Friday, 3. july 2009 5 03 /07 /Juli /2009 11:53
Neue Entwicklungshelfer - in der Kurzfassung EH genannt - wurden mit einer Fiesta eingeführt, Ecuadorianer und Deutsche gleich verteilt,  zum Eingewöhnen an Essen, Trinken, Tanzen, Reden. Letzteres nahmen die deutschen Gäste ernst, bildeten Cliquen, redeten sich heiß, tanzten manchmal. Die Latinos warteten, bis Musik kam und tanzten. Ihre Gesprächsführung zwischendurch war bewundernswert. Sie sondierten die sensiblen Themen und vermieden sie, sagten, sind wir hier um zu feiern, anderer Meinung können wir sein wenn wir offiziell sind. Ganz anders die Entwicklungshelfer des Anfangs. Sie hatten eine kritischen Haltung zum Gastland, gesellschaftliche Veränderungen im Sinn, waren bemüht, den richtigen Ansatz auszudiskutieren. Nächtelang. Kontrovers gerade mit mir, der ich meinte, sie seien eingesetzt, um Fachkenntnisse zu vermitteln. In der Hitze des Gefechts, spät schon, herrschte mich einer an, verschwinde hier. Es war mein eigenes Haus, ich schmiss sie raus. Später änderten sich die Verhältnisse, wir schafften es, Projekte fachbezogen auszurichten und dafür adäquate EH einzulesen. Die Feste wurden ecuadorianischer.

Freilich gab es auch lustige Sachen, auch wenn die freundliche Welt mehr den Ecuadorianern zuzurechnen war. Trotzdem. Der DED mietete die Wohnungen seiner EH an, ich war offizieller Mieter und musste kontrollieren. Leo war Deutsch-Russe, ehemaliger Balletttänzer, nun exzellenter Fachmann für ökologische Aufforstung. Er verehrte seine Mutter, schickte ihr regelmäßig die Hälfte seines kärglichen Unterhaltsgeldes. Der von ihm angelegte Nutzgarten, eine Oase in der Wüste, ernährte ihn. Leos Deutsch war gut aber nicht vollständig. Beim Gang durch die Wohnung sah ich mein Buch, fragte, ob er es ausgelesen habe und Leo, der sonst so Beflissene, Obrigkeitshörige antwortet: nein, denn ich hab die ganze Nacht gewichst. Ich war konsterniert, war der nun auch zur Koalition der Frechen gewechselt?  Was denkt er sich, wen er vor sich hat! Raus kam, er hatte die ganze Nacht in Erwartung unseres Besuches den Boden gewachst und die Tätigkeit mit Schuhe wichsen verwechselt.
Schnaps von einem Schwarzbrenner stand in Fantaflaschen abgefüllt auf dem Balkon. Ein Landwirt hatte uns oben in den Bergen mitgenommen in ein Maisfeld, mitten drin, gut versteckt, ein schwarz verqualmter Unterstand, ein Muli schlich um eine Maispresse im Kreis, der Saft floss in ausgehöhlte, verbrannte und dreckige Holzrinnen, ein offenes Feuer unter dem ausgesonderten Ölfass, darüber ein einfacher, selbstgebauter und öfters geflickter Destillierkolben. 75% hatte der Schnaps, war kaum zu trinken, wir verwendeten ihn später zum Kamin Anmachen. Bei einem Fest hatte die junge Deutsche, gerade eingereist, Durst, sich in der Küche auf die Suche begeben, die Fantaflaschen auf dem Balkon entdeckt, etwas getan, was man nicht tun sollte, sie angesetzt und es laufen lassen. Der Selbstgebrannte entfachte in Sekunden seine Wirkung, die Schwingtür zum Wohnzimmer schlug auf und da stand sie, puterrot nach Luft ringend und war außer Gefecht gesetzt. Am nächsten Tag begleitete M sie in die Apotheke, sie brauchte Kopfschmerztabletten und Heftpflaster. Das Wort Pflaster hatte sie sich im Lexikon gesucht, bestellte, die Verkäuferin schaute verdutzt, schickte sie nach draußen, sie hatte Kopfsteinpflaster bestellt. Für manche war es schwer, Spanisch zu lernen. Eine EH, Handarbeitslehrerin, schickten sie uns um Produkte einer Kooperative von Indiofrauen im Hochland - 4-5 Tausend m hoch - marktfähig zu machen. Für ihre Arbeit in den entfernt liegenden Dörfern stand ein Jeep zur Verfügung. Die junge Frau beugte verschämt den Kopf, da müsst ihr aber üben mit mir, mein Leben lang hab ich in Berlin gewohnt, bin noch nie einen Berg gefahren. M half aus. Ein Glück dass der Jeep robust war.

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