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Friday, 6. february 2009 5 06 /02 /Feb. /2009 09:59

von Chile bis Cabora-Bassa Teil I

Die Stadt war öd. Im Zentrum gab es einige kümmerliche grüne Pflanzen, die dauernd bewässert werden mussten. Einzig in der Nähe der Universität war ein langer, schmaler Park mit üppigen Palmen. Die Erde, so erzählte man mir, kommt aus Europa. Segelschiffe, die Kupfer oder Salpeter laden wollten, brachten Erde als Ballast mit, die hier aufgeschüttet wurde. Meine erste praktische Lektion in einseitigen Handelsbeziehungen, auch Ausbeutung genannt. Die Minen gehörten Ausländern, Gewinne wurden abgeschöpft und ins Ausland transferiert und den Chilenen blieb Erde. Um 17:00 war „Once", Teatime, von den Engländern abgeschaut, die lange das Land wirtschaftlich beherrschten, aber keiner wusste, woher die Bezeichnung "Once"(Elf) kam. Um 18:00 war Plaza-Rundgang, ganze Familien schlenderten um den Platz, junge Mädchen stellten sich aus, junge Männer schauten zu und der deutsche Braumeister fuhr mit seinem offenen Mercedes die 3 asphaltierten Straßen rauf und runter, machmal hatte er Glück und eine Frau dabei. Sein Bier war gut. Dann kam schnell die Nacht und zaghafte Lichter gingen an.  Die Ereignisse der Welt gingen an uns vorbei, Fernsehen gab es kaum, die Mondlandung ging ohne unsere Teilnahme gut über die Bühne. Erst viel später erfuhr ich davon.

1969 starb mein Opa. Er hat mir viel bedeutet. Als das Telegramm kam, war er schon beerdigt worden. Eine schwere Zeit, gelockert durch die permanenten neuen und völlig anderen Erfahrungen. Ich begriff die politische Relevanz der Politik nicht. Enteignungen ungenutzter Ländereien, Übergabe an landlose Bauern, Diskussionen über Verstaatlichung der Minen, soziale Politik, all das war in Chile unter Frey (Vater) an der Tagesordnung der Christsozialen Regierung. Dann kam der Wahlkampf.  Wahlplakate mit Pablo Neruda als Präsidentschaftskandidaten tauchten auf und verschwanden, als die Kommunisten sich der Unidad Popular anschlossen und Allende zum Kandidaten nominierte. Weder wusste ich, wer Neruda war, noch begriff ich, dass Allende eine neue Politik der sozialen Gerechtigkeit für das Land wagen wollte. Noch heute bedauere ich, kein Wahlplakat mit Neruda zu haben.

Alles war neu, fremd, spannend. Frauen eingeschlossen. Angela war die erste Freundin. Sie arbeitete in Arica als Hausangestellte und reiste alleine durch den Kontinent. Mit ihr konnte man Pferde klauen, Nächte durch trinken und reden. Sie war knuddelig, sexy, hatte blonde lange Haare und war ein Traum der Latinos. Meine Traum war sie auch. Nach einem Jahr  musste sie raus aus dem Land, ihr Visum war abgelaufen. Ich war verliebt und wusste nicht, ob es Liebe ist.

Vanessa, La Comtessa, war schlank, schmal, grazil, hatte schulterlanges, volles schwarzes Haar, Temperament, zwei Kinder, die in Santiago mit den Großeltern lebten und ging mit mir nach Hause. Ich dachte, sie sei verliebt in mich, sie dachte an Geld und Sicherheit aber mit der Zeit kamen wir uns näher. Dann war sie weg, verwischte alle Spuren, ich wusste einzig den Stadtteil, fuhr ihr nach und fand sie. Das Haus aus Hohlblocksteinen, dreiräumig, nicht verputzt und tapeziert, war sichtbar Marke Eigenbau. Wohnkooperativen erhielten Baumaterial aus einem Regierungsprogramm und bauten ihre Häuser gemeinsam. Da wohnte sie bei ihren Eltern. Was für ein Fest! Der Vater nahm mich mit zu seinen Freunden, wir tranken aus Kokosnüssen, die mit Schnaps verstärkt waren, gingen zum Fußball und spielten mit den Kindern. Die waren süß, nannten mich Monito - Äffchen - weil ich einen Bart hatte und wollten mich als Vater. Beinahe hätte es geklappt. Vanessa wechselte zum Schmuggeln, ich half, wenn ich konnte. Arica, die nördlichste Stadt Chiles, 2000 km von Santiago entfernt, war Freihandelszone und billiger. Da kauften wir ein und transportierten die Koffer im Bus. Halbwegs Antofagasta war in einem tief eingeschnittenen Cañon die Zollstation, alle mussten raus, nur wir wurden nicht kontrolliert weil ich Ausländer und fern des Verdachtes auf systematisches Zollvergehen war. Es war zu wenig, was übrig blieb, mein geringes Unterhaltsgeld reichte nicht, die Eltern hatten nur ein Einkommen zum Überleben und Vanessa verschwand um Geld zu verdienen.

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Kommentare

Danke für die Fotos. Erstaunlich, wie zeitlos sie wirken.
Kommentarnr1 gepostet von Biene am 6.02.2009 um 20h04
Heute sieht Antofagasta anders aus, ich habe Fotos gesehe. Aber die Wüste ist noch immer dieselbe
Einen wunderschönen Gruß nach Köln von Reinhold
Antwort von REinloft am 7.02.2009 um 11h32
Lieber Reinhold, ich bin ja eher zurückhaltend mit solchen Vokabeln, aber die Geschichten vom Auszug aus dem Dorf, vom immer weiter werdenen Welten LIEBE ich. Ach, wenn es doch dazu auch mal Fotos gäbe! Viele Grüße, Biene
Kommentarnr2 gepostet von Biene am 6.02.2009 um 11h53
Und ich LIEBE Deine Kommentare! Bilder sind neun eingestellt, viele davon gibt es nicht. Schau mal bei den Fotoalben vorbei.
Die Kommentare gehen nicht im Orkus flöten, ich muss sie erst moderieren. Such schon dauernd nach dem Knopf um das abzustellen. Gruß Reinhold
Antwort von REinloft am 6.02.2009 um 16h46
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