Wednesday, 11. february 2009 3 11 /02 /Feb. /2009 11:33
Bis heute bin ich emotional berührt, wenn ich an sie denke. Die Cabora Bassa Gruppe, die Universität, das Leben mit Lernen und Menschen, die politische Arbeit, all das hatte ein neues Selbstverständnis wachsen lassen. Aber sie nahm mich mit auf eine Fahrt im Aufzug durch alle Schichten mitten hinein in das Bildungsbürgertum. Sie öffnete mir die Tore zum Bundestag und die Einsicht, dass Politiker auch nur Menschen sind, sie brachte mich in Kontakt mit Personen, in deren Nähe ich ansonsten nie gelangt wäre und entließ mich, als es mit uns nicht mehr ging. Trotz der Zuneigung haftete noch immer Hommertshausen in mir, ich konnte nicht Ja sagen zu der ganzen Frau, wollte sie in ein Korsett zwängen, das ihr nicht passte. Geblieben ist, was ich von ihr gelernt habe: selbstbestimmt Leben in  Verantwortung für den Partner aber seine Kreise nicht stören sondern unterstützen. Umsetzen konnte ich das erst mit M. Sie hat schon vor einiger Zeit vorgeschlagen, ihr jährlich einen Blumenstrauß zu schicken. Er gebührt ihr.

Annette N. war groß, hatte hennarote, schulterlange Haare, eine prominente Nase, die ihrem Gesicht einen herben Ausdruck gab, sie hatte Lippen, die sich beim Lachen voll öffneten, eine hervorragende Brust, schmale Hüften und schöne Beine. Annette wusste, wer sie war, konnte reden, argumentieren, sich in Gesellschaft bewegen und war mir haushoch überlegen in allen sozialen Belangen. Sie war anders, trug Alpaka-Ponchos als Rock, Stiefel, großen Schmuck, enge Pullis, rauchte Zigarren und Pfeife und spielte Klavier. Bei Diskussionen behielt sie Recht, ließ sich weder von Männern noch von Autoritäten beeinflussen, ging alleine hin, wo sie wollte, hatte Liebschaften nach ihrer Wahl, feierte , tanzte, war kulturell interessiert und arbeitete wie verrückt. Sie war bewusster, selbstbestimmter als alle Frauen, die ich bisher gekannt hatte und doch eine Frau durch und durch. Wenn ich an sie denke, schlägt mein Herz voll Bewunderung und ein leiser Schmerz schwingt nach.

Ihr Vater war nach dem Krieg Präsident der Deutschen Architektenvereinigung, Nachfolger von Gropius, und zu früh gestorben. Ihre Mutter arbeitete zu meiner Zeit noch als Architektin und die Schwester als Bildende Künstlerin. Sie verschweißte Stahlplatten zu großen Monumenten. Bei einem wollte ich den Rost abkratzen. Entsetzt wurde mir verdeutlicht, der gehöre zur Aussage. Im Wohnzimmer der Mutter standen zwei Flügel, nach Konzerten gab es den Privatempfang mit dem Pianisten mit Musik zu mehreren Händen bei ihr. Ich bediente, staunte, lernte, akklimatisierte mich. In Hommertshausen war diese Welt nicht bekannt. Am Frühstückstisch der Schwester einen Ford Manager, abends Künstler, wochentags Bundestagsabgeordnete. N. war Assistentin eines linken SPD-Mannes, sie nahm mich mit und ich erlebte den Bundestag von innen. Bisher war meine Vorstellung, das Parlament sei wie eine Kuppel über dem Volk gefüllt mit den hervorragendsten Persönlichkeiten. Dass es welche gab, die schon mittags besoffen waren, veränderte schnell meine Perzeption. Doch der Reihe nach.

