Monday, 16. february 2009
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Der Flug ging über Lissabon, die russische Maschine hatte Triebwerkschaden. Einen Tag saßen wir fest und schauten uns die Stadt an. Meine Befürchtungen eine
Infektion zu haben bestätigten sich in Havanna. Die Schachtel enthielt dicke Fläschchen Antibiotika, die während der Reise durch das Land in Gesundheitsposten zwei mal täglich injiziert
werden mussten. Die Gesundheitsposten waren kein Problem, es gab sie überall im Land, die Prozedur aber war lästig und schmerzhaft.
Bundestagsabgeordnete und ihre Assistenten reisten in der Delegation mit. Für die Kubaner waren sie die ersten politischen Sendboten aus der BRD obwohl offiziell die Reise vom Bundestag nicht
genehmigt war. Ich war als Freund von N. und wegen meiner Lateinamerika und Spanisch Kenntnisse dabei. Von Beginn an fes and ich wohltuend, zurück zu sein auf dem Kontinent, den ich liebte. Etwas
irritierte. Es war Lateinamerika und doch fehlte etwas. Erst vor der Abreise kam ich drauf. Überall sonst auf dem Subkontinent gibt es Bettler, Jugendliche ohne Arbeit, ambulante Händler,
Schuhputzer, Halsabschneider, die die Zentren bevölkern und im Gringo eine Einnahmequelle sehen. Die Armut gibt diesen Ländern ein typisches Flair. Und die fehlte in Cuba.
Nicht, dass sie reich gewesen wären die Leute. Aber die Grundversorgung gegen Hunger, Krankheit und Unwissen war gesichert. Gerade die älteren Kubaner wussten das und verehrten Fidel. Nein, niemals
zurück vor die Revolution, sagten sie, niemals zurück zu den Zeiten von Batista, dem Elend, der Arbeitslosigkeit, den Morden, der Korruption. Eine alte Frau lehnte aus dem Fenster, rauchte eine
Zigarre und sagte, mijito, Jungchen, da vorne ist der Gesundheitsposten, da die Schule, ich hab als Erwachsene lesen gelernt, kriege eine Rente, klein, aber mein und Fidel ist ein großer Mann.
Zurück, niemals!
Problematisch wurde es mit den jungen Leuten. Für sie waren die Errungenschaften selbstverständlich, sie verlangten nach mehr. Cuba hatte mit seinem Sozialsystem wirklich einen Sprung nach vorne
gemacht, verglichen mit den Massen von Menschen in der 3. Welt, die ohne Absicherung mit irgendwas ihr Leben fristen müssen.
Die Kubaner, die wir kennen lernten, waren freundlich, lebensfroh, optimistisch und nahmen die Beschränkungen lässig. Wir wurden herumgereicht in Städten und Dörfern, sie führten uns die
Organisationen des Poder Popular, der Volksmacht vor, sagten sie hätten schon alle das neue Bewusstsein. Und verwiesen auf die Erfolge. Die Kindersterblichkeit, sagten sie, ist niedriger als in den
USA, die Lebenserwartung mit 75,3 Jahren übertrifft die von Ländern der ersten Welt. Auf weniger als 200 Kubaner komme ein Arzt, in Deutschland sind es über 350. Das Einkommen ist erschreckend
niedrig, sagen wir. Ja, sagen sie, aber die meisten sozialen Leistungen sind unentgeltlich, die Grundversorgung mit Lebensmitteln, die Wohnung, der öffentliche Nahverkehr fast kostenlos. Und dann
die Verbrecher, schauen sie sich um, rundherum bei den Nachbarn nur Kriminalität und Korruption. Bei uns ist Sicherheit, Ruhe, Ordnung. Ich lese viel später, dass die Financial Times Cuba einen
Spitzenplatz unter den LA-Ländern zuordnet. Es sei das Land mit einer der niedrigsten Armuts- und Analphabetenraten auf dem Kontinent. 97% aller Kubaner sind alphabetisiert. Noch nie sah ich
so viele Menschen lesen.
Spaziergang im Zentrum, es ist heiß. Wir stehen in einer Bar an, verlassen entnervt die gastlose Stätte. 5 Tische im Restaurant werden mit sozialistischer Langsamkeit bedient, die Bar nicht.
