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Mittwoch, 1. juli 2009 3 01 /07 /2009 11:34
Anfangs ging es nicht gut. Ich war eingespannt in meine Aufräumarbeit im DED, arbeitete wie besessen, spannte M mit ein, sie nahm mir schriftliche Arbeiten ab, machte die Buchhaltung, wenn die Finanzsachbearbeiterin Urlaub hatte und war mir eine Last mit ihren Ansprüchen an mich und das gemeinsame Leben. Zu Hause anfangs der Streit mit den Jungen, Konfliktgespräche waren nötig. Dann steckte ich mir eine Pfeife an, saugte verbissen und versuchte, meine Probleme zu verdeutlichen. M war zurückhalten, hatte gelernt, den Partner sein Leben leben zu lassen, ich war durch die harte Beziehungsschule mit Annette gegangen, gute Voraussetzungen waren das, wir mussten lernen, das Gelernte auf uns anzuwenden. Wir lernten.

Die Hälfte der Zeit waren wir auf Dienstreisen, Projekte inspizieren, neue sondieren, Kontakte pflegen, kontrollieren. Mit der Zeit kannten wir das Land wie unsere Westentasche. Projekte waren in und um Quito, im Norden in Otavalo, Ibarra, im Nordwesten San Lorenzo und Esmeraldas, im Zentrum in Ambato, Riobamba und Quevedo, im Osten in und um Puyo und Coca, im Südwesten Guayaquil, Jipijapa, Manta, im Süden in Cuenca bis Loja hinunter.

Die Kinder der EH waren meine Freunde, beim Essen saßen sie neben mir, rückten mir nicht von der Pelle. Mit ihnen konnte ich. Bewundernswert wie schnell sie die Sprache lernten, Freunde fanden, sich das neue Leben einverleibten mit seinem Credo: Freude geht vor. Dass Eltern nicht verlängern wollten mit dem Argument, ihre Kindern verlören Schulzeit, habe ich nie verstanden. Dagegen sprach der Gewinn an kultureller Vielfalt, erweiterter Horizont, Freundlichkeit, Kinderliebe der Leute. Es gab Eltern, die, weitab von der Zivilisation, über Fernlehre ihren Kindern deutsches Schulwissen vermittelten. Die Rückmeldungen waren positiv, die Kinder verloren ein Jahr in Deutschland und holten es stante pete wieder auf. Wie schnell passives Sprachvermögen reaktiviert werden kann, lehrten mich zwei EH, in Lateinamerika geboren, doch früh nach Deutschland zurückgekehrt. Beide sprachen innerhalb kurzer Zeit signifikant besser Spanisch als ihre mit ausgereisten KollegInnen, eine nach zwei Jahren ohne Akzent.

Eines Morgens saßen sie im Büro, 7 Indios, übermüdet, die Nacht durchgefahren im Bus, sie rochen streng, verschwanden fast in ihren Ponchos. Jefecito sagten sie, benutzten die Koseform von Chef, man hat uns gesagt, hier kriegen wir Hilfe die wir brauchen. Wir wollen unsere Landwirtschaft verbessern. Hochlandindianer sind ein eigenes Volk, abgeschirmt in ihren von Wind und Wetter umtosten Bergsenken leben sie ihr eigenes, traditionelles Leben. Ich verstand sie nie. Arm waren sie dran, natürlich wollte ich helfen wenn es ging, erklärte, dass wir eine Organisation zur Versendung von Fachkräften seien, nicht für Sachlieferungen zuständig, Einsatzsicherheiten brauchten, Kooperativen verbessern wollten, so etwas. Sie verstanden nicht, ach, sagten sie, der Fachmann kann doch mal bei jedem von uns arbeiten. 14 Tage später waren sie wieder da, hatten einen Antrag, , Säcke mit Düngemitteln, mit Setzkartoffeln, Zwiebeln, lang war die Liste. Und ganz unten stand: 10 Rinder, 1 Stier, 1 Entwicklungshelfer, 1 Traktorcito (Traktorchen) . Wir fuhren hin, hatten Kontakt mit einer kirchlichen Organisation aufgenommen, wollten unterstützen. Sie empfingen uns in der größeren aus Lehm gebauten und mit Blättern gedeckten Versammlungshütte, in der Ecke ein offenes Feuer, kein Rauchabzug, keine Fenster, dämmrig, rauchgeschwängert, Höhlenartig. Die Dorfobersten saßen um den primitiven Tisch auf Holzbänken, andere auf dem Boden die Wände entlang, Frauen kochten. Uns zu Ehren gab es Festtagsessen, Meerschweinchen mit Kartoffeln, auf einer langen Platte angerichtet. Gegessen wurde mit den Fingern. Ich sah am anderen Ende ein kleines Stück Meerschweinchen, wollte höflich sein, zumindest probieren, griff hinüber - und hatte den grinsenden Kopf des Tieres vor mir, mit Ohren, Augen, Zähnen. Wir hatten keinen Hunger und baten die Dorfbewohner an den Tisch. Was für eine Freude, die Platte war in Nullkommanix abgeräumt.


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  • Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte
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