Tuesday, 3. march 2009
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17:03
Eine schöne Zeit war das, da oben unterm Dach juchhe. Rückertstr. 34 war meine Adresse für lange Zeit. Zusammen mit Klaus P. bin ich da eingezogen. Wir teilten uns
die Dachwohnung im Ostend, nahe Main und Sachsenhausen. Vom Flur mit Klo ging links die Tür zu zwei Zimmer für ihn zur Straße hin, geradeaus ging's zu mir mit einem Zimmer zur Straße und
einem zum Hinterhof unter der Dachschräge. Die Küche davor, ebenfalls unter der Dachschräge, haben wir gemeinsam genutzt. Eine transportable Dusche stand im vorderen Zimmer von Klaus wie ein
Monument. Er brauchte nur das Hinterzimmer. Da waren keine Schränke, Regale oder Einrichtungen drin, alles lag oder stand auf dem Boden, Zeitungsstapel, Bücher, Kaffeemaschine, Besteck, Geschirr,
Matratze, Schreibmaschine wild durcheinander. Klaus war Volontär bei der FR, lebte nachts und schlief tagsüber ohne Gardinen. Das hab ich immer bewundert. In meiner Wohnung standen im ersten, dem
schrägen Zimmer das große Industrieregal aus Holz mit der Harman Kardon Anlage, ein Ecksofa von Ikea, viel zu groß aber kuschelig und ein Tisch. Hinter dem Ölofen in der Ecke war der Kamin mit
Goldtapete überklebt, eine Erinnerung an den Vorgänger. Die Dekoration hat alle gestört, nur mich nicht. Im Zimmer zur Straße stand die große Arbeitsplatte auf Böcken, das Stehpult, ein Regal mit
Büchern und Akten und das Bett, gefertigt von Kremesch Heinz im Dorf mit Holz aus unserem Wald. Wenn einer kochte, wurde es eng in der Küche. Klaus konnte Spaghetti mit Soße, die immer anders
schmeckte. Sein Trick: er fing mit den Würzdosen links an und hörte rechts auf, egal was es war. Dann zog Klaus weg und Hanne ein.
Meine Schwester war 12 Jahre jünger. Ich habe wenig Kindheitserinnerung an sie, der Abstand war zu groß, in der Pubertät dominieren andere Interessen. Sie sagt, ich hätte sie immer in Schutz
genommen. Nach meiner Rückkehr aus Chile war Hanne 12 und an allem interessiert, was ich tat. Leider, sagt sie, blieb ich nie lange genug in Hommertshausen. Kennen gelernt habe ich sie erst in
Frankfurt. Auf einmal war sie da, die junge Frau, die meine Schwester war, wohnte in der Nähe, studierte, erst Sozialpsychologie, später Ornithologie. Sie war die erste Frau aus unserem Dorf, die
zur Universität ging, interessant, offen, hübsch mit ihren langen blonden Haaren, manchmal zu einem Zopf geflochten, ich konnte reden mit ihr, war angetan. Jörg war ihr Freund, beim Bund zu der
Zeit - später verweigerte er und musste zur Strafe länger Zivildienst machen - er war groß, kräftig, ruhig und belesen. Ein freundlicher Wink des Schicksals ließ die Zimmer bei mir frei werden und
wir zogen zusammen. Gut ging es uns. Wir teilten Freud und Leid, den Kühlschrank und die Küche, feierten, hörten uns gegenseitig die Prüfungsvorbereitungen ab und lernten voneinander. Vögel
beringen und katalogisieren gehörte zu ihren Projekten. Manchmal ging ich mit und lernte die Natur um Frankfurt herum kennen. Ansonsten war mir nicht so sehr nach Feld, Wald und Wiese, die hatte
ich schon genossen. Wenn mir´s schlecht ging, und das war oft, nahmen sie mich in den Arm, redeten tröstend.
