R:
D’Salaam, Empfang bei Rau:
Hinter uns stand eine Frau, die war vor zehn Jahren ungemein attraktiv. Jetzt war sie noch ungemein. M. war der Meinung, ich hätte mich lang mit ihr unterhalten und fragte, „wer war die
Schreckschraube?“ Drehte sich um und sah ihr direkt ins Gesicht.
Hommertshausen kennt er nicht. Es war schwer, an Rau ran zu kommen. Nachmittags hatte ich ihn getroffen, da musste ich die Entwicklungspolitik der Stiftungen in Tansania vortragen. Das war in
kleiner Runde. Rau kam, hörte sich alles an, fragte, stellte sich auf zum Gruppenbild mit Dame (meine Kollegin Eva von der Friedrich-Naumann-Stiftung) und anschließend verschwand er. Am Abend beim
Empfang kam er spät, hielt eine volkstümliche Rede, lobte Tansania und die freundlichen Menschen, versprach als Privatmann wieder zu kommen und verzog sich in eine Ecke, Protokoll und Leibwächter
standen im Halbkreis davor. Ausgewählte Gäste wurden ihm einzeln zu geleitet. Ich habe gefragt, aber ohne Chance. Nur zehn Leute wollte er sehen und dann gehen. Irgendwann bin ich einfach hin
gegangen, habe ihm die Hand gegeben und ihm gesagt, ich hätte meiner Mutter versprochen zu fragen, ob er Hommertshausen kennt. Er überlegte kurz, dann sagte er „nein, wie heißt das?“ Aber
Niedereisenhausen kenne er doch wohl? „Ja, und Wallau und Breitenstein“, erst letztes Jahr sei er da gewesen. Ich habe ihm erzählt, dass meine Mutter mir das erzählt hätte und dass Hommertshausen
etwa 3 km südlich davon sei. „Dann grüßen Sie mal besonders Ihre Mutter!“ sagte er. Später hörte ich, dass es niemandem sonst gelungen sei, einfach so zu ihm zu gehen. Es musste ja auch niemand
fragen, ob er Hommertshausen kennt!
24.3. M:
Also alles ist wunderbar gelaufen: Reinhold hat die Vorstellung bravourös gemeistert und hat zudem alle zum Lachen gebracht. Bevor wir abends aufbrachen, gab es noch eine ziemliche Aufregung, weil
die Hose zum schwarzen Anzug total verschimmelt war und stank. Er hatte aber noch eine andere schwarze, und in dem Gewühle fällt das gar nicht auf. Bei dem Empfang kam der Afrika-Beauftragte der
Bundesregierung auf ihn zu und gratulierte ihm. Ist doch schön, wenn man so was hinter sich hat und es ist auch noch gut gelaufen! Er war dann so gehobener Stimmung, dass er, die Worte seiner
Mutter im Hinterkopf, zu Rau gegangen ist und ihn gefragt hat, ob er Hommertshausen kennt! Kennt er nicht, obwohl er in seiner Jugend so oft in Eisenhausen, dem Nachbardorf war, aber er lässt
Mutter herzlich grüßen!
Ja, und Frau Rau war in dem Kinderheim für Straßenkinder, wo sie die vielen Tiere haben. Und dort hat man ihr zum Abschied eine kleine Ziege geschenkt. Hat die sich gefreut!!!
Abends ist die Frau des Botschafters rumgelaufen und hat jeden gefragt, ob er einen großen Garten und Freude an einer Ziege hat. Und meine Freundin, bei der ich heute zum Geburtstag eingeladen bin,
die hatte! Ihr Mann hat sich gefreut, einen kostenlosen Rasenmäher zu bekommen.
Nachtrag: Frau Rau hat so viele Bedingungen an die Ziege geknüpft, dass meine Freundin Abstand davon genommen hat. Sie darf sie nicht weitergeben, nicht schlachten......Wahrscheinlich will sie
monatlich ein Foto, ob es ihr auch gut geht.
R:
Ende März 2004
Heute hatte ich wieder Kiswaheli-Unterricht. Krieg ich 2 mal pro Woche. Wenn Zeit ist (letzte Woche, beim Besuch von Volker aus der Zentrale und von Rau, da war natürlich keine Zeit). Peter erzählt
mir manchmal interessante Geschichten. Heute, wie es kam, dass Tanzanier 2 Namen haben. Eigentlich haben sie lokale Namen. Die gibt ihnen der Vater nach der Geburt. Die Namen beziehen sich auf
Ereignisse. Sie heißen dann Mwamvua „der vom großen Regen“, oder Njaa „Hunger“, oder auch Sikujua „Ich wusste es nicht“. Dann kamen die Missionare. Und die hatten dicke Bücher und
sagten, bei der Taufe müssten sie andere Namen haben. Und deshalb heißt Mwamvua auch Josua und Njaa heißt Abraham und Sikujua Jesus. Sie kriegen noch immer den lokalen Namen, in der Stadt
weniger, auf dem Dorf schon. Aber nur noch die Großeltern oder die alten Männer nennen sie noch unter dem richtigen Namen. Peter sagt, er heißt eigentlich Der Junge, der nach der Ernte kam.
Und den Namen hat ihm der Vater gegeben, wie alle Väter den Namen der Söhne vergeben. Erst in der Kirche hat der Pfarrer ihn Peter genannt und auch so getauft. Das ist bei den Christen so üblich,
sagt er. Die Mohammedaner seien strenger und würden keine europäischen Namen annehmen. Richtig. Meine Fahrer heißen Khalib und Shamte und nichts anderes. Er möchte wissen, welchen richtigen Namen
mir mein Vater gegeben hat. Und schaut erstaunt, als ich ihm erzähle, meine Mutter habe sich mit Reinhold einen reinen und holden Jungen gewünscht, dass aber meistens keinerlei Sinn bei der
Namensgebung intendiert ist. Nur Mode und Geschmack. Da lacht er breit. Wie kann man nur keinen richtigen Namen haben.
Mutter liegt im Krankenhaus. Sie ist operiert worden. Man hat ihr eine Niere entfernt. Jetzt hier zu sitzen und zu warten und nichts tun zu können und trotz all der modernen Elektronik sich hilflos
und ohne Kontakt zu fühlen, das ist bedrückend. Wir haben kein Telefon und mit dem Handy kann ich nicht nach Deutschland telefonieren. Gestern Abend nachdem Hannes Nachricht per Mail mit der
Telefonnummer von Mutter im Krankenhaus ankam, da hab ich ziemlich verzweifelt versucht zu telefonieren. Komisches Gefühl, wenn dann eine Computerstimme sagt: keine Autorisierung. Und du kannst nix
tun. Na ja. Hanne funktioniert und schreibt regelmäßig Emails. Das ist ein Nachteil in meinem Beruf. Ich muss aber auch mal Nachteile haben bei meinen vielen Vorteilen. Wenigsten geht’s mir
besch...
