Monday, 3. november 2008 1 03 /11 /Nov. /2008 13:44
Im Dorf
hatte ich einen Freund. Er kam fast nie zu mir, ich ging Donnerstags besonders gerne zu ihm, denn da kam die Lesemappe mit den Illustrierten. Solche weltlichen, sündhaften Zeitschriften anzusehen war mir verboten. Aber ich schaffte es immer wieder, sie heimlich durchzublättern. Da war sie, die Welt.

Zum spielen hatte ich wenig Zeit. Unsere kleine Landwirtschaft  brauchte jede Hilfe. Vater und Großvater arbeiteten tagsüber und ich musste Mist fahren und Jauche und den Stall säubern und bei der Ernte helfen. Ein Mal war es so kalt beim Kartoffel ausmachen dass mir die Finger abstarben. Die Erde war vom Regen durchtränkt und eisig und die Kartoffeln waren faul. Es stank und fühlte sich an nach kalter Verwesung. Ich habe geweint.

Sodder foan
Ich hatte als Junge immer kurze Lederhosen an mit breiten Hosenträgern. Diese Hose zog man so lange an, bis man herausgewachsen war. Entsprechend speckig war das Leder aber es war robust und so schnell ging kein Loch hinein und wenn was vom Essen drauf fiel, war das nicht schlimm. Vorne hatte die Hose eine Klappe, die wurde mit 2 Knöpfen aufgemacht. Die Klappe fiel dann runter und das Pinkeln ging einfach. Bis spät in den Herbst mussten wir die Hose tragen aber wenn es kalt wurde mit selbstgestrickten langen Wollstrümpfen, die fürchterlich kratzten. Die Strümpfe wurden oben an einem Leibchen befestigt, das unter der Hose getragen wurde und dessen lange Strapse unten rausguckten und zwischen Hose und Strumpf immer einen Rand vom nackten Bein frei lies. Da fror man dann.

Eine meiner Aufgaben im Frühjahr war Sodder foan. Unter dem Klo war eine Grube und in die fiel alles, was man im Klo hinterließ. Das vergor dann in der Jauchegrube im Winter und im Frühjahr musste dieser Sodder auf die Felder gefahren werden. Auf den Unterbau unseres großen Wagens kam ein Fass und das wurde an den Rand der Grube geschoben. Mit einer Dachrinne die vorne abgebogen war, wurde der Ausfluss der Schlegelpumpe und der Einlass vom Fass verbunden und dann hieß es pumpen. Es war nicht einfach, den Brei da raus und in das Fass zu kriegen und zum Runterdrücken des Schlegels brauchte ich immer beide Arme. Manchmal haben mir die Oma oder der Opa geholfen weil meine Arme noch zu schwach waren. Wenn das Fass voll war musste man schwer aufpassen dass es nicht überlief, denn das stank ziemlich und ich konnte mich nicht drauf setzen.

Danach wurden die Kühe eingespannt. Liese und Lotte trotteten träge dahin, wenn sie arbeiten sollten. Nur auf der Rückfahrt, wenn sie den Stall rochen, da wurden sie schnell. Kühe einspannen ist nicht einfach. Sie bekommen ein starkes Ledergestell vor die Stirn gehängt, ein Koppel, mit 2 Riemen an den Hörnern fest gemacht. In diesem Gestell  ziehen sie mit ihrem starken Nacken den Wagen. An das Ledergestell kamen rechts und links 2 Ketten, die wurden mit einem Brustriemen verbunden und der dann mit 2 weiteren Ketten links und rechts hinten an dem Wagen. In der Mitte zwischen beiden Kühen war eine Deichsel zum Lenken. Kühe sind schwerfällige Tiere und sie geben meist nichts auf das Hüh (rechtsrum) und das Hott (linksrum) auch wenn man es laut brüllt. Kühe sind zum Wagen und Pflug ziehen nicht gut geeignet, derweilen sie ja Milch geben sollen. Aber wir armen Bauern konnten uns keine Pferde leisten und deshalb mussten die Kühe ran. Sie gaben dann weniger Milch. Damit man mit Hüh und Hott auch sicher lenken konnte, kam noch eine lange Leine an die Koppel, eine an der linken Kopfseite für Lotte und eine an der rechten Kopfseite für Liese. Und wenn man dann neben dem Wagen ging und Hüh schrie, dann zog man an der Leine rechts, der Kopf von Liese ging nach rechts, sie hinterher und Lotte kam mit. So fuhr man Kurven. Eine Peitsche hatte ich auch, aber die war mehr zum Knallen. Das nutzte eh nichts, die Tiere gingen ihren Trott und wenn es ihnen zu viel wurde, blieben sie auch mal stehn.

