Wednesday, 5. november 2008 3 05 /11 /Nov. /2008 16:48
Opa Heinrich war ein Presbyter, ein Ältester. Er stand der Freien Evangelischen Gemeinde in Hommertshausen vor und war ein strenger, asketisch wirkender alter Herr, der sein Leben nach der Bibel ausrichtete. Die Frauen saßen in der Gemeinde rechts, hatten ihr Haar zu bedecken und nichts zu sagen. Männer saßen links und vorne auf dem ersten Platz saß Opa. Er leitete lange den Chor, die Bibelstunden, die Gebetsstunden, natürlich die sonntäglichen Versammlungen und die sporadischen Evangelisationen.  Die Jugendstunde leitete er nicht. Das war gut so. Für ihn gab es nur den lieben, zumeist aber zornigen Gott, dessen Geboten man sich zu unterwerfen hatte. Egal ob jung oder alt.

Opa war streng. Lachen war ihm fremd. Nach einem Witz, den er nicht verstand, erklärten wir ihm: du sitzt auf der Leitung. Worauf er seinen Stuhl hob und zur Seite rutschte. Vater war da besser. Er kriegte Opa manchmal dran und verbog seinen Kopf als wenn er interessiert jemanden auf der Straße nachschauen würde. Opa, der neugierig war, kam jedes Mal um den Tisch, was is, was is und wurde sauer, wenn die Straße leer war. In der Versammlung konnte er weinen über die traurigen Geschichten der Prediger. Nie vergessen werde ich die Versammlung mit einer Pfingstgemeinde aus dem Nachbardorf. Die trillernden Jubelrufe der Pfingstfrauen erschreckten mich sehr und der Laienprediger drückte auf die Tränendrüse. Es war schon nach 3.00 Uhr Sonntag nachmittags, jeder wollte heim, Kaffe und Kuchen genießen und spazieren gehen. Bauern mussten um 6.00 schon wieder Vieh füttern und melken. Nur Opa saß da vorne, merkte nichts und die Tränen liefen ihm über die Backe. "Mach doch weiter" beschied er dem Nachfragenden, der überzogen hatte. Und der legte noch mal richtig los.

Sylvester war schlimm. Um 8:00 abends begann der Gottesdienst, kurz vor Mitternacht die Gebetsstunde. Dann lagen die Männer auf den Knien, die Frauen saßen tief gebeugt und beteten leise. Die Männer laut. Einige von ihnen konnten wuchtige Worte beten. Wo sie das gelernt haben, weiß ich nicht. Es dauerte lange und mir wurde mulmiger und mulmiger. Draußen begannen die ersten Kracher, Raketen zischten, Leute lachten und Opa machte nicht Schluss. Seine Gemeinde und er wollten bis ins Neue Jahr mit ihrem Gott verbunden sein. Ich aber wollte raus. Wenn ich raus kam, war alles vorbei. Süße Brote und Kreppel (Berliner) gab´s bei dem gemütlichen Beisammensein anschließend. Den Wettbewerb, wer am meisten essen kann, gewann ich nie.   

Alles, was Opa tat, war ernst. Ob er im Gemüsegarten seine Pflänzchen mit der Schnur ausrichtete, mit Vater Krach machte, weil der die vier Werkzeuge nicht ordentlich ausgerichtet hatte oder die Bibel auslegte. Da gab es dann viele Sünden. Fernsehen war Sünde, Kino ebenso, trinken allemal und in die Kneipe gehen schon gar (da gingen nur die Weltlichen hin). Frauen hatte lange Haare zu tragen, tanzen war nur eine Einladung zum außerehelichen Geschlechtsverkehr, feiern war nur in der Gemeinde erlaubt und spielen war ihm auch nicht geheuer. Es lenkte ab vom Wesentlichen: beten, arbeiten, Gemeinschaft mit den Gläubigen und gehorchen. Zuerst Gott, vermittelt durch Großvater. 

