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Samstag, 31. oktober 1998 6 31 /10 /1998 14:41
In Ibagué war ich. Das spricht man aus: Ibageeeee. Diesmal mit Juan Carlos, der fährt den Jeep. Über Land sieht man mehr. Von Bogotá geht es die Anden runter in das Tal des Magdalena-Flusses und drüben wieder ein kleines Stückchen die West-Kordillere rauf. Hier heissen die Alpen Kordilleren und es gibt einen Gebirgszug im Osten, da oben drauf liegt Bogotá und einen weiter im Westen, richtung Küste. Die beiden Gebirge vereinen sich an der Grenze zu Ecuador und dann ziehen sie vereint weiter durch Bolivien und Peru nach Chile und Argentinien runter. Die ollen Anden-Tanten. Die Anden runter zu fahren geht gut. Dann kommt die weite Ebene, in der Mitte der mächtige Fluss Magdalena, der langsam danhinrollt und fliesst und fliesst bis er an die Küste gelangt und das Meer küsst. Da unten an der Küste ist es ganz schön heiss. Und fruchtbar. Reis wächst da und Mais und Palmen und Bananen und Mangos gibts, so gross wie Kinderköpfe. Na ja, die von kleinen Kindern. Weiter oben, da wo wir entlang fahren, ist es oft recht kalt. Ibagué ist die Hauptstadt der Provint Tollima. Und so heißt auch der riesige Vulkan, den man durch ein Tal hinter der Stadt sehen kann. Der Vulkan hat einen Sombrero-Hut aus Schnee und Wolken und ist momentan zumindest ganz ruhig. Aber bei denen weiss man nie, ob sie nicht mal rotzen und kotzen wollen. Dann kannste laufen, sag ich dir!

Wir haben die Bürgermeisterin besucht und eine Kooperative, die hat 80 000 Mitglieder. Die Bürgermeisterin war nett und hat zugehört, vielleicht hat sie aber auch nur so getan und nicht richtig verstanden, was ich gesagt hab. Sie verstand kein Deutsch und ich war ein wenig aufgeregt. So eine wichtige Person denn auch. Mit dem Präsidenten der Kooperative hab ich oben in dem Tal, unterhalb von dem Vulkan Mittag gegessen, den hab ich ganz gut verstanden. Und dann waren wir noch in einem Büro, da waren die Leute auch ganz nett. Mit von der Partie war noch ein Mensch von der Regierung, die uns Geld gibt. Der fand das auch ganz nett, was in der Kooperative so passiert. Was ich wiederum nett fand, denn es ist gut, wenn man nett zueinander ist. Und dann hab ich noch ein paar kleine Klitschen-Werkstätten besucht, die nennt man hier Micros, das heisst "Kleinste". Die besuchen mußte ich machen, weil wir auch die unterstützen, damit sie etwas wachsen. Wir helfen denen, damit sie besser verkaufen können und bessere Sachen herstellen. Und deshalb muss ich machmal reisen um zu nachzusehen, ob sie das auch richtig machen. Alles klar? OK.

Übernachtet haben wir oben in dem Tal. Da war es schön ruhig. Wenn man aus Bogotá kommt, ist das eine wahre Erleichterung. In der Haupstadt hupt und schrillt und brummts den ganzen lieben langen Tag und oft nachts auch noch. Die Leute hier auf dem Campo - das ist das Land, wo Bauern wohnen - die gehen mit den Hühnern schlafen und stehen so früh auf, dass sie den Haan wecken. Der protestiert dann lautstark und deshalb krähen die Hähne so früh. Das erinnert mich an eine Geschichte in Ecuador vor vielen, vielen Jahren. Da waren wir auch auf dem Land, das hier Campo heißt und haben bei einer Bauernfamilie übernachtet. Um 7:00 oder 8:00 Uhr abends gehen sie normal ins Bett. Das hat der Mann auch getan, die Frau wollte aber unbedingt, dass wir ihre Gruppe besuchen. Und da wollten sie tanzen. Es war aber keine Musik da. Ein junger Mann hat sein Pferd geholt und ist in die Dunkelheit losgeritten. Nach langer Zeit kam er mit 2 Platten zurück. Wir waren schon ganz schön müde, mussten aber tanzen, denn wenn ein Besuch kommt, dann ist das der Anlass zum tanzen. Und Besuch kommt selten. Es war spät, als wir auf unser Stroh kamen. Und kaum hatten wir die Augen zugemacht, ging das Radio von dem Mann los. Sein Bett war nur eine Bretterwand von uns entfernt. Von 3:00 bis 4:00 in der Früh pflegte er Nachrichten aus der nächsten Stadt zu hören, wie die Preise für das Vieh standen, wer sein Schwein verkaufen und seine Pantoffel verloren hatt und so was. Um 4:00 ist er aufgestanden, um 5:00 Uhr gab es Frühstück. Einen Teller mit Reis, Fleisch, Eiern, gebratenen Bananen und Kaffee. Das hat uns etwas munterer gemacht.
Genauso geht das hier auch, hat mir Juan Carlos erzählt. Nur, dass sie keinen Kaffee, sondern Schokolade zum Frühstück trinken.

Am nächsten Tag sind wir wieder zurückgefahren, die Anden - Kordilleren hoch. Da drüben, sagt Juan Carlos, da leben die Guerilleros. Die kämpfen gegen den Staat und lassen keine Polizei und kein Militär in ihre Berge und sagen, die kleinen Leute müssten mehr Unterstützung vom Staat kriegen. Nicht nur die reichen Leute, wie das hier so üblich ist. Da haben sie zwar grundsätzlich Recht, aber die schießen auch auf kleine Leute. Und da hört mein Verständnis auf. Jedenfalls hab ich dann gesehen, was sie manchmal machen. Auf den Straßen muss man so alle 50 Km Gebühren zahlen. Und dann kam eine Stelle schon nach 25 km. Aber da war kein Häuschen mehr und keine Schranke und kein Mensch zu sehen. Tja, sagt Juan Carlos, das hat die Guerilla weggesprengt. Sie haben gesagt, es wäre nicht gerecht, so kurz hintereinander Geld zu verlangen. Wumm-Dumm, war das Problem gelöst. So kann man auch mit kleinen Sachen, den Autofahrern Freude machen. Ach nee, trotzdem kann ich sie nicht leiden, die Guerillas. Sie bringen dauernd Leute um. Das darf man nicht.

Und dann kamen wir wieder nach Bogotá und alles wurde laut und hektisch und die Autos rumpelten rum und hupten und der Verkehr stand still weil alle zusammen und auf einmal auf die Kreuzung wollten und ich war froh, als die Marianne mir freudestrahlend die Tür aufgemacht hat. Da war ich wieder zu Hause.
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