Friday, 19. june 2009 5 19 /06 /Juni /2009 14:48

Ich möchte zu eurer Familie gehören, sagte Frank. Er war zu Weihnachten in unserem neuen Land zu Besuch, wollte sondieren, wie wir leben, bat mich auf den Balkon und ich sagte ja, komm. Gegen das Familienargument kam ich nicht an, predigte ich doch den Jungen, Familie sei alles und gab Vaters Weisheit weiter, man müsse auch den unteren Weg gehen um den Frieden der Familie zu erhalten. Und nun das! Den Typ Goran hatte ich bei meinen Seminaren mit Jugendlichen erlebt, Frank war mir unbekannt. Seine Argumentationsfähigkeit, am Vater geschult um ihn zur Verzweiflung und Zugeständnissen zu bringen, brachte mich zum Widerspruch, generell. Er war blitzgescheit, überaktiv, kaum zu fassen. M aber liebte und wollte ihn, wollte seine Entscheidung, bei seinem Vater zu bleiben, revidieren. Er flog wieder nach Deutschland, musste das Schuljahr beenden. In den Sommerferien sollte er kommen. Je näher der Stichtag kam, um so mehr Bauchschmerzen meldeten sich. Dann war er da und alle meine Befürchtungen bewahrheiteten sich. Er ließ nicht ab zu diskutieren um Vorteile willen, warum soll ich um 10.00 abends zu Hause sein, warum nicht um 1/4 vor 10.00, warum nicht um 20 nach 10.00, schreiend blieb ich bei meiner Vorgabe, sie mussten um 6:00 Uhr morgens aufstehen, die Schule begann um 7.00. Die Diskussion hielt monatelang an, ich hatte es satt, abends zu kontrollieren, M kam die rettende Idee. Wenn es wichtig war, konnten sie länger aus bleiben, mussten am nächsten Tag die doppelte Zeit früher zu Hause sein. Das funktionierte. Aber die Probleme blieben.

Beide spielten mit Begeisterung Fußball, Goran meisterhaft aber faul, Frank ungestüm. Prompt brach er sich den Fuß, wurde gegipst, drei Tage Ruhe und Bein hoch lagern, dann den Gehgips verordnete der Arzt. Schon am 2. Tag humpelte Frank durch die Wohnung, ich halts nicht mehr aus, muss raus, um die vier Ecken. M beruhigte ihn - bis zum Abend. Es war Wochenende. Meine Freunde holen mich ab, sagte Frank, sie legen mich auf die Pritsche und ich bin ganz vorsichtig. Nein, das geht nicht ohne Gehgips, du kannst stolpern. Aber Mutti...Nein. Abends gingen wir aus, seine Tür war zu, auch als wir zurück kamen. Ist er sauer? Am nächsten Morgen versuchte M, ihre Argumente zu verdeutlichen, es hätte doch was passieren können. Frank, ungewöhnlich friedlich, schaut auf und sagt: ja, Mutti, du hast Recht, es ist schon was passiert, hebt seinen Kopf, da ist der halbe Schädel rasiert und genäht. Er sei doch ausgegangen, zum Fernsehen bei Freunden erzählt er geknickt, beim Humpeln an eine offene Glastür gestoßen. Sie hätten ihn zum Krankenhaus gebracht, ihre Uhren als Pfand gelassen - es musste immer sofort bezahlt werden - wir sollten das bitte begleichen. Unserem Schrecken folgte Jahre später Verblüffung. Da beichtete Frank, dass er damals in eine Disko wollte, die steile Treppe hinunter gefallen und in eine Glastür geknallt sei.

Frank sprach wie ein Maschinengewehr, nicht nur viel, auch so schnell. Wir hofften, dass sich seine Sprachgeschwindigkeit mit dem Spanisch Lernen verzögere. Weit gefehlt, sein Spanisch wurde genau so schnell. Beide gingen sie in eine zweisprachige Deutsche Schule, fanden Freunde, auch einheimische, gingen öfters zusammen aus, aber sie waren zu unterschiedlich. Goran, eher introvertiert, kam mit der Eloquenz seines sprachgewandten Halbbruders nicht zurecht. Verhältnismäßig wenig stritten sie. Doch einmal gab es Geschrei und einen Bums - in seiner sprachlosen Verzweiflung hatte Goran die M's Gitarre auf Franks Kopf zerschlagen. Die Gitarre war hin, der Kopf intakt und die Verhältnisse geklärt.  

