Artikel teilen! Von Einem der auszog: Entwicklungshelfer in Chile (1968-70) I: Träume, beschied ihm ein Freund im Dorf. Aber die Wirklichkeit ist hier. Sprachs, ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Träume, beschied ihm ein Freund im Dorf. Aber die Wirklichkeit ist hier. Sprachs, heiratete und baute sich ein Haus. Meine Träume waren noch lange nicht
erreicht.
Das Wetter war trübe, ich kam aus dem Gebäude, war benommen, konnte es noch nicht greifen und glauben. Freund Viktor hatte es nicht geschafft, auf meiner Urkunde aber stand: Zulassung zum
Hochschulstudium ohne Reifezeugnis. Gut, das mit der offenbar mangelnden Reife juckte ein wenig, aber was soll´s, das Studium wartete. Soziologie und Volkswirtschaft sollten die Lücke in meinem
Verständnis der Welt , die mir in Chile bewusst geworden war. Ein Traum wurde wahr, den ich noch nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Wer konnte auch den Weg von der Dorfschule über
Dreher, Schmalspur-Ingenieur, Entwicklungshelfer bis zur Universität voraussehen? Zufall, dachte ich.
Begonnen hatte die Wende in meinem Leben mit der Cabora Bassa Gruppe in Frankfurt. Nein, begonnen hatte es in Chile. Zwei Jahre als Entwicklungshelfer waren geprägt durch Nichtverstehen. In
Antofagasta, einer Hafenstadt im Norden von Chile, 1400 km von der Hauptstadt Santiago entfernt war ich 1968 gelandet. Schon die 3 Monate Vorbereitung in Wächtersbach öffneten Tore. Landeskunde,
Sprachen, Geschichte, da wurden Inhalte geboten, die interessant waren. Den Deutschen Entwicklungsdienst gab es noch nicht lange, wir gehörten zu den Pionieren und mussten Orientierungsläufe im
Wald absolvieren. Falls wir mal verloren gehen sollten in den Entwicklungsländern. Wir lebten in einem verwunschenen Schloss in Erkern, Turmstuben, umgebauten herrschaftlichen Räumen und
Dienstzimmern eng zusammen. Eine Gruppe ging nach Asien, die andere nach Afrika, wir waren die Latinos. Dafür hatte ich mich entschieden nicht nur wegen der Urwaldmädchen in meinem Buch, das
Interesse an Lateinamerika begann mit einem Sanella-Einklebebuch. Bilder, Fahnen, Daten mussten von Margarine Packungen gesammelt werden und die spannende Reisen eines Jungen durch Argentinien,
Chile, Bolivien, Brasilien faszinierten mich. Nun war es soweit, selbst Erleben war in Reichweite. Dafür lernten wir, bildeten Gruppen, hatten Spaß. Wenig Glück hatte ich bei den jungen Frauen,
der Tölpel aus dem Dorf kam zu oft durch und ich zu einer bleibenden französischen Vokabel: jamais - niemals. Die Antwort kriegte ich nach einer erotischen Ringerei, die ich mit einem Welpenspiel
verwechselte und zubiss. Da hatte ich eine Freundin weniger und ein Wort mehr. Die Abschiedsfeier fand im Rittersaal statt. Wir seien Sendboten des guten Deutschland, hatte der Leiter gesagt und
benahmen uns aus Übermut wie Russen. Das Gläser-hinter-sich-Werfen war nicht einfach, unsereins ist vorsichtig beim mutwilligen Zerstören.
Es war eine schöne Zeit. Bis auf Spanisch, das fiel mir schwer, ich war nicht der Einzige. Die Gruppe wurde über Rio nach Santiago verfrachtet und alles war neu. Das Terrain war vorsichtig zu
erkunden, die Kreise, die wir zogen, waren erst mal eng. Santiago de Chile, ein Konglomerat aus Reich und Arm, Alt und Neu, Vertrautem und Unbekanntem verwirrte. Die wuchtigen, historischen
Gebäude aus spanischer Zeit im Zentrum kamen bekannt vor, solche Armut wie am Rande der Stadt machte sprachlos. Die Menschen gingen langsamer, spielten Schach auf der Strasse, Schuhputzer
waren da, ambulante Verkäufer und alle sahen anders aus als erwartet. Während die Verkäufer eher Indios glichen, waren doch die meisten offenbar europäischer Herkunft. Kein Wunder, die Spanier
haben die Ureinwohner fast ausgerottet, das Land wurde Siedlungsgebiet. Nur die Tapfersten und Härtesten schafften es über die Anden oder durch die Maghellan-Strasse. Stolz war Chile auf seine
Geschichte, die europäische Kultur und demokratische Tradition, Erbe der Einwanderer. Das sollte sich leider ändern. Wir aber staunten und sahen Deutsche, Engländer, Spanier, Jugoslawen und
später Chinesen im Norden und manchmal auch Indios. Und natürlich alle möglichen Mixturen dazwischen. Sie sprachen Spanisch mit solch einer Geschwindigkeit, dass kaum etwas zu verstehen war.
Hinter der Stadt erhoben sich majestätisch die Anden mit schneebedeckten Gipfeln. Es sah aus, als würde Santiago in die Berge hineinwachsen, bewacht werden.
Der chilenische Sprachlehrer hatte zum Eingewöhnen Empanadas empfohlen. In der traditionellen Variante wird die Teigtasche mit Hackfleisch gefüllt, viel Zwiebeln, einem gekochten Ei, Rosinen,
Oliven und im Ofen gebacken. Einer traute sich und bestellte Empleadas bien caliente. Wir wären bald rausgeflogen aus dem Lokal. Nicht heiße Teigtaschen, heiße Dienstmädchen hatten wir
bestellt.
Antofagasta, die Wüstenstadt am Pazifik, ist umgeben von der Atacama, einer der trockensten Gegenden der Erde. Im Inneren werden Kupfer, Nitrat und Salpeter abgebaut, ihre Verschiffung hat die
Hafenstadt wachsen lassen. Die Wüste geht gleich hinter der Stadt los, manchmal weht der Sand durch die Straßen. Es ist heiß, trocken und wenn es alle Jahre lang mal regnet fließt das dreckige
Wasser durch die Löcher im Blechdach die Wände herab. Zugeteilt wurde ich der Technischen Universität, Abteilung Lehrlingsausbildung. Entwicklungsländer haben in der Regel kein System der
Facharbeiter-Ausbildung wie bei uns, Praxis und Theorie wird, wenn überhaupt, in eigenen Instituten vermittelt. Was können sie denn so, verstand ich mehr intuitiv als spanisch beim ersten
Gespräch mit dem Leiter, einem älteren, ruhigen und sympathischen Mann. Messtechnik haben Sie gemacht, das können wir brauchen. Im Keller ist ein Labor, da steht sogar eine Messmaschine mit hoher
Genauigkeit, die ist geschenkt und keiner von uns kann sie bedienen. Da können Sie unterrichten. Und da war ich Lehrer. Die Klasse verstand mich nicht, ich verstand nicht, warum sie noch nicht
einmal wussten, was 1 m ist. Das Missverständnis war doppelt: auch sprachlich waren wir Welten entfernt. Das besserte sich langsam, aber nie haben sie kapiert, warum man auf ein Hundertstel und
genauer messen soll. Jeden Vortrag musste ich ausarbeiten und korrigieren lassen. Sr. Hernandez, der Chef, war langmütig und hilfreich, doch als ich eines Morgens mit dickem Kopf nach einer
langen Nacht kein Wort raus brachte und die Schüler heim schickte, war das zu viel. Die sollen lernen!