Wir haben jetzt 1 Std. Unterschied, sind noch näher zusammen mit den Lieben in D.
Hier wird es immer wärmer. Nicht auf dem Thermometer, da bleibt es bei 30 Grad im Haus. Aber die gefühlte Temperatur, die steigt. Oder steigt die Nachttemperatur? Was auch immer, rinnen tut der
Schweiß.
Nach Ostern im April 2004
Sie sind zu einer Plage geworden, die Fliegen. Ganze Heerscharen tauchen auf. Besonders Essen lieben sie, auch Essensreste. Am liebsten auf dem Balkon. Afrikanische Fliegen sind penetrant und
blitzschnell. Sie lassen sich nicht durch Handwedeln vertreiben und setzen sich mit böswilliger Regelmäßigkeit immer wieder auf dieselbe Stelle. Zum Beispiel ins Nasenloch und ans Auge.
Ich hab das Salz in den Kühlschrank gestellt. Das hilft. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass sich das Salz verflüssigt wenn es in der Küche offen steht. Nun ist es wieder streufähig. Die hohe
Luftfeuchtigkeit macht Menschen und Sachen zu schaffen. Alles verschimmelt. Unangenehm, wenn man den Anzug zum Empfang anziehen will und der klebt und stinkt und strotzt vor unappetitlichen
Flecken. Bei Rau hatte ich deshalb kombiniert an.
Eine Stunde pauke ich Sprache ziemlich jeden Tag. Englisch und Kiswaheli. Montag und Donnerstag Swaheli-Kurs im Büro. Mein Kopp = zu klein, die Erfolge so unheimlich langsam. Manchmal frustrierend.
Watoto wadogo wawili wanalia. Zwei kleine Kinder weinen. Ein großes auch.
Sonntag, 18. April 2004
Marianne geht's nicht gut mit dem Rücken, muss starke Mittel nehmen, sie ist tütelitü und nachts schläft sie mit Valium. Und es wird nicht besser. Ich hab Heimweh oder so was. Vielleicht ist es
auch Unlust oder Altersschwäche, jedenfalls kann ich den Tag nicht so recht genießen obwohl es schön warm ist. Heute Morgen war ich mit Carlos im Hafen. Er ist für die Logistik des WFP, des World
Food Program der UNO zuständig. Ein Schiff brachte 20 000 Tonnen Mais. Das meiste geht in die Flüchtlingslager, einiges in Hungergebiete hier in TAN und in noch ein Land. Hab's vergessen. Ist schon
interessant, wie so was organisiert ist. Der weiß, was er macht und warum er das macht und Sinn macht es allemal. (Huch, jetzt kommt auch noch die Sinnfrage. Da wollen wir doch schnell mal das
Thema wechseln).
Morgen bis Mittwoch muss ich nach Dodoma, Parlament besuchen. Leider kann M. wegen ihres Rückens nicht mit und Händchen halten. Termine bei Parlamentspräsidenten, Minister, Sekretären und so
Leuten. Nix für mich. Aber Nachteile muss mein Job ja auch haben.
Hat er! Die EU-Delegation hat radikal ihre Meinung über unsere Arbeit geändert. Die Umsetzung des Cotonou-Vertrages liegt ja bei denen. Und wir behandeln das Thema kritisch nach dem Motto: passt
auf Tansanier, sonst ziehen euch die EU-Bürokraten bei den Trade-Verhandlungen über den Tisch. Neulich treff ich zufällig die Dame, die in der EU für die Zivilgesellschaft zuständig ist, ich geh
freundlich auf sie zu (bisher war sie auch freundlich zu mir und hatte Kooperation angesagt) und wie ich sie so freundlich grüße und erzähle, was wir machen, da fängt die an zu keifen und mich
runter zu putzen, ich würde mich in ihre Arbeit einmischen und mit Kooperation wär nix. Aber wirklich. Und vor allen Leuten. Ich Depp hake auch noch nach und will sie runterbringen, aber die Dame
wurde nur noch fuchtiger. Nu ja, nun hab ich anscheinend einen Feind.
20.04.
Wir brauchen für die Fahrt nach Dodoma nur etwas über fünf Stunden. Shamte fährt wie immer ruhig, sicher, zuverlässig. Kann hinten im Wagen gut arbeiten. Claire begleitet mich, sie hat das Ganze
organisiert. Kurz nach 12 Uhr sind wir im Hotel. Deutsche Kolonialgeschichte pur: gegenüber der Bahnhof und die Straßenfront des Hotels sind deutsche Bauwerke. Gleich daneben das Fort.
Montag 15 Uhr Mr. Mnarie, Sekretär des Ministers für POLAG, braucht nicht eine Stunde wie geplant sondern 3. Gerädert!
Mittags im Hotel zufällig Familie Endl getroffen, Ich kannte sie nicht, sie mich noch weniger. Sie sind Missionare. Ich hatte Käse für sie dabei, den Jürgen Einloft aus Deutschland mitgebracht und
in D’Salaam bei uns im Kühlschrank vergessen hatte. Die kleine Tochter der Endls hatte mir am Telefon gesagt, dass ihre Eltern im Hotel essen, und sie sahen aus, wie eben deutsche Missionare
aussehen. Laden mich für abends ein.
Endls erklären mir, wie die Bibelübersetzung funktioniert: zuerst haben Sprachwissenschaftler von Wicliff den Bedarf einer Übersetzung nachgewiesen. 70% der Leute des Stammes sprechen oder
verstehen nur unzureichend Kiswahili. Der Bischoff stimmt zu, da er sich von einer eigenen Bibel mehr Gemeinden erhofft, die als Basis zur Missionierung der überwiegend muslimischen Nachbarstämme
dienen können. Nach zweijähriger Vorbereitung im Land (Kiswahili muss sehr gut sein) Umzug in eine Gemeinde. Die erste Annäherung an die unbekannte Sprache per Lautschrift. Danach Analyse, um die
grammatischen Regeln fest zu stellen. Eigenes Lernen und Anwenden, entwickeln einer eigenen Schriftsprache und eines Wörterbuches. Diese Phase dauert ca. drei Jahre. Nun kommen die in der
Zwischenzeit in Kenia ausgebildeten nativen Übersetzer dran. Zuerst übersetzen beide kreuzweise aus der englischen und Kiswahili-Bibel und kontrollieren sich gegenseitig. Der Koordinator klärt
kritische Stellen anhand der griechischen Bibel. Danach Rückübersetzung in Kiswahili oder Englisch für den Supervisor. Der kann in England sitzen und wird per email bedient. Danach Einarbeitung
seiner Anmerkungen. Danach Erprobung der Übersetzung am „lebenden Objekt“ der Eingeborenen, mit Kontrollfragen um festzustellen, ob die Sprache getroffen wurde. Danach Treffen mit Supervisor,
irgendwann ist dann die Übersetzung fertig. Das ganze Verfahren dauert ca. 8 Jahre! Und dann müssen die Leute erst mal ihre eigene Sprache lesen lernen, manche müssen überhaupt erst lesen lernen.
