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Freitag, 10. juli 2009 5 10 /07 /2009 13:48

Es war schon etwas Besonderes, die Geschwister und Jörg vom Flugplatz abzuholen. Nicht dass es an Besuchern fehlte, alle die konnten kamen, wir hatten ja auch Einmaliges zu bieten: Südamerika in seiner Schönheit und Fülle, konzentriert in einem Land. Alles war da, was auf dieser Welt wuchs und sogar noch einiges mehr und die unterschiedlichen Landschaften waren ein Abbild des Kontinentes in klein, von den Andenhöhen mit seinen schneebedeckten Vulkanen, hinunter zum Amazonas auf der einen und zum Pazifik auf der anderen Seite. Die gemeinsame erste Reise ging nach Coca im Urwald, auch nach dem spanischen Eroberer Franzisco de Orellana benannt, der von hier aus per Floß den Kontinent durchquerte. Wir kamen etwas später weg, ich war in Sorge, nie wusste man, ob 6 oder 10 Stunden Fahrt vor einem lagen und in der Dunkelheit wollte ich nicht fahren. Hanne aber hatte etwas vergessen, ging zurück, wir saßen im Auto, sahen sie in einem Zimmer, im anderen Zimmer, sie schaute sich etwas an und hatte offenbar alle Zeit der Welt. Ich nicht, hupte. Au weia, sagte Jörg, das wird was geben. Ein gehöriges Donnerwetter ging auf mich herab. Meine Schwester brauchte ihre Zeit. Ich hatte mich noch nicht an die Zeittoleranz Südamerikas gewöhnt. Hinter Quito stieg die Straße in Serpentinen auf einen Pass in über 4000m Höhe und da ging es los. Unsere beiden Biologen waren in ihrem Element: halt an, halt an, hast du das gesehen. Wir beobachteten Kondore, fuhren weiter, halt an, halt an, hast du das gesehen. Nein, hatte ich nicht. Epiphyten diesmal, Jörg schrieb gerade an einer Arbeit über Pflanzen im Nebelwald der auf der Abfahrt vom Pass begann. Epiphyten, lernten wir, sind Pflanzen, die in Symbiose mit den Bäumen leben, keinesfalls Schmarotzer. Sie sitzen mit ihren entfalteten Blättern und Blüten auf Astgabeln, geben dem Baum Nährstoffe ab und erhalten Halt und Schutz. Irre, was unsere Besucher uns alles lehrten! Wir hielten noch öfters an und den Zeitplan nicht ein. Mit M zusammen war ich an all den Schönheiten vorbei gerauscht, einzig darauf bedacht an zu kommen. Klaus stellte sich als Fachmann für halbwilde Hausscheine heraus, die ich zwar gesehen aber nicht wahr genommen hatte. Seine Spezialität allerdings waren Kinder. Immer hatte er Süßigkeiten in den Taschen und war von Kindern umringt, er, der ihre Sprache nicht sprach hatte keine Verständigungsschwierigkeiten. Wir waren in Incapirca, Bauten aus der Zeit der Incas die hier ihre nördliche Verteidigungslinie eingerichtet hatten. Aus der Ferne beobachteten uns Indio Jungen, scheu wie Rehe, bei jeder Bewegung verschwanden die Köpfe. Klaus ging in ihre Richtung und kam nach 10 Minuten zurück, an jeder Hand einen Jungen, die stolz zu ihrem neuen Freund aufsahen.

Klaus war bei seiner Ankunft etwas lädiert, sah weiß wie eine Wand aus, mit grünlichen Ringen unter den Augen, ging vorsichtig, er vertrug das Fliegen nicht, brauchte Tage, hatte Angst vor dem Rückflug. Im roten, offenen Kübelwagen und mit Sekt holten wir sie ab, Quito, meine Geschwister und Freunde sind da. Hinter unserem Haus den Berghang hoch bis zur Schlucht ein Eukalyptus-Wald. Riechen konnten wir die kühle Frische jeden Tag, Tiere hatten wir noch nicht gesehen. Unsere Ornithologen aber sahen sie umgehend, die Kolibris, verschiedenartige, sie tanzten in der Luft herum, die kleinen eleganten Flieger, sausten mit Hochgeschwindigkeit  von Blüte zu Blüte, blieben abrupt vor den Kelchen stehen, die Flügel schwirrend, senkten die Schnäbel elegant in die Kelche und weg waren sie wieder. Klaus setzte sich auf die Kante des Abbruchs mit Blick auf die Kette der Vulkane, zog sein Hemd aus und schaute.

Wir lebten fast genau auf dem Äquator, ein halbes Jahr lang stand die Sonne nördlich des Dachfirstes, dann südlich. La Mitad del Mundo, der Mittelpunkt der Erde, ein Monolith mit eine Erdkugel als Spitze, liegt 23 Kilometer nördlich von Quito und markierte den Ort, an dem Charles Marie de La Condamine mit einer französischen Expedition 1736 als erster Europäer die (fast) genaue Position des Äquators bestimmte. Es ist ein eigenartiges Gefühl, mit einem Bein nördlich der Erdhalbkugel zu stehen, mit dem anderen Bein südlich davon. Es war mir eine Befriedigung, meine besten Freunde auf dieser Linie zu fotografieren. Wir zeigten ihnen so viel als möglich, hatten die Dienstreisen an alle markanten Orte geplant, Absteigen gebucht, Ruhezeiten dazwischen. Nicht alles ging glatt, Höhen- und Temperaturunterschiede waren manchmal zu viel. Aus Quito kommend besuchten wir ein landwirtschaftliches Projekt in den tropischen Zonen. Die letzte halbe Stunde mussten wir heißes Sumpfland queren, unter Zäunen hindurch, über Barrieren hinweg, anstrengend war das. Noch Jahre später werfen sie mir vor, sie wären fast verdurstet, ohne Wasser in der Wildnis. Ihr Besuch war ein einmaliges Erlebnis, herausragend unter allen Besuchen.

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