Fahr doch mit mir nach Nürnberg, sagte Almut, ich hab auch wieder eine Beziehungskrise und das Hexenhäuschen wird dir gut tun. Sie hatte mir davon erzählt, von den
beiden Frauen in dem kleinen, gemütlichen Haus mit dem großen, leicht verwilderten Garten, den Besuchern und der lockeren, freundlichen Atmosphäre. Dir geht es nicht gut, mir geht es nicht gut,
da wird es uns gut gehen. Annette war noch immer wie eine Zeitbombe in mir, wegfahren war besser als zu Hause in Trübsinn zu versinken. Am 2. Weihnachtsfeiertag um 4.00 wollten wir fahren, ihr
Sohn Boris kam mit, da waren noch 2 Jungens in seinem Alter, die kannte er schon. Almut trödelte wie immer herum, es wurde 20.00 als wir abfuhren und 22.00 als wir ankamen. M. öffnete die Tür und
fragte: kennen wir uns? Sie war schlank, freundlich und hatte und einen roten Wuschelkopf. Die Wohnküche war gemütlich, in der Ecke stand ein großer runder Tisch, der Kohleofen neben der
Tür zum Heizen und Kochen strahlte Wärme aus, ich setzte mich in den hinteren Winkel, bekam einen Rotwein und war zu Hause. M hatte Wildgulasch gekocht, der kam dampfend auf den Tisch. Zu
8. waren wir, mit M und Toria, die Zwillinge im Haus die unterschiedlicher nicht sein konnten, Dane, ihre Schwester auf Urlaub, Frank und Goran. Mir war zum Lachen und fröhlich sein, das
Hexenhäuschen hatte mich gefangen. An M gefielen mir die langen Beine und der schöne Hintern wenn sie am Herd stand, an Toria der große Busen und an allen die Harmonie. Sie verstanden sich und
akzeptierten mich. Das Essen war herausragend, der Wein süffig und anschließend spielten wir Lügenmäxchen. Ich kapierte nicht, dass M. mir Chancen zuspielte, verlor und lachte. Später dann habe
ich den Rotwein auf M´s neuen weißen Berberteppich gekippt aber darin hatte ich Erfahrung, Rotwein verschütten war im vorgerückten Stadium meine Spezialität, mit dem Salzvorrat aus der Küche war
der Schaden zu beheben. Mir war, als wäre ich in einen alten, bequemen Handschuh geschlüpft. Du schläfst mit Almut im Wohnzimmer, ich habe nicht so viel Platz sagte M. Ich hatte noch nie eine
schöne Frau von der Bettkante verwiesen, war auch mal Liebhaber wenn es uns schlecht ging, wird schon gehen, so ganz wohl war mir nicht. Ich war nicht ihr Freund, recht blau und wachte am
nächsten Morgen früh auf.
Alles schlief, den Kohleofen anheizen konnte ich, Kaffee machen ebenso. Um 10.00 kam M. in die Küche gestürzt, ich habe verschlafen, da war der Tisch gedeckt, die Küche warm und der Besuch saß
lesend bequem am Fenster, seine Beine in roten Strumpfhosen hoch gelegt. Heute weiß ich, warum die Frauen leise lächelten über meinen Aufzug. Ich muss ausgesehen haben wie ein Storch. Boris,
sagte Almut, muss seinen Vater in der Stadt besuchen, das ist abgemacht. Ich aber fahre ihn nicht, den Kerl kann ich nicht sehen. M und ich übernehmen das, selbstverständlich können wir den
Jungen nicht alleine schicken. Da waren Gemeinsamkeiten. Erzähl von deinem Vater, sagte sie, der Familie, den Geschwistern. Die Hunde hatten raus gemusst, keiner wollte, ich ging mit und
erzählte. Es war eine selten vertrauliche Stimmung dort in dem winterlichen Wald, die Hunde stöberten durch das Unterholz, M. fragte mich aus und heraus kam meine Geschichte wie ein Schwall
Wasser. All die Gedanken, Erlebnisse, all das Scheitern, neu Aufbauen, Verhangene mit Dorf und Religion, dem eingeschränkten Leben dort, meinen neuen Ansätzen, es interessierte sie alles. Da habe
ich sie geküsst.