Unten im Haus wohnte Frau Arnold, ca. 75 Jahre, alt die uns Geschichten von früher und aus dem Haus erzählte. Mann und Sohn waren kurze Zeit vorher gestorben und doch verbreitete sie Freude und
hatte immer ein nettes Wort für uns. Wir wurden Freunde. Weihnachten stellte ihr Jörg den künstlichen Baum auf. Er war zum Aufklappen wie ein Regenschirm, hatte allen Schmuck daran und war
pflegeleicht. Manchmal spielte sie auf dem alten Harmonium und sang Frankfurter Gassenhauer. Sie passte auf und wir gingen einkaufen. Laufen konnte sie nicht mehr gut, die Beine waren zu dick. Der
Vermieter war ehemaliger Metzger und nun Hausbesitzer. Jeder Karikaturist hätte in ihm die ideale Vorgabe für eine bissige Hausbesitzer-Polemik gefunden. Es war immer aufregend, ihn zu treffen.
Seiner Idealvorstellung von Mietern entsprachen wir nicht. Ob die Schwester wirklich die Schwester ist? Man weiß doch, was in solchen Wohngemeinschaften passiert. Einmal haben wir ihn dran
gekriegt. Ich hatte für die Küche eine Einbaudusche billig besorgt, er wollte sie und kriegte sie teuer. Wir kicherten wie kleine Kinder und gingen zum Griechen.
Ich hatte meine Arbeit als Teamer, war wochenweise weg, Seminare durchführen, studierte, engagierte mich für die Befreiungsbewegungen in Afrika, fuhr zu Annette nach Bonn und lebte. Besonders nach
Seminaren mit dem konzentrierten, geregelten Ablauf brauchte ich einen Gegenpol mit trinken, rauchen, Abenteuern. Da ließ ich mich hineinfallen, zog durch Kneipen, Bars und Clubs, fand die Welt
schön wenn sie schummrig wurde, war offen für alles und hatte am nächsten Tag einen dicken Kopf. Es muss gelitten werden, hatte ein Arbeitskollege zu meinem Vater gesagt, als er ihm eine Aspirin
anbot gegen den Kater.
Annette kam ab und an und verstand sich gut mit Hanne. Sogar deren Papagei wusste sie zu handhaben. Der hasste Frauen. War Jörg aus dem Zimmer, flog er Angriffe auf Hanne. Das glaub ich nicht,
sagte Jörg und versteckte sich. Kaum war die Tür zu, kreischte das Vieh und ließ sich von seiner hohen Warte im Sturzflug auf meine Schwester fallen. Jörg war sauer, schimpfte ihn aus, doch der
Vogel schaute zum Fenster hinaus.
In Bobs Bar in Sachsenhausen fing die Auseinandersetzung an. Wir stritten und wurden immer verhärteter. Meiner These, dass 13 Jahre Schule mit Abitur Grundlagen vermittelten und ein Vorteil
seien, ließen Hanne und Annette nicht gelten und verwiesen auf mich. Ich hätte es auch so geschafft. Entzweit gingen wir zurück, ich trottete hinter den beiden her, rief, geh noch was trinken und
verschwand in der Kneipe. Die lag mitten zwischen zwei Puffs. Zu Hause war A. bereits zu Hanne gezogen, keine der Frauen sprach mit mir. Ich war völlig perplex, verstand die Welt nicht mehr und bat
händeringend zu sagen, was los sei. An unserem Streit konnte das doch nicht gelegen haben. Hanne giftete mich an, dass du dich traust, uns unter die Augen zu kommen! Geht einfach ins Puff. Aber ich
war doch nur in der Kneipe, die hat damit nichts zu tun. Dachte frohgemut, jetzt wäre die Sache geklärt, war sie aber nicht. Sie beschieden mich, solch ein Verhalten würden sie mir glattweg
zutrauen.
14 Tage Dublin sollten helfen, die geringen Englischkenntnisse zu verbessern. In der Volksschule gab es keine Fremdsprachen und was ich mir angeeignet hatte, reichte nicht aus im Studium. Die Pubs
waren Klasse, die Familie, bei der ich wohnte, weniger, der Sprachkurs intensiv. Einen Tag früher als geplant kam ich zurück, morgens um 5:00. Die Wohnungstür war verschlossen, Jörg öffnete im
Anstreicherkostüm und sagt Scheiße. Er war nicht fertig geworden mit seiner Überraschung, meine Wohnung zu renovieren.
