Saturday, 21. march 2009
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Zuerst hatte ich einen 2 CV, dann einen 3 CV mit stärkerem Motor, der einen VW überholen konnte und dann das Motorrad, die Honda 500. Damit hielt ich den Kontakt
Frankfurt-Bonn aufrecht. Außerdem brauchte ich ein Fahrzeug für meinen neuen Job neben dem Studium. Teamer wurde ich, Leiter für Seminare der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung.
Arbeitgeber waren Gewerkschaften und das Jugendsozialwerk und die Seminare fanden in ganz Deutschland, von Schönhagen bis München statt. Überall saßen linke Leute, die ihre kapitalismuskritische
Sicht der Welt weitergeben wollten. Ich gehörte dazu. Es war Zeit, mehr Demokratie zu wagen. Willy Brandts Vorgabe, die Politik nach Osten zu öffnen, brachte uns neue Themen und Zielgruppen. Bis
dato war die DDR offiziell ein abzulehnender kommunistischer Block. Wir begannen, differenzierter deren innenpolitische Konzepte und Entwicklungen zu untersuchen. Da lebten Menschen, die massenhaft
Sport machten, ein 10-klassiges polytechnisches Schulsystem hatten, das Gesundheitssystem lobten, der kollektiven Arbeit differenziert gegenüber standen und das kapitalistische Wirtschaftssystem
nicht gut fanden. Sie hatten sich eingerichtet in der anderen Gesellschaft und die meisten wollten bleiben. Mich faszinierte das, es war so anders als bisher bekannt. Eine Reihe der Prinzipien fand
ich menschlicher als in unserem System. Annette versorgte uns mit Materialien aus dem Bundestag, aus der DDR brachten wir Unterlagen mit, die Bundeszentrale gab neue heraus, viel war nicht da, noch
nicht einmal an der Universität. Daraus bastelten wir neue Seminarkonzepte. Die Umsetzung unserer Erkenntnisse war oft nicht einfach. Meine Begeisterung für Frauen, die Mähdrescher fahren, kriegte
einen Dämpfer in einem Seminar mit jungen Landfrauen. Wir sind doch nicht blöd, freiwillig so eine bescheuerte Arbeit zu machen.
Ich hatte ein Barett auf mit rotem Stern und kam bei Siemens schlecht an. Die machten es wie immer: wenn sie eine gesellschaftliche Entwicklung nicht aufhalten konnten, schwammen sie mit unter
eigener Regie. Das war so, als die Gewerkschaftsbewegung aufkam, gegen die Unternehmer agierte und gefährlich mit Forderungen wurden, da gründete Siemens einfach eine Hausgewerkschaft, die blaue.
Oder sie kauften sich eine. Oder sie ließen Lehrlinge in eigenen Seminaren gesellschaftspolitisch weiterbilden. Seminare der Gewerkschaften waren gefährlich. Da kamen wir in´s Spiel. Wir durften
unsere kritische Meinung ein wenig sagen, wurden aber kontrolliert. Wenn ein Teamer zu kritisch wurde, sagte der begleitende Ausbilder: Ausbeutung gibt es bei uns nicht und setzte den Kritikaster
auf die Abschussliste. Wir versuchten die oft alten Herren zu überzeugen, hatten die verquere Hoffnung, unser Wahrheiten seien einsichtig. Der Kölner, kurz vor der Pension, war besonders resistent.
Einen ganzen Mittag lang haben wir auf ihn eingeredet wie auf einen kranken Gaul, es ging um die menschenwürdige Behandlung von Lehrlingen. Kurz zuvor war Siemens in der Presse gelandet, ein
Ausbilder hatte den Lehrling in den Schraubstock gespannt zur Strafe. Er hörte geduldig zu, schaute erstaunt, wenn wir von Auszubildenden sprachen und erklärte zum Schluss, ja, ja, das ist schon
richtig, aber ab und an brauchen Lehrlnge eine Ohrfeige.
