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Samstag, 22. november 2008 6 22 /11 /2008 17:30
Mit knapp 14 kam ich in die Lehre. Die Auswahl war einfach: entweder aufs Büro oder in den Betrieb. Aufs Büro wollte ich nicht, ich hatte meiner Meinung nach schon lange genug in der Schule gesessen. Mit Betrieb war die Fabrik gemeint in der Vater Herde und Öfen ausmauerte, Onkel Ernst Fahrer war und Onkel Otto Betriebsingenieur. Ingenieur war die Vorstellung meiner Eltern. Der erste Tag war schlimm und hat mich sehr geprägt. Um 11.00 Uhr morgens dachte ich, der Tag müsse vorbei sein. Ich hatte genug von den Lärm und dem ungewohnten Betrieb in der Schlosserei. Die Uhr war in der Stanzerei. Mir fuhr ein riesiger Schreck in die Glieder. Das sollte ich nun ein Leben lang aushalten? 


Dreher sollte ich werden. Der niedrige Anbau, in dem Drehbänke, Hobelbänke, Metallsägen, Werkbänke,           

Bohrwerke, Schleifsteine, eine Schmiede und andere Sachen eng an eng standen, war im Sommer sehr heiß und im Winter eisig kalt. Es gab nur einen Bullerofen, den ich als Stift zu bedienen hatte. Alle Maschinen waren alt, zum Teil uralt. Die Drehbank, an der ich lernen sollte, wurde schon von Marx beschrieben, aber das


wusste ich damals noch nicht. Sie war an ein Deckenvorgelege angeschlossen wie mehrere andere Maschinen. Ein Deckenvorgelege ist eine lange Welle unter der Decke, die von einem starken Motor getrieben wird. Die angeschlossenen Maschinen werden mit breiten Flachriemen, die von Scheiben an der Decke kommen, angetrieben. Zum Aus- und Einschalten schob man den Riemen auf eine Leerscheibe, zum Wechsel der Geschwindigkeit schlug man mit einem Knüppel den laufenden Riemen auf die nächste Stufe der verschieden dicken Scheiben. Die alten Fachmänner machten das mit der Hand. Das Vorgelege rappelte und die Riemen wimmerten. Waren alle Maschinen am Arbeiten, gab es kaum Kraft, war nur eine Maschine dran, musste das ganze Krach machende Ungetüm auch laufen. Heute kann man dieses Antriebssystem aus der Gründerzeit im Deutschen Museum in München bewundern.

Stift war der Lehrling. Und damit der unterste Dienstrang und für Dienstleistungen zu gebrauchen. Ich musste Werkzeuge holen, anreichen, festhalten, aushelfen, bei Reparaturen in die dreckigste Ecke und vor allem Essen holen. Zum Frühstück und zu Mittag. Dafür hatte ich eine Holzkiste und da kamen die Bestellungen rein. Hack Rind, Hack Schwein, Leberwurst mit oder ohne Grieben, Fleischwurst, Brötchen, Getränke. Einer wollte nur grünes Bier und das im Winter warm. Wehe ich brachte das Falsche. Dann flogen schon mal Eisenstücke. In der Stanzerei aushelfen war hart. Eine große Halle voller alter Stanzen, Blechbiegemaschinen, Bohrwerke, die jammerten und jaulten und krachend abwärts fuhren. Nur durch Schreien konnte man sich verständigen und der Fußboden vibrierte. Nach Feierabend brauchte das Gehör lange Zeit um auf Normalgeräusche umzuschalten. Stanzen war gefährlich. Sicherheitsvorrichtungen gab es kaum. Einem meiner jungen Kollegen hat es die Hand abgehackt als die Maschine beim Hochfahren nicht einrastete und zurück kam mit Wucht. Seitenbleche für Herde und Öfen wurden gestanzt.  Glück hatte ich. Mein Onkel, der Betriebsingenieur teilte mich nur selten ein. Dafür brachte er mir den Pythagoras  bei. Ich aber begriff nicht, für was der gut sein sollte. Überhaupt war mein Interesse gering. Lieber stand ich bei Fritz, dem Vorarbeiter, der mir die Grundzüge klassischer Musik und des Fotografierens beibrachte. Und die Geschichten der Facharbeiter interessierten mich ungemein. Besonders wenn sie von Liebe handelten.

Klassische Musik hören, war in unserem Haus verpönt. Ich sollte christliche Musik oder Volksmusik im Radio anmachen. Mein Anreiz war, dass Fritz sich ab und an im sonntäglichen Wunschkonzert ein Musikstück wünschte. Dann saß ich Stunden am Radio. Es war für mich etwas Besonderes, jemanden zu kennen, der im Radio genannt wurde. Und um Bilder abzuziehen, hab ich mir einen Kopierrahmen gebaut und ein Labor unterm Dach eingerichtet. Es war faszinierend, wenn die Fotos im Entwickler zum Leben erwachten. 

Um 6:30 Uhr fing die Arbeit an. Um 8:10 Uhr kam der Schnellzug Marburg-Siegen vorbei. Wann immer es ging stand ich draußen und schaute ihm nach. Er fuhr in die große, weite Welt meiner Träume.