Der Tischgrill stand unter der Dachschräge. Es war ein einfaches Ding mit Heizspiralen oben, man konnte ihn nur mit dem Stecker an- und aus machen. Manchmal vergaß ich das. Auf dem Weg zur Uni mit
dem Fahrrad kamen mir Zweifel. Hatte ich ihn ausgestellt? Während der Vorlesung verdichteten sich die Befürchtungen. Ich konnte nicht mehr folgen, konnte nur noch an die heißen Heizschlangen so
dicht unter den Holzbalken denken. Das wird brennen! Ich stürzte davon, ließ Vorlesung Vorlesung sein und raste nach Hause. Blocks vor der Rückertstraße hörte ich die Feuerwehr und war mir sicher,
unser Haus steht in Flammen und du bist schuld. Was mach ich nur, hab ich eine Versicherung? Springt da die Hausrat ein? Kaum wagte ich um die Ecke zu fahren, aber die Straße war leer, keine
Feuerwehr zu sehen, das Haus stand noch. Und der Grill war aus als ich oben ankam.
Mit der Waschmaschine ging es schlimmer aus. An der war die Wasserzufuhr manuell zu bedienen, bei jedem Spülvorgang musste manuell das Wasser abgelassen und neu zugeführt werden. Unter uns wohnten
Griechen, sie waren nett, klingelten und sagten verschüchtert, könnte es sein, dass bei Ihnen Wasser überläuft? Die ganze Küche war überschwemmt. Jörg und Hanne renovierten die Wohnung. Eine Zeit
später klingelten sie wieder. Entschuldigen sie, bei uns tropft es schon wieder von der Decke. Wir mussten wieder renovieren und luden sie zum Essen ein. Sie haben dem Vermieter nichts
verraten.
Annettes Wellensittiche waren zu Besuch. Die Tierchen waren in Freiheit dressiert und bestimmten selbst, wann sie in den Käfig wollten. In A.s Wohnung war das kein Problem, die Räume waren groß und
sie konnten sich frei bewegen, solange das Fenster zu war. Bei mir wurde es ein Problem. Die Decke war abgehängt mit einem Holzimitat und dazwischen war Freiraum. Ich kam heim, die Sittiche waren
weg. Das Fenster war zu, sie waren trotzdem nirgends zu finden. Da hörten wir ein Zwitschern, die Viecher waren in dem Freiraum zur Decke und wollten nicht mehr raus. Mit einem Besen versuchte ich,
sie zu vertreiben, das machte den Vögeln nichts aus, die hupften nur zur Seite. Da oben aber war eine dicke Schicht Staub drauf, der wirbelte auf und setzte sich auf alle Möbel ab. Die
Reinigung dauerte, die Vögel gaben auf, als sie Hunger hatten und blieben fortan im Käfig. Sie konnten zetern was sie wollten. Und taten das ausgiebig.
Gemeinsam kochen war ein schönes Ritual. Am liebsten aus dem "Kochbuch für Gesellschaften, Kooperativen, Wohngemeinschaften, Kollektive und anderen Menschenhaufen SOWIE isolierte Fresser". Die
Anweisung zu Pekingente war kurz und knapp: Nach Peking fahren, Ente essen. Alles Andere, quer durch den Gemüsegarten von Französisch über Spanisch, Italienisch, Russisch bis Deutsch, war
einfach gehalten und beschrieben, so hab ich kochen gelernt. Na ja, nicht ganz. Das Rezept Hähnchen mit 30 Knoblauchzehen sah vor, die Zehen in der Schale mit zu dünsten und den Deckel
mit Mehlpampe abzudichten. Es roch verführerisch, immer mehr Leute kamen wie zufällig und ich hatte einzig den Angaben im Buch vertraut. Das Hähnchen war für 4 Personen gedacht, nicht für 12. Jeder
kriegte ein Stück als Vorspeise, das Hauptgericht beim Griechen musste ich blechen. Hatte ja eingeladen.
