller zu jagen, gestützt von einer Pauke die zwischen die Wirbel schlägt. Dann jault dieses brasilianische Instru-ment dazwischen, neben den Takt, ein Tamburin mit einem Dorn innen an der Bespannung der mit einem nassen Wattebausch gezogen wird und Töne wie ein geplagter Esel von sich gibt. Es regt auf uns soll ja wohl. Jetzt noch der helle Klang der Kuhglocken an einem gebogenen Stahldraht dazu, mit einem Stock geschlagen, ebenfalls dazwischen, nicht im Takt und doch den Rhythmus stär-kend. Infernalisch. Ich stell mir nackte, schwitzende Oberkörper vor, über aus-gehöhlte Baumstämme gebeugt, die ganze Nacht durchtrommelnd, eine Masse stampfender ekstatischer Tänzer antreibend. Und merke auf einmal, dass es vom Band sein muss. Die Musik kenne ich. Aus Brasilien.
Aber täuschen tu ich mich öfters hier. Wo ich Afrika drin erträume ist es noch nicht mal drauf. Neulich, als ich schrieb, dass sie Donnerstag schon beginnen mit der dröhnenden Musik, da war es Karneval. Wir haben es eine Woche später festgestellt als sie ihn beerdigten. Den Karneval. Drei Wochen später als auf dem Kalender. Sie hatten erst angefangen als in Köln die Bürgersteige gekehrt und die Sachen eingepackt wurden.

Reform tut Not
 Heute hatten wir die wichtigste Konferenz mit dem Bischof. Über die notwendige Verwaltungsreform und wie er das Ganze managt und managen sollte. Mit einer PowerPoint Präsen-tation haben wir es geschafft, dass er eine Zeitlang nichts mehr gesagt, nur fas-ziniert auf die Vorführung gestarrt hat. Wir haben die Vision, dass er sich aus dem täglichen Klein-Klein herauszieht und nicht mehr Mädchen für alles spielt. Als Filter zwischen ihm und seinen Projekten braucht er einen Koordinator. Er muss sich konzentrieren auf die Zielsetzungen, die mittel- und langfristigen und ihre Kotrolle. Und natürlich auf seine pastoralen Aufgaben. Dann gewinnt er Ab-stand und die Würde, die er so gerne hätte. Sind unsere Aussagen angekom-men?
Die Wandzeitung mit dem Organigramm hat ihm imponiert. Nun ist er am Zug was zu tun. Ideen und Vorlagen sind da. Natürlich hat er es schwer, er kann bei seinen Patres nicht mit der ökonomischen Peitsche arbeiten. Sie sollen alles oh-ne weltliche Belohnung tun. Was sie nicht tun. Sie gehen hin und unterrichten in der Schule gegen schnöden Mammon. Das regt ihn auf.
Er hat gefragt, ob und wann wir wiederkommen um die angefangenen Sachen weiter zu machen. Wir haben ihm unsere Kondition genannt: generell ja aber unter der Bedingung, dass sich hier in den Projekten (und bei ihm) auch etwas tut in der Richtung, die wir angestoßen haben.

Schloss Camelot
Was für Welten! Der Strom war weg, wir liegen auf dem Bett, die warmen Wo-gen der Luft streichen über uns und wir hören König Arthus und die Ritter der Tafelrunde. Mittelalter, winterliche Landschaften, verzauberte Schwerter, Magier und ein wunderschöner König, der allen seinen Untertanen nur Gutes tut geis-tern durch unsere Kopfhörer. Hier in Afrika gibt es auch Zauberer. Aber der gute König der allen Wohlstand bringt, der fehlt noch.

Kunst
Auf der Insel Ibo gibt es 2 Autos. Das von der Gouverneurin und das vom Hotel-besitzer. Beide Autos hatten einen Unfall. Sie sind zusammengestoßen. Mitten-mang. Das bringt auch nicht jeder fertig.