Christa hatte mich zum Empfang des afrikanischen Botschafters mit genommen. Sie war schon länger eine 3. Welt Aktivistin und mit mir zusammen im Vorstand des Deutschen Komitees für Angola, Guinea Bissau und Moçambique, der Koordinierungsstelle zur Unterstützung von Befreiungsbewegungen in den portugiesischen Kolonien, der auch Bundestagsabgeordnete angehörten. Zusammen mit meinem Engagement in der Cabora Bassa Gruppe in Frankfurt reichte das aus, um mich für Afrikaner präsentabel zu machen. Die rothaarige, exotisch gekleidete, gut gebaute junge Frau stach mir von Beginn an in die Augen. Anderen auch, sie war ständig umlagert von Männern und Frauen. Dass ich mit meinem Lebensweg ein Exot besonders für Intellektuelle war, wusste ich mittlerweile. In der noch immer antikapitalistisch aufgeheizten Frankfurter Universität war ein Ex-Arbeiter Rarität, besonders für jene, die die Vertretung der Arbeiterklasse auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Außerdem hatte ich den Vorteil praktischer Erfahrungen in Lateinamerika und in Stimmung gebracht konnte ich ganz schön witzig sein - wenn auch für feine Leute oft zu grob. Damit konnte ich punkten. Und tatsächlich, Annette interessierte sich, Christa hatte ihr schon von mir erzählt. Wir kamen ins Reden und tanzten und redeten und tranken und tanzten bis uns die Gastgeber raus komplimentierten. Bei ihr ging es mit dem Reden und Trinken weiter, ich war fasziniert, konnte sie nicht einschätzen und wollte keinesfalls ins Fettnäpfchen treten. Mir war bekannt, dass emanzipierte Frauen Männer wie selbstverständlich einladen ohne dass sie mit ihnen schlafen wollen. Es ist zu spät, bleib hier, ich hab noch ein Bett unter meinem Bett. Ich zog es heraus, wild entschlossen nicht als Sex besessener Macho entlarvt zu werden, sie legte sich oben auf das Bett, ich darunter auf die Liege und dann fiel sie auf mich, landete weich und meine Zweifel zerstoben.

Sie wohnte in Bonn, ich in Frankfurt. Wir waren ein Paar mit modernen Prinzipien. Theoretisch war mir klar, ich wollte keine herkömmliche Beziehung, keine Ehe mit Eingeschlossen sein. Praktisch fühlte ich mich unsicher, kam nicht zurecht mit ihren Männerfreundschaften, ihrer Besessenheit im Beruf, ihrer Freiheit und klammerte. Mein Bild von ihr war nicht Deckungsgleich mit der Realität. Als Sportwagenfahrerin sah ich sie, mindestens - und dann kaufte sie sich einen DAF, Trabi-ähnlich mit riemengetriebener Automatik, ein Fahrzeug für vorsichtige Menschen. Wo blieb meine Annette? Ihre Ängste konnte ich nicht sehen, oder wollte ich nicht? Ich fühlte mich oft als Schuster, der bei seinen Leisten bleiben sollte, sie protestierte und wollte mich auf gleicher Ebene.

Annette lebte ihr Leben mit Arbeit, unterbrochen durch Freunde, Kneipen, Feste, lesen, Musik machen. Ihre Welt war die Welt der Politiker, Schriftsteller, Künstler, Journalisten, ein Parket voll mit egomanischer Menschen die wichtig waren oder es werden wollte. Ich lernte mich zu bewegen, partizipierte, legte Scheu ab und gehörte doch nicht dazu. Obwohl ein Kern in mir am Wachsen war, Selbstbewusstsein generierte, ging der Prozess langsam. Die Beziehung als zwei selbständige Kreise zu begreifen, die sich partiell überlappen, konnte ich nicht akzeptieren (noch nicht - erst bei M. ist mir das gelungen). Ich wollte die ganze Frau nach meinem Gusto. Annette versuchte es, sie veränderte sich und war nicht mehr Annette. Da zog sie die Notbremse. Das war 5 Jahre später. Lange habe ich gelitten wie ein Hund.

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