Er konnte sehr zornig werden. Dann schlug er mit seiner 7-schwänzigen Peitsche, der drei Riemen fehlten. Sehr weh tat es nicht, er schlug auf den Po und der war abgefedert durch die Lederhose. Oma dagegen war eher für Drohung und Vergebung. Was ich getan hatte, weiß ich nicht mehr, aber Opa war fuchsteufelswild,  griff sich die Peitsche, ich rannte zur Tür raus und der alte Mann hinter mir her. Über den Hof, die Straße entlang, hinter dem Kirchhof das Gässchen durch und Opa immer hinter mir her, laut schreiend ich soll stehen bleiben. Meine Rettung bei der Rückkehr ins Haus war Oma. Sie schob mich unter ihre Röcke - sie trug Tracht - und als Opa zur Tür rein keuchte, beschied sie ihm: Heinrich, jetzt äs genung. Und so war es dann. Oma war Bäuerin, versorgte das Vieh und versalzte die Suppe. Sie liebte es, heimlich mit einem Schnicken ihrer Hand das versteckte Salz auf die Speisen zu streuen. Wenn meine Mutter sie erwischte sagte sie: noch e bisselche.  Katzen konnte Oma nicht leiden, sie hatten Mäuse zu fangen und nichts im Haus zu suchen. Hunde ebenso wenig. Mein sehnlicher Wunsch nach einem Schäferhund wurde von ihm abgelehnt mit der Begründung: du brouchst en Hond der dei Ohschläje fresst ( ein Hund der meine Wünsche/Anschläge frisst). Einzig nicht leiden konnte ich, wenn Oma mich unter den Arm klemmte, auf ihre verkrustete Arbeitsschürze spuckte und mir das Gesicht sauber wischte. Lesen wollte sie nur die Bibel und manchmal das erbauliche Gemeindeblättchen. Sonst saß sie abends da, hatte die Hände im Schoß gefaltet und sinnierte vor sich hin. Soweit meine Erinnerungen. Mutter lehrt mich, dass Oma mehr gelesen hat als Opa, Bibel, Blättchen, Zeitungen, sogar Bücher mit Geschichten von Menschen. Und Strümpfe für alle hat sie auch gestrickt. Ich erinnere mich. Die langen waren kratzig. Später wurde sie blind. Sie hatte Angst vor dem Krankenhaus und der Operation ihres grauen Stars. Gestorben ist sie friedlich im Bett mit der Familie um sie herum.

Opa las. Die Bibel gründlich, das Gemeindeblatt auch, Zeitung, wenn wir welche hatten und fromme Traktate. Wenn er etwas Wichtiges fand, las er vor. Unerbittlich in jede laufenden Unterhaltung hinein. Das passiert mir heute auch. Weil er der  Gemeindeälteste war, kamen fremde Prediger nach dem Gottesdienst zu uns. Bei Missionaren  war ich gespannt auf ihre Geschichten und fragte zu viel. Da war es, das Tor zur Welt. Lange Zeit wollte ich Missionar werden.

Opa kannte seine Pflanzen mit lateinischem Namen. Er war Gärtner und hatte sich alles selbst beigebracht. Bekannt war er für seine Akuratesse bei der Anlage von Gärten, Anlagen und beim Schneiden und Pfropfen von Bäumen. Preisgünstig war er, der niemanden übervorteilen wollte und lieber selbst wenig hatte. Er band Kränze und Bestecke für Trauerfeiern und Feiertage. Dann saß er in der Waschküche im Grünen und kniffelte vor sich hin.  Ich musste mit in den Wald um die Reiser zu holen. Im Winter war das kalt. Samen abmessen mit Messzylinder und Feinwaage stand im Spätherbst an. Bestellungen und Auslieferung in die Nachbardörfer übernahmen seine Töchter. Ansonsten machte er die Landwirtschaft und brachte mir bei, wie man Jauche und Mist fährt und den Acker pflügt. Das war am Anfang eine heikle Sache. Meine Furchen waren krumm und schief und Opa konnte das nicht ausstehen. Bevor die Mähmaschine unseren kleinen Hof erreichte, musste Gras und Getreide mit der Hand gemäht werden. Bei großen Flächen begann die Arbeit morgens um 4.00 Uhr. Um 6:00 gingen die Männer zur Arbeit und die Frauen machten weiter. Mähen will gekonnt sein. Wichtig ist der korrekte Schwung. Wichtig aber ist auch, dass die Sense gut gedengelt ist. Am Amboss wird mit einem Spezialhammer die Schneide der Sense hauchdünn ausgetrieben. Das helle dingdingding, das Opa erzeugte, war im Sommer oft meine Aufwachmusik. Er konnte gut dengeln. Ich war stolz, sein Enkel zu sein. In der ganzen Gegend brauchte ich nur zu sagen: Ich bin der Enkel vom Hennches Heinrich, und wurde gut aufgenommen. Ein Fahrrad hatte er nicht, die Strecken in die Nachbardörfer lief er. Früher war er bis ins Siegerland gelaufen um Arbeit zu finden.

Hasen halten bedeutet Futter holen, Ställe sauber machen - die Tiere machen einen stinkigen Dreck! - füttern, sorgen. Mein Wunsch wurde erfüllt und ich hatte Hasen. Mit der Zeit ließ meine Euphorie nach und Opa übernahm protestierend die Pflicht. Er drohte, er werde die Hasen beim nächsten Schlachtfest mit schlachten. Ich war entsetzt. Es waren doch meine Hasen. Bei der nächsten Hausschlachterei traf mich der Schlag. Ich sah morgens aus dem Fenster als das Schwein seinen letzten Quieker tat und da hingen sie, meine Hasen. Als Felle.

