Tuesday, 27. january 2009
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Dreher und Maschinenschlosser, Arnold-Werke, Friedensdorf
in der Reparaturwerkstatt einer Herd- und Offenfabrik 1961-1963
Fachschule Biedenkopf (5 Sem) 1961-1963
Maschinenbau-Technikum TEWIFA Stockach/Baden
TEWIFA-Ingenieur 1963-1964
Noch immer stand ich morgens 8:15 draußen vor der Werkstatt, sah dem Schnellzug nach und hatte Fernweh. Noch immer war es die gleiche Klitsche mit dem antiquierten Deckenvorgelege zum Antrieb von
Maschinen. Noch immer strampelte ich morgens kurz nach 6:00 die 4 km zum Arnold, manchmal nahm mich Vater mit, der im selben Betrieb Herde und Öfen ausmauerte. Um 1/2 7 fing die Arbeit an und
um 4:00 waren wir zurück für die "Nebenerwerbstätigkeit" (so der verschrobene Terminus Technicus) auf Hof und Feld. Aber jetzt war ich Facharbeiter und verdiente 400 DM im Monat. Ich musste
nicht mehr Bier und Brötchen holen, bekam keine mehr auf die Finger, wenn ich die Werkstücke beim Schweißen ungenügend zusammenhielt und die Stanzerei holte sich andere Stifte zur Aushilfe. Dafür
hatte ich eine eigene Drehbank, moderner zwar als die mit dem Deckenvorgelege, aber schon recht betagt und dazu einen wackeligen Spind mit Drehwerkzeugen und dem Bild von zwei wie Tänzer dahin
gleitenden Schlittschuhläufern. Seltsamerweise tröstete mich das Foto, es strahlte die Ruhe einer anderen Welt aus. Meine Welt war Bolzen drehen, Gewinde schneiden, Passungen auf 1/100 mm genau
hinkriegen, Reparaturstücke anfertigen. Traurige Wahrheit war, dass diese Arbeit immer so bleiben würde. Allenfalls Gewinde mit spiegelglatter Oberfläche hinkriegen war eine befriedigende Kunst,
die mir selten gelang. Mehr als das tote Material interessierten mich die Menschen. Wann immer möglich versuchte ich sie zum Reden zu bringen.
Onkel Otto war der Betriebsingenieur und mein Mentor. Ich sollte in seine Fußstapfen treten. Was auch sonst. Alternativen waren nicht bekannt. Ingenieur zu werden war machbar. Also ran. Zuerst die
Fachschulreife, sie war eine der Eingangsvorrausetzung für das Studium. Angenehm war der Gedanke nicht, doch immer noch besser als Facharbeiter bleiben. Es heißt zwar: Doch schauen sollt ich weiter
als ich greife - nur war der Spruch unbekannt und das Schauen begrenzt.
Die Fachschule in der Kreisstadt war abends und eine bessere Alternative, als auf dem Feld arbeiten. Meist fuhr ich die 10 Km mit dem Fahrrad. Vater lieh mir das Goggomobil. Ich packte 7 junge
Männer rein. Wir wollten die Pause nutzen, zum Marktplatz fahren, frische Luft in der Nase haben und den Mädchen nachschauen. Nach 9 Stunden im Betrieb und anschließendem Unterricht kamen solche
Gelüste hoch. War das ein Spaß in dem übervollen Goggo! Endlich mal was Anderes! Und dann passierte das Unmögliche. Ich bog auf dem Marktplatz mit der tief liegenden Blechbombe ein,
hielt, öffnete beide Türen und heraus quoll einer nach dem Anderen unter Gelächter und Geschrei. Plötzlich stand Vater neben mir mit entsetztem Blick, er, der nie abends in Biedenkopf war.
Der Goggo war sein erstes Auto, er war nicht mehr Wind und Wetter ausgesetzt, musste nicht mehr Görike fahren, das kleine Motorrad. Und sein Sohn, dem er vertraut hatte, behandelte seine schwer
erarbeitete Errungenschaft mit solcher Geringschätzung!. Vor Scham wurde ich ganz klein mit Hut. .