Sie haben einfach keine Lust. Der Kindergarten ist putzig, die kleinen schokoladefarbenen Süßen. Alle Kinder? Ja, alle Kinder ab 1/2 Jahr haben das Recht auf einen Platz sagt sie und wird erdrückt
von ihren Lieblingen. Ich möchte bleiben. In Santa Clara sehen wir den Panzerzug, den Che mit seinen Leuten aufgehalten hat. Bewaffnet bis an die Zähne haben die Soldaten im Zug aufgegeben als sie
hörten, wer draußen steht. Das war die Wende, im Kampf, Batista floh mit 500 Millionen aus dem Staatstresor und Castro zog siegreich in Havanna ein. In Trinidad hören wir Musik aus einem Hinterhof,
eine Gruppe alter Männer spielt. Wir bleiben. In der Nacht ertrinkt ein Kubaner im Swimmingpool, das Hotel weit draußen, kein Rettungsdienst in der Nähe. Ich wage nicht in die Gruppe schreiender
Menschen einzugreifen, habe vergessen wie die Beatmung geht. Scham über mich. Schweinebucht natürlich. Da, wo die Gringos jämmerlich untergingen bei ihrem Versuch, Cuba militärisch zurück zu
erobern. Wir essen Krokodil auf der Farm, es schmeckt süßlich. Lieber fress ich das Viech als umgekehrt. Revolutionsmuseum im ehemaligen Palast von Batista, dem korrupten Diktator, den Fidel
besiegte. Die Granma steht dort, Castros Schiff, das die Guerilleros auf die Insel brachte. Che war auch dabei. Für 25 Leute war der Platz gedacht, 86 waren drauf und sind nur durch ein Wunder von
Mexiko kommend, heil gelandet - im Kugelhagel der Batista-Soldaten. Nur mit zwei Dutzend Leuten hat Fidel den Kampf begonnen. Das monumentale Porträt Ches auf der ganzen Front eines Hochhauses, die
Uferpromenade Malecon mit all den Anglern und Liebespärchen, die Altstadt, Alt Havanna. Die Stadt lebt, in den Parks Rentner, Zeitungsverkäufer, Menschen, die Zeitung lesen, Frauen stehen in
den dürftig bestückten Eckläden an, von der Straße kann man direkt in die Wohnzimmer sehen, ruhig sitzen sie auf ihren Schaukelstühlen. Sie haben sie, die Zeit. Heruntergekommen die einstigen
Prachtwohnungen im Zentrum, es ist kein Geld da um historische Bauten zu modernisieren. Im Gegenteil, es fehlen Wohnungen. Von außen sehen wir, dass die hohen Räume aufgeteilt wurden und
Zwischendecken haben. Bei einer Miete von 6-10% des Einkommens kommt nicht viel rein in die Kasse. Wir werden angesprochen, auf Deutsch. Der junge Mann spricht gut, lernt auf der
Volkshochschule zum eigenen Vergnügen sagt er und möchte nach Deutschland um die Sprache zu verbessern. Nein, sagt er, niemals weg von hier. Die Menge tanzt, ein Straßenfest. N. ist die Attraktion
und umlagert. Sie tanzt und tanzt, ich sitze auf der Mole, werde saurer und saurer und gehe. Wütend, selbstgerecht und verschreckt beschimpfe ich sie: Brauchen nur Machos kommen und auch noch
tanzen wie blöd , schon ist die emanzipierte Frau weg. Und was ist mit mir? Ja, ja, Kubaner können tanzen dass einem die Zigarre aus dem Maul fällt. Zigarrendreher sind glückliche Menschen. Scheint
so, sieht so aus. Lachen ertönt, Gespräche gehen hin und her und wenn das Deckblatt aufgerollt wird, nehmen die Gesichter den konzentrierte Ausdruck an, den Fachleuten kriegen bei der Endfertigung
eines wichtigen Produktes. Es riecht nach vergorenen Blättern, gesättigt mit den Tabakschwaden der Arbeiter. Jeder darf rauchen so viel er will. Eine Frau, 86 Jahre, erzählt weshalb sie noch
arbeitet. Teilzeit zumindest. Eine Zigarre darf sie abends mit nach Hause nehmen und die dreht sie sich drei und vierfach dick. Dann sitzt sie am Fenster, raucht und schaut der Straße zu. Vorne auf
einem Podium der Vorleser, ein Relikt aus der vorrevolutionären Zeit. Zigarrendreher waren rebellische Fachleute. Sie setzten den Vorleser durch, der ihnen Zeitungen und Bücher vorlas. Das gibt es
bis heute noch. Die Männer und Frauen Zigarrendreher sind belesene Leute.