In der Zwischenzeit wird sich der Stamm weiter vermischt haben und die Gottesdienste werden weiter in Kiswahili abgehalten und zusätzlich in der eigenen Sprache. Was erwarten sie sich davon? Dass
die Bibel in der eigenen Sprache direkter ans Herz geht. Claire bestätigt mir am nächsten Tag, dass es bei ihr so gewesen sei.
In Tansania gibt es mehr als 40 eigene Sprachen und wenn man die Dialekte mitzählt, sind es 120. diese Sprachen gehören zu 3 Sprachfamilien: dem Bantu (über 90%), der Maasai.Sprache und dem
Burunge. Die B. ähneln den Äthiopiern, sind zierlicher als die klobigen Bantus und haben hellere Haut. Nur noch etwa 40 tausend leben im Gebiet.
Um halb zehn ins Bett, Moskitos überall (die hatte ich hier nicht erwartet). Dafür ist es warm, und ich hab einen Pullover dabei! Lese noch in Christa Wolf („ein Tag im Jahr“ tolles Buch!), bin
aber zu müde und schlafe schnell ein.
Nachts werde ich wach von einem Geräusch, als wenn jemand Dampf schnarcht. Es ist die Rangierlok von gegenüber. Sie schnarcht noch lange. Morgens wie gerädert.
9,35 Abfahrt zum Parlament, 9,45 „Empfang vom Protokoll“ steht auf dem Programm.
Klingel.
Alles steht auf.
Einmarsch mit Gladiator, Speaker und 2 Stellvertreter.
Gladiator in Uniform und Stechschritt, trägt fast 2 Meter hohes Szepter vor sich her.
Im Parademarsch durch den Mittelgang, tiefe Verbeugung, Abgang. Speaker in goldbesticktem Umhang, liest Gebet, Amen. Verbeugt sich vor den Abgeordneten. Beeindruckende Zeremonie, Würde des Hohen
Hauses!
Nach den ersten Redebeiträgen stößt Claire mich an. Speaker liest vor: „Mgeni“verstehe ich (Gast) und Reinhold Einloft, ich stehe auf und verbeuge mich vor Parlament, werde freundlich beklatscht.
Donnerlitch!
Im Parlament. Bin in die Speakers Gallery eingeladen, sitze in der Mittelreihe auf der Empore gegenüber dem Tisch des Parlamentspräsidenten, der hier Speaker heißt (Thierse). Vielleicht soll dies
auf seine dienende Funktion hinweisen. Der Alte aber ist der Drahtzieher. Ich treffe ihn später. Aus dem Wortmeer in Kiswahili taucht ab und zu eine kleine Rettungsinsel auf, die aber sofort wieder
verschwindet, ein Wort, 1 kleiner Satz, den ich verstehe, gehört habe, wieder erkenne. Der Begleiter sagt, das sei die beste Art, die Sprache zu lernen. Ja, wenn ich jahrelang hingehe!
Wenn einer raus geht, verbeugt er sich vor dem Speaker, kommt einer rein, ebenso. Antworten, Reden, Bemerkungen, alle sind an den Speaker adressiert. Ist er das Parlament? Mir wird erklärt, dass
das britische parlamentarische System die Grundlage ist.
Eine freundliche erregte Diskussion wird mir übersetzt. Es geht darum, dass das Gras oder die Sträucher, die man vor und hinter ein havariertes Fahrzeug legt, als Warnzeichen genügen. Der Minister
verneint, es müsse ein Warndreieck sein. Die Kritiker meinen, das sei Gewohnheitsrecht, es sei schon immer so gemacht worden. Der Minister meint, im Gesetz steht aber, dass es Warndreiecke sein
müssen. Der letzte Redner erntet Beifall vom ganzen Haus. Er schlägt vor, Gras als Warnzeichen ins Gesetz aufzunehmen.
Auffallend: die Fronten zwischen Regierungspartei (überwältigende Mehrheit) und den Oppositionsparteien sind nicht da, sie beklatschen sich auch gegenseitig.
15 Kommissionen gibt es, 13 berichten einmal jährlich dem Parlament. Die Diskussion über diese Ergebnisse ist offen. Jeder darf, und es dauert, so lange es braucht.
Einige Sitze werden benannt. Die Frauenquote ist bei 20%, soll auf 30 erhöht werden. Ein Sitz ist außen, die Dame ist behindert und die Abgeordnete für die Behinderten.
Die Atmosphäre ist konzentriert und freundlich. Es wird oft gelacht und auf die Pulte geklatscht. Zwischen den Abgeordneten ein eifriger Austausch handgeschriebener Zettel. Die Diener haben zu tun
und scheinen jeden zu kennen.
Fragestunden sind immer von 9 bis halb 11. Danach Budgetberatung oder Beratung der Ausschussergebnisse. Das ganze Parlament wird zu diesen 2 bis 3 Wochen Sitzungen nach Dodoma verlegt. Ansonsten
versinkt der Ort wieder im Staub, Moskitos, Trostlosigkeit. Niemand wagt bis heute, die Entscheidung Nyereres zu korrigieren, obwohl niemand nach Dodoma will. Ich verstehe das. Das weitere
Programm:
10.30 Uhr Mr. K. Mussa, Verwaltungschef des Parlamentes. Er war aber noch mit einer japanischen Delegation beschäftigt. Mr. Akukweti hatte das mitgekriegt, ich hatte ihn in D´Salaam getroffen und
prompt musste ich erst zu ihm. Er ist der Vertreter des Parlamentspräsidenten, aber nur auf dem Papier ein Vertreter. Bestimmend ist der alte Herr Parlamentspräsident selbst, der hier Speaker,
Sprecher heißt. Er bittet mich, demSpeaker nichts über unsere Entscheidungen zu sagen (es ging um die Teilnahme am Wirtschaftspolitischen Arbeitskreis), sondern ihn selbst entscheiden zu lassen. Er
hat dann auch selbst entschieden. So wie wir das vorbesprochen hatten. Um 11.30 dann der Verwaltungschef, sehr nett, sehr angetan von der FES (warum, frage ich? Auf Euch kann man sich verlassen).
