Saturday, 11. july 2009 6 11 /07 /Juli /2009 14:04

Mutter hatte die Namen der exotische Pflanzen von Opa gelernt, der Gärtner war und sich und seiner Lieblingsschülerin alles selbst beibrachte. Nur waren es zu Hause kleine Topfpflanzen, hier große, üppige Gewächse, die sie bestaunte. Nein, sagte sie, das kann doch nicht sein, ist das eine...? Ach, dass ich das mal sehen darf. Wir waren mit dem Jeep unterwegs, nach Mindo am Westhang der Anden, da, wo der tropische Nebelwald beginnt. Man muss um den Pichincha herum, den aktiven Vulkan und Wahrzeichen von Quito, die Anden ein Stück weit abwärts. Wir haben Glück, sagten die Quiteños, die Öffnung des Vulkans zeigt nach Mindo. Weshalb fährst du dauernd Nebenstrecken, beschwerte sich Mutter, gewohnt, dass Feldwege zwar Abkürzungen aber holperig sind. Holperige Wege könne sie nicht vertragen, behauptete sie, ihr Unterleib würde herausfallen. Es ist keine Abkürzung Mutter, das ist die Straße.

In Mindo hatte Pidder sich sein Traumhaus gebaut, eine Fantasie aus Bambus und Glas. Fünf Jahre war er durch die Welt gezogen, an die Stelle zurückgekehrt, die ihm die schönste war, einer Plattform mit Aussicht über endlose Täler und üppige tropische Wälder. Pidders Küche war ein Traum aus Glas, um einen Baum herum gebaut, die Kräuter wuchsen innen. Zur Dusche musste man in eine Schlucht absteigen, Wasser kam gekühlt aus einem Bambusrohr und trocknen konnte man auf Sonnendecks, die in die Wand eingelassen waren. Überall standen sie herum, diese großblättrigen, mächtigen Pflanzen, Mutter zwischen ihnen, konnte sich nicht trennen. Die Sonnendecks sind uns später fast zum Verhängnis geworden. Wir drehten einen Film, die Crew hatte sich auf den Blattformen verteilt, ich war mit M in Haus. Da hörten wir entsetztes Geschrei und Getöse, die Decks hatten der Belastung nicht stand gehalten, waren in die Schlucht gestürzt, hatten sich verkeilt und wie durch ein Wunder genügend Raum gelassen, dass niemand erschlagen wurde. Schürfwunden und ein gehöriger Schock waren zu behandeln, Pidder baute eher schön und funktional denn sicher.

Im Ort weiter unterhalb im Tal, unterstützten wir eine Schreinerkooperative, Holz gab es genügend, sollte nun verarbeitet den Ort verlassen. Sie hatten uns zum Mittagessen eingeladen. Wir kamen pünktlich, da begannen die Kinder ein Huhn zu jagen, fingen es und schon hörte man den gurgelnden Todesschrei. Ein laufgewohntes Landhuhn zu kochen dauert seine Zeit, es ist zäh wie Leder. Erst am späten Nachmittag kriegten wir was zu essen. Mutters Befürchtung, sie käme um vor Hunger, traf nicht ein, sie hatte die Apfelsinenbäume im Garten entdeckt. Und den  Hausaffen, der an einer langen Kette gebunden auf seinem Baum saß. Sie mussten ihn anbinden, er hatte es auf Hühner abgesehen, lockte sie an mit Brotkrumen, sprang behände auf sie drauf und nahm sie mit auf seinen Baum, freute sich an ihrem Geschrei und ließ sie fliegen. 

Tanzen kann doch keine Sünde sein sagte sie traurig. Ich kannte die Erziehung von Opa, eisern gegen weltliche Genüsse gerichtet. Tanzveranstaltungen waren für ihn Sündenpfuhl, nicht zu denken, dass er eine seiner Töchter auch nur in die Nähe gelassen hätte. Immer hatte ich Musik in den Beinen, sagte Mutter, immer habe ich mich heimlich im Takt bewegt, ich hätte so gerne getanzt. Und nun das. Ein großer, schwarzer Mann hatte sie aufgefordert und sie traute sich nicht, noch nie, sagte sie, habe ich solch eine Musik gehört, ich schäme mich, kann doch nicht tanzen. Wir hatten sie mitgenommen in eine Peña und am Ende des Abends mit Folklore Musik hatte der Tanz begonnen, auf der Bühne, zwischen den Tischen, in den Gängen, nicht geplant, spontan, weil die Musik Bewegung forderte. Und Mutter saß da und wippte mit den Füßen.

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