Toria lockte. Komm mit rauf, ich will dir von meinen Problemen mit Goran erzählen. Ihre Brüste waren nur leicht bedeckt von einem rosa Bademantel und jedes Mal wenn sie mir Wodka-Tonic
nachschenkte, hatte ich tiefe Einblicke. Das war schön, auch, dass ich verständnisvoll guten Rat geben konnte. Ihre Lieblingsmusik spielte traurige Weisen im Hintergrund, ich trank fleißig und
genoss. Toria war fraulich mit wohligen Rundungen die ich gerne betrachtete, M eigentlich zu dünn aber verständnisvoll, warm, lieb, oft im Gleichklang schwingend. Zwei Frauen auf einmal, schoss
es durch meinen Kopf, das wäre die Lösung. Dann kam M, setzte sich dazu und Toria lehnte sich zurück. Später erfuhr ich, M hatte unten gelauscht, damit die Sache nicht aus dem Ruder lief. Sie
kannte ihre Schwester.
Das mit den Jungens im Haus war schwer zu durchschauen. Frank, M´s Sohn, lebte beim Vater und war zu Besuch. Toria war Gorans Stiefmutter, M. aber zuständig für den Jungen. Später erfuhr ich die
Geschichte. Der Vater von Goran, ein Jugoslawe, der seine Landsleute illegal vermietete und mit dem Toria kurzzeitig verheiratet war, hatte den Jungen zurückgelassen. Zum 3. Mal. Gorans Mutter
zuerst, die 2. Frau ebenso, waren in Nacht und Nebelaktionen abgehauen, hatten die Töchter mitgenommen und den Sohn dem jähzornigen Mann überlassen, der auch mal einen Stuhl auf dem Jungen
zertrümmerte. Nun Toria, die sicherlich berechtigt sagte, nach einem halben Jahr verheiratet will ich nicht den gestörten Jungen. M stellte sich zur Verfügung und betreute das schwierige, süße
Kind. Es sollte eine bleibende Heimat haben. Mit dem pubertären Alter, in dem die Jungens waren, kannte ich mich aus, trainiert durch jahrelange Seminarerfahrung. Die Bürgersteige waren
zugefroren am Morgen. Kommt Freunde, Männer müssen raus ins feindliche Leben. Natürlich kamen sie mit und M war irritiert. Die kleinen Jungens und so eine schwere Arbeit. Toria liebte es, mit
ihnen Skat zu spiele, die halbe Nacht durch. Entsprechend müde waren sie am Vormittag und wollten schlafen bis in die Puppen. Ich habe ihnen meinen Wahlspruch erklärt: wer die Nacht durchmachen
will, muss auch am nächsten Morgen aufstehen können. Sie haben milde gelächelt. Die Kraftprobe kam, wir hatten einen gemeinsamen Ausflug verabredet, um 10.00 spätestens musste es los gehen. Die
Jungens stimmten zu und gingen Skat spielen zu Toria. Spielt nicht zu lange, ihr müsst früher aufstehen. Sie spielten wie immer und lagen um 10.00 feste schlafend im Bett. Aufstehen! Das feste
Klopfen half nichts. Frank kriegte ich wach, Goran drehte sich auf die andere Seite. Dich habe ich jetzt 2 mal gerufen, beim 3. Mal bereust du es. Er knurrte nur. Einen Pott Wasser bekam er über
und schoss hoch wie von einer Tarantel gestochen, wütend über alle Maßen, rannte an mir vorbei, dann hörte ich M. schimpfen. Sie raufte mit ihm, ich dachte, er wolle sie schlagen, fuhr
dazwischen, M. hielt mich zurück, er hat doch nur Wasser in mein Bett gegossen. Wir fuhren eine halbe Stunde später. Zukünftig glaubten die Jungens, was ich sagte.