Der Speaker zieht den Termin vor, ganz gut. Würdiger Herr, gewohnt zu bestimmen. Großes Büro (warum müssen Büros von wichtigen Leuten immer eisig kalt sein?). Er findet den Brief, den ich ihm
geschrieben habe sofort und hat auch Ideen, was wir machen könnten. Ich hab die auch. Danach haben wir ein schönes Programm zusammen. Der Arbeitskreis junger Parlamentarier hat sich angekündigt.
Sie haben 50 Mitglieder, ein Statut und einen Vorsitzenden. Zuerst ein Vortreffen in der Parlamentskantine. Dann eine Einladung zum Mittagessen. Die jungen Parlamentarier reden sich mit ihren
Titeln an: "Herr Vorsitzender, darf ich mal was sagen", Honorable hier, Honorable da. Das Essen kommt nicht, die jungen Parlamentarier wollen von uns wissen, was sie tun können. Wir
versprechen ein Treffen.
Für den späteren Nachmittag dann noch der Besuch im Planungsbüro von Dodoma und abends die private Einladung des Permanent Secretary (warum "permanent" kriege ich nicht raus).
22.4. Flughafen nach Arusha
Shamtes Kinder haben gestern ihren Vater ganz aufgeregt empfangen: wir haben deinen Boss im Fernsehen gesehen! Woher wisst ihr denn, wie mein Chef aussieht? Ja, der Speaker im Parlament, der hat
gesagt, er begrüßt Mr. Einloft von der FES und dann kam sein Gesicht und alle haben geklatscht. Und jetzt wissen wir, wie er aussieht.
Das geplante Fernseh- und Rundfunk-Interview habe ich abgesagt, das war mir zu viel. Es wundert mich immer, wie wenig Input nötig ist um so viel Anerkennung zu erzeugen.
Mit Turboprob über Sansibar geflogen. Weiße Sandinseln schauen aus dem Wasser, kaum länger als ein Mensch. Und von oben entpuppt sich diese Insel als „Schneekuppe“ eines mächtigen
Unterwasserberges, von blau, grün, türkis schimmerndem Wasser tief hinab umgeben.
Arusha:
Im Hotel Impala, Tipp: Zimmer 810, 710, 610! Eckzimmer mit Blick auf den Mount Mnero und den Kilimanjaro, weiß bedeckt (wer hat gesagt, dem schmelzen die Gletscher?).
Morgen Unterschrift zur Gründung des regionalen Städte- und Gemeinderates. Wir fördern das. Minister aus Uganda, Kenia und Tansania sollen kommen. Mal sehen!
Gelaufen. Um die Ecke fangen die Trampelpfade zu den Elendsvierteln an. Hier schauen mich die Menschen an, als sei ich von einem anderen Stern. 2 Blocks auseinander proben jubelnd 2 Kirchenchöre.
Weiter unten spielt eine Blaskapelle zur Hochzeit. Ich schaue Jungen beim Fußball zu. Als sie sehen, dass sie beobachtet werden, da strengen sie sich mächtig an. Kleine Mädchen erproben an mir eine
englische Begrüßung und eine Königin hilft mir lachend weiter, als ich in einer Sackgasse lande. Nur „Marahaba“ fällt mir erst 10 Schritte weiter ein. Das sagt man, wenn die Mädchen sinngemäß
sagen: “wir begrüßen dich kniiend, alter Mann“. Die denken, ich sei unfreundlich.
Beim Inder zwei Stunden später. Die junge Weiße am Nachbartisch wird nicht dick. Sie redet mit einer metallenen Stimme dauerhaft auf ihren Partner ein. Wenn der, ein hellhäutiger Afrikaner mit
breiten Schultern, nachher noch scharf auf sie ist, sollte mich das wundern. So kann man auch Vermehrung vermeiden!
Kompliment an den Koch: das Essen war so scharf, dass meine Augen noch immer tränen. Gerade kommt ein Inder mit Turban herein. Der hat einen Bauch von mindestens 1,80 Meter. Sein Kind tendiert auch
schon in die Richtung.
Was hat denn der Einloft in Cotonou zu tun?
Nix. Aber mit dem Cotonou-Vertrag viel. Fast täglich. Und da ich öfters gefragt werde, was es denn damit auf sich habe, hier eine Einleitung.
Der Cotonou-Vertrag ist das wohl wichtigste Abkommen zwischen der EU und 78 Ländern in Afrika, der Karibik und des Pazifik (danach die Abkürzung: AKP-Staaten). Diese Staaten waren ehemaligen
Kolonialstaaten. Schon bei der Gründung der Montanunion hatte Frankreich verlangt, dass die besondere Beziehungen zu ihren Kolonien vertraglich festgelegt werden müssten, insbesondere weil sie ja
so nett waren, die Kolonien in die Freiheit zu entlassen. Als die Engländer später sich der Gemeinschaft anschlossen, verlangten die dasselbe Reglement. Die Sonderbehandlung der AKP-Staaten wurde
lange Jahre in den sogenannten Lomé-Verträgen festgeschrieben. Zum Beispiel die Möglichkeit, die Waren aus diesen Ländern ohne Zölle nach Europa einzuführen. Eine revolutionäre Neuerung einer lange
erhobene Forderung der Entwicklungspolitik. (Nun gut, in der Praxis stellten die Europäer für Importe so viele Bedingungen auf, dass diese Regelung nur eingeschränkt nutzbar war). Im Jahre 2000
dann wurde in der Stadt Cotonou in Westafrika ein neuer Vertrag unterzeichnet, der über die Lomé Abkommen weit hinaus ging (diese Verträge wurden immer nach den Städten benannt, in denen sie
abgeschlossen wurden). Waren es bisher Entwicklungshilfen, die im Zentrum gestanden hatten, sollten es nun 2 weitere Pfeiler sein: Hilfe zur Verbesserung der Regierungsführung und freier
Warenverkehr nicht nur von Süd nach Nord sondern nun auch von der EU in diese Länder. Dazu sollen sich die AKP-Länder in Regionalverbände zusammenschließen, damit es für die EU auch lohnt, richtig
zu investieren und Handel zu treiben.