Es war langweilig mit all dem theoretischem und technischen Zeug, das da geballt unterrichtet wurde. Das Niveau zog an, blieb aber trocken und leblos. Den Pythagoras hatte Onkel Otto schon
erklärt, ich aber hatte nicht verstanden, wo der praktische Nutzen liegt wenn a im Quadrat plus b im Quadrat gleich c im Quadrat ergibt. Jetzt gings ans Kräfteparallelogramm, an Jaul und Pi
und Ohm, der ganze Schrott.
Cousin Manfred lernte von Schulbeginn an meiner Seite. 8 Klassen lang saßen wir nebeneinander. Wir hatten zusammen das Gymnasium erprobt, waren nach dem ersten Halbjahr zurückgekehrt in die
Dorfschule wo wir hingehörten, hatten Dreher gelernt, er in einem modernen Betrieb, ich in einer Klitsche, gingen zusammen auf die Fachschule, wollten Ingenieur werden. Manfred war immer einen Tick
fleißiger, cleverer, begriff die Technik besser, war fleißig und strebsam. Sonntags spielten wir Schach und hörten klassische Musik. Manchmal mussten wir auch spazieren gehen. Er war Vorbild für
meine Eltern.
Freie Kurse gab es, die zogen mich an. Ich belegte Fotografie und später eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Bild-Zeitung beschäftigte. Das Lehrer-Ehepaar war anders als alle bisher bekannten
Lehrer. Sie fragten, hörten zu, ließen Kleingruppen selbst arbeiten und sahen die Bild kritisch. Was für ein Ding! Die Zeitung, die zu meinem Alltag gehörte, soll lügen, manipulieren, einseitig
orientieren? Aber die Meldungen, mit anderen Zeitungen, Pressemitteilungen, Quellen verglichen, zeigten es deutlich. Bild lügt. Manchmal. Eine Offenbarung. Die Sicht auf die bekannte Welt bekam
einen Riss.
10.00 Uhr abends, der Fotokurs war zu Ende. Ich aber wollte nicht heim, wollte bei diesen Leuten bleiben, mit denen zu reden ein Vergnügen war, die auf meiner Wellenlänge funkten, die gleichen
Interessen hatten. Pudelwohl fühlte ich mich in ihrer Mitte. Wie ein kleines Kind versteckte ich mich in einem Unterschrank und tat, als ob ich schliefe. Das Licht in der Dunkelkammer ging an, sie
fanden mich und bemühten sich, den scheinbar schlafenden zu wecken. Liebevoll, freundschaftlich taten sie das, ach der Arme, muss jetzt noch 10 Km mit dem Fahrrad fahren.
Die freundlichen Lehrer luden Schüler zu sich nach Hause ein. Das gab es also auch, persönliche Kontakte mit oben Stehenden. Ich gehörte zu den Auserwählten, sie fragten nach: Was meinst du zu dem
Problem? Und der junge Mann vom Dorf engagierte sich mit seinem bescheidenen Wissen, wollte dabei sein, gefragt werden, mehr erfahren.
Die erste Fahrt durch Berlin im Bus war wie ein Vorhang, der sich öffnete. Diese Stadt, die Größe, die vielen Menschen, Plakate, Bahnen und Busse, Strassen, Häuser, Monumente. Einiges kam bekannt
vor, anderes war völlig fremd. Ich hupfte auf meinem Sitz herum und gab unsinnige Kommentare ab. Das ging einige Zeit gut, dann aber ermahnten mich die Lehrerfreunde und es gab einen Knacks. Sie
hatten mich kritisiert! Ein Häufchen Unglück fuhr weiter durch die Stadt. Auch als sie sich später entschuldigten weil sie begriffen, dass es Überschwang gewesen war, ging das Schuldgefühl nicht
weg. Nachts hauten wir ab in eine Disko. Eine Treppe tief hinab ging es, ein Eingang zu unbekannten Freuden. Musik wurde lauter, die Tür öffnete sich und da waren, Lichtexplosionen,
ohrenbetäubender Lärm, Rauch, Gewühle. Das war nicht das, was ich erwartet hatte. Sicher, da waren auch Frauen, aber sie tanzten in einem Menschenknäuel, einige standen herum, tranken und redeten.
