Wednesday, 28. january 2009 3 28 /01 /Jan. /2009 18:25
Techniker im statischen Versuch, Entwicklungsring Süd, München    1964-1967
bei der Erprobung der Hochleistungssenkrechtsstarter VJ 101/102 und des Starfighter

VJ 101 hieß das Flugzeug. Von dem Versuchsjäger gab es 2 Prototypen. Die X1 ist in Manching vom Himmel gefallen, die X2 hängt heute im Deutschen Museum in München. Es waren Senkrechtstarter, die die Nachfolge des Starfighters antreten sollten. Zwei Hubtriebwerke im Rumpf stabilisierten den Schwebeflug, die drehbaren Gondeln außen an den Flügeln waren für Hub und Schub zuständig. Hier lag das technische Problem. Durch das dünne Rohr, das die Triebwerksgondel mit dem Flügel verband, wurde die gesamte Versorgung plus Elektrik geleitet und es musste die Kräfte des Fluges aushalten. Der Verschleiß an den Rohrwänden war zu hoch. Auch aus politischen Gründen ging der Typ nie in Serie. Für Strauss und Co war es ein Prestigeprojekt in einer Zeit, in der die Militärmacht meinte, auf Flugplätze verzichten zu können, denn Flugplätze sind leicht zu orten und zu bombardieren. Die Jäger sollten senkrecht wie ein Hubschrauber von befestigten Flächen, möglichst aus Waldschneisen aufsteigen und landen. Militärs in Europa und Amerika setzten auf Senkrechtstarter. Übersehen hatte man dabei die Schlange notwendiger Versorgungsfahrzeuge, die ein prima Ziel abgaben. Jedenfalls überlebten nur wenige Versuchstypen, so die englische Hawker Siddeley Harrier, die bis heute besonders auf Flugzeugträgern und bei Luftfahrtschaus eingesetzt wird.

In dieser Welt war ich 1964 gelandet. Im Statischen Versuch des Entwicklungsring Süd von Focke-Wulf, Heinkel und Messerschmitt in München. Das Material der VJ sollten wir biegen, dehnen, zerreißen, seine Standhaftigkeit vermessen. Im Flugzeugbau sind nur enge Sicherheitsmargen möglich, das Gerät wird sonst zu schwer. Der statische Versuch gab Aufschluss über Toleranzgrenzen und Haltbarkeit des Materials. Das Flugzeug oder Teile davon wurde in einem Gestell fest eingebaut und mit hydraulischen Hebeln belastet. Gemessen wurde mit Dehnmessstreifen und Messgrößen kleiner als 1/1000 mm. Auf einer alten Rechenmaschine die ratterte, musste ich Stunden und Tage lange Listen auswerten, Gondeln zeichnen und Messstreifen verlegen. Ich begriff nur wenig was da vor sich ging und war wahrscheinlich der schlechteste Ingenieur im Flugzeugbau. Mein primäres Interesse galt auch nicht dem Flugzeugbau. Es galt dem Leben Lernen.

München. Großstadt. Nachtleben. Geheimnisse die mich anzogen wie eine Motte das Licht. Schon bei der Ankunft am Bahnhof  witterte meine Abenteuer suchende Nase den ungeheuer vielfältigen Sex in der City. Am nächsten Tag war ich deprimiert. Das ging lange so. Da war die spannende andere Welt, die mich anzog und wenn ich dem Neuen nachgegeben hatte, abstieß. Die alten Normen und Regeln der Erziehung hielten mich umfangen. Ich hatte Glück und fand neue Freunde. Natürlich aus der "Freien Gemeinde" aber sie waren anders, lebten, genossen, gingen aus, auch mal ins Kino, hatten Liebschaften, feierten und beteten natürlich auch. Nach der Enge des Glaubens in Hommertshausen war es wie eine Befreiung: So ging Christ sein auch. Ganz konnte ich es nicht glauben. Immer verblieb in meinem Hinterkopf das Regelwerk und Bibelverständnis meines Opas als Messgröße. Und das verbot, sich auszuleben.