Genau hier liegt auch die Krux. Es kommen dann natürlich gute Waren billig in diese Länder, aber was ist dann mit der eigenen Industrie? Die wird sicherlich zumeist überrannt. Das sind durchwegs -
zumindest hier in Tansania, aber auch in vielen anderen Ländern - noch zarte Pflänzchen, die Protektion brauchen. Wir sind ja gerade froh, dass sich hier und da mal eine industrielle Entwicklung
zeigt. Oder sollen diese Länder weiterhin die Rohstofflieferanten sein? Geld, richtiger Gewinn kann nur durch die Verarbeitung von Produkten gemacht werden.
Also das ist das Eine, an dem wir arbeiten. Aufklären über das, was da auf sie zukommt. Manchmal habe ich den Eindruck, die gucken mit großen Augen und etwas unbedarft in die Welt. Aber diese
Verhandlungsdelegationen, die nun von Seiten der EU unterwegs sind, sind Bürokraten, die nur den Vorteil der EU-Wirtschaft sehen. Sie sind gut vorbereitet während man hier noch kaum aus der
Vorbereitung heraus ist.
Dann kommt noch ein interessanter Punkt hinzu. Der Vertrag sieht vor, dass sogenannte "Nicht Staatliche Akteure" (NSA, eine neue Wortschöpfung der EU. Bisher kannten wir nur die Nicht Staatlichen
Organisationen, aber in der Tat ist die neue Bezeichnung radikal. Hier die Regierungsseite und dort alle anderen. Also auch die Industrie, auch die Zivilgesellschaft, auch die
Gewerkschaften). in die Beratung und Entscheidungsprozesse des Vertrages einbezogen werden. Sehr gut. Geradezu revolutionär. Warum werden nun auf einmal die einfachen Leute auch gefragt?
Und da liegt noch ne Krux. Zu dem Wie und Wer und Was steht im Vertrag nichts. Und was nützt es einem, wenn er mitbestimmen könnte, wenn er nichts von seinem Glück weiß? Und dann sowieso: dieser
Vertrag und die Verhandlungen sind so spezifisch, da kommt man ohne Vorbereitung nicht mit.
So, das ist genau das was wir tun: wir informieren (auch Regierungsvertreter) über die Grundlagen aber auch über die aktuellen Fortschritte und Debatten. Wir haben mit regionalen
Abgeordneten-Komitees gegründet und bilden die weiter, unterstützen die Abgeordneten und Fachleute, die zu den Verhandlungen fahren. Das ist die eine Ebene. Die andere ist, dass wir die berühmten
Nicht Staatlichen Akteure versuchen, zu mobilisieren. Es gibt ein Komitee dazu, wir machen nächste Woche ein 2-tägiges Seminar mit dem ostafrikanischen Arbeitgeberverband, wir bilden Journalisten
aus. Auch ganz gut - sollte man denken.
Genau da bin ich allerdings in Konflikt mit der EU-Delegation hier in Tansania geraten (die Delegationen haben Botschafterrang und die gibt es überall. Sie sollen dafür sorgen, dass der Vertrag
elegant umgesetzt werden kann) und auch mit einigen aus der Regierung. Weil, wenn eine dritte Gruppe neben Regierung und EU-Delegation plötzlich sachkundig an den Entscheidungen teilnimmt, dann -
tja, dann geht die Umsetzung zumindest nicht mehr so schnell und so unbürokratisch. Denn dann werden die Interessen der Nicht Staatlichen Akteure eingebracht und das ist manchem Bürokraten nicht
recht.
So, dass ist das, was ich so zu Cotonou mache. Und bei uns kennt das niemand. Muss ja auch nicht, die Bürokraten der Europäischen Kommission, die vertreten die Interessen der Europäer effizient.
Keine Angst. Die Bananen kommen weiter. Es bleibt auch dabei, dass europäische Autos nach Afrika exportiert werden, damit Afrikaner sich totfahren können. Umgekehrt wär's ja fürchterlich.
M:
Hier sieht man, wie sich unsere Lebensumfelder unterscheiden und auseinander entwickeln.
Ich kann davon berichten, dass ich neulich in einem italienischen Laden doch tatsächlich Gorgonzola gesehen habe! „Gnocchi mit Gorgonzola“ dachte ich, aber Gnocchi gibt es hier natürlich nicht,
Also hab ich sie selber gemacht, Kartoffeln gestampft, mit Mehl, Parmesan und Muskat verknetet und lange Würste gerollt. Ein paar Stunden abkühlen lassen und dann kleine Stückchen abgeschnitten und
mit einer Gabel über einen Teller gerollt, damit sie die typische Form kriegen. Dann ins siedende Wasser damit. Als ich Reinhold zum Essen gerufen habe und wieder in die Küche kam, hatten wir
Kartoffelsuppe! Haben wir eben Weißbrot mit Gorgonzolasoße gegessen! Ich habe es dann die nächste Woche noch mal probiert, es lag wohl daran, dass ich Maismehl und kein Weizenmehl genommen hatte.
Für größere Familienfeste eignet es sich aber nicht, denn man muss wirklich jedes einzelne Gnocco persönlich mit viel Gefühl rollen!
Über das Remand Home in Tanga hatte ich ja glaube ich schon geschrieben. Nächste Woche will ich wieder hin fahren. Ich habe jetzt 18 Moskitonetze ergattert, eine Nähmaschine, einen Computer (wir
brauchen noch einen Drucker und die Patronen), einen Erste Hilfe Kasten und vorgestern habe ich 30 T-Shirts und kurze Hosen bei einem Händler gekauft, der Sachen aus Kleidersammlungen anbietet,
Stück für 2 Euro. Die T-Shirts habe ich gewaschen, aber leider war ein rotes dabei, das die Farbe abgab – jetzt haben sie alle einen rosa Stich! Und an den Hosen war überall eine Kleinigkeit zu
reparieren, ein fehlender Knopf, eine aufgeplatzte Naht, ein abgetrennter Saum, eine kaputte Tasche – gut, dass ich das Stopfen bei meiner Omi gelernt habe! Ich hatte zwei Tage zu tun. War okay,
denn Reinhold war ja auf Dienstreise in Dodoma. Und jetzt ist er in Arusha und ich hoffe, er kommt heute Abend zurück, wenn er einen Flug bekommt. Dort wird heute ein wichtiger Vertrag zwischen
Kenia, Tansania und Uganda unterzeichnet. Zur Zeit kann man Reinhold im tansanischen Fernsehen bewundern!
