Sunday, 21. june 2009 7 21 /06 /Juni /2009 09:51

Mit Volleyball-Spielen im Park begann der Sonntag. Keine einfache Sache in 2500 m Höhe direkt unter dem Äquator. Wir Hellhäutigen verbrannten oft und die Luft war knapp, obwohl die roten Blutkörperchen sich genügend vermehrt hatten und zusätzlichen Sauerstoff lieferten. Nach dem Mittagessen, Punkt 14.00 schrie einer der Jungen regelmäßig: 18!!! Das Reizen begann, wir spielten Skat. Beiden Jungen hatte M es schon früh beigebracht, mir später. Ich fühlte mich im Nachteil, verlor oft, wurde wütend, wollte manchmal nicht mehr. Dann redeten die Jungen auf mich ein wie auf einen kranken Gaul, argumentierten, ich sei doch nicht so schlecht, rechneten vor, summierten Ergebnisse aus zurückliegenden Zeiten zu meinen Gunsten und brachten mich zurück.
Loco war immer dabei. Den Papagei hatte Frank aus dem Urwald mitgebracht, das war verboten, er aber hatte sich den Vogel unter die Jacke geschoben, machte unsere Tür auf und da kam der kleine Kerl über den großen Zeh laufend um die Ecke, schaute sich interessiert um und gewann unsere Herzen. Seitdem war er ein Familienmitglied. Eines, das den Käfig demolierte mit infernalischem Geschrei beim Versuch, ihn einzusperren. Nun saß er auf der Stange und schiss den Boden voll. Die Stange endete in der großblättrigen Gummipflanze die er liebte und fraß. Loco, schrie M erbost, das sollst du doch nicht! Dann rutschte er unschuldig in die Mitte der Stange und pfiff sich einen. Fliegen konnte er nicht, nur segeln, seine Flügel waren beschnitten. Wir frühstücken Sonntags im Bett, er sitzt auf dem Regal, schaut sich die schönen Sachen an und schon segelt er mitten hinein. Ein Fuß in der Marmelade, einer im Ei, den Schnabel im Kaffee. Eine Sauerei war das. Skat liebte er, dann kam er angesegelt, setzte sich neben M auf die Sofalehne, kuschelte in ihrem langen Haar und nagte am Ohrläppchen. Irgendwann wollte er mitspielen, sprang auf den Tisch und witschte mit seinem Schnabel die Karten durcheinander. Loco! Dann schaute er mit Unschuldsmiene auf, latschte zurück und sprang zu M. Er war ein Meister in Kugelschreiber und Bleistifte Demolieren. In nullkommanix hatte er Kugelschreiber zwischen seine Krallen geklemmt, mit dem Schnabel auseinander genommen und die Einzelteile flogen durch das Zimmer. Bleistifte spaltete er in der Mitte mit einem Witsch, pulte den kohlehaltigen Stift heraus und knabberte ihn ab. Bei Erdbeben war er Frühwarner, schrie wie am Spieß kurz bevor es losging, segelte auf den Boden und suchte Schutz bei uns. Einmal haben wir ihn vergessen. Der erste Stoß ließ das Haus erzittern, wir ergriffen die Flucht, hörten hinter uns lautes Geschrei, da kam der kleine Kerl angewatschelt, wollte aufgenommen werden. Die Jungen liebten ihn, ich aber musste seinen Dreck weg machen.
Im Urlaub, auf dem deutschen Kirchentag, hatte Frank seine Freundin kennen gelernt. Nun kam Silke, mit ihr Werner und Sonia, Tochter von Ms Freundin. Sonia kannte die Jungen, hatte mit Frank in Nürnberg in jungen Jahren protestiert, sich einmal mit ihm anketten lassen. Sie war das Duplikat ihrer kritischen, aktiven Mutter, Werner ihr Freund und angehender Fotograf - er war damals schon gut, seinetwegen habe ich später meine Versuche aufgeben, das Land im Bild festzuhalten, er hatte dessen Seele getroffen - und Silke war voller Rundungen, nach meinem Geschmack. Alle liebten es, in Sack und Asche zu gehen, getreu ihrem Protest gegen die situierte deutsche Gesellschaft. Ecuadorianer deuteten ihr Outfit anders, gegen sie gerichtet, man zieht sich nicht schlecht an, um Freunde zu besuchen. Werner haben sie an seinen hüftlangen Haaren gezogen, die Gruppe mit wütenden Worten bedacht. Sie kamen entrüstet zurück, meine Persönlichkeit wird eingeschränkt. Lange haben wir geredet, verdeutlicht, dass nur Arme arm gehen, dass jeder, der es kann, sich anzieht, wie sie es von spanischen Nachkommen erwarten. Sie ahnen den  Reichtum der Europäer, die sich ein Flugticket leisten können, sagen, sie könnten anders, wenn sie wollten, wir sind ihnen das nicht Wert. In der Tat konnten sie anders. Am Abschlussabend luden wir sie zum Essen in einem Restaurant ein. Sie kamen angezogen wie immer, M mustert sie, sagt, wir gehen so essen, wie ihr ausseht, und das hier reicht gerade mal für die Pommes Bude, und schon waren sie weg, sich umziehen. Sonia kam zurück, kannst du mir eine weiße Bluse leihen? Na also, geht doch! Sie sahen aus wie gemacht für das beste Restaurant am Ort. Da sind wir hingegangen.  
