Artikel teilen! Von Einem der auszog: Entwicklungshelfer in Chile (1968-70) II: von Chile bis Cabora-Bassa Teil I Die Stadt war öd. Im Zentrum gab es e ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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von Chile bis Cabora-Bassa Teil I
Die Stadt war öd. Im Zentrum gab es einige kümmerliche grüne Pflanzen, die dauernd bewässert werden mussten. Einzig in der Nähe der Universität war ein langer, schmaler Park mit üppigen Palmen.
Die Erde, so erzählte man mir, kommt aus Europa. Segelschiffe, die Kupfer oder Salpeter laden wollten, brachten Erde als Ballast mit, die hier aufgeschüttet wurde. Meine erste praktische Lektion
in einseitigen Handelsbeziehungen, auch Ausbeutung genannt. Die Minen gehörten Ausländern, Gewinne wurden abgeschöpft und ins Ausland transferiert und den Chilenen blieb Erde. Um 17:00 war
„Once", Teatime, von den Engländern abgeschaut, die lange das Land wirtschaftlich beherrschten, aber keiner wusste, woher die Bezeichnung "Once"(Elf) kam. Um 18:00 war Plaza-Rundgang, ganze
Familien schlenderten um den Platz, junge Mädchen stellten sich aus, junge Männer schauten zu und der deutsche Braumeister fuhr mit seinem offenen Mercedes die 3 asphaltierten Straßen rauf und
runter, machmal hatte er Glück und eine Frau dabei. Sein Bier war gut. Dann kam schnell die Nacht und zaghafte Lichter gingen an. Die Ereignisse der Welt gingen an uns vorbei, Fernsehen gab
es kaum, die Mondlandung ging ohne unsere Teilnahme gut über die Bühne. Erst viel später erfuhr ich davon.
1969 starb mein Opa. Er hat mir viel bedeutet. Als das Telegramm kam, war er schon beerdigt worden. Eine schwere Zeit, gelockert durch die permanenten neuen und völlig anderen Erfahrungen. Ich
begriff die politische Relevanz der Politik nicht. Enteignungen ungenutzter Ländereien, Übergabe an landlose Bauern, Diskussionen über Verstaatlichung der Minen, soziale Politik, all das war in
Chile unter Frey (Vater) an der Tagesordnung der Christsozialen Regierung. Dann kam der Wahlkampf. Wahlplakate mit Pablo Neruda als Präsidentschaftskandidaten tauchten auf und verschwanden,
als die Kommunisten sich der Unidad Popular anschlossen und Allende zum Kandidaten nominierte. Weder wusste ich, wer Neruda war, noch begriff ich, dass Allende eine neue Politik der sozialen
Gerechtigkeit für das Land wagen wollte. Noch heute bedauere ich, kein Wahlplakat mit Neruda zu haben.
Alles war neu, fremd, spannend. Frauen eingeschlossen. Angela war die erste Freundin. Sie arbeitete in Arica als Hausangestellte und reiste alleine durch den Kontinent. Mit ihr konnte man Pferde
klauen, Nächte durch trinken und reden. Sie war knuddelig, sexy, hatte blonde lange Haare und war ein Traum der Latinos. Meine Traum war sie auch. Nach einem Jahr musste sie raus aus dem
Land, ihr Visum war abgelaufen. Ich war verliebt und wusste nicht, ob es Liebe ist.
Vanessa, La Comtessa, war schlank, schmal, grazil, hatte schulterlanges, volles schwarzes Haar, Temperament, zwei Kinder, die in Santiago mit den Großeltern lebten und ging mit mir nach Hause.
Ich dachte, sie sei verliebt in mich, sie dachte an Geld und Sicherheit aber mit der Zeit kamen wir uns näher. Dann war sie weg, verwischte alle Spuren, ich wusste einzig den Stadtteil, fuhr ihr
nach und fand sie. Das Haus aus Hohlblocksteinen, dreiräumig, nicht verputzt und tapeziert, war sichtbar Marke Eigenbau. Wohnkooperativen erhielten Baumaterial aus einem Regierungsprogramm und
bauten ihre Häuser gemeinsam. Da wohnte sie bei ihren Eltern. Was für ein Fest! Der Vater nahm mich mit zu seinen Freunden, wir tranken aus Kokosnüssen, die mit Schnaps verstärkt waren, gingen
zum Fußball und spielten mit den Kindern. Die waren süß, nannten mich Monito - Äffchen - weil ich einen Bart hatte und wollten mich als Vater. Beinahe hätte es geklappt. Vanessa wechselte zum
Schmuggeln, ich half, wenn ich konnte. Arica, die nördlichste Stadt Chiles, 2000 km von Santiago entfernt, war Freihandelszone und billiger. Da kauften wir ein und transportierten die Koffer im
Bus. Halbwegs Antofagasta war in einem tief eingeschnittenen Cañon die Zollstation, alle mussten raus, nur wir wurden nicht kontrolliert weil ich Ausländer und fern des Verdachtes auf
systematisches Zollvergehen war. Es war zu wenig, was übrig blieb, mein geringes Unterhaltsgeld reichte nicht, die Eltern hatten nur ein Einkommen zum Überleben und Vanessa verschwand um Geld zu
verdienen.
Einen wunderschönen Gruß nach Köln von Reinhold
Die Kommentare gehen nicht im Orkus flöten, ich muss sie erst moderieren. Such schon dauernd nach dem Knopf um das abzustellen. Gruß Reinhold