Bei Walter und Helga fühlte ich mich aufgehoben. Sie hatten 3 Kinder (später 5, zwei Mal Zwillinge) und schafften die Schar mit links. Obwohl die Räumlichkeiten beengt waren, war der Umgang mit den Kleinen locker. Im Kinderzimmer hatten sie die unteren Wände mit abwaschbarer Farbe bemalt. Die konnten beschmiert werden. Drei Wühler machten aus ihrer Bude täglich ein Chaos, nur abends, da musste alles aufgeräumt sein. Eingebrannt hat sich mir, dass die Kinder nach Papier verlangen, Helga in der Küchenbank einen Katalog auskramte und ihn im hohen Bogen in das Nachbarzimmer warf.  Standardkleidung waren Lederhosen und Hemd. Das kannte ich aus meiner Kinderzeit, war aber mittlerweile nicht mehr modern. Mich faszinierte die Lässigkeit des Umgangs mit Kindern bei gleichzeitig festem Regelwerk. Es war ein Vorgeschmack auf 68. Und ein Abgesang auf meine autoritäre Erziehung.

Ich hatte es ja versucht mich mit Schöngeistigem zu beschäftigen, ging in Museen, besuchte Konzerte, nahm an Diskussionsgruppen teil, las viel, ja dichtete sogar. Und belästigte damit meine Freunde. Fotografieren war das Einzige, was mich einigermaßen anzog. Neben Sex und Nachtleben. Dem konnte ich nicht ausweichen. Sowie es dunkel und später wurde war der Drang da. Ich musste mich verbrennen.  Der erste Whisky weichte die guten Vorsätze auf. Ab ging’s, die dunklen Seiten der Stadt zu erkunden. Geld hatte ich nicht viel. In meinem Kopf schwirrte Musik, Tanz, dunkle Kaschemmen, Trinken, Leichtigkeit, zufälliges Zusammentreffen in einer geladenen Atmosphäre. In meinen Büchern und in der Zeitschrift "Twen" - die erste Lifestile Zeitschrift auf bundesdeutschem Markt mit Jazz, schönen Bildern, Frauen, Geschichten - gab es das und ich wollte es auch. Das Leben. Nur: wo war es?

Am nächsten Tag war alles vorbei und die Abscheu vor mir selbst hatte mich wieder. Sein übriges tat der elendig lange Tag mit Tabellen, Dehnmessstreifen und arbeitsamen Kollegen. Manchmal konnte ich sie zum Reden über ihr Leben bringen. Das interessierte mich, war aber nicht spannend. Alles nur Familie, Häuschen, Hobby (einer baute Raketen), Aufstieg. Nur die Sekretärin hatte mich in ihr Herz geschlossen. Als sie erfuhr, dass ich Heide sei (jeder war Heide, der nicht katholisch war. Evangelisch wäre vielleicht auch noch durchgegangen. Aber Freikirchlich!), wollte sie mich nottaufen. Ein so netter Mensch und verloren. Das war mir neu. Bis dato war einzig Opas Glaube der Weg zum Himmel. Nicht die Taufe. Verwirrend.  

In der Nachbarabteilung waren nur Diplom-Ingenieure beschäftigt. Sie beschäftigten sich mit Elektronik und waren feiner als wir Flügelbieger. Ob ich mit ihm und seiner Freundin nach Spanien fahre, fragte einer. Spanien, Stierkampf, Sonne, draußen sitzen und trinken, das kannte ich von Hemingway. Wir machten Urlaub in Lloret de Mar. Im Flugzeug hatte mein Kollege das Du angeboten, im Hotel schlief er in meinem Zimmer. Das verstand ich nicht, sie war wohlgeformt und hübsch. Ich folgte Ernesto, trank in Bars und ging zum Stierkampf als Experte. Zuviel Blut, zugeben durfte ich das nicht. Eine Irin kam  mit mir aus der Bar. Wir gingen in mein Hotel, der Kollege hatte angeboten, bei seiner Frau Freundin zu schlafen wenn ich mal könnte was alle wollten. Er sprang aus dem Bett als würde ich ihn überfallen und verweigerte jede Kooperation. Am Strand, neben dem umgekippten Fischerboot, kam die Polizei und in der Höhle zum anderen Strand klappte es.  Die Höhle habe ich letztes Jahr wieder gesehen, die Irin nicht. Sie flog zurück am Tag darauf. Auf unserem Heimflug hat mir der Kollege das Du wieder entzogen.

Ich konnte es nicht füllen, mein Leben. Und beschloss, an Wochenenden freiwillig in einem Heim für behinderte Kinder mit zu arbeiten. Die Fahrt dahin war lang, ging durch die Provinz und zeigte mir die Schönheit der Bayrischen Landschaft. Und dann waren da Menschen, gewöhnungsbedürftig zwar, aber junge Leute, die sich freuten, wenn ich kam. Kartoffel schälen, Fallsüchtige beaufsichtigen, Rollstuhl gebannte ausfahren, ich hatte einen Inhalt. Sonntagabend ging’s zurück und Montagmorgen an die Dehnmessstreifen.