Im September bekam ich Hepatitis. Nach einer stressigen Vollversammlung wurde mir kalt, ich hatte Schüttelfrost, M steckte mich in die Badewanne, der Arzt kam, stellte tagelang alle möglichen Diagnosen von Malaria über Hepatitis bis Typhus, ich weinte, ach lieber Gott, lass es doch Malaria sein, ein Jahr ohne Alkohol ist zu viel. Meine Augen wurden gelb und der Arzt weise. M hatte meine Teller leer gegessen, ich hatte keinen Hunger, sie bekam exakt nach der Inkubationszeit von 21 Tagen ebenfalls Gelbsucht. Nun lagen wir beide, schwach und verwundet, die Krankheit greift nicht nur den Körper, auch den Geist an. Freunde kamen, kochten, betreuten, die Jungen hielten sich zurück. Zwei Mal wöchentlich mussten die Proben zum Labor, die Ergebnisse vom Arzt abgeholt werden. Manchmal schafften wir es selbst, brauchten oft Hilfe. M sprach sie an, bat um Einsatz. Goran versteckte sich wortlos hinter einer Zeitung, Frank musste dringend weg. In mir brach etwas, ich zog mich in mein Kämmerlein zurück, weinte, wollte weg aus diesem Unglück. So hatte ich mir Familie nicht vorgestellt, bat M um Auszeit, nein, nicht um Trennung, nur um Rückzug, Alleine sein können in einer eigenen Wohnung. M war verletzt, es ging nicht, wir mussten zusammen durchhalten, unser beider Traum verwirklichen.

Der Durchbruch kam später. Die Jungen wollten Ohrringe, das sei in Deutschland jetzt üblich. Strikt waren wir dagegen, sie, die in diesem unterentwickelten Land mit mannigfaltigen Privilegien ausgestattet waren nun auch noch als Vorreiter einer Mode zu sehen, die niemand verstehen würde, war zu viel. Goran kam aus Deutschland zurück mit einem Stecker im Ohr, deine Schwester hat ihn mir extra gekauft (er hatte Hanne gesagt, R hat es erlaubt), Frank steckte sich selbst eine Sicherheitsnadel ins Ohr. Das war zu viel, jetzt wollte ich nur noch weg, ich bekam keinen Zugang zu den Jungen. M trat den Weg an, traf Frank auf dem Bett liegend an, erklärte ihm ernst, ich habe dich schon einmal verloren und nun laufe ich Gefahr, dich wieder zu verlieren, alles wegen einer blöden Sicherheitsnadel. Ich habe R gewählt und will den Rest meines Lebens mit ihm verbringen.  Dich aber habe ich noch maximal 4 Jahre, dann bist du weg. Meine Entscheidung ist R, fahre du wieder zu deinem Vater. Da begann Frank zu weinen, nahm die Sicherheitsnadel raus und sagte, R ist mir am Arsch lieber als mein Vater im Gesicht. Wahrlich, das war ein großes Kompliment und fortan ging es gut mit uns.

Goran, bildhübsch mit brennenden Augen hatte mehr Chancen bei Frauen. Auf dem Fußballplatz feuerten sie den arbeitsunlustigen an, pon te las pilas (setz deine Batterien ein). Eines Abends sitzen wir auf dem Balkon, den Sonnenuntergang über Quito betrachtend, die Schatten im Tal werden länger, es dämmert. Da öffnet sich in dem Haus unterhalb die Hintertür, eine Silhouette erklettert die Begrenzungsmauer, balanciert zur nächsten, kommt an unsere Mauer, es ist Goran. Rot im Gesicht, den Hals voller Knutschflecken, beichtet er den Besuch bei seiner Freundin, die Eltern kommen, er entflieht, und wir sitzen in der ersten Reihe und sehen zu. Was tun, ihre sexuelle Sturm- und Drangzeit beginnt. Wo ein Wille, ist auch ein Gebüsch hatte ich gelernt, doch alle Gebüsche konnten wir nicht kontrollieren. Offen reden, Sex als normale Funktion darstellen, hatte ich bei meinen Seminaren gelernt, nahm die Mystik des Unbekannten, war ein Mittel die Konsequenzen darzustellen. Ob es geholfen hat? Wohl eher das Drängen auf Schutz, der Partnerin vor allem. Sie durften bei uns feiern und kamen unserer Feierei ins Gehege. Ab und an trafen sie uns kaum bekleidet am Kühlschrank. Freitags abends warfen wir sie raus, wir wollten das Haus für uns alleine. Meine Angewohnheit aber, M Frühstück ans Bett zu bringen, übernahmen sie bei ihren Freundinnen.
Jeder kam dran mit Einkaufen und Kochen, ein Mal die Woche. Goran war eher für die Feinschmeckergerichte. Einmal machte er Krebssuppe, da mussten die Panzer im Mörser zerstoßen und durch ein Haarsieb passiert werden, eine stundenlange Arbeit. Frank war der Zwiebelsuppen- und Bratkartoffeltyp, ich für Spaghetti und Aufläufe zuständig und M konnte alles. Bis Donnerstags reichte die Arbeitsteilung, Freitags gingen M und ich essen, die Jungen auch mit ihren Freunden, samstags kochte M dicke Suppe und sonntags alle gemeinsam. Dann gab´s Skat

 

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