Almut war die Diva, sie musste im Mittelpunkt stehen. Es gefiel ihr nicht, dass ich mich für die anderen Frauen interessierte. Ich war nicht ihr Freund, aber sie die erste Dame. Sylvester
schenkte sie mir eine Flasche Tequila zur Versöhnung. Keine Ahnung, mit was ich mich versöhnen sollte. Die halbe Nacht lang forderte mich Dane zum Tanzen auf, ich merkte nicht, dass M
eifersüchtig und Almut wütend war. Vor Mitternacht ging ich hinaus, alleine sein, das Jahr reflektieren, die letzten Veränderungen. Den Knallkörper zündete ich mit dem Feuerzeug in der linken
Hand an. Gedankenverloren wechselte ich den Knaller in die linke, das Feuerzeug in die rechte und warf es weit in den verschneiten Garten. Gott sei Dank passierte nichts, mein Feuerzeug fanden
sie im Frühjahr nach dem Tauen. Es ging noch. Am 2. Januar war Almut weg. Sie hat später jeden Kontakt verweigert.
M. war eine emanzipierte Frau. Da war ich sicher. Sie würde sagen, wenn sie mit mir schlafen wollte. Nicht vorzustellen, ich würde die Initiative ergreifen. Eine Abfuhr konnte ich nicht
gebrauchen. Das Verständnis zwischen uns war schön. Ich fühlte mich aufgehoben, dachte wenig an mehr. In der ersten Nacht allein klopfte es, sie stand in der Tür und sagte, du hast die warme
Decke von mir, entweder krieg ich die oder du lässt mich zu dir rein. Mein Gesicht verzog sich, die Mundwinkel erreichten die Ohren beim Grinsen, schlug die Decke hoch und sagte: komm. Was für
ein Glück mir geschah.
Die Anziehung blieb, eine Woche später war ich wieder im Hexenhaus. Sie hatte Geburtstag. Ihr ex-Freund kam mit einem großen Blumenstrauß und einer Flasche Sekt. Sie schickte ihn weg, hab was
besseres gefunden sagte sie. Das wohlige Gefühl mit ihr wollte ich behalten, hatte es. Sie zeigte mir Nürnberg, die Stadt, die ich seitdem liebe, wir fuhren mehr schlecht als recht Langlauf im
verschneiten Wald und freuten uns auf den Grog danach, sie kochte schöne Sachen, ich half und errang Bewunderung mit meinem professionellen Zwiebelschneiden, eine Fähigkeit, die mir Angela, die
Köchin beigebracht hatte, wir tranken Frankenwein, redeten, waren zusammen. Und doch. Annette war noch in. Ich war zurückgestoßen worden und mein Seelchen verlangte nach Revision. Das war nicht
zu verheimlichen und zu verschweigen. Dachte ich. War sie nicht bisher partnerschaftlich mit all meinen Problemen umgegangen? Und erzählte von meiner nicht geheilten Verwundung, meiner
Sprungbereitschaft zurück zu Annette, gäbe sie nur den leisesten Hinweis, von meiner Verzweiflung, Trennung nicht akzeptieren zu können, mich nicht frei zu fühlen, verhangen in Vergangenem. Es
muss ein Schlag für M. gewesen sein. Desillusionierend, wie ich später erfuhr, aber sie sage nichts.