Wie sollte denn der unsichere Junge Mann mit Pickel da ran kommen? Nein, das traute ich mir nicht zu. Später gingen wir an Nachtlokalen vorbei mit halb-nackten Frauenbildern im Fenster, an
Türstehern, die aufforderten, ein zu treten, Prostituierte sahen wir in Eingängen stehen, das war eine Welt, die kennen zu lernen war. Meine Kollegen gingen weiter, ich musste
mit.
Meine große Liebe schon aus Schulzeiten begehrte ich von ferne. Sie hieß Thea, wohnte in der Nachbarschaft und wenn ihre Mutter sauer war, beugte sie sich um die Ecke und schrie Dorothea. Dann
wussten alle Bescheid, denn sonst wurde sie Thea genannt. Die Mutter war aus Berlin in das Dorf verschlagen worden und eine schöne Frau. Der Vater, ein Schlawiner, der nicht ins Dorf passte, verzog
sich zwei mal in die Fremdenlegion und entzog sich schlussendlich ganz der Familie. Schon früh war Thea wohlproportioniert und in meinen Augen wunderschön. Ihr gepflegtes Deutsch hob sie
heraus aus der Masse, die gerade mal Platt konnte und in der Volksschule Hochdeutsch lernte. Einmal habe ich mich getraut und meine Liebe gestanden. In ihrem Schulheft. Da war sie sauer.
Hildegard hieß die erste richtige Freundin. Nach dem Kino stand sie in der Gruppe der Freunde und ihrer Mädchen und ging mit mir in den Wald. Ich durfte immer noch nicht. Weder eine Freundin haben
noch ins Kino gehen. Es war angenehm, mit ihr in der Kuhle zu liegen, zu küssen, zu schmusen. Meine Welt, ich hatte es gewusst. Eines Tages machte ich mich nach der Arbeit in der Küche fein, die
Mädchen wollten kommen. Da hörte ich Mutter auf dem Hof schelten. Was fällt euch ein hier her zu kommen, macht euch fort. Als ich herausstürzte, fuhren sie auf ihren Fahrrädern weg. Aus Berlin
zurück nach einer Woche voller Eindrücke und neuen Erfahrungen fand ich sie auf der Kirmes im Nachbardorf. Hildegard war abweisend, sie hatte einen anderen Freund. Wenn du so lange weg bist.
Ungemein bildend wirkte die "twen". Die Zeitschrift war großformatig in einem ästhetischen Grafikdesign gestaltet, hatte Anfangs noch s/w, später Farbfotos von hervorragenden Fotografen, dazwischen
immer wieder aparte Frauen wie Uschi Obermeier und Artikel von Hemingway, Faulkner von Philip Roth, Ben Shahn, Irving Penn, von Will McBride un Guy Bourdin - in "twen" publizierten nur die Besten.
Inhaltlich ging es vor allem um Lifestyle-Themen wie Mode, Musik und Urlaub und um Sexualität und Partnerschaft. Sogar einen eigenen Modestil kreierte die Twen. Ich aber traute mich nicht, die
lässigen Sachen zu bestellen, zu teuer und extravagant. Marylin Monroe lernte ich begehren, Henry Miller, Jeanne Moreau, interessante Filme faszinierten, Geschichten von Bars, Getränken, Tanzen,
Flirten lockten. Joachim E. Berendt erklärte Jazz und die bemerkenswerte Schallplattenserie orientierte meinen Musikgeschmack. Eine Aufbruchstimmung sprang mich an, das da war sie, meine Welt.
Nachts las ich im Bett, manchmal bis weit nach Mitternacht. Dann waren die Augen rot am Morgen wenn die Mutter um 1/4 vor 6.00 weckte. Die Decke über den Kopf, um nicht durch den Lichtschein unter
der Tür verraten zu werden, schmökerte ich durch die Welt. Das Buch über Brasilien hatte Bilder von Indianermädchen aus dem Urwald. Das also waren Frauenbrüste, die berühmten. Sie waren anders als
vorgestellt, weniger aufregend, obwohl es spannend genug war, so ein Buch zu besitzen. Ein Missionar aus Brasilien war zu Besuch. Dem wollte ich imponieren. Aber die Bilder, die Bilder, ein
Aufschrei würde das Haus wecken und ich wäre verloren. Auf Erden und im Himmel. Das Zeigen Wollen war stärker und so riss ich die Seiten mit den blanken Brüsten raus, zerschnippelte sie und führte
mein Wissen vor. Der Missionar interessierte sich nicht sehr.