Unsere Feste waren gut besucht. Sylvester war es, alle saßen auf dem Boden im Kreis herum, 1 Dutzend Gäste wohl. Ich machte den Vortänzer in der Mitte und öffnete unter Reden und Gebärden eine
Sektflasche. Der Korken knallte heraus, schoss unter die Decke und war verschwunden. Dahinter kam einer Fontäne gleich der Schampus. Den wollte ich retten, trank mich in die Fontäne und schloss sie
mit dem Mund ab. Der Druck war zu groß, der Schampus kam mir aus Mund, Nase und Ohren. Sagten sie hinterher nachdem der Lachanfall abgeklungen war. Im Frühjahr lag der Korken in der Dachrinne, er
war genau durch den Spalt des abgekippten Fensters geschossen. Meisterleistung. Da war Wolfgang schon dabei.
Er kam, hörte zu und wir wurden Freunde. Wolfgang studierte Pädagogik, hatte Probleme mit seiner Freundin wie ich, wir tratschten nächtelang, fühlten Gleichklang der gebeutelten Herzen und
schlossen uns einer Selbsterfahrungsgruppe an.
Partnerzentrierte Gesprächsformen, in der Gestaltpsychologie entwickelt, sollten helfen, die Kommunikation zu verbessern, den anderen zu verstehen. Und damit Beziehungen retten. Es ging aus wie das
Hornberger Schießen: wir lernten zwar besser kommunizieren, gescheiterte Partnerbeziehungen aber kittete das nicht. Schwäbisch/Siems, Anleitung zum sozialen Lernen für Paare, Gruppen und Erzieher
hieß das Trainingsbuch. Wir sollten lernen, "Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu entwickeln, die unsere Beziehungen zu anderen freihalten von Ängsten, Hemmungen und Vorurteilen" - stand auf dem
Einband. Es machte Spaß, sich selbst besser kennen zu lernen, wenn man sich darauf einließ. Die Fragebogen im Buch konnten einen ganz schön entblättern und es brauchte Vertrauen in die Gruppe, das
zuzulassen. Aber alle, die da saßen, hatten das gleiche Problem! Die Beziehung scheiterte. Das war eine Menge Gemeinsamkeit. Und alle wollten sie rauskriegen, warum und dann ändern. Außerdem waren
sie sympathisch. Dann lernte ich etwas, was ich schon immer für wichtig erahnt hatte, aber nie ausleben durfte: Gefühle ausdrücken. Richtig fand ich das! Gefühle waren da, durften nicht gezeigt
werden - John Wayne lässt grüßen, so muss ein Mann sein, dachte ich, war aber gänzlich nicht so. Da stand, wenn man Gefühle unterdrückt, kommen sie woanders unkontrolliert wieder hoch, wie ein
Ball, den man unters Wasser los lässt und der dann irgendwo hinter einem hoch schnellt. Besser ist, sich ihrer bewusst zu sein, sie zu akzeptieren und direkt auszudrücken. Wir vermitteln sie
sowieso, mindestens durch unseren nonverbalen Ausdruck. Zumeist aber durch Angriff, was machst du da wieder für einen Scheiß, wenn die eigene Unsicherheit gemeint ist. Jeder ist seines eigenen
Glücke Schmied, lernten wir, jeder ist für sich selbst verantwortlich, nicht der Gegenüber. Und dann übten wir das partnerzentrierte Gespräch, die Bereitschaft, Empfindungen des anderen zu
verstehen, zu akzeptieren, durch Feed-back, Wiederholen des Gehörten mit eigenen Worten tiefer zu gehen bis zu den Gefühle dahinter: hab ich dich recht verstanden, dass du gesagt hast.... ach so,
du meinst also....und das macht dich traurig, oder? Vor allem erfuhr ich mehr über mich selbst! Reihum fragte der Erste den Zweiten, der den Dritten und so fort, Was bringt dich am meisten auf die
Palme? Für was schämst du dich? Was glaubst du, findet das andere Geschlecht an dir am anziehendsten, ein ganzer Katalog. Man musste nicht antworten, macht auch nichts. Oder die Einschätzung, wen