Ich fuhr fort in meinem Leben in Frankfurt, durch eine dünne Nabelschnur mit Nürnberg verbunden. Seit Januar 80 war ich Referent des ASA-Programms bei der Kübel-Stiftung in Bensheim, 3 Monate
später dessen Leiter. ASA schickt Studenten und neuerdings auch Lehrlinge für 3-6 Monate in Entwicklungsländer zu eigenen Recherchen und in Partnerprojekte. Ziel des vom
Entwicklungshilfeministerium geförderten Programms ist eine frühe, realitätsnahe Orientierung junger Leute an Problemen und Lebensbedingungen in den Ländern der 3. Welt um sie später als Experten
mit Praxis einsetzen zu können. Andere Menschen traten in den Vordergrund, die alte Routine mit viel Arbeit und Exzessen der Entspannung dominierte, das alte Fahrwasser. M. wollte mich auf einem
Seminar besuchen, ich vergaß es, eine andere Frau fesselte kurzeitig mein Interesse. Dann kam Ostern. Toria sagte, sie ist mit ihrem italienischen Freund nach Rom. Sofort sprang der Motor an, da
war sie, die Aufregung. Einen Tag nach ihrer Rückkehr war ich in Nürnberg und überschüttete sie mit Blumen und Zuneigung. Sie freute sich und führte mich in den Handwerkerhof, einer
mittelalterlichen Oase an die Stadtmauer geschmiegt, mit altem Handwerk und Weinkneipen in kleinen, schnuckeligen Häuschen. Dort, unter Plastiktrauben hatte ich den schönsten Nachmittag meines
Lebens, voll von gutem Wein, guter Laune und Liebesanfällen. Ich erzählte ihr wie wundersam, attraktiv, intelligent, tolerant, lieb, nett, schön, außergewöhnlich ich sie finde und ließ nicht ab,
sie zu preisen. Da hab ich mich in sie verliebt.
Ruf doch Hanne an und sag ihr, wann ich komme. Umgehend, gestand sie mir später, bekam sie Durchfall. Von meiner Schwester hatte ich viel erzählt, dass wir zusammen leben, sie mit Jörg, ich
alleine, unter derselben Dachschräge mit einer Küche. Es war klar, dass mir Hannes Meinung wichtig war, M. fühlte sich wie vor einer Prüfung. Dann aber war der Kontakt schon am Telefon da, später
kam sie nach Frankfurt und beide wurden Freundinnen. Jörg, der Ruhige, lächelte anerkennend und tat etwas Entscheidendes und Mutiges. Er gab Anrufe von Annette, auf die mein verletztes Seelchen
gewartet hatte, nicht weiter, hielt sie ferne von mir, ließ die neue Beziehung wachsen. Sie sei, sagte er, besser für mich.
Es gibt ein Bild von Hanne&Jörg aus dem Fenster in der Rückertstraße gemacht, wie ich, voll bepackt, mit dem Fahrrad, einem Halbrenner abbiege auf die Hauptstraße Richtung Italien.
Deutschland zu durchqueren war ein Traum, die Hälfte, von Frankfurt über die Schweiz wollte ich jetzt angehen. Mal sehn, wie weit. Marianne erwartete mich in Florenz, sie war mit ihrem
Italienischkurs unterwegs, um die Toskana zu erfahren. Bei der ersten Rast vor Bensheim, unter einem Apfelbaum, kam mir die Strecke doch recht lang vor. Das kleine Zelt am Fluss Neckar
unterhalb des Schlosses machte sich idyllisch, mein Hintern nicht. Der erste große Fehler unterlief mir bei der Entscheidung, die Schwarzwaldhöhen- oder Tälerstraße zu nehmen. Letztere die
bequemere wähnend, alldieweil Höhen vermeintlich vermeidend, allerdings den Plural übersehend, hatte ich nun ein Tal und darauf folgende Höhen nach dem anderen zu bewältigen. Auf der anderen
Seite hoch oben sah ich manchmal die Höhenstraße, sie schien immer auf dem Kamm entlang zu führen. Hinzu kam, es war Pfingstmontag, Rückreisetag. Auto um Auto zogen sie an mir vorbei, die gute
Luft und meine Lunge mit Abgasen anreichernd. Es fing an zu regnen, Schluss für heute. Das nasse Zelt, die nassen Kleider luden nicht zur Selbstversorgung ein. Durch die Wiesen arbeitete ich mich
Richtung Straße hoch, tatsächlich, da war eine Schwarzwaldkneipe, sie hatten Forelle Müllerin und guten Wein und mein Tag wurde sonnig. Bei Donaueschingen taten mir die Beine weh. Ich war
erschöpft, musste aussetzen. Die vermeintliche Quelle der Donau im Schlosspark war die letzte Besichtigung, danach schlief, döste und las ich einen Tag lang in meinem Zeltchen. Es war schwer,
wieder auf das Rad zu kommen. Erinnerungswürdig der Gegenwind auf einer Hochebene. Ich muss vorwärts gekommen sein, da irgendwann eine Stadt auftauchte, aber real fühlte ich Stillstand, ja
Rückgang. Mein Bein schmerzte und die Lust am Abenteuer sank. Die Rheinfälle bei Schaffhausen fand ich großartig, da kannte ich die anderen in Südamerika und Afrika noch nicht. Es war schön,
unter dieser Wasserwucht zu sitzen und in andere, frühere Zeiten sich zurück zu träumen. Samstags fuhr ich durch Dörfer in der Schweiz. Dass Bürgersteige am Wochenende gefegt werden, kannte ich
aus meinem Dorf, dass aber die Straße dazu auch noch geputzt wird war neu. Propere Sauberkeit überall, nette, grüßende Menschen ebenso. Nahe Bern ging mir die Luft aus, die Alpen wurden zu hoch.
Außerdem war die Zeit kurz geworden, ich nahm den Zug. Um 5.00 Uhr morgens erwartete mich M. am Bahnhof von Florenz. Beide waren wir aufgeregt, M. hatte nicht geschlafen um ja nicht den Zug zu
verpassen. Ein schnuckeliges kleines Hotel hatte sie ausgesucht, wir kamen erst nachmittags wieder raus und sie zeigte mir die Stadt und ihre Herrlichkeiten. Toskana, bis dato einzig ein
geschichtlicher Begriff für mich – sie hatte mal zu Venedig gehört - erschloss mir M. mit ihrer kulturellen und landschaftlichen Schönheit. Und abends gab es italienisches Essen und Wein aus der
Gegend, ein neuer, intensiver, exzellenter und nie mehr aufgegebener Genuss. Den Berg hinauf schob ich M. an ihrem schönen, kleinen Hintern, runterzu blieb sie weit zurück. Etwas schliff an
ihrem Rad, ich fand eine angezogene Bremsbacke, sie war die ganze Zeit gegen Widerstand gestrampelt. M. war erleichtert. Kein Wunder, dass mich Dorle, die unsportlich Dicke, immer überholt hat.
Das kleine Zelt war wie für Liebesleute geschaffen. Einmal lagen wir davor, genossen die laue Luft, den Wein, Weißbrot und Käse und erfanden Spiele aus der Kindheit neu. Sälzle, Schmälzle,
Butterweckle on en gruuße Batsch druff spielten wir auf den Fußsohlen des Anderen anstatt der Innenflächen der Hand und lachten den Zeltplatz voll. Eine Woche hatten wir, sie war vorbei kurz
nachdem sie begonnen.
Im Sommer fuhren wir nach Griechenland, nahmen Goran mit. Er blieb die meiste Zeit in seinem Zelt, was stoffelig, half nicht. Volldampf Pubertät. Auf dem dritten Platz weigerten wir uns, beide
Zelte aufzubauen, er müsse helfen. Kaum schaue ich mich um, liegt er schon wieder längelangs in seinem halb aufgestellten Zelt. Mich packte die Wut, nahm den Gummihammer, zielte auf seine Füße,
der Hammer sprang auf, wirbelte durch die Luft und traf Goran am Kopf. Er war betäubt vor Schreck, wohl auch Schmerz, völlig verdutzt ob meiner Reaktion, stand auf und besserte sich. Im
Schulaufsatz über sein interessantestes Ferienerlebnis beschrieb er genau diese Episode.