Vater half, ein einfaches Fotolabor auf den Dachboden zu bauen. Wasser musste im Eimer hoch geschleppt werden und der Staub schlug sich auf die Fotopapiere. Mehr als Kontaktabzüge war nicht drin,
ein Vergrößerungsgerät war zu teuer und auf dem Speicher war kein Anschluss für Elektrogeräte. Von den 6x6 Filmen meiner Kamera ließen sich kleine Bildchen machen. Mich faszinierte, wie aus dem
Nichts im Entwickler langsam Umrisse und Bilder hervortraten. Der Sandsack zum Boxen, der auf dem Speicher von einem Balken hing, war Eigenproduktion und zu hart. Die Knöchel schwollen. Handschuhe
waren nicht erschwinglich. Armin Hary war 1960 die 100 m als Erster in 10 Sekunden gelaufen und hatte im gleichen Jahr zwei Goldmedaillen gewonnen. Der war mein Vorbild. Mit dem Halbrennrad
trainierte ich schon länger, nun fing ich an zu laufen, alleine, im Feld. Den Hang hinter Krauses hoch bis zum Wald, an dem lang, im hohen Bogen an der schrägen Waldwiese vorbei, dahinter Hang
abwärts, über einen kleinen Hügel hinweg, hoch zum Kaiser Willhelmsplatz und zurück nach Hause. Auch im Winter lief ich die Strecke. Im Betrieb baute ich mir eigene Startblöcke, Onkel Otto half
sogar. Und dann sah ich in der Kreisstadt in einem Schaufenster Spikes liegen. Sie waren billig, weil der eine Schuh durch das Sonnenlicht braun geworden war. Nun war ich stolzer Besitzer von
Spikes. Was für ein Glück. Das Training brachte nicht viel. Beim Sportfest wurde ich siebter.
Das schönste Geschenk meiner Eltern war der Halbrenner, umgebaut aus einem Tourenrad, ausgestattet mit Rennlenkstange, Felgenbremse, Kettenschaltung und bunt angemalt. Im Windschatten des Omnibus
die Landstraße nach Silberg hoch strampelte ich mir die Seele aus dem Leib um den Mädchen hinten im Bus zu imponieren. Zu selten sah eine raus. Am Berg hinter Silberg verlor ich den Bus. Nach
Duisburg wollte ich, da wohnten Freunde der Familie, die es im Krieg nach Hommertshausen verschlagen hatte. Abends bekam ich richtig Zoff mit Vater und morgens um 5:00 zog ich los wie ein
Abenteurer. 200 km wollte ich schaffen. Schon hinter Laasphe die Berge hoch kamen Bedenken. Vor Hagen hatte ich nur noch ein Pedal, das andere war ausgeschlagen, es war Samstag, keine Chance auf
Reparatur. Da fuhr ich froh und glücklich die letzten 100 km mit der Bahn. Es gab Bücher mit Sex, ich durfte schmökern und sonntags zum Frühschoppen. Ein Bier und ein Schnaps genügten, den Tag
wundersam werden zu lassen. Zu Hause hatte es einen Skandal gegeben. Der Nachbar liebte es zu lauschen, hatte den Streit mit Vater und meine frühe Abfahrt mitgekriegt und erzählte überall, ich wäre
abgehauen.
Ein Gläschen Wein war erlaubt, trinken, gar saufen, streng verboten. Die Meute im Dorf hänselte mich. Trau dich mal was, komm mit, du Feigling, du bist kein Mann, ein Hampelmann eher. Sie hatten
eine Party organisiert, die Eltern waren nicht zu Hause. Es gab Bier, Schnaps, Coca Cola und Rainer neben mir schüttete nach, komm, sei ein Mann. Musik war da, auch Mädchen saßen herum. Ich ließ
mich nicht zwei Mal bitten und schluckte Schnaps und nach Luft. Dann drehte sich alles, ich war besoffen und hatte einen Fadenriss. Am nächsten Morgen gaben die Beine unter mir nach als ich
aufstehen wollte, ich landete am Spiegel, rutsche daran herunter und sah ein mir unbekanntes Gesicht. Zur Arbeit musste ich. Tage später erzählten sie mir, was passiert war. Du bist umgefallen, wir
haben versucht, dich die steile Treppe runter zu bringen, da bist du die ganzen Stufen abwärts gepurzelt. Wieso hast du dir nichts getan? Wir haben dich in der Schubkarre gefahren, laufen war
nicht mehr drin. Und zu Hause bist du auf allen Vieren die Treppe hoch. Wieso konntest du arbeiten? Ich hab lange keinen Schnaps mehr angefasst. Thea war dabei und hatte Angst um mich gehabt. Das
gab Hoffnung.