Am Strand
Urlaub. Sonne. Indischer Ozean flach wie ein Brett und in allen türkis-blau-violett-schwarzen Tönen schimmernd. Darauf kleine Boote wie Farbtupfer, Män-ner fischen. Wir laufen. Dann kommt ein kleiner Mann und läuft neben mir her. Er hätte Hunger und ich soll ihm was abkaufen. Unsicherheit und Unwilligkeit durchlaufen mich. Siehst du nicht, dass ich Sport mache? Er kommt hinter uns her an unser Häuschen. Keine Touristen sagt er, seit gestern nicht gegessen. Er ist schon alt. Ich gebe ihm was.

Geburtstag
Meine Schwester hat ein Bild geschickt. Ein iPod mit meinem Namen drauf. Ja sagt M, dass ist dein Geburtstagsgeschenk. Ich brauch zwar keinen iPod, freue mich aber wie ein Schneekönig. Technisch wunderschöne Sachen liebe ich sehr. Dann gab es einen Blumenstrauß selbst gepflückte von M (ich hatte gar nicht mitgekriegt, dass am Strand Blumen wachsen und was für schöne!) und einen Kuchen den man mit dem Löffel essen muss gab es auch noch. Er heißt Schoko in Schokolade. Um den war ich schon mehrmals rum geschlichen beim Inder. Und eine Tasse Kaffee gab es. Frisch aus der Küche. Den hat M über 100e Meter Steg bei Wind und Regen in die Hütte transportiert. Ich hab sie gefragt, wie sie das gemacht hat, die volle Tasse bei dem wackeligen Steg und bei dem starken Regen bis ans Bett zu bringen. Sie wollte nicht raus mit der Sprache, ich hab ihr versprochen, nicht böse zu werde, da hat sie es verraten. Hinter der Küche hat sie einen tiefen Schluck genommen und vor der Hütte wieder zurückgespuckt. Ich hatte schon ausgetrunken als sie das erzählt hat. Viele Emails gabs auch, sogar von Leuten, von denen ich es nie erwartet hätte. Und einen ganz langen Brief von zu Hause! Ach wie schön. Ich kann nicht antworten, die Internetleitung ist hier so langsam, dass mir die Verbindung im Bischofs Haus jetzt schnell vor-kommt. Wie muss das erst sein, wenn wir wieder in D sind? Wutsch und die E-mails sind futsch. Hier kann man ruhig zwischen Empfang und Senden mal Mit-tagessen gehen. Um dann begrüßt zu werden: Server antwortet nicht mehr.

Sprachprobleme
Cuba Libre wollte ich. Haben wir nicht. Wie das? Coca Cola ist doch da. Ja. Und Limone und Eis? Ja. Und Rum. Was? Ron. Nein....Jetzt geht das schon wieder los. Beide erinnern wir stande pede die bedrückende Situation in Guayaquil beim Frühstück. Kommt der Ober: Kaffee? Nein, ich möchte Te. Hä? TTTEEE. Schul-terzucken. Dee? Tééé? Schulterzucken. Ich nehme Anlauf. Heute morgen möch-te ich keinen Kaffee sondern.... Der starrt mich immer blöder an. Gibt es nicht. Bis ich Tee auf einem anderen Tisch sehe. Ach das, und er sagt etwas ähnliches wie: ðɕ. War hier schon wieder ähnliches? Ich probiere es auf brasilianisch mit hhumm. Hatte uns auch einiges gekostet rauszukriegen, dass das Rum sein soll-te. Hum? Schulterzucken. Er stand da hinten, der Rum. Ich hatte ihn gesehen. Also spanisch: rrrrron. Irritiertes Schauen. Ich gebe auf und male mit dem Fin-ger RON auf den Tisch. Ach, sagt der Witzbold: Rum! Wie auf deutsch, nur mit einem näselnden u.
M: und aus lauter Schüchternheit trinkt er jetzt immer Gin Tonic!