Mit M wollte ich mich gut und tief verstehen, eine Methode kannte ich, das partnerzentrierte Gespräch, in Frankfurt in der Gruppe erprobt und brauchbar gefunden. Wir saßen auf Felsen am Ägäischen
Meer, Beine im Wasser und übten. Im Buch gab es ein Programm für Paare mit Anleitungen, Fragebögen, Übungen. M. sprang darauf an, überraschende Tiefsichten kamen zu Tage. Immer musste man von
sich selber sprechen, nie durfte gesagt werden: aber du bist doch..., du solltest doch..., du hast doch...Der Gesprächspartner hatte mit eigenen Worten nach zu fragen: hab ich recht verstanden
dass du gesagt hast..., ich habe gehört dass...so lange, bis die ausgesendete Ansicht ankam. Wir übten und das Leben des Anderen öffnete sich wie ein Buch. Höhen und Tiefen, Kindheit, Jugend, die
ganze Vergangenheit, Familie, Liebe, Werden wurde transparent, wurde mit gelebt, mit gelitten, mit gefreut. Das Verständnis füreinander erhielt eine tiefere Dimension, wurde klarer,
transparenter. Die Person hinter der bekannten Maske trat hervor, liebenswerter, achtungswerter, als zuvor. Auch Konfliktverhalten übten wir und konnten das Gelernte bald brauchen.
Auf Thassos war es, der schönen Insel im griechischen Meer oben im Norden. Das Dorf in den Bergen kannte ich und wollte es M zeigen. Erinnernswert der große Platz unter den alten Bäumen mit Blick
aufs Meer, die Kneipe mit dem Wirt, der, ohne zu fragen, uns genau das servierte, was die Anderen aßen und tranken, den geharzte Wein aus großen, kühlen Amphoren schöpfend. Wir blieben. Abends
spielten wir Skat, eine, die einzige Bedingung, die M. gestellt hatte für das Zusammensein. Goran, schon lange trainiert, war gut, M besser, sie musste schon als Kind bei ihren Eltern dritten
Mann spielen, ich lernender und natürlich verlierend. Vater hatte mich beim Schach ab und an gewinnen lassen, damit die Lust nicht abhanden käme, aber M war für die harte Tour. Es war eines jener
Spiele, die man nur verlieren kann. Und ich verlor. Hochkant. M hatte alle Karten dagegen und machte mich fertig. War ich vorher angesäuert, war es jetzt richtige Wut, fühlte mich reingelegt. Und
beschuldigte sie zu mauern nur damit ich verliere. Ein Mordsstreit, ich ging. Draußen feierten Hirten ihr jährliches Fest, luden mich ein und füllten mich ab mit Raki selbstgebrannt. Heim wollte
ich, schwer getroffen. Wir schafften das Konfliktgespräch, geleitet nach dem Übungsbuch. Sogar mir wurde meine tiefe Unsicherheit transparent, meine Überreaktion. Nicht, dass sie mich seither
gewinnen ließe, nur die Harten kommen in den Garten.
Im Herbst 81 bekam ich die Zusage des Deutschen Entwicklungsdienstes als Beauftragter nach Ecuador und rief Annette an, ob sie mich begleite. Noch immer wirkte das eingeschliffene Verhalten,
wollte das Nein nicht akzeptieren, das generelle. Kann sein, dass ich zufrieden war mit ihrer Absage, unzufrieden machte der immer noch vorhandene Zugriff des alten Lebens. Erschreckend war das.