möchte ich am liebsten, wen am wenigsten gern aus der Gruppe zum Chef, als Kollegen, für einen Urlaub, als Gefährte, für eine aggressive Auseinandersetzung, zum Pferde Stehlen. Oder das
Selbstbehauptungstraining. Üben, gegen die Gruppe zu sein, körperlich sich hineindrängen in den geschlossenen Kreis, der abwehrt. Auch verbal, wer kann es lauter? Unsinniger Vortrag, das ist
wahrlich nicht leicht. Ich wollte doch akzeptiert werden wegen meiner brillanten Ideen, das mein Traum. Und nun Unsinn reden über den Stellenwert der Bratäpfel im Britischen Empire. Als Typ stehen
bleiben war das. Bei all dem waren Überraschungen über mich selbst und die Anderen sicher, das tat wohl, ich weiß es noch. Überhaupt war es schön in der Gruppe. Die Übungen fingen immer an mit
Blitzlichtern, jeder sagte, wie er sich selbst empfand. Mir geht es heute nicht so gut, die Anderen wussten, wie ich mich fühlte. Erwartungen und Befürchtungen wurden geklärt, es gab Aufwärmübungen
in denen das Wärmen wörtlich gemeint war, das Training in Kleingruppen und zusammen. Und immer konnte man unterbrechen, sagen das passt mir nicht, und nie, was ihr macht ist nicht gut.
Endlich hatte ich eine Atmosphäre gefunden, in der ich mich rundum wohl fühlte. Da war sie, die Akzeptanz meiner Person, meiner Probleme, meiner Besonderheiten. All die Rollenspiele, die
notwendigen, um wer zu sein, der ich nicht war, fielen weg, ebenso bei den anderen und heraus kamen Menschen, interessanter noch als vorher. Sie hatten ähnliche Probleme, anderes Herangehen, es war
eine neue emotionale Welt, die sich auftat. In der Gruppe ging das gut, das aufeinander Eingehen, das Akzeptieren, das partnerzentrierte Nachfragen, das emotional distanziert Bleiben, in dem
Gegenüber einzig den interessanten Menschen sehen, der sich öffnet wie eine Blume. In der Praxis aber hatte die Methode ihre Tücken. Die Annahme, der Mensch sei in hohem Maße gesellschaftlich
veränderbar und nur begrenzt genetisch festgelegt erwies sich im Umkehrschluss als richtig. Trotzdem gibt es ein Fenster, in dem verändertes Verhalten trainierbar ist. Ich entwickelte mich.
Freund Wolfgang war so anders in seiner Lebensführung, sanfter, mit 2 linken Händen ausgestattet, redete und schrieb er kompliziert. Ich dagegen war zupackend, auf Abenteuer aus, derb manchmal und
vor Spinnen hatte ich keine Angst. Wir bemerkten nicht das Trennende, sahen nur das Verbindende, die gemeinsamen Beziehungsprobleme. Und als ich das Problem nicht mehr hatte, ging die Freundschaft
zu Ende. Das aber war viel später, mit M in Ecuador.
Wir beide waren Teamer, Seminarleiter für Jugend- und Erwachsenenbildung. Hierfür zumindest konnten wir die "Anleitung zum sozialen Lernen" ganz gut umsetzen, denn bessere Interaktion in Gruppen
war ebenfalls Teil des Gelernten. Privat war das schon schwieriger. Wolfgang gab mir weiterhin gut gemeinte Ratschläge im Umgang mit Annette. Du musst dich durchsetzen. Wenn sie nicht will oder
kann was du möchtest, dann trenn dich. So ein blöder Rat! Trennen war genau das, was ich nicht konnte. Er auch nicht. Und so hingen wir rum, redeten und litten.
Annette sagt nein, nein, wie oft soll ich es dir denn noch sagen, legt den Hörer neben das Telefon, die Verbindung ist weg, nur noch ein Tuten zu hören. Sie ist nicht mehr erreichbar. Ich sitze in
meinem Zimmer, weiß nicht was tun, Schmerzen in der Brust. Morgen wollten wir in Urlaub fahren, sie aber muss unbedingt vorher noch zu Einem, von dem ich weiß, er war ihr Liebhaber. Ist er es noch?