Freundlichkeit
„Seien sie nicht enttäuscht, Mosambikaner grüßen nicht“ stand im schlauen Buch. Es fällt mir immer noch schwer, ruhig zu bleiben, wenn eine Angestellte am Morgen rein kommt und mich mit keinem Blick beachtet, dazu noch ein Ge-sicht wie 3 Tage Regenwetter zieht. Beim den ersten Malen dachte ich an schlechte Kinderstube. Um festzustellen, dass der Charme von  DDR-Zöllnern besonders bei jungen Frauen Landessitte ist.  Der Vergleich mit DDR Bürokraten ist gewollt. In der Tat haben diese Genossen nach der Unabhängigkeit fleißig mitgeholfen, die durch den Kolonialkrieg und den Abzug der Portugiesen ruinier-te Wirtschaft des Landes vollends gegen die Wand zu fahren. Zumindest haben sie Bürokraten-Verhalten bis heute (mit) geprägt. Unlust bis Verweigerung ir-gend etwas zu tun ist noch immer Tagesordnung in den Verwaltungen. Dass die DDR Einfluss auf das Verhalten junger Menschen in Afrika hatte, wage ich dann doch nicht zu behaupten. Wäre zu viel der Ehre in so kurzer Zeit.
PS: Es gibt viele freundliche Mosambikaner!

Ostern
Hier brüteten die Eier von selbst aus wenn man sie ließe (aber es gibt keine Ostereier, die schauen alle recht dumm, wenn wir von der Sitte erzählen) und in D werden sie für den nächsten Sommer konserviert. Tief gefroren. Wir verfolgen mit Interesse den Temperaturabfall und bleiben darob gerne hier.
Wir waren heute wieder mal in der Messe. Es war sehr sportlich. Dauernd auf-stehen, klatschen, singen, setzen. Dann sind sie alle nach vorne gegangen, es war aber nicht das Abendmahl, sie sind einfach am Altar vorbei und haben ge-nickt und dann haben sie sich wieder gesetzt. Dann haben sie noch Erntedank gemacht und eine Dose Nescafe, Zucker, Reis und andere Lebensmittel nach vorne gebracht. Keine Ahnung, ob das für den Priester war. Die Tanzgruppe ist niedlich, lauter Mädchen zwischen 8 und 14 und die tanzen barfuß zum Gemein-desingen. Das sieht schön aus und ist sehr unterhaltsam. Ich nehme an, das sind die Mädchen, die von der Kirche den Initiationsriten abspenstig gemacht wurden. Bei den nationalen Einführungsriten kriegen die Mädchen und Jungen wichtige Lehren mit auf den Weg ins Leben, wie z.B. Schmerz aushalten und Sex machen. Bei den Katholen gibt’s auch wichtige Lehren zu lernen, ich befürchte, sie sind weniger auf das Diesseits ausgerichtet. Predigen tut der Priester nicht viel. Dafür lesen sie zu zweit viel ab. Diesmal dauerte es nur knapp 2 Stunden. Sie hatten aber gestern Abend schon gefeiert von 9.00 Uhr bis knapp 2.00 die Nacht. Und Freitag ebenfalls. Für unsere Priester war es eine harte Woche und sie sind alle kaputt. Jeden Tag begann die erste Messe um 6.00 Uhr morgens. Und tagsüber war auch einiges los. Der Bischof sah ganz elendig aus heute. Beim Abendessen ging’s ihm schon besser und wir haben lange diskutiert, ob Mosambik mit Brasilien mehr Kontakte haben soll. Ich bin dafür wegen der Süd-Süd Verbindung. Länder des Südens sind sich in der Entwicklung näher als die Technisierung aus dem Norden. Der Bischof ist gegen Brasilien. Weil die Brasili-aner die Homosexualität nach Mosambik bringen täten. Jeder hat so seine Grün-de.
Ich hab jetzt meinen Grund Schluss zu machen, denn ich werde mich zu Marian-ne schleichen und da hören wir noch Buch. Über einen Mann der erzählt, wie er als Kind Ferien machte und wie er seine Frau im Sterben begleitet hat und wie er Altersflecken kriegt. Alles durcheinander. Zu lesen haben wir nur noch ein Ge-schichtsbuch über Mosambik. M hat auch das schon ausgelesen dazu den Hir-tenbrief des Bischofs und alle Traktate. Wir haben einen Hilferuf an einen Freund losgelassen, der kommt am Samstag aus Maputo. Er soll irgendwas mitbringen was Buchstaben hat.
Jetzt geht auch noch der Tabak aus! Wird Zeit

Jetzt ist es passiert
Gleich 2 Zähne raus. War nur eine Brücke. Und das Knie will nicht mehr laufen. Jetzt lispele und humple ich. Mal sehn wie sich das entwickelt. Der einzig gute Zahnarzt hier, ein Italiener, ist anscheinend nicht mehr da. Pater João will sich darum kümmern. Wenn alle Stricke reißen, fliege ich nach Dar es Salaam zu meinem Zahnarzt. Ist ja nicht mehr wie bei Livingstone. Der hätte ein halbes Jahr zu Fuß bis nach Dar es Salaam gebraucht und immer noch keinen Zahnarzt gefunden.

Abre mão Bispo!
„Öffne die Faust, Bischof“ ist meine Botschaft. Er hält sie eisern geschlossen, seine Regierungshand. Und gibt kein Fitzelchen an Verantwortung ab. Morgen fährt er für 2 Wochen weg. Und alles wird liegen bleiben sagen seine Leute. Heu-te gab es so ein Beispiel. Er hatte uns seine Idee einer zweiten Apotheke in Mon-tepuez erzählt und gebeten, dabei zu helfen. Räumlichkeiten sind da, Missiona-rinnen vor Ort, sie wissen Bescheid, sagt er. Wir wollten mit der Direktorin der Apotheke hinfahren und alles vorbereiten. Brauchen aber eine Fahrgelegenheit. Er fing an zu stottern als M ihm heute vorschlug, dass Padre João die Koordina-tion übernehmen könnte. Irgendwas von „noch nicht so weit und anders muss erst...“ nuschelt er in seinen nicht vorhandenen Bart. Ich habe das Gespräch ab-gebrochen. Dann eben nicht. Ohne ihn darf nichts gehen. Oder? Will er nicht o-der kann er nicht? Sehen wir falsch hin? Es ist alles so widersprüchlich. Er ist so nett zu uns, freut sich, bedankt sich für die Gespräche, lacht so gerne, auch über sich, ist menschlich. Möchte Änderungen. Braucht sie. Und kann nichts loslassen. Ach Bispo!

Er ist weg.
Gähnende Leere hat sich im Bischofshaus breit gemacht seit er abgereist ist. Wie bei Dornröschen, als das ganze Schloss in den Schlaf fiel und die Rosen an den Fenstern hochrankten. Und wenn er dann wiederkommt, dann gibt er allen einen Kuss und dann kommt wieder Leben in die Bude. Wir schreiben am Abschlussbe-richt.

Ein Erlebnis aus der ersten Welt
Wir waren bei LAM, der Fluggesellschaft, unsere Flüge bestätigen. Ich hatte mich auf ein längeres Palaver mit hohen Geldforderungen wegen Umbuchung einge-richtet. Sogar die Möglichkeit, dass sie uns ablehnen hatten wir diskutiert. In dem Fall, wir waren uns einig, fahren wir mit dem Bus. Am 11. sind wir in Mapu-to, komme was da wolle. Das Gebäude ist ein neuer Flachbau, seine saubere blau-rot-weiße Erscheinung sticht heraus zwischen all den grau-weißlichen Gebäuden drum herum. Und dann waren wir in einer anderen Welt. Kühles Klima, schönes Interior, geschwungene Tresen, nette Bedienung. Und kompetent! Sie studiert unseren Flugplan, tippt auf ihrem Computer, sagt, einen Moment, kommt nach Sekunden mit einem Ausdruck zurück, heftet ihn an, überreicht ihn mit einem Lächeln: alles erledigt. M sagt: es war wie auf einem anderen Stern.

Reklame
„Weil Schmutz Spaß macht: OMO“ wirbt die Reklame. Freut ich zu hören. Ob das auch für Rotweinflecken gilt?

Ich hab Heimweh. Wohin? Ich glaub, aus dem Unbekannten mal wieder in vertraute Gefilde.
Auf Wiedersehen in Deutschland!

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