Thursday, 6. august 2009
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Donnerstag, 30.7.
Eine Woche mindestens bleiben Sie hier, sagte der Arzt und verwies mich mit hohem Fieber und Durcheinander in Kopf und Gliedern in seine Abteilung: eine wunderbare Belegungsvermehrung für ihn, eine
Auszeit für mich. Zugegeben, so angeschlagen war ich nur ein Mal vorher bei der Sepsis in Dar es Salaam. Kann kaum gehen, jede Bewegung schmerzt irre, bin halb weg getreten. Bei der Sepsis hatte
ich Glück, sagt auch der Arzt hier. Ein Tag länger an der Ostküste in Sansibar und die Vergiftung wäre tödlich gewesen. Ärztliche Versorgung gab es nicht. Hier dagegen ist der nächste Arzt, das
nächste Krankenhaus nicht fern und für jeden zugänglich. Was für ein Segen!
Freitag, 31.7.
Helmut kommt ursprünglich aus Bremerhaven, man hört und sieht es. Breitbeinig wie ein Seebär tigert er unruhig durch das Zimmer, erzählt immer wieder von seiner kranken Frau die ihn dringend zu
Hause braucht, ist der Meinung, seine tägliche Spritze könne er sich auch ambulant abholen, das sei alles nur Geldschneiderei und verschwindet nach der Nachmittagsvisite mit der Maßgabe, sein
Abendessen zu verteilen, damit es nicht so auffällt dass er weg ist. Um 8.00 ist er wieder da und redet und redet und redet, langsam, bedächtig, schwerfällig aber beständig. Von seinem Prostata
Krebs, der seltenen Hautkrankheit seiner Frau und anderen Problemen.
Samstag, 1.8.
Besuch hatten wir heute Nacht. Mein Nachbar sagt, ein süßes Täubchen. Mir aber hat der Vogel das Kopfkissen voll geschissen. Es war eine Brieftaube, sie muss am Abend schon eingedrungen sein, saß
auf der Blende an der Wand und flog mir am Morgen ins Gesicht. Da bin ich aus dem Bett gefallen. Helmut hat sich gefreut, er sagt, das bringt Glück. Ich aber sah ganz schön bekackt aus.
Der Arzt hat einen Kasernenhofstil: kurze, schneidende, präzise Anweisungen, kaum Auskünfte. Ganzheitliche Medizin ist ersetzt durch punktgenaue Spezialisierung, weitere Probleme werden an die
Kollegen überwiesen, Interdependenz scheint es nicht zu geben. Sehne mich nach Ype in Dar es Salaam. Der konnte zuhören. Hier werden Abