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Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Im Radio: Im Verkehrsverbund FFM dürfen Bahne und Busse nur 10 Min Verspätung haben, im Verbund Kassel sogar nur 5. Dann kann man auf der Internetseite reklamieren, bekommt einen Voucher, muss zum Verbundbüro und kriegt sein Geld zurück.
Noch immer fällt es schwer, zurückzukommen in die Welt der strikten Zeitvorgabe, hatten wir doch den lässigen Umgang mit der privaten Zeit schätzen gelernt, das wohlige Bauchgefühl, nie zu spät zu sein, immer war es richtig, aus 24 Std. Zeitkontigent am Tag frei schöpfen zu können, Würde mit Langsamkeit zu verbinden und Eile durch Weile zu ersetzen.
In Chile war sie mir zuerst begegnet, die neue Zeitvorstellung. Eingeladen abends um 8.00 stand ich pünktlich vor der Tür und brachte den Gastgeber arg in Verlegenheit. Er saß in der Badewanne, sie hatte die Lockenwickler im Haar und das Kochen wartete. Das wurde erst begonnen, wenn die Gäste frühestens 1 Std später kamen. M setzt bis heute die Kartoffeln und den Reis erst auf, wenn alle da sind. In Rio kam ein Teilnehmer eines Tagesseminars bei meinem Abschlussstatement unbefangen herein und erbat hinterher die Ergebnisse. Veranstaltungen in Afrika und Lateinamerika beginnen erst, wenn eine bestimmte Anzahl von Teilnehmer anwesend ist. In Tansania gibt es in Swahili ein Synonym für Europäer und schwindelig. Zwei Afrikaner sitzen unter einem Baum, reden, schweigen, schauen. Gegenüber wohnt ein Kisungu, erscheint vor der Tür, läuft um die Ecke, eilt zurück ins Haus, ist im ersten Stock zu sehen, im zweiten, macht Fenster auf und zu, macht dies, macht jenes. Die Afrikaner blinzeln verwundert, Kisungu sungu sagen sie, Europäer, schwindelig. Manchmal sind sie pünktlich, immer dann, wenn sie meinen, uns damit glücklich zu machen.
Anke, M´s Freundin in Bogota, kam nach Deutschland zurück. Anfangs ging sie zum Bahnhof und wartete auf den nächsten Zug zum Zielort. Das war ein Fortschritt gegenüber Kolumbien, denn Züge kamen
häufig und gewiss und der Bahnhof war voller interessanter Menschen. Der Zug von Antofagasta nach Bolivien fuhr einmal die Woche Nachmittags um 16.16 Uhr. Ob diese Uhrzeit ein Versehen war oder
nur den vagen Begriff der Zeit andeuten sollte, habe ich nie herausgefunden. Der Zug fuhr, wenn der Lockführer kam und die Leute eingestiegen waren. Genau so in Tansania. Zwischen zwei und drei
Tagen brauchte die Bahn von Dar es Salaam bis Kigoma am Tanganjikasee. Jede Haltestelle war Markt, Treffpunkt, Ruhe vom anstrengenden Fahren. Irgendwann war das Ende da. Es war ein Abenteuer in
Gelassenheit.
Zeitangaben sind nicht absolut, eher Orientierungshilfen, interpretierbar nach Bedarf. Von Mtwara, an der tansanischen Grenze zu Mosambik gelegen, hatten wir den Rückflug nach Dar es Salaam gebucht und einen Tag vorher bestätigt. Wie angegeben kamen wir 1/2 Std vor Abflug an, kein Flugzeug zu sehen, keine Menschen. Ja, sagte uns ein einsamer Angestellter, das Flugzeug ist weg, war schon voll.
Die Ursachen der verschiedenen Zeitauffassungen habe ich in einer Definition gelesen: "Weltliche Zeitauffassung wird im allgemeinen in lineares und zyklisches Zeitverständnis unterschieden. Die
lineare Zeitvorstellung beschreibt die Zeit als einen fortschreitenden Strom, der irgendwo seinen Anfangspunkt hat und sich kontinuierlich auf seinen Endpunkt zugbewegt. In der zyklischen
Vorstellung der Zeit geht es dagegen um die ständige Wiederkehr von Ereignissen".
Lineare Zeitauffassungen haben den Vorteil, effizienter zu sein. Nicht umsonst sind daraus unsere hochtechnisierten Wirtschaftseinheiten und Wohlstandsgesellschaften entstanden. Die zyklische Zeitvorstellung erbringt weniger Stress.
Wir sehen Zeit als knappes Gut an, als Geldwert. Deshalb müssen wir hetzen von einem Termin zum nächsten. Habe ich aber, um auf den Anfang zurück zu kommen, wirklich Zeit gewonnen mit dem ganzen
Prozedere, um 2,80 € für 10 Minuten Busverspätung zurück zu kriegen? Zeit gewonnen wäre, so denke ich, ruhig auf den Bus zu warten und die Umgebung wahr zu nehmen. Ungefähr da fängt
Lebensqualität an.