Meine Drehbank war rechtsdrehend. Nach 3 Lehrjahren war die Bewegung, beiden Schlitten mit der linken und rechten Hand ein und auszufahren, verinnerlicht. Bei der Gesellenprüfung gaben sie mir einer Maschine, die ich nur aus  Büchern kannte. Und der Schlitten des modernen Gerätes war linksdrehend! Eine Katastrophe. Ich fuhr das Werkzeug permanent in das Drehstück hinein statt heraus. Entsprechend sahen Gewinde und Kegel aus, das Passstück, das auf 1/100 mm genau zu sein hatte, war völlig mit Rillen übersät. Eine 4 war das Resultat. Da hatte ich schon wieder Glück. Mit einer 5 wäre ich durchgerasselt auch mit der 1 in Theorie. 

Die Werkstatt war zuständig für Metallarbeiten im Betrieb. Noch heute habe ich Hochachtung vor der Leistung meiner Kollegen. Es gab nichts, was sie nicht konnten. Komplizierte Werkzeuge, Formen, Drehstücke wurden hergestellt und alles repariert was kaputt ging. Onkel Otto konstruierte Hydraulik gesteuerte Fließbänder für die Produktion, die wurden ebenso gebaut wie genaueste Stanzformen und schmiedeeiserne Gitter. Schmieden mochte ich. An der Esse stehen, den Stahl weiß und schmiegsam zu erhitzen und auf dem Amboss zu formen war Kunst. Bei großen Stücken schlug ich mit dem Schmiedehammer im langsamen Takt auf den Stahl, mit dem kleinen Handhammer formte der Meister das Stück im Zwischentakt. Schmieden im Tandem konnte ein Trommelkonzert sein.

Viel musste ich lernen. Drehen, aber auch Schweißen, Bohren, Fräsen, Schleifen, Rohre Biegen, Meißeln, Feilen natürlich und Schmieden. Interesse hatte ich, wenn Arbeiten in extremen Situationen hoch oben oder tief drinnen gefordert waren. Oder wenn es darum ging, den Männern Geschichten zu entlocken.
Die Lehrmethoden waren rau. Ohrfeigen gab es keine mehr, dafür eins mit dem Hammer auf die Finger, wenn ich nicht konzentriert und mit voller Kraft die Formen zusammenpresste. Ich wurde verarscht und rein zufällig mit Wasser übergossen, zu Besorgungen gescheucht und beschimpft. Nur selten war Böswilligkeit dabei, man kannte Ausbildung nicht anders. Mit den Meisten konnte ich gut reden. Der Lehrplan bestand im Einsatz nach Kenntnis. Die Berufsschule war ein Rückzugsort und lernen konnte man da auch noch.  Onkel Otto hat mich vor zu häufigen, sonst üblichen Produktionseinsätzen durch den Besitzer bewahrt. Der hatte eine Villa nebenan. einen Mercedes und einen Sohn, der sein Abitur nur nach verschiedenen Privatschulen schaffte. Dafür fuhr er einen offenen Sportwagen. Manchmal habe ich ihn beneidet, aber nie als Sohn des Besitzers.

Ja doch, Drehen war die Hauptbeschäftigung. Faszinierend fand ich Gewinde schneiden auf der Drehbank. Das waren große, armdicke Gewinde. Meine alte Maschine hatte noch Zahnräder zum Wechseln. Je nach Übersetzungsverhältnis - das musste ich ausrechnen - wurde ein Spindelwelle angetrieben. Diese Welle zog den Schlitten mit dem Drehstahl exakt in der Geschwindigkeit vorwärts um das Gewinde aus dem sich drehenden Drehstück herauszuschneiden. Wenn mit dem letzten Schnitt die Oberfläche des Gewindes glitzerte und das Gewinde passte, war die Arbeit gelungen. Gelang mir nicht oft.

Kaffee gab es in den Pausen umsonst. Der war durchsichtig bis auf den Tassenboden. Nur der alte Kollege vom Vater trank schwarzen Kaffee. Er hatte noch nie seine Tasse gewaschen. Zum Frühstück und Mittag ging ich an den Arbeitsplatz meines Vaters. Der saß mit seinen Kollegen zwischen gestapelten Herden und Öfen auf Brettern und Schemeln. Wir aßen die Brote von Mutter und ganz selten kriegten wir 50 Pfennig um von der Metzgerin zu kaufen. Das war normal der größte Betrag, den Vater im Portemonnaie hatte. Nach dem Essen legte sich mein Vater auf die Werkbank und schlief 10 Minuten.  

Die Hölle war los in der Gießerei. Onkel Otto war der Meinung, dass ihn die Entstehung von Gussteilen gebildet habe. In einem alten dunklen Fabrikgebäude aus der Gründerzeit liefen halbnackte schwarz verdreckte Männer herum, sporadisch erhellt durch Feuerausstöße des Hochofens und schleppten Behälter mit geschmolzenem Guss. Kam der Guss mit Wasser in Berührung, spritzte geronnene Schlacke im Regenbogen durch die Halle. Was sie traf, verbrannte. Für den Fall, dass die Schlacke in die Schuhe rutschte, waren große Kübel mit Wasser aufgestellt. Da musste man reinspringen. Wer da arbeitet, erschrickt den Teufel. Nie wieder möchte ich dahin zurück.

Auch nicht in die Werkstatt. Obwohl: 2 Gesellenjahre musste ich noch aushalten. Aber das ist eine andere Geschichte.

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