Sie sagt es nicht, das ist ihre Sache, sagt nur, es sei dienstlich. Aber wenn ich es denn nicht aushalten kann, wenn mir der Druck zu groß ist, er wird immer größer, je mehr ich mich hineinsteigere
in ihre Ablehnung, auf mich einzugehen. Ich sitze hilflos da, weine, (heulen ist laut, weinen still, lese ich bei G. Mann, dann habe ich wohl eher geheult), Jörg kommt, nimmt mich in den Arm,
später Hanne auch. Sie reden, argumentieren logisch, das muss nichts heißen, das kann doch dienstlich sein. Hanne bietet an, mit ihr zu sprechen, aber die lehnt ab. Ein Freund von ihr kommt extra
aus Bonn am späten Nachmittag, wir reden die Nacht durch. Er will mir vermitteln, dass sie mich liebt. Auf ihre Weise. Die aber kann ich nicht verkraften. Später wird er ihr Liebhaber, der
Gute.
Irgendwann war Almut da. Was für eine Frau! Sie war älter als ich, schön, mit asiatisch anmutendem Gesicht mit hohen Wangenknochen, langem Haar, weit über die Schultern fallend, knabenhafter Figur,
Eleganz, selbstbewusstem Auftreten. M. war ihre Freundin, da wusste ich noch nichts von ihr. Beide hatten zusammen studiert, Almut bildete sich weiter an der Universität. Eines Tages, so M, geht in
einen Hörsaal voller Studenten die Tür auf und Almut kommt herein, mitten in die Vorlesung. Sie ist gekleidet in einen hellen Hosenanzug aus Leder, die roten Haare offen, hochhackige Stiefel, so
schreitet sie den Gang hinab bis zur ersten Reihe. Im Saal wird es still, atemlos schauen die Männer, die Frauen können es nicht glauben, es war die Zeit des Schmuddellooks. Erst als Almut sich
gesetzt hatte, konnte der Professor weiter machen. Sie war eine Frau, die immer das Wort ergriff, egal welches Thema anstand. Und immer Zuhörer fand. Mich auch. Ich glaube, es war eine
Arbeitsgruppe bei ihr zu Hause, da fand sie Gefallen an meinen Argumenten. Bürgerliche Eleganz mischte sich in ihrer Wohnung mit studentischem Flair. Verwundert war ich, als sie mich einlud zu
einem Ausflug am Samstag. Wir landeten in einem Landgasthof, ich trank Wein und sie erzählte. Hier konnte ich meine neue Technik des Feed back Gebens, des Nachfragens nach ihren Gefühlen anwenden.
Sprachlos war ich, betroffen, was Männer ihr angetan hatten. Sie kannte Schriftsteller - Grass war darunter - Architekten, Abgeordnete, Musiker, alles bekannte Leute. Ihre Männer ebenso. Doch es
ging schief. Immer. Im Kindbett, bei der Geburt des 2. Sohnes, hatte ihr letzter Mann lapidar verkündet, er käme nicht mehr zurück, habe eine andere Frau und ging. Ich litt mit, mir kamen die
Tränen und Almut sagte, so habe sie sich noch nie verstanden gefühlt.