Nur, wenn es um Kölner Geschichte ging, wurde er munter und erzählte. Ausgrabungen und historische Museen interessierten ihn, sogar in Rom war er schon und hatte sich die griechischen Säulen
bestaunt. Schaut sie euch an, sagte er, da drauf sind keine Römer, das sind Griechen mit ihren langen Nasen. Das kommt, weil die Künstler Griechen waren und ihresgleichen verewigt haben. Die
Varus-Schlacht: Nein, nein, sagte er, die Germanen haben zwar gewonnen, aber nur, weil Hermann mit Varus einen Vertrag gemacht hatte. Der römische Feldherr wollte verlieren, extra. Das deswegen,
weil dem die Leute davongelaufen waren. Die Scharmützel mit den Germanen waren vorbei, die Frauen um Köln und Bonn schön blond, Landwirtschaft brachte Essen und Trinken und da waren sie weg, die
Söldner. Einige Zehntausend waren das, sagte er. Sieht man noch heute, wir Rheinländer stammen doch von denen da ab. Der Varus aber kriegte Geld für jeden Soldaten, das Geld für die abgehauenen
hatte er sich eingesteckt, der Varus. Und dann meldete sich sein Chef zum Besuch an, der wollte die Lage inspizieren. Wie sollte der Varus dem erklären, wo die vielen Söldner hin sind, für die er
Geld kriegt? Und da hat er Hermann, dem Germanenchef, den Vorschlag gemacht, du kriegst den Ruhm und ich kann die fehlenden Söldner erklären. Und deshalb, sagte der alte Ausbilder, weiß man bis
heute nicht, wo die Schlacht, die man die im Teutoburger Wald nennt, stattgefunden hat. Es gab sie nicht.
Mein Handwerk lernte ich in Bonn. Das Jugendsozialwerk hatte mich für 6 Monate als Assistenten der Seminarleitung eingestellt für ebendiese Siemens Seminare, die hintereinander stattfanden. Es war
die Zeit zwischen der Prüfung und dem Studienbeginn, der Prüfung, die nicht zur Reife führte, aber zum Hochschulbesuch berechtigte (manche sagen auch Begabtenabitur dazu, ich denke, es war
eine Zeit mit dem Anspruch, lesenden Arbeiterkindern eine Chancen zu geben).
Die Seminare setzten sich zusammen aus gesellschaftskritischen Themen, angereichert durch didaktische Elemente aus Gestaltpädagogik, Verhaltenstherapie und Gruppendynamik. Dem unterlegten wir
unsere Inhalte, allesamt auf soziale Veränderungen abzielend. Nun waren das keine abgehobenen Texte, allemal blieben wir in den Welten unserer Zielgruppen, denen die meisten von uns entstammten.
Für die Gewerkschaftsseminare waren das ihre Forderungen, erläutert durch simplifizierende Geschichten aus Theorie und Praxis der Bewegung. Für Schulen waren das Themen, die zumeist vom Lehrplan
nur gestreift wurden, Sexualität war eines davon, Erziehung zur Selbständigkeit ein anderes Anliegen. Und dann die Seminare mit den Ost-West Vergleichen, dem Versuch, weg zu kommen vom Block Denken
(lieber tot als rot), an seine Stelle Informationen setzen über die unterschiedlichen Lebenssituationen dort wie hier, kritisches Sehen lernen, eben auch auf beiden Seiten, das war schwer. Zu
eingefahren waren die Denkschemata, zu fest saß das Pseudowissen, hier sei alles gut, dort alles schlecht. Wir versuchten es zumindest, wurden auch von Institutionen wie dem Jugensozialwerk dafür
eingesetzt.