Unzufriedenheit in der Gruppe. N. und ich hatten Probleme, Mechthild ging fremd mit Womm, ihr Mann zog sich zurück, die Abgeordneten spielten die Rolle der unfreundlichen Wichtigtuer mit
Sonderwünschen und über das, was wir sahen waren wir uns uneinig. Zu viel Neues, zu viel Unbekanntes. Sie kennen die Wirklichkeit Lateinamerikas nicht, von Afrika ganz zu schweigen und sehen
diktatorische Unterdrückung im Vordergrund. Der Polizeiapparat sorgt nicht nur für Ruhe und Ordnung, er schränkt die politischen und persönlichen Freiheiten drastisch ein. Alle die nicht für die
Revolution sind, sind gegen sie und werden verfolgt. Ja, leider. Muss das sein? Freiheit, scheint mir, ist auch ein Klebstoff, der Menschen bindet. Klaus will unbedingt nach Nicaragua, da hat die
linke Guerilla den Krieg gewonnen. Revolutionstourismus. Die Kubaner machen es möglich, wer hätte das gedacht. Jahre später mache ich die gegenteilige Erfahrung. Ich hatte mich vertan in der
Abflugzeit, sitze mit M gemütlich beim Frühstück und sie sagt, schau mal auf das Ticket. Zu spät zu kommen ist eine meiner Spezialitäten. Der Schreck setzt ein, wir hätten schon längst am Flughafen
sein müssen. Finden einen Taxifahrer der durch die Stadt rast, Gott sei Dank, alle Passagiere stehen noch im Abfluggate. Nein, sagen sie am Schalter, zu spät. Das lösen wir doch auf die Latino-Art.
Von wegen Latinos, ostdeutsche Grenzer müssen diese Sturköppe ausgebildet haben. Bis zum Flughafenchef komme ich, der sagt njet. Es war zum verrückt werden, da standen sie hinter der Barriere, wir
davor und durften nicht zu ihnen. Den Flug später mussten wir bezahlen, hatten keine Dollars, Kreditkarten kannten sie nicht und da liehen uns fremde Deutsche in der Halle die Summe.
Freilich gab es Probleme. Die Versorgung reichte vorne und hinten nicht, Tauschwirtschaft und Schwarzhandel machte sich breit - du gibst mir den Eimer mit Farbe, ich besorge dir die Zulassung für
dein Auto - und die Menschen richteten sich ein in ihrem tropischen Paradies, das so paradiesisch nicht war. Wir konnten es nicht fassen, dass die Äpfel auf dem Land von den Bäumen fielen und in
den Städten kein Obst zu haben war. Da war Misswirtschaft, Die effiziente Allokation begrenzter Ressourcen, wie die Volkswirtschaftler sagen oder: wie kommt Pedro zu seinem Apfel, schafft eine
Planwirtschaft nur bedingt. Große Sachen wie die Elektrifizierung des Landes, lassen sich planen, müssten überall nach gesellschaftlicher Notwendigkeit geplant ablaufen. Bei Kleinigkeiten in ihrer
Vielzahl, bei Schrauben, Obst, Ersatzteilen ist die längerfristige Planbarkeit von Produktion und exakter Lieferung zum Ort des Verbrauchs eingeschränkt. Zu schnell wechselt der Bedarf. Je
komplexer eine Volkswirtschaft, um so schwieriger diese Zuordnung. Kommt hinzu die Unfähigkeit einer selbstverliebten lateinamerikanischen Bürokratie (die ihre 5 Durchschläge pro Akte wohl bei den
DDR-Freunden gelernt hatte), die kubanische Freude am "mañana", des Aufschieben auf morgen und das geforderte Diktat des "neuen Menschen", der ohne entsprechende Entlohnung mit gesellschaftlichem
Bewusstsein arbeitet. Das reizt nur wenige zum vollen Einsatz. Die kubanische Wirtschaft war unterentwickelt, zentriert auf die Monokultur Zucker (in letzter Zeit Tourismus, Biotechnologie) und
abhängig von der Sowjetunion, die meist faire Preise zahlte, das Defizit aber nicht aufhalten konnte. Zusammenhalt und oberster Richtungsgeber war und blieb Fiedel Castro, der "Maximo Lider" auch
bei der Verwaltung der Mangelwirtschaft. Trotzdem war das Nachrevolutionäre Cuba nie auf dem Niveau lateinamerikanischer oder afrikanischer Länder mit einer im Elend lebenden Bevölkerung. Im
Gegenteil, in vielen Bereichen ist das Land Vorbild für einen Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus.