Freund Wolfgang schwärmte von Griechenland, OK, fahren wir hin. Almut kriegte runde Augen, wollte mit, Wolfgang lehnte ab und ich stand dazwischen. Mit dem Kompromiss, jeder macht das was er will
und wenn es zusammen nicht geht, trennen, fuhren wir. In Österreich fing es an. Sie war eigen, anders, nur auf sich bedacht. Kurz darauf fing ich mir die erste Ohrfeige. Almut schüttete Kaffee in
eine Tasse, ich fuhr über eine Schwelle, der Kaffee schwappte über ihre Hose und ihre Hand fuhr in mein Gesicht, was bist du für ein Trottel. Der nächste Wald war vorerst meine Rettung. Ich lief
schreiend in ihm herum und wurde ruhiger. Sie war die Prinzessin und saß oft auf der Erbse. Almut hatte ihr eigenes Zelt, mit mir schlafen wollte sie nicht mehr. Wir frühstückten, Wolfgang und ich,
der Reißverschluss ging auf, Almut kam heraus. Wir sahen uns an, au weia, das Gesicht verspach nichts Gutes. Sie war stocksauer, klagte und nahm uns in Verantwortung. Nachts hatte sie der Durchfall
erwischt, aber der Reißverschluss des Zelts klemmte, sie zerrte und zerrte, musste dringender, brach durch den Spalt der sich öffnet, steckte fest und riss das Zelt ein. Ob sie noch rechtzeitig zum
Klo kam, sagte sie nicht. Es ging nicht. Sie hatte andere Interessen, wollte Apsis Mosaiken besichtigen, an Blüten riechen und sich von Griechen bewundern lassen. Wir trennten uns. Wochen später
treffe ich sie zufällig auf dem Flohmarkt. Ich habe mich nicht bei ihr gemeldet, dachte, es wäre aus. Aber nein, sie stürzt auf mich zu, R wo warst du, ich hab dich vermisst, wie war's, was habt
ihr noch gemacht. Und plaudernd gingen wir zu ihr. Viel später erfahre ich, sie hatte einen herrlichen Urlaub mit uns, leider seien wir schwul und ich hätte ein Buch studiert mit dem Titel, ich bin
KO, du bist KO. Der Titel ist: Ich bin OK, Du bist OK.
Annette wollte nicht mehr. Sie könne nicht mehr, sagt sie. Ich will es nicht begreifen, stürze in ein Loch, komme nicht mehr raus. 7 Jahre waren wir zusammen und als ich sie um Heirat bat, war es
zu spät. Keine Ahnung, ob sie vorher gewollt hat, immer war ihr Selbständigkeit wichtig gewesen. Mir nicht? Doch. Es ging nicht gut, weil ich noch immer Abdriften verstand, wenn sie
Unabhängigkeit meinte. Sie hatte einen Kater. Wenn er wollte, erhob er sich, machte einen Buckel, streckte sich lang und ging davon um bei der Rückkehr entweder Zärtlichkeit zu geben oder sich
zurück zu ziehen. Einmal lag er zwischen ihren nackten Beinen und fauchte, als ich mich näherte. Sein Revier. An den erinnerte sie mich. Es war schmerzhaft zu lernen, aber eine wichtige Etappe. Mit
M. war es dann möglich, eine selbstständige Frau neben mir als Glück anzusehen. Zwei Jahre habe ich gebraucht, um die Trennung zu verschmerzen. Und Jörg und Hanne haben mir geholfen und Händchen
gehalten. Einen Liebesdienst werde ich Jörg nie vergessen. M. nahm schon einen wichtigen Part in meinem Leben ein, der Verlust von A aber war noch nicht gänzlich verkraftet. Da rief sie an und
wollte mich treffen. Ob er es mir ausrichten könne? Und Jörg traut sich und „vergisst“ es. Was für ein Wagnis. Es war gut so.
Wir entscheiden uns für eine Doppelhochzeit! Für Jörg und mich hatten wir schnell gleiche Anzüge gefunden. Aber die Damen! M. wollte nicht in Weiß zum zweiten Mal heiraten, es war schwer, etwas
Passendes zu finden, das der jungen Hanne und der reifen M. gemeinsam steht. Die Damen sind alleine aus, den ganzen Tag schon. Und dann führen sie vor, wunderschöne Kleider mit scharfen High Heels.
Was hatten wir für schöne Frauen. Lasst die Schuhe an, kleidet euch sexy, wir gehen zum besten Italiener der Stadt. Zum Essen singt uns Alice „Per Elisa".
1982 war die schöne Zeit in der Rückertstraße zu Ende. Der neue Job als Beauftragter des DED für Ecuador rief zur Vorbereitung nach Berlin. Klaus Hofmann will Gesang, will Spiel und Tanz, wir
räumen aus, Hanne weint, es war meine schönste Zeit sagt sie.
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