Zwei mal im Jahr wurde geschlachtet. Morgens war das eine Schweinerei, abends ein Fest. Das Schwein wurde mit dem Bolzenschussgerät betäubt, Blut wurde abgezapft und das Tier in einem großen Bottich mit heißem Wasser entborstet. Dann aufgehängt, aufgeschnitten, ausgenommen und dann kam der Fleischbeschauer mit seinem Mikroskop und schaute nach Trichinen im Fleisch. Ich durfte auch durchschauen. Es war eine andere Welt. Danach wurde die Wurst gemacht, der Schinken, die Koteletts, die Suppenknochen. Undurchdringliche Schwaden von Wasserdampf und kochendem Gedärm aus den großen Kesseln waberten durch die Waschküche und mittendrin der Schlachter mit beiden Armen in der Wurst und walkte sie durch. Dann probierte er und schüttete noch eine Tüte Salz oder Pfeffer oder Gewürz rein. Es roch gut. Scharf. Dampfend. In der Küche lief der Siede- und Kochprozess ebenfalls auf Hochtouren, alles musste am selben Tag konserviert sein denn die Kühltruhe war noch Jahre entfernt. Abends kamen Gäste. Es gab Wurstsuppe, Siedefleisch, Sauerkraut und Nierchen. Die wollte niemand. Im Flur schepperte es, das waren Kinder, die ihre Blechtöpfe hereinwarfen. Da hinein gab es Reste.

Vater und Mutter hatten nicht viel zu sagen. Vater hat mir sein Prinzip, wie eine Familie friedfertig zu halten ist, mit auf meinen Weg gegeben: immer den untersten Weg gehen. Es ist ihm bestimmt nicht immer leicht gefallen. Aber es wirkte. Krach gab es nur dann, wenn Opa aufbrauste. Das aber legte sich schnell. Nachtragend war er nicht. Die Adventszeit mit ihm war schön. Er holte abends seine Zither raus und dann sangen wir. Nur Vater nicht, der konnte nicht singen. Es hat aber allen gefallen.

Als Opa älter wurde, konnte er nicht mehr gut beißen. Das Brot war oft hart, weil nur jeden Monat selbst gebacken wurde. Dann schnitt er sich seine Kruste ab, füllte seine Untertasse mit Milchkaffee und weichte die Kruste ein. Die bestrich er sich mit Butter und Marmelade und mampfte. Manchmal kriegte ich was ab. Als Stärkungsmittel hatte er Eigelb, gemischt mit Puderzucker (wenn es ihn gab) und einem kleinen Schuss Rotwein, entdeckt. Zum Mixen gab es eine kleine Röhre mit einem Sieb an einem langen Stab mit dem das Mittel schaumig geschlagen wurde. Davon kriegte ich selten was ab. Und dann nur ein wenig Schaum.

Großvater hat mir viel beigebracht. Auch moralisch. Seine Lehre: Wenn dir einer auf die rechte Backe haut, halte ihm die linke hin, hatte er von Jesus und bläute sie mir ein. Jahrelang hat mich diese passive Handlungsanweisung davon abgebracht, mich durch zu setzen. Allerdings hat sie mir auch geholfen, Konflikte zu minimieren. Und erst seit einiger Zeit ist mir klar, dass die Grundvoraussetzung meines Opas, der Mensch sei gut, in dieser Rigorosität nicht stimmt.  Ob mich sein rigides, alttestamentarisch ausgerichtete Christentum gestört hat, weiß ich nicht mehr. Er war in seiner Art für mich konsequent, dann mussten die Handlungsanweisungen wohl so sein. Seinen Weg konnte ich nicht gehen. Es hat lange gedauert, bis sein Einfluss sich abschwächte.

Opa ist arm gestorben, er hatte nie viel. Der zähe Mann hat ein halbes Jahr gebraucht. Ich war 1969 als Entwicklungshelfer in Chile und erhielt erst 10 Tage nach seinem Tod das Telegramm. Es war mir schwer. Er war meine Kindheit, meine zentrale Bezugsperson. Vater kam erst aus französischer Gefangenschaft heim als ich 4 Jahre alt war.

Nachtrag
Mutter hat geschmunzelt beim lesen der Geschichte. E ist gut, hat sie gesagt, dass so was nicht vergessen wird. Änderungen hatte sie gleich. Nicht Bestecke hat Opa gebunden sonder Gestecke. Er hatte mal ein altes Fahrrad als er in einer Fabrik in Breidenstein gearbeitet hat. Und in´s Siegerland sind sie mit dem Bus von Eisenhausen aus gefahren. Nur bis ins Nachbardorf mussten sie laufen. Wert hat sie darauf gelegt, dass beim Schlachtfest alles gerne gegessen wurde. Nur Nierchen nicht. Opa, sagt sie, war ein genügsamer Mensch, mit wenig zufrieden. Und aufrecht in seinem Glauben. Er hat es gut gemeint. Das sehe ich auch so.
Hanne fällt ein, dass Opa eine dünne Haut hatte. Oft waren seine Arme zerstochen und blutig, wenn er in die Küche kam.
Er war, auf seine Art, ein großer Mann.
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