Gruppenarbeit war zentraler Bestandteil, das zu Lernende sollten sich die Teilnehmer selber erarbeiten, wir waren Ideen- und Informationsgeber, Teamer eben, die das Team anleiteten und mit
didaktischen Spielen motivierte. Gelernt werden sollte idealer Weise mit Körper und Geist, was natürlich nur begrenzt ging. Schon Aufwärmen konnte prächtig sein. Einen Kreis bilden, sich ineinander
verknoten ohne loslassen, das gab ein Körpergefühl der Nähe, Zugehörigkeit zum Team und öffnete für kommendes. Einen Koffer voller Spiele konnte ich zielgenau einsetzten. Ungewohnt war das für
Kontaktarmut Gewohnte, Lernen als Last Empfindende. Doch die meisten machten freudig mit und nahmen sich und die Gruppe nonverbal wahr. Das lockerte auf für die kritische Gesellschaftsbetrachtung,
denn kritisch wollten wir schon sein, das Gerüst des Daches untersuchen, nicht die fein verputzte Außenhaut loben.
Eine Schulklasse bleibt besonders in Erinnerung. Eine Woche lang arbeitete die Gruppe über Sexualität. Sie sollten einen Aufklärungsfilm drehen. Materialien, Kamera, Tonausrüstung, alles war da.
Die Herausforderung war eine doppelte: das Thema musste inhaltlich erarbeitet und schauspielerisch umgesetzt werden. Sie brauchten sich nicht schämen, über Sex zu reden, ja mussten es sogar, etwas,
was sie schon immer wissen und bereden wollten diente ihrem eigenen Interesse über den unverfänglichen Aufhänger, den Film zu machen. Nach der Woche waren sie stolz. Nun konnten sie den Eltern
erklären, wie das mit den Bienchen und Blümchen wirklich war. Mag sein, dass meine Sprache half, die deftiger, näher an den jungen Leuten war denn die der Lehrer, die Rücksichten zu nehmen
hatten.
Noch aus einem anderen Grund erinnere ich mich gerne an diese Klasse. Ich verliebte mich in die junge Lehrerin und sie erwiderte das Gefühl. In einigen Wochen wollte sie heiraten, das letzte
Abenteuer, sagte sie. Die Zuneigung war frisch und frei, von keinerlei Zwängen auf Langlebigkeit getrübt. Noch eine Woche vor ihrer Hochzeit besuchte ich sie in Kassel, danach nie wieder.
Die Wochen waren geschlossene Gesellschaften. Man ging am Montag hinein ins Seminar und kam am Wochenende wieder heraus. Abends hatten wir Team Sitzungen, berieten, redeten, trinken war genehm. Oft
feierten wir auch mit den Gruppen und tanzten in die Nacht. Der Stamm an Teamern war oft dieselbe Ingroup. Kein Wunder, dass wir uns nahe kamen, Männer wie Frauen. Kein Wunder, dass auch mehr,
intimeres zugelassen wurde. Meine Geheimwaffe war das Zuhören können, gelernt bei Schäbisch/Siems, das auf den Anderen Eingehen, Nachfragen, Vertiefen, offen Sein für die Wehwehchen, die das Leben
mit sich brachte, beredet sein wollten. Mitleiden und mitfreuen können war angenehm für beide. Wenn ich dies einsetzte, hatte ich Erfolg, besonders bei den Frauen. Glitten die Gespräche ab zu
Problemen - meist natürlich die in der Beziehung - war ich schnell in einen Kokon des Verstehens eingeschlossen, abgesondert von den Anderen und der Pegel der Zuneigung stieg. Körperliche Wärme war
ein wunderbares Heilmittel das ich gerne einsetzte. Auch mir kamen diese Übungen in Empathie zugute, sie machten mich glücklich. Ich liebe es bis heute, wenn Menschen sich öffnen, zumindest in
diesem Momenten sich leichter fühlen von dräuenden Gedanken. Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.
Die schönsten Briefumschläge verdanke ich Fraukes Orgasmusproblemen. Keine Ahnung, wie wir drauf kamen, plötzlich saßen wir abgesondert, sie redete anfangs allgemein, ich fragte nach, langsam kamen
wir zum Zentrum, sie vermeinte nie kommen zu können, einen Defekt zu haben, alle ihre Männer wenig befriedigt zurück zu lassen, Trennungen zu forcieren. Sie öffnete sich wie eine schöne Blume, die
sie war, wohlige Wärme, Vertrautheit war um uns. Ich muss gestehen, auch ich konnte ihr Problem nicht lösen, sie aber nahm mich, den entfernt Lebenden, fortan zum Vertrauten und schrieb Briefe in
selbst gemachten Umschlägen aus glänzend-bunten Titelblättern von Illustrierten. Es waren kleine Kunstwerke die da ankamen, adressiert an RE, Rückertstr. 34, FFM.