Bis zur Fottbach ging es bergab, da durfte ich auf dem Fass sitzen. Vom Opa hatte ich es gelernt, das Jauche fahren und er schaute immer hinter her und kontrollierte. Weil drüben die Hardt hoch, da ging es steil und da hatten die Kühe viel zu tun. Da wär ich oben drauf eine Last zu viel. Und außerdem hatte Opa Angst, ich könnte runterfallen und unter die großen Holzräder geraten. Die waren mit Eisen außen beringt und wenn die über einen drüber rasselten konnte man tot oder querschnittsgelähmt sein. Ich aber fuhr so gerne oben auf! Dann fühlte ich mich als Cowboy oder Truck-Fahrer nach Chatanugaund weit weg von H.

Es ging langsam den Berg hoch, sehr langsam. Viel zu langsam für mich. Die Zeit verging mit Sodder foan und ich hätte lieber gelesen. Oder mit den anderen Jungens im Wald gespielt. Die hatten da ein Häuschen. Aber ich musste zumeist helfen. Der Vater war auf der Arbeit den ganzen Tag und mauerte Herde aus und Opa war Gärtner. Viel musste die Oma machen. Mutter war für den Haushalt zuständig und wenn sie da fertig war, ging sie mit auf den Acker. Meine Arbeitskraft war schon wichtig. Die Landwirtschaft war nicht groß genug, dass sie uns ernären konnte und so mussten Vater und Opa tagsüber arbeiten und wenn sie frei hatten, wurde das Land bebaut oder geerntet.

Auf dem Feld war gute, koordinierte Technik wichtig. Zuerst wurden Kühe und Wagen so auf den Acker gestellt, dass der Sodder auch dahin fiel, wo er hin sollte. Dann musste es schnell gehen. Hinten aus dem Fass kam ein Rohr, darüber war ein Schieber und darunter hing ein Schaufelblatt. Wenn man den Schwenkhebel aufzog, platschte der Sodder auf das Blatt, spritze auseinander im hohen halbkreisförmigen Bogen wie eine gelblich, durchschimmernde Wand und tränkte das Feld. Das war die erste Hürde. Der Schieber musste ganz aufgezogen werden und gleichzeitig mußte man einen Satz nach links tun damit man nicht von dem Strahl getroffen wurde. Das Zeug stank zum Steine erweichen. Aber jetzt mußte der Wagen anfangen zum fahren, sonst schoß der ganze Inhalt auf eine Stelle. Die Peitsche schwingend und laut brüllend kam ich über die Kühe damit sie ihren fetten Arsch in Bewegung setzten. Und dann ging es den Acker hoch und wenn das Fass leer war, gings heim. Das letzte bisschen Sodder floß aus, die Klappe wurde zu gemacht, die dreckige Hand an der Hose abgewischt und dann kam der Moment, wo ich mich draufsetzte, beide Beine links und rechts vom Fass runter gehängt und von oben die Welt betrachtete und der letzte Cowboy aus H. war.

Mäst foan war schöner als Sodder foan. Die Jauche lief schnell irgend wo hin, auch auf die Kleider, der Mist dagegen war schön quatschig und matschig. Gestunken hat er allerdings auch. Damals hatte jeder Bauernhof einen Misthaufen. Da kamen alle organischen Küchenabfälle und Hofabfälle drauf aber hauptsächlich wurde er gespeist von dem Mist der Tiere. Die kriegten Stroh unter, damit sie nicht auf den Steinen liegen mußten und da schissen und pinkelten sie auch drauf. Die Kühe waren meist so vornehm, nach Erledigtem einen Schritt zur Seite zu gehen, die Schweine dagegen wühlten sich richtig darin herum. Der Mist von denen mußte einmal die Woche gewechselt werden und stank abscheulich, der Mist von den Kühen und Kälber wurde täglich gewechselt und war einfacher zu handhaben. Mit der Gabel konnte man die Fladen aus Schitt und klein geschnittenem, vermoddertem Stroh einfach anheben und auf die Schubkarre laden. Manchmal hatte sich eine der Kühe nu doch da rein gelegt, dann musste sie gestriegelt werden. Links in der Hand hatte man einen Kratzer mit Stiel, rechts eine Bürste mit Schlaufe, da kam die Hand durch. Dann ging das so: mit der breiten Kratze links den Dreck aufgelockert, mit der Bürste rechts geglättet. Links, rechts, links, rechts bis der Schittfleck weg und das Fell wieder schön glatt war.