Manchmal, nicht oft, brachten sie mich noch immer zur Weißglut. Einmal beim Essen, Frank hat schon genervt und nervt weiter mit seinen Haarspaltereien um Recht zu behalten, er gibt nicht auf, ja aber... kann man doch auch so sehen, ich sehe rot, will ihm die Schüssel auf den Kopf zertrümmern, geht nicht, sind Spaghetti drin denke ich noch und hau ihm das lange Baguette vor die Stirn. Weißbrot ist in Ecuador nicht knackig, eher matschig. Entsprechend biegt sich das lange Brot über seinem Kopf und bleibt wie ein kurioser Schmuck halbkreisförmig über seinem Scheitel liegen. Der ganze Tisch biegt sich vor Lachen und meine Wut ist zum Teufel.
Eine Woche waren wir im Urwald, Projekte bei den Shuara besuchen. Die Unterbringung gewöhnungsbedürftig, die der letzten Nacht besonders. Im Obergeschoss eines Holzhauses waren Kämmerchen mit halbhohen Sichtblenden abgeteilt, oben und unten zum Durchschauen. Wir bekamen das Eckzimmer gegenüber der Toilette mit einem Loch als Fenster. Jeder der zum Klo musste, schaute bei uns vorbei. Auf dem Flur feierten ein paar Touristinnen Vökerverbindung mit Indianern, viel Schnaps und lautem Gekreische, das auf ihren Zimmern auch nicht besser wurde. Ursprünglich wollten wir einen Tag länger bleiben und hatten das auch den Jungen so gesagt, beschlossen dann aber übermüdet die rasche Rückfahrt. Kurz nach Dunkelheit um 18.00 Uhr kamen wir an, die Wohnung und der Aufgang hell erleuchtet, reger Betrieb. Der unter uns wohnende Vermieter fing uns ab, er hatte auf der anderen Straßenseite mit dem Gewehr gewacht, damit nichts passiert, sagte er, es könnten ja Schlitzohren kommen. Unsere Jungen hatten eine "Fiesta pagada" eine offene Party mit Eintritt im Radio annonciert. Das Wohnzimmer war völlig ausgeräumt, an der Decke Lichtspiele, dicke Boxen in den Ecken, die Küche Musik- und Lichtzentrale. Ach du Scheiße sagte Frank, als er uns sah, wir stimmten ihm zu. Das Schlafzimmer war voller Möbel, nichts mehr rückgängig zu machen, wir zogen aus, harsche Regeln und eine bevölkerte Wohnung zurücklassend, in das beste Hotel am Platz, dem Chalet Suisse, erhielten die Hochzeitssuite, wurden bedient von ecuadorianischen Kellner in Schweizer Fantasietracht mit Edelweißbinder und hatten unseren Kulturschock. Am nächsten Mittag war zu Hause alles aufgeräumt, die Wohnung fast wie immer. Nur der Tisch hatte Löcher, sie hatten ihn als Rückwand für Dart-Spiele verwendet und die weißen Wände hatten schwarze Schleifspuren, dort wo Männer ihre Schuhe anlehnen. Junge, Junge, da machste was mit!
Mit ihren Freunden zusammen gründeten sie ein „Discomobil", einen Club, der Fiestas ausrichtete. Jeder stellte seine Komponenten zur Verfügung, Boxen, Verstärker, Lichtanlage, Musik, Kenntnisse. Gegen Bezahlung zogen sie an Wochenenden los und heizten Traditionsfeiern und Partys ein. Auch im Humboldthaus, dem Deutschen Zentrum, legten sie Musik zu Tanzveranstaltungen auf. Wir waren da. Bei Goran gab es Latinomusik, viel zum Schmusen, Frank dagegen fegte die Tanzfläche leer. Er wollte erzieherisch wirken mit Protestsongs und moderner Ausrichtung. Erfolg hatten sie.
Beide sprachen sie fließend spanisch, waren Ecuadorianer auch. Wir hatten ihnen einen guten Start vermittelt. Eingedenk der Familienpraktika für Entwicklungshelfer lebten beide Monate in ecuadorianischen Familien. Flor, die Zahnärztin, war die Beste. Ihre Praxis hatte sie im Flur auf einem Treppenabsatz, mit Spiegeln bestückt, Größe vortäuschend, erzog alleine die drei Söhne zu aufrechten Menschen, der Vater umgekommen bei einem Verkehrsunfall, nahm Goran als 4. Sohn auf. Er lernte Disziplin, feiern und flirten. Letzteres war wie geschaffen für den jungen Mann südländischen Einschlags  mit schwarzen, großen Augen und der Zurückhaltung, aus Unsicherheit geboren. Lange schauen, Blumen bringen, umwerben, Frauen becircen, er brachte es. Und fiel voll auf die Schnauze in Deutschland. Bis er fertig geschaut hatte, schleppten andere die Frau schon ab. Jedes Mal wenn er nach einem Date fragte, zückten die jungen Damen ihre Terminkalender. Sie hatten ihre Zeit eingeteilt, dem Neuen spontan nachgehen lag ihnen nicht.    