Ich wäre ja normalerweise mit nach Dodoma gefahren, aber ich habe zur Zeit Probleme mit dem Rücken und wollte mir die sechsstündige Fahrt ersparen. Gestern haben sie eine Computertomographie
gemacht, im „Aga Khan Hospital. Das hat er für seine Glaubensbrüder spendiert. Es ist phantastisch ausgestattet.
Das Ergebnis ist, dass ich an drei Stellen einen leichten Bandscheibenvorfall habe, einer ist etwas gravierender und presst einen Nerv ein. Ich gehe jetzt jeden zweiten Tag zum Physiotherapeuten.
Er ist Deutscher. Ich habe ihn gleich gefragt, welche Rückenübungen zur Stärkung der Bauch- und Rückenmuskulatur ich machen soll. Da meinte er, bei mir läge das Problem wohl eher andersherum, ich
machte zuviel. Ich soll also erst mal kürzer treten und mich schonen. Das trifft sich gut, weil ich jetzt seit drei Tagen eine Grippe habe und sowieso meistens rum liege. Mir geht es aber schon
wieder ganz gut, bei strahlendem Sonnenschein und 34 bis 36 Grad kann sich so eine Grippe nicht lang halten.
Ich habe in Tanga angerufen und meinen Besuch verschoben, bei dem ich die Kleidung, die Moskitonetze, den Fußball und den 1. Hilfe-Kasten zum Remand Home bringen wollte. Eigentlich hatte ich
gehofft, ich muss gar nicht hin, wenn sich jemand findet, der demnächst mal nach Tanga fährt und die Sachen mitnehmen kann. Als ich der Leiterin des Heims andeutete, dass es schwierig würde für
mich, noch vor unserer Reise nach Deutschland nach Tanga zu kommen, meinte sie, das sei kein Problem. Sie setze sich dann eben ganz früh morgens in den Bus und fahre nach Dar es Salaam, hole die
Sachen und fahre wieder mit dem Bus zurück! Das sei an einem Tag zu schaffen und es finde sich bestimmt jemand, der ihr tragen helfe! Okay, dann muss ich es wohl doch machen. Ich habe den Fahrer
einer Freundin engagiert, der mich nächsten Montag hin- und am Dienstag wieder zurück fährt. Dann kann ich mich auch mal hinten auf die Rückbank legen. Und wenn das auch nicht geht, muss er die
Fahrt eben alleine machen.
In zwei Wochen fliegen wir schon nach Deutschland. Ich bin dabei, die Papiere (Krankenkostenabrechnungen, Einkommenssteuer, Miet- und Versicherungsunterlagen und dergl.) zusammen zu packen, die wir
evtl. in Deutschland brauchen. Diesmal freue ich mich sehr, denn wir haben unsere Planung für den Urlaub etwas entzerrt, sodass wir nicht von Einem zum Anderen hetzen müssen. Es ist zwar wieder
eine ziemliche Fahrerei, aber wir haben zwischendurch ein paar Puffertage eingebaut. Reinhold braucht auch mal ein bisschen Erholung. Wir machen hier zwar öfter mal ein paar Tage Urlaub, aber es
müssten schon mal mindestens drei Wochen am Stück sein.
Sonntag, 2. Mai 2004
R:
Diese Woche ein Interview mit 10 Frage von wie es uns geht bis ob die Meinung des Präsidenten über die Opposition richtig ist. Gott sei Dank lagen mir die Fragen vorher vor. Ich habe Europa
angeführt. 25 Staaten umfasst es nun. Und 25 mal unterschiedliche Demokratien, einige noch sehr schwach. Für afrikanische Länder gelten, so mein Eindruck, die Idealvorstellungen von Demokratie
(seltsam, wir haben sie alle im Kopf. Sogar die deutsche Demokratie hat sich in der Praxis davon entfernt. Nicht schlimm, aber alle messen an etwas, was es in Wirklichkeit nicht gibt). Jedenfalls
war eine Frage, wie ich die tansanische Demokratie einschätze. Bin mittlerweile der Meinung
a) nicht gar so schlecht und
b) b) sie müssen das Recht haben, ihre eigene Form zu entwickeln.
Lese in einem Interview mit einem polnischen Schriftsteller: „Langsamkeit, Lockersein, und was ich liebe: die Zeit fließen zu lassen. Man kann den ganzen Tag auch mit Quatschen verbringen. Arbeit?
Die Arbeit ist kein Hase und wird nicht weglaufen. So denken etwa 200 Millionen Menschen, die jetzt integriert werden sollen. Viel Spaß dabei. Es wird Ärger geben“. Na, das denke ich auch.
Zum 1. Mai war ich von den Gewerkschaften zur zentralen Demonstration in Tanga eingeladen. Wäre interessant gewesen, der Präsident hielt die Ehrenrede. Aber M ist krank, schlimme
Virusinfektion und Rücken mit Bandscheibenprobleme. Es geht wieder besser. Und ich hab einen Ausschlag an den Armen. Offenbar von der Hitze. Juckt wie bekloppt. Vorgestern ging die Temperatur mal
runter, morgens waren es 28 Grad. Gestern Mittag 36 Grad. Von der Stirne heiss.... Goethe kannte Afrika nicht. (Schiller auch nicht! Marianne)
Wir hatten Besuch.
Ein Tag lang war ein freundlicher älterer Herr Hupfer auf dem Balkon. Er ging dann wieder derweilen er andere Verpflichtungen hatte. Ich hab ihm noch einen Stock geliehen. (Es war kein ER, es war
eine Gottesanbeterin!)
M: 11.Mai
Ich komme gerade aus Tanga zurück, wo ich gestern die Geschenke abgeliefert habe. Die gesamte Support Group war anwesend. Ich konnte ihnen auch noch eine deutsche Praktikantin vermitteln, die 20
Wochen dort freiwillig mit arbeiten will. Ein Mitglied der Gruppe hat spontan gesagt, sie könne die Zeit über bei ihr im Haus wohnen. Die sind alle so lieb und hilfsbereit!
Später hat mich die Vorsitzende zum Hotel gebracht und wir haben uns lange unterhalten. Sie arbeitet in einer Initiative, die sich speziell um Frauen und Kinder auf den Dörfern bemüht. Sie klären
Frauen über ihre Rechte auf (dass sie z.B. das Recht haben, das Grundstück und das Haus zu erben, wenn ihr Mann stirbt, und dass sie keiner verjagen darf, wie das so üblich ist) und generell, dass
Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer. Und dass man sich sexuell nicht an Kindern vergreifen darf, was sich anscheinend bei den Männern noch nicht herum gesprochen hat. Auch dass man Frauen
nicht verprügelt, muss ihnen erst mal in die Köpfe! Und dass ein Mann sich an der Haus- und Gartenarbeit beteiligen darf, ohne sein Gesicht zu verlieren oder sich lächerlich zu machen! Es gibt viel
zu tun! Sie kennt die Friedrich-Ebert-Stiftung gut und hat schon mit ihr zusammen gearbeitet.
