Artikel teilen! von Einem der auszog...(22) Leben in Ecuador – Besuch III und Erdbeben: Der erste Stoß kam kurz nach 18.00 Uhr. Mit den Jungen zusammen war ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Der erste Stoß kam kurz nach 18.00 Uhr. Mit den Jungen zusammen waren wir im Humboldt Haus, dem Deutschen Zentrum. Sportschau vom Wochenende gab es montags und dienstags, aufgenommen auf Video am Wochenende von einem Freund des Hauses in Deutschland, von der Lufthansa am Sonntag mitgenommen. Der Boden fing an zu schwimmen, mir wurde mulmig, kleine Erdbeben hatte ich schon erlebt. Raus hier, unter den Türsturz, dann hörte es auf, wir machten, dass wir nach Hause kamen. Und dann kamen sie, die Wellen und Stöße, Lampen schwankten, gingen aus, Fenster klirrten, Bücher kamen runter, draußen ein Pfeifen, Kreischen und Splittern von Stahl, Beton und Dachziegeln. Schock. Flucht. Genau das Falsche, unter die Tür mussten wir, unter die Tische, uns vor herabfallenden Gegenständen schützen. Häuser stürzen selten zusammen, hatte ich gelesen. Draußen konnten Ziegeln treffen, gerissene Leitungen wie Peitschen durch die Luft sausen. Aber wir flohen, hatten nur noch Angst wie viele mit uns. Menschen sprangen in ihre Autos, zum Park, riefen sie, da ist es am sichersten. Das Beben war weg, konnte jederzeit wiederkommen. Und kam wieder. Wir waren aufgelöst, nur Mutter war ruhig, wenn Gott will, dass ich jetzt sterbe, dann ist es so. Glauben, bewies sich wieder, konnte in Ausnahmesituationen hilfreich sein. Irgendwann hatte sich die Erde beruhigt, wir Menschen nicht. Die Erde ist des Menschen sicherer Untergrund, ihr Schwanken ein Verlust von Urvertrauen. Helmut, M´s Vater, begann zu reden, erzählte, was er noch nie erzählt hatte, wie er als Aufklärer im Krieg über London abgeschossen wurde, mit 80 Knochenbrüchen monatelang im Krankenhaus lag, zurückgeschickt weil bei Kriegsanfang das noch möglich, wie er, aus humanistischer Tradition Hitler nie freiwillig diente, nicht Offizier wurde, auch nicht zwangsweise obwohl als Student der Medizin prädestiniert, wieder als Soldat gezogen wurde, Verwundete in Norwegen hinter der Front mit dem Fieseler Storch suchte (einem kleinen hochbeinigen Flugzeug), auf Eisschollen landete, sie zurückflog, die Tragbahren außen am Rumpf. Vergrabene Lebenserinnerungen schwemmten hoch. Nachts um 3.00 kamen starke Nachbeben, der Papagei flog kurz davor kreischend aufs Bett, weckte uns, es kamen, Gott sei Dank, nur noch kleinere Nachbeben. 60 Km entfernt hatte das Epizentrum gelegen, erfuhren wir am nächsten Tag, hunderte Menschen waren gestorben, Quito mit Schäden an Kirchen und Gebäuden davon gekommen. Erst am nächsten Tag räumten die Menschen das erzwungene Biwak im Park. Auch komische Geschichten gab es. In einem Hochhaus hatte ein Mann sich im Dunkeln seine Frau geschnappt, war die Treppe hinabgestürzt und stellte unten fest, er hatte die Nachbarin im Arm.
Helmut war mit Mutter zusammen gekommen und schon das zweite Mal zu Besuch. Das erste Mal, kurz nach unserer Ankunft, trat er zum Stadtbummel an, mit himmelblauem Safarianzug und Hütchen ausgestattet. Vati, sagte M, so kannst du hier nicht ausgehen. Menschen, die es sich leisten können, gehen mit Anzug, Schlips und Kragen. Und erwarten Respekt von Gästen. Du wirkst wie eine Schießbudenfigur, warte, bis du es siehst. Er ging, sah und orderte einen leichten Anzug, er, der sich als Abenteurer eingedeckt hatte. Sein Geld verwahrte er auf Reisen in einem Brustbeutel, das Hemd bis oben zugeknöpft. Die feuchte Hitze im Urwald machte seinen Schatz transparent und die Scheine feucht. Er, der umfassend Gebildete, lehrte uns die Kunstschätze spanischen Ursprungs würdigen. Dane, M´s jüngere Schwester, kam mit Bernd, ihrem Freund. Der hatte sich mit einem Abenteurer-Overall in leuchtendem Gelb verkleidet. Was willst du denn mit dem? Wenn wir im Urwald verloren gehen und Flugzeuge nach mir suchen, dann ist diese Schockfarbe leichter zu orten. Dane hatte gelesen, dass in Quito Hunde mit Knochen im Maul herumlaufen, ausgegraben auf den Friedhöfen. Wir haben nie einen gesehen. Bernd war Arzt und übervorsichtig. Überall vermutete er Parasiten und Bakterien. Tassen führte er mit links zum Mund, Rechtshänder trinken auf der anderen Seite. Schon nach 3 Tagen erwischte ihn Montezumas Rache, unterwegs im Auto ist Diarrhöe besonders lästig. In den Hochanden kritisierte er die Poncho tragenden Indios, Ostfriesennerze wortstark empfehlend. Bernd, sagte Dane, zerquatsch mir doch nicht die ganze Landschaft. Von ihm lernte ich, warum viele Völker in heißen Gegenden scharf essen. Nicht, wie ich dachte, vernichte die Schärfe Bakterien, nein, sie reize die Magenschleimhaut zur verstärkten Säurebildung als erhöhter Schutz vor unerwünschten Eindringlingen.
Einmal haben wir Mutter, die Pflanzenkennerin, doch irritiert. Wir waren mit ihr und Helmu, auf dem Weg zur Küste, kannten eine Gummiplantage mit den angeritzten Bäumen aus denen weiß
und milchig der Kautschuk in angehängte Gefäße rinnt. Das wollten wir ihnen zeigen, bogen ab in den Wald, stiegen aus, gingen ein Stück, unsere Gäste blieben sitzen. Warum kommt ihr nicht? Was
sollen wir hier, wir wollten doch zu den Gummibäumen. Sie hatten die großblättrigen Pflanzen aus den Wohnzimmern zu Hause erwartet, erkannten die richtigen Gummibäume nicht und waren nun
enttäuscht.