Die zwei Kollegen waren aus Köln, Pat und Patachon ähnlich, lang aufgeschossen der Eine, pummelig der Andere. Von ihnen habe ich Sekt trinken gelernt. Auch Arbeitern und ihren Nachkommen, sagten
sie, stehe so etwas Köstliches zu. Schloss Stolzenfels, der von Rewe, der ist billig und gut und wir kauften ihn kartonweise. Sitzungen, auch mittags, gingen nie ohne. Komm, ein Glas muss sein,
auch zwei. Die Sitzungen am Nachmittag waren müder zu überstehen, aber auch lustiger. Kalt kriegten sie den Sekt immer. Im Winter, in Schönhagen, stand er auf Balkenvorsprüngen unter den Fenstern.
Komm, wir trinken noch einen, und schon knallten die Korken.
Eine Gruppe war Nachmittags abgefahren, die andere sollte am nächsten Morgen ankommen. Unsere beiden Sektbrüder hatten eine Wanne mit Eis organisiert, darin der Sekt. Die Nacht wurde lang,
irgendwann legte einer die Puhdies auf und nicht mehr ab. Immer wieder gingen wir mit ihnen über 7 Brücken, sangen lautstark, fühlten, vom Sekt verstärkt, dass da was hinter dem Text sein
müsse, was auf uns passt. Um 4:00 Uhr schwammen die letzten Flaschen im geschmolzenen Wasser, da streicht ein Scheinwerfer über das Fenster, das kann doch nicht der Bus sein, die wollten doch
erst... Er war es. Wir nuschelten Begrüßungsworte und mussten funktionieren. Über 7 Brücken musst du gehn war lange Zeit mein Liebling.
Nicht immer waren die Gruppen einfach, manche renitent, probierten aus, wie weit sie gehen können. Eines Nachts gaben die Jungens keine Ruhe, tauchten immer wieder auf dem Flur der Mädchen auf.
Freund Wolfgang schlief in dem hinteren, ich im vorderen Zimmer. Alles Reden nutzte nichts, sie verweigerten die Einsicht, schütteten Wasser, banden Cola-Büchsen an Zimmertüren, die knallten beim
Aufmachen, jauchzten und jubelten im Überschuss ihrer Hormone. Drei mal war ich schon draußen, hatte beruhigt, gedroht, war einsichtig, es nutzte nichts. Da platzte mir der Kragen, nackt wie ich
war riss ich meine Tür auf, rannte raus auf den Flur, schrie mit hochrotem Kopf, sofort ist Ruhe hier und das Bild muss so skurril gewesen sein, dass wirklich Ruhe wurde. Wolfgang, der von hinten
die Szene beobachtet hatte sagte, du warst furchterregend in deiner Nacktheit.
Einmal war sie kreativ, die Rasselbande. Seit Tagen nieselte es, Bewegungsmangel führte zu Unruhe, Austoben im Haus war limitiert. Wir sitzen zusammen, Stille auf einmal.
Im Licht der Außenlampe leuchtet das hohe Gebüsch im weißen Gewand, über und über bedeckt und durch den Regen angeschmiegt wie eine moderne Skulptur. Sie hatten den Vorrat an Klopapier entdeckt und
zweckentfremdet. Noch lange hingen die Fetzen in den Zweigen, nun weniger schön anzuschauen.
Nach dem Studium war ich 2 Jahre selbstständiger Seminarleiter, verdiente so wenig, dass der Steuerbeamte nicht glauben wollte, dass ich davon leben könne aber es reichte und war interessant.
1980 bekam ich einen Job bei der Kübel Stiftung im ASA-Programm. Aber das ist eine andere Geschichte
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