Der Mist wurde auf dem Misthaufen abgeladen bis der hügelhoch stand. Da war eine ganze Menge Mist, der sich  ansammelte. Aber den brauchten wir auch, der war die Grundlage des düngens. Ganz selten wurde chemischer Dünger zugekauft, dafür hatten wir kein Geld. Die Bauern damals, die machten schon biologischen Anbau als an das Wort noch keiner dachte. Es ist noch gar nicht so lange her, dass chemische Bomben die Böden und den Weizen und das Korn und die Kartoffel und die Dickwurz düngen und von Ungeziffer frei halten. In meiner Jugend mußten wir noch die Kartoffelkäfer mit der Hand ablesen und mit einem Stein zermalmen. Das braucht man heute nicht mehr, das macht die Chemie und düngt auch noch, dafür nimmt man immer ein wenig Chemie zu sich, wenn man isst. Also, was wollte ich sagen, ja, der Mist war zum Düngen da und sehr wichtig und wurde im Herbst ausgefahren. Und Mist fahren war eine Menge Arbeit.

Mist ausfahren ging nun so: Der Kastenwagen mit schräggestellten Brettern an allen 4 Seiten wurde genommen. Der wurde an den Misthaufen gestellt und dann mußte ich mit Stiefeln an oben rauf und angfangen, die Mistflatschen auszustechen und auf den Wagen zu werfen. Manchmal ging es einfach, wenn der Mist schön geschichtet und alt und gut vergoren war, manchmal musste man ganz schön mit der Gabel graben und den Mist raus hebeln. War der Wagen bis zu den Bretter voll, kamen weitere Schichten drauf und die wurden am Ende mit dem Spaten wie ein Cherokee-sen-Kamm von den Seiten platt geschlagen. Damit nichts runter viel. Dann kamen die Kühe an den Wagen und ab gings aufs Feld. Bei der Rückfahrt konnte ich auf dem leeren Wagen stehend die Kühe lenken, aber das sah der Opa nicht gerne wegen der Gefahr und manchmal rutschte man wirklich auf den immer noch glitschigen Brettern aus und zack sass man in der Scheiße. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Dann musste der Wagen auf dem Feld abgeladen werden. Das ging so: Über den ganzen Acker wurden kleine Misthäufchen gesetzt, die später mit der großen Mistgabel auseinandergezerrt und auf dem Feld verteilt wurden, damit der klein geschüttelte Mist untergegpflügt werden konnten. Für mich war das Mist zerren eine beschissene Arbeit. Nicht wegen dem Mist, wegen meiner Hände. Spätestens nach 10 Minuten zerren und verteilen hatte ich rgelmäßig eine Blutblase und die ging dann irgend wann auf. Einmal mustte eine Blase genäht werden und die Narbe in der Hand hab ich heute noch als Erinnerung.

Damit die Haufen gleichmäßig über das Feld verteilt werden konnten, wurde der Wagen in Reihe gestellt das hintere Brett abgenommen. Dann hatte man eine Gabel, die war am Gabelhals abgebogen und mit der konnte dann schön hinten der Mist runtergezerrt werden. Dann 5 m vorfahren (hüh Lotte hüh, gißte vierwäts, machste wohl vierwäts) um wieder einen Haufen zu machen und so weiter, den Acker runter und rauf bis der Wagen leer war. Dann kam die nächste Fuhre dran. Und am Ende vom Herbst stand man unten im Loch vom Misthaufen und der nächste Zyklus des Mist machens begann von neuem.
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