Hatte ich wirklich Sehnsucht nach den Zeiten der Unruhe und der Unsicherheit wo ich gerade dabei war, mit M. selbstverständliche Sicherheit, Wärme, Zutrauen, Verliebtheit, Zusammengehörigkeit zu
erahnen? Hatte vielleicht Wolfgang recht, ich brauche Unglück? Oder war es schlicht, nicht verlieren zu können? Ja doch, es war eine Zeit des Wachstum gewesen, der immensen Lernsprünge,
fruchtbar, lebendig, wechselhaft. Stolz war ich, in andere Schichten vorgestoßen zu sein, andere Leben fern dem eigenen nun zu kennen, mich in ihnen bewegen zu können, andere Menschen, andere
Frauen immer wieder neu entdecken zu können. Das hatte ich bei Annette gelernt. Nicht Freiheit war es was ich wollte, Unruhe, Leben, Liebe zog an. War es das, was ich zu verlieren befürchtete in
einer verantwortungsvollen Lebenspartnerschaft mit M.? Es war, wie ins kalte Wasser springen, ich wusste nicht, was dann kommt und fürchtete Abhängigkeit statt Zweisamkeit. Und ahnte nicht, dass
mir die größten Abenteuer erst noch bevor standen.
M war traurig und erzählte von ihrem Traum, als Journalistin die Welt zu bereisen. Noch immer wolle sie weg, ergriff die Initiative und bewarb sich als Ortskraft an der Deutschen Schule in Quito.
Die Rückantwort war positiv, ihre Qualifikation als Lehrerin gefragt, umgehend könne sie anfangen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Sie würde zwar nicht viel Geld verdienen, aber Geld war nicht das
Problem. Zusammen sein ohne alleinige Verantwortung war wichtiger. Aber dann kam die Hiobsbotschaft. Das Land Bayern sah Beurlaubung zu längeren Auslandsaufenthalten nur für Verheiratete vor,
deren Partner im Ausland arbeiteten. Da war sie wieder, die Falle. Im November fing ich an, durchzudrehen. Es hatte geschneit, wir hatten gestritten, sie ließ mich beim Italiener sitzen, ich
trank weiter, war verzweifelt, wechselte das Lokal, wollte M. behalten, wollte nicht gebunden sein, rief sie an, sie suchte mich und aus mir heraus kam, du kriegst mich nicht! Was für eine
Scheiße! Bis Weihnachten gewann das Gefühl Oberhand, ich müsse ins kalte Wasser springen, jetzt oder nie!.
Mich von M. trennen war nicht mehr möglich. So was wie sie hatte ich noch nicht erlebt. Gesprächspartnerin, Geliebte, Freundin gleichermaßen, auf derselben Welle schwimmend wie ich. Und am
2. Weihnachtsfeiertag, ich hatte kräftig gefeiert, mir Mut angetrunken, fragte ich sie, willst du mich heiraten. M. verstand es als Ausfragen, verstand, ist es das, was du willst, willst du mich
einfangen, sagte nein, natürlich nicht und mir fiel der Himmel auf den Kopf. Was, schon wieder? Annette hatte nein gesagt und jetzt auch noch M. Ich konnte nicht mehr fahren, hatte zuviel
getrunken, wollte nach Frankfurt, weg, schlief ein. Wachte auf, das Gesicht über mir war M., sie lächelte und sagte: ja, ich will dich heiraten. In der Küche saß Helmut, Ms Vater, seine Reaktion
auf die frohe Botschaft war ernüchternd: was, schon wieder? Toria war sauer, als sie erfuhr, M. würde sie und das Hexenhaus verlassen, nach Quito gehen, denn allein konnte sie nicht bleiben in
dem Häuschen. Und mein Vater reagierte ebenfalls verwunderlich am Telefon mit: das weiß ich schon. Schwester Hanne und Jörg hatten zur gleichen Zeit beschlossen zu heiraten, er hatte sich verhört
und war danach glücklich, beide Kinder in guten Händen zu wissen. Denn M mochte er. Wir taten ihm noch einen Gefallen und beschlossen eine Doppelhochzeit, zusammen zu heiraten. Aber das ist eine
andere Geschichte.