Er war Spastiker, der Jugendrichter. Entsetzt war ich zuerst, wie soll der uns helfen, beschämt danach, wir hätten keinen besseren kriegen können. Gorans Adoption war schwerer als gedacht, lief nun schon zwei Jahre und wurde eng. Ab 18 konnten wir ihn zwar noch immer adoptieren, dann aber wäre er bei unserer Rückreise als Ausländer eingestuft, in Jugoslawien möglicherweise eingezogen worden. Dem jugoslawischen Staat könne er nicht so einfach einen Bürger entziehen, sagte der Richter, brauche die Einwilligung der Eltern, Großeltern. Die aber waren nicht auffindbar. Der Vater flüchtig, von Interpol gesucht, unser Richter schloss sich der Suche an, die Mutter verschwunden, die Großeltern würden nie zustimmen, dass wusste M. Dann aber wurde der Vater verhaftet - und verweigerte seine Unterschrift zur Adoption. Seinen so innig geliebten Sohn abgeben, nie. Jetzt hatte unser Richter seinen großen Tag, er glaubte der Vaterliebe, die jahrelang keinen Kontakt zustande brachte nicht, ersetzte die elterliche Einwilligung durch Richterbeschluss und leitete die Adoption ein. Keine Zeit ist zu verlieren, erklärte er uns, das Procedere dauert ein halbes Jahr, Weihnachten kann ich es durch haben, Goran wird am 4. Januar 18, keine Möglichkeit mehr der Zustellung über die diplomatischen Kanäle, denn erst wenn ihr unterschreibt, ist die Adoption offiziell. Gebt mir eine Kontaktperson mit juristischer Vollmacht. Toria, M´s Schwester in Nürnberg, unterschrieb Ende des Jahres. Es war ein Freudentag, als die Nachricht eintraf. Und Goran wurde ein anderer. Tagelang übte er die neue Unterschrift, ist es so gut, oder so? Sicherheit war das, was ihm am meisten gefehlt hatte.    

Frank machte sein Abitur und grüßte die Fahne nicht, ein Vergehen in einem Land, das seiner Nationalität nicht sicher ist, Rituale braucht. Wir mussten ihn schriftlich befreien mit Hinweis auf Vergangenes in Deutschland, Fahneneide betreffend. Er wollte reisen, ein halbes Jahr durch Südamerika. In Peru arbeitete er, fuhr weiter zu den Sehenswürdigkeiten, Matchu Pitchu, Titicaca See, wurde krank, Hepatitis. Bis Lima konnte er sich durchschlagen, wurde bestohlen, landete in einer Absteige. Über meinen Kollegen in Peru holten wir ihn heim. Er kam, abgemagert und gelb, sein Abenteuer war zu Ende. Silke zog ihn mächtig an, Frank wollte nach Deutschland, wir hatten noch ein halbes Jahr zur Rückkehr. Er ging, M war traurig, ich auch. Bei unserer Rückkehr empfing er uns in Frankfurt am Flughafen, sah noch schlimmer aus als bei der Hepatitis, die noch in ihm steckte, hatte einen Verband um den Kopf. Er hatte gearbeitet, ein Dübel war beim Bohren gesplittert und ihm ins Auge gedrungen, nun lag er im Krankenhaus, war entflohen um uns zu begrüßen. Wir mussten ihn zurück bringen. M war verzweifelt. Warum habe ich mein Kind weg gehen lassen. Aber es war Zeit, das gemeinsame Leben vorbei. Beide Jungen wollten lernen und so schnell als möglich nach Südamerika zurück. Frank studierte Agrarwissenschaft mit tropischer Landwirtschaft als Schwerpunkt, Goran wurde Hotelfachmann. Frank kehrte nach Südamerika zurück, Goran hatte das Falsche gewählt, seine Qualifikation war schon in Deutschland unterbezahlt, noch mehr in Lateinamerika. Und Manager werden in einem internationalen Konzern, sich versetzen lassen, war eine arbeitsintensive, nervtötende Perspektive. Er fuhr später auf Kreuzfahrtschiffen in der Welt herum.


Die Jungen sagen, Ecuador war die schönste Zeit in ihrem Leben. Nun ja.

 

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