Klaus war 6, Hanne 12 Jahre jünger. Der Abstand war zu groß um mit den Geschwistern zusammen was unternehmen zu können. Hanne wollte lernen wie ich, Klaus arbeiten. Und zwar Speis machen. Ansonsten
stand er rum, hatte die Hände in der Tasche und rauchte spitze Stöckchen. Das wurde ihm eines Tages zum Verhängnis. Er lief den Hof hinunter, stolperte, fiel und stach sich den Stock in den Rachen.
Was für eine Aufregung. Mutter kam hinten auf die kleine Görike, Klaus im Schoß. Im Nachbarort hat der Arzt den Jungen ohne Betäubung genäht. Samstags war unsere Aufgabe, den Hof zu kehren. Er
oben, das kleinere Stück, ich unten. Klaus trödelt, ich wollte fertig werden. Denn nach dem Kehren kam nur noch Baden, dann war Feierabend für die Woche. Regelmäßig musste ich einen Großteil seines
Bereichs mit kehren. Aber wenn es Speis zu machen gab, dann nahm er die Hände aus der Tasche und packte zu. Vater und Sohn arbeiteten freudig nebeneinander, ich versuchte zu verschwinden, wurde für
das Wasser gebraucht und machte schweren Herzens mit. Meine kleine Schwester war liebenswert, sie verehrte mich und ich beschützte sie. Erst später habe ich sie richtig kennen und lieben
gelernt.
Sonntags spazieren gehen gehörte wie der Gottesdienst, das gute Mittagessen, Kaffee und Kuchen und Chorsingen abends zum festen Programm. Mir lief die Zeit davon. Was hätte ich nicht alles lesen
und hören können in der Zeit. Aber ich musste neben den Eltern und Geschwister her traben und die Natur genießen. Ich hatte es versucht, wollte Waldläufer werden, Naturbursche, der im Freien zu
Hause ist. Einen Hund wollte ich haben und mit ihm zusammen durch die Wälder streifen. Opa beschied knapp, du brauchst einen Hund, der deine Anschläge frisst, sonst keinen. Wahrscheinlich eine
weise Entscheidung von Opa, denn ich fasste keinen Fuß im Wald. Sie war nichts für mich, die freie Natur. Aber jeden Sonntag musste ich wieder spazieren gehen. Das latente Unbehagen über mein Leben
erreichte seinen Höhepunkt auf einem kleinen Hügel vor dem Dorf. Da war ich hoch geklettert, die anderen gingen weiter. Ich sah auf das Tal, das Dorf, die Enge, und eine Frage nahm Besitz von mir:
Das soll es gewesen sein?
Die Reklame der privaten Technischen und Wissenschaftlichen Fachschule war interessant. Studium zum Techniker in 6 Monaten, zum Ingenieur in zwölf. Ein verlockendes Angebot weil kürzer als
die 6 Semester auf der Ingenieurschule. Onkel Otto prüfte und erklärte die Lehrinhalte für ausreichend. Meine Eltern hatten viel von meinem Lohn gespart - ich kam mit einem geringen Taschengeld aus
- und mit einem Zuschuss von zu Hause konnte ich gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: keine Fachschule mehr, die ungeheuer lange Studienzeit ließ sich verkürzen und ich kam von zu Hause
weg. Was für eine Aufregung. Statt nach Gießen gings nach Stockach am Bodensee. Vor der Abreise waren die Nachbarn zu verabschieden, ich sprang von Bordstein zu Bordstein, rutschte ab und hatte
eine schlimme Verstauchung im Knöchel. Die Reise mit dick umwickelten Bein war wie eine Vorausschau auf die Technikerlaufbahn: immer etwas behindert. Auf dem Abschlusszeugnis war ich
"TEWIFA.Ingenieur".
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