Sie hat mir angeboten, mich für ein paar Tage mit zu so einer Kampagne zu nehmen. Also werde ich meine Kiswahili-Bücher mit nach Deutschland nehmen und ein bisschen wiederholen, damit ich nicht
alles vergessen habe, wenn ich nach sieben Wochen wieder zurück komme!
Jetzt müssen noch ein paar organisatorische Dinge erledigt werden für die Zeit, wo wir nicht hier sind, und dann, am 14.5. fliegen wir schon wieder nach Deutschland.
Also, bis die Tage!
P.S. Heute früh komme ich in Reinholds Zimmer, und wer steht mir gegenüber und ist mindestens so erschrocken wie ich?
Ein ziemlich großer Affe! Er kam über den Balkon und hat dann mal einen Blick in jedes Zimmer geworfen.
Vielleicht sollten wir die Balkontüren zumachen, wenn wir nicht da sind? Wer weiß, an was er alles Gefallen findet? Die Banane beim Nachbarn hat ihm geschmeckt.
Dar es Salaam Juli 2004-07-09
Als wir vor einer Woche aus Deutschland zurückkamen, galt unsere Sorge vor allem etwas so Profanem wie dem Fußball: wo können wir das Endspiel der EM sehen, wo doch unser Fernseher still gelegt war
und erst am Montag wieder aktiviert werden konnte? Unsere Nachbarn über uns luden uns ein, das Spiel bei ihnen zu sehen bis ihnen einfiel, dass sie nur einen kleinen Fernseher am Bett stehen hatten
und das denn doch nicht so toll wäre. Also sind wir zusammen in ein Hotel gefahren und haben das Spiel dort auf Großleinwand in der Hotelbar gesehen. Da kommt Stimmung auf! Leider saßen an unserem
Tisch Portugal-Fans, und wir hatten ein ganz schlechtes Gewissen, als wir uns über das griechische Tor freuten.
Es hatte anscheinend öfter mal geregnet während unserer Abwesenheit, und alles ist sehr grün. Das Wetter ist optimal, tagsüber zwischen 26 und 32 Grad und nur 60-70 % Luftfeuchtigkeit, nachts kühlt
es ab auf ca 20 Grad. Man braucht ein Laken zum Zudecken! Als mich der Trainer im Studio fragte, wie das Wetter in Deutschland gewesen sei und ich ihm sagte, manchmal ziemlich kalt und regnerisch,
fragte er ganz mitleidig „so kalt wie hier?“. Die Leute beklagen sich über den strengen Winter! Außer heute hatten wir die ganze Woche strahlend blauen Himmel.
Heute früh um halb sieben ist unser Besuch abgereist, der noch kurzfristig für drei Tage bei uns gewohnt hat, und jetzt haben wir umgeräumt, denn morgen früh kommen unsere lang erwarteten
Enkelkinder mit Eltern. Der Hausbesitzer hat uns sofort ein zusätzliches Bett angeboten, als er davon hörte, und wir hoffen, dass wir alle vier unter dem Moskitonetz unterkriegen. Leider
bleiben sie nur zwölf Tage, und Reinhold ist alleine im Büro (seine Assistentin ist in Deutschland), sodass er nicht so kann, wie er will. Für das nächste Wochenende ist eine Safari geplant, das
Andere machen wir von den Wünschen unserer Gäste abhängig. Ich bin ja Gott-sei-Dank flexibel.
R:
(D´Salaam im Juli 2004)
Bei Mankell gelesen (Das Auge des Leoparden) und für wahr empfunden:
Ein weißer Mann kann den Afrikanern niemals als ihr Vorgesetzter helfen, ihr Land zu entwickeln. Von unten, von innen kann man Wissen und neue Arbeitsmethoden vermitteln, aber niemals als ein
bwana.
Ihre lange koloniale Vergangenheit hat den Afrikanern alle Illusionen genommen. Sie kennen die Unberechenbarkeit der Weißen, die laufend eine Idee gegen eine neue austauschen.
Ein weißer Mann fragt nie nach Traditionen, geschweige denn nach den Ansichten der Ahnen.
Der weiße Mann arbeitet schnell und hart, aber Eile und Ungeduld sind in den Augen der Schwarzen ein Zeichen fehlender Intelligenz.
Die Weisheit des schwarzen Mannes basiert darauf, lange und gründlich nachzudenken.
Heute morgen war die Verständigungsschwierigkeit mal wieder extrem. Wie ein Ochs vorm Berg hab ich auf die Zeitungsmeldung gestarrt: Poaching of elephants for their tusks is rampant in Rufiji
Distrikt and goes on alongside illegal loging. Den Elefanten konnte ich verstehen und den Distrikt und irgendetwas geht weiter und das war illegal. Mann oh Mann, manchmal könnt ich schon
verzweifeln, Gott sei Dank kommt das nicht mehr sooo oft vor. Nun denn, mein kleiner Freund der Sprachcomputer hilft: Poaching ist wildern. Tusk sind die Stoßzähne (sieh an, sie an, noch immer ist
die Nachfrage nach Elfenbein hoch genug). Rampant war schon schwieriger: es wuchert, ist üppig sagt mein kleiner Freund. Aber was ist logging? Log steht nur da, und das kann das Logbuch sein oder
das Fahrtenbuch aber das ist ja hier nicht gemeint. Zustandsbericht könnte es vielleicht sein: egal, das ist jetzt nicht mehr wichtig. Ich verstehe. Geschafft! (Habs später gefunden: Holzklotz. Die
schlagen wild Holz, zersägen es zu Haustockgroße Klötze und transportieren es außer Land).
M:
22.07.
Frank mit Familie: sie hatten einen 48-ständigen Flug hinter sich, fast ohne zu schlafen und sahen entsprechend übernächtigt aus. Im Auto schlief Jan schon ein. Aber dann sahen er und Tatiana den
Swimming Pool, und schon war die Müdigkeit verflogen. Wir tobten im lauwarmen Wasser herum, während die Eltern sich hinlegten. Sie schwimmen beide wie die Seehunde und kippten mich aus dem großen
Gummireifen.
