Friday, 17. july 2009 5 17 /07 /Juli /2009 13:48

Freund Wolfgang kam und blieb ein halbes Jahr. Wir hatten den Jeep genommen, den Pass hoch auf 4000 m war es kalt, die Serpentinen hinunter wärmer und unten war es heiß, wir nahmen das Verdeck ab. Wir wollten Wolfgang die herrliche Landschaft, die üppige Vegetation in ihrer durch die Höhenunterschiede unendlichen Vielfalt zeigen. Voller Informationen über Alltagswissen, seine begonnene Doktorarbeit, erzählte er die gesamte Andenstrecke hinunter zum Pazifik von seinen angelesenen Erkenntnissen. Ach Wolfgang, zerquatsch uns doch nicht die schöne Landschaft, schau mal. Da stellte sich raus, dass er farbenblind war. Was für eine traurige Einschränkung, er sah nur schwarz-weiß. Sein soziologisch und pädagogisch geschulter Verstand war eine Bereicherung bei der Einschätzung sozialpädagogischer Projektziele.

Er, der Theoretiker, erklärte M, wie wichtig Frauenbefreiung sei, Hausarbeit allerdings war ihm zuwider, Emanzipation, so sein Argument, spiele sich im Kopfe ab. Seine Telefonrechnungen wurden immens, er musste mit der neuen Freundin fernmündlich kommunizieren. Auf die Dauer kam es billiger, sie einfliegen zu lassen. Annemarie kam und erwies sich als praktische Frau ohne wissenschaftliche Allüren. Sie war Sozialarbeiterin, kam aus einer Puppenspielerfamilie, konnte mit Kindern umgehen. Es war einer jener unglaublichen Zufälle. Just zur selben Zeit hatten wir das neue Projekt einer Sonderschule in Guayaquil evaluiert, einzigartig und erfolgreich in der Integration behinderter und normaler Kinder (ich vergesse nicht, wie sie zusammen Fußball spielten und der Junge mit kaputten Beinen wieselflink mit seinen zwei Stöcken die Gegner zu Fall brachte und Tore schoss. Die Kinder kannten keine Unterschiede) und suchten nun eine Sozialpädagogin mit Puppenspielerkenntnisse. Annemarie kam wie gerufen, sie hatte Interesse, bewarb sich beim DED in Berlin und ein Jahr später war Wolfgang als mitausreisender Ehemann an der Küste.  Sie adoptierten ein Indiokind, bekamen kurz danach ein eigenes und mein alter Freund war Hausmann. Annegret und Wolfgang sind immer noch zusammen, die Kinder groß und er Professor in Frankfurt.

Sie wird dabei sein, sagte M, ich hab von ihr geträumt und bin mir sicher. Annette bei der Delegation des Entwicklungshilfeministers? Des konservativen Warnke? Sie, die kritische Journalistin? Nie, das lag außerhalb meines Vorstellungsvermögens, Träume sind Träume. Empfang beim Botschafter, als Landesbeauftragter des DED musste ich dabei sein wie bei allen Empfängen. Warnke kommt die Stufen herab, seine Entourage dahinter, ich traue meinen Augen nicht, verstecke mich hinter einer Säule, Zeit gewinnen, da ist sie, ihre roten Haare leuchten. Vier Jahre hatte ich sie nicht gesehen, noch immer steckte der Verlust in mir, Freude und Schrecken fielen über mich her. Sie aber kannte die Liste der Gäste, wusste dass ich anwesend war, suchte und fand mich. Wir redeten bis tief in die Nacht hinein, auch über uns, warum es nicht gehalten hatte, was mit uns passiert war. Trauer überwog, auch bei ihr, aber auch Dank. Ich war nicht mehr der unbedarfte R, war weiter gekommen, hatte M, ein Leben mit Liebe, Abenteuer, Spannung und Erfolg, Annette hatte angeschoben, viel verdankte ich ihr. Sie hatte mich in die Welt mit Menschen der Politik, der Wissenschaft und Kultur eingeführt, hatte mich gefördert, unterstützt, angeleitet, wie in einem Aufzug war ich in einem anderen Leben gelandet, von dem ich nicht zu träumen gewagt hätte. Und hatten nicht auch die Kämpfe mit ihr, der konsequent emanzipierten Frau, mich vorbereitet für eine Beziehung in partnerschaftlicher Gemeinschaft mit M? Das Gefühl verstärkte sich, ich war meinen Weg weiter gegangen, war gut geworden und fühlte mich wohl. Voller Stolz führte ich es ihr vor, mein Büro, meine Arbeit, mein Leben. M war bei meiner Rückkehr bedrückt, war sich nicht sicher hielt ihre Vorahnung für ein Zeichen, hatte Angst, ich wusste es, sagte sie, lebe auch in dir. Nein, sie wollte sie nicht treffen, die Idee, Annette auch M und meine Wohnung vorzuführen, fiel ins Wasser. Bleiben sollte die Dankbarkeit und ein neues Vertrauen in mich und mein Glück mit M.


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