Einer der Betreuer im Heim hatte ein Zimmer mit verhängten Fenstern, Matratzen auf dem Boden, Kerzen überall. Wir tranken Tee, er legte Musik auf und erzählte von seinem esoterischen Leben, seiner Vergangenheit, seinem Leben. Andere Welten deuteten sich an.

Trotz allen Eintauchens  in das Leben der Nacht gelang es mir nur selten, eine Frau kennen zu lernen. Geschweige denn mit ihr zu schlafen. Das klappte nur 3 oder 4 mal. Einmal hab ich Dussel aus lauter Angabe mich als Geheimagenten ausgegeben (weil ich Geheimnisträger war kam die Idee) und prompt die Bekanntschaft verloren. Und einmal gelang mir, ein Stückchen vom Leben das ich suchte zu erwischen. Fasching brachte genau die Stimmung und prompt funktionierte  es. Die Frau wollte dann doch lieber zu ihrem Freund zurück. Verliebt habe ich mich öfters. Meine Pickel verhinderten ein gesundes Selbstvertrauen. Auf der anderen Seite musste sichtbares Interesse sein, sonst wagte ich keinen Anfang. Reden konnte ich, meist ungegoren. Und dann klappte es, ich hatte eine Freundin. Scheint nicht viel gewesen, den Namen habe ich vergessen, nicht aber ein paar schöne Stunden.

Interessant wurde es im Flugzeugbau, wenn der Testflieger erzählte. Er kam von einem amerikanischen Testflughafen, war groß, schlaksig und trug zu kurze Hosen. Nerven muss der gehabt haben wie Stahlseile. Wir hatten in den Maschinen die neuen Martin Baker Sitze eingebaut. Die schossen den Piloten 80 m hoch damit sein Fallschirm sich auch bei Gefahr im Stillstand entfalten konnte. Die Einzelteile unseres Prototypen wurden in ganz Europa gebaut. Engländer hatten zuletzt den Rotor gewartet, der die Stabilität der Maschine verstärkt. Der Rotor war umgepolt, wurde aber wegen offenbar fehlenden Warnungen genau so wie vorher in Manching zurückgebaut. Alle Starts wurden gefilmt, auch die normalen auf der Rollbahn. Auf dem Film sieht man: die Maschine rollt an, hebt ab und fällt in 10m Höhe aus dem Sucher der Kamera. Augenzeugen berichten, dass sich die Maschine drehte und aufknallte. Alle waren sicher, der Testpilot ist tot. Doch der schwebte am Fallschirm zur Erde. Er hatte, als die Maschine sich drehte, erst grün - die Erde - gesehen, gewartet bis blauer Himmel über der Kanzel erschien und den Nothebel zwischen seinen Beinen gezogen. Sein Rücken war gestaucht, er war in gekrümmter Position nach oben geschossen. Normal hätte er sein Visier zuziehen und den Abschuss mit einem Hebel oberhalb von ihm auslösen müssen. Dann wäre er mit geradem Rücken und mit der Kanzel auf Fallschirmhöhe gebracht worden. Dafür aber war keine Zeit. Der Schnellschuss-Hebel schoss den Piloten durch die Kanzel. Nach 4 Wochen war er wieder flugtauglich und wir bauten an der X2 weiter.  

Weder Religion, noch die Suche nach Leben, schon gar nicht die Arbeit brachten mich weiter. Ich meldete mich beim Deutschen Entwicklungsdienst DED und wurde als Entwicklungshelfer angenommen. Zur gleichen Zeit entließ mich der Entwicklungsring Süd weil das Projekt auslief. Ich war einer der Ersten. Sie überredeten mich, selbst zu kündigen, das sei besser bei späteren Bewerbungen. Dadurch entfiel das Arbeitslosengeld. Ich wollte sowieso nicht zum Arbeitsamt, wartete auf den Bescheid des DED und fuhr Minicar. Kleine R4 Autos, die billig Fahrgäste transportierten. Manchmal verdiente ich nichts, Miete des Wagens, Benzin und Nebenkosten waren höher als die Einnahmen. Es dauerte, bis ich ein wenig zurecht kam und bis heute noch höre ich den Taxifunk. der meine Nummer ruft.

Anfang Januar 1968 begann die Ausbildung beim DED in Wächtersbach. Im März reisten wir aus nach Chile. Das aber ist eine andere Geschichte.   

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