Größtes Entwicklungshemmnis war und ist die USA, die es nicht verwinden kann, dass Kuba sich als Eigentum losgesagt, unabhängig geworden ist und stolz jeden neuerlichen Übernahmeversuch
abschmettert. Es sind, ich gebe den Kubanern Recht, ungerechte und moralisch inakzeptable Restriktionen. Der kleine David gewinnt bisher gegen den übermächtigen Goliath.
Demokraten wie wir fragen nach der Volksbeteiligung. Freilich haben wir die, sagt der Präsident der Nationalversammlung und verweist auf die unzähligen Komitees, die Basiswünsche transportieren,
auf die direkten Wahlen zu den Regionalversammlungen und auf die riesigen Kundgebungen als Motor der Revolution im Dialog mit Fidel. Unbekannt für uns, höchstens indirekte Volkssouveränität sagen
wir Vertreter der besten aller Demokratien. Denn die Kandidaten der nächsten Mitwirkungsebenen, der Provinzparlamente und der Nationalversammlung sind handverlesen. Und die Nomenklatura mit Castro
an der Spitze herrscht. Warum dann ist das System so stabil? Wegen des Unterdrückungsapparates? Indigniertes Schweigen. Ihr habt ja Recht, das erklärt sie nicht, eure Welt. Können wir denn unser
Pochen auf Wahlen erklären? Hat bei uns das Volk Einfluss auf die da oben? (Heute steht in meinem Kalender: wenn Wahlen Veränderung bewirkten, wären sie schon längst verboten). Bei Lincoln lese
ich: Demokratie heißt »Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk«. Aber Demokratie wird für Lincoln im Innersten nicht von Volkssouveränität zusammengehalten, sondern vom Recht und vom
bedingungslosen Respekt vor der Gleichberechtigung aller. Nein, Cuba ist kein Rechtsstaat, das kann man nicht sagen, aber Lincolns Definition lässt den Blick zu auf eine fundamentale Doktrin
Castros: der Gleichberechtigung aller Kubaner. Mit Che Guevara hat er 1959 dem Diktator Batista gestürzt, der das Land an die USA verkauft, sich immens bereichert und mit Terror über Not und Elend
regiert hatte. Seit der Zeit regiert Castro wie ein Patriarch mit strenger Hand sein Volk wie eine große Familie. Unter ihm wurden soziale Reformen eingeleitet, ein für Lateinamerika beispielloses
Bildungs- und Gesundheitssystem durchgesetzt. Er ist der Commandante en Jefe, der höchste, sagen sie, mit Verantwortung für sein Volk, sagen sie, einer der sich nie persönlich bereichert hat, sagen
sie, einer der bescheiden lebt, sagen sie, einer der integer ist und nur an Cuba denkt. Sagen sie. Und der böse wird, will man anders als er.
Fidel sehen wir nicht. Er sei nicht da, wird uns gesagt.
Intellektuelle, Journalisten, Schriftsteller, sie trauen sich die geforderte Linientreue zu kritisieren und machen doch weiter. Nein, weg wollen sie nicht. Die, die nicht einverstanden waren haben
die Abstimmung gegen das Regime anders umgesetzt. Sie haben sich abgesetzt, zumeist in die USA (Schätzungen sagen 10 bis 15% der 10 Millionen Kubaner), die meisten mit Wut im Bauch. Zuerst noch als
"gusanos" - Würmer - beschimpft, wurden sie mit der langsamen Öffnung zur USA freundlicher "mariposas" genannt, Schmetterlinge die herumflattern und auf Besuch die unglaublichsten Luxusgüter als
Geschenk mitbrachten. Die, die geblieben waren aber redeten solidarisch und lachten.
SPIEGEL ONLINE, 16.02.2009
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Rundreise mit Taxi und Bus: "Quer durch Kuba, Teufel noch mal"
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Gut 1100 Kilometer misst Kuba von West nach Ost, viele Besucher sehen
nur die Strände Varaderos und die schickeren Seiten Havannas. Roland
Schulz wollte mehr - und begab sich auf eine Entdeckerreise zu
Fischern, Farmern und der Rocker-Jugend von Camagüey.
Den vollständigen Artikel erreichen Sie im Internet unter der URL
http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,604987,00.html
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