Später kauften wir mit ihnen afrikanische Tangas und spielten, aber abends um halb sieben weckten wir dann doch die Eltern nach siebenstündigem Mittagsschlaf, weil wir noch zum Essen wollten, und
die Kinder nun doch die ersten Ermüdungserscheinungen zeigten. Jani schlief auch prompt im Lokal ein, Tati hat eine Kondition, die ist schon beängstigend, weil da eigentlich keiner mithalten
kann.
Am nächsten Tag waren wir auf unserer Badeinsel, wo wir jede Menge Seesterne fanden und Paula (als Brasilianerin!) meinte, sie habe noch nie solche Farben bei Meereswasser gesehen.
Als Tati merkte, dass ich Vokabeln lerne, wollte sie auch Vokabelkärtchen haben und ich sollte ihr einige wichtige Sätze und Wörter aufschreiben. Sie wollte eine Geheimsprache mit ihrer Freundin in
Lima haben. Sie hat dann auch gleich ausprobiert „Una watoto wangapi?“ und nachgeguckt, was die Antwort heißt. (Wie viele Kinder hast du? Nne – aha, vier also!)
Die beiden Kinder hatten unerwartet viel Geduld auf den langen Fahrten und Tati machte ununterbrochen Smalltalk, dazwischen sangen sie mal, deutsche, spanische und brasilianische Lieder. Am Strand
von Pangani mit seinen sanften Wellen und den vielen Krebsen fand Jan auch gleich einen Freund zum Fußball spielen. Sie unterhielten sich und merkten gar nicht, dass der eine nur Englisch und
der andere nur Deutsch sprach.
Und dann die Safari – wir hatten erwartet, dass es den Kindern, wenn wir mal eine halbe Stunde lang kein Tier sehen würden, langweilig würde. Aber sie hielten einen ganzen Tag lang aus und guckten
eifrig und Tati entdeckte am Schluss noch den Affenbaum, auf dem mindestens zwanzig Paviane herumtobten. Auch ganz kleine und eine Schar von Halbwüchsigen.
Und jede Menge Giraffen waren diesmal da und ein Elefant schob sich durch das hohe Gras an unseren Zelten. Der Manager meinte, wenn wir Elefanten sehen wollten, sollten wir im Camp bleiben!
Reinhold nahm seine Enkel für einen Tag mit ins Büro, weil ich mit Frank und Paula auf den verschiedenen Märkten in Dar es Salaam war. Die beiden waren beeindruckt von der Fremdheit und dem Trubel.
Und ihnen fiel auf, dass hier auf den Märkten nur die Männer verkaufen, Frauen gibt es nur als Käuferinnen. Stimmt, das ist ganz anders als in Südamerika und Westafrika! Und die Büromannschaft war
begeistert, und Reinhold hat seitdem einen noch größeren Stein im Brett bei der Belegschaft. Wo Tati erklärt hat, dass sie gerne Sekretärin werden will, weil sie so gerne telefoniert und schön
schreibt. Wer so liebe Enkelkinder hat.....Abends war er fix und fertig!
Es waren schöne Tage, und sie gingen so schnell vorüber. Als sie weg waren, habe ich noch eine Woche lang jede Nacht von ihnen geträumt – sie waren da und ich wollte ihnen noch alles Mögliche
zeigen....
08.08
Gestern hatten wir wieder Besuch auf dem Balkon: 1 Affe! Er kommt jetzt öfters
Wir waren auf einer Hochzeit eingeladen, in der katholischen Kirche, danach in einem Hotel. Als wir eintrafen und die anderen Gäste vor der Kirche sahen, waren wir erleichtert, dass wir richtig
gekleidet waren. Man weiß ja nicht, soll man mit Anzug, Schlips, langem Kleid oder leger gehen? Eigentlich war fast alles möglich.
Es wurden drei Hochzeiten auf einmal zelebriert, die Worte konnte man, wenn man die Texte auf Deutsch kannte, auch in Kiswahili verstehen. Bei seiner Predigt betonte der Priester immer wieder, dass
nur ein Mann und eine Frau zusammen leben dürften. Kaum verließ das erste Brautpaar die Kirche, setzte von draußen ein solcher Höllenlärm ein – diese Bands mit Trompeten und Pauken, die auf kleinen
Pickups vor der Hochzeitsgesellschaft her fahren - dass der Chor und der Pfarrer drinnen ihre Aktivitäten einstellen mussten. Man verstand sein eigenes Wort nicht mehr. Schon in der Kirche begannen
die Gäste zu tanzen.
Die Brautjungfern in selbst genähten Kleidern aber einheitlichen Stoffen mit phantasievollen Frisuren mit vielen falschen Haarteilen.
Wir waren weit und breit die einzigen Weißen, alle anderen Gäste kannten und begrüßten sich gegenseitig und niemand nahm Notiz von uns (außer heimlichem neugierigem Hingucken). Wir dachten also,
sie würden auch ohne uns eine schöne Feier haben und müssten nicht unseretwegen extra Englisch sprechen. So fuhren wir nicht mit auf die Hochzeitsfeier sondern gingen schön essen in unserem neuen
Lieblingslokal unter Palmen an der Bucht mit indischem Essen.
Manchmal stehen grauenhafte Sachen in der Zeitung: in einem Dorf haben sie sieben Leute umgebracht und 20 verletzt, weil sie sie für Zauberer hielten!
Am kommenden Wochenende fahren wir für eine Woche in eine sehr abgelegene Gegend Richtun
g mozambikanische Grenze. Dort gibt es sehr wenige Ortschaften, geschweige denn Hotels. Wir sind von einem Abgeordneten (Vizepräsident des Parlaments) in seinen Wahlkreis eingeladen und brauchen
drei Tage mit dem Auto, um dorthin zu kommen. Die Straßen scheinen auch nur einen Teil des Jahres über befahrbar zu sein. Ich hoffe, zur Zeit sind sie es. Gut, dass wir einen Fahrer haben! Direkt
danach fliegen wir nach Arusha, weil Reinhold ein Hotel für die Regionalkonferenz im Dezember suchen muss. Wir werden dann also in einigen schönen Hotel probewohnen!
27.08.
So, jetzt schicke ich diesen Rundbrief erst mal ab, denn es ist schon Ende August, wir sind gerade von unseren Reisen nach Tunduru und Arusha zurück gekommen, und wenn wir unsere Berichte
darüber hier noch anhängen würden, wäre es viel zu viel. Die Berichte kommen in ein paar Tagen, wenn wir uns erholt und wieder mehr Zeit haben.
Dar es Salaam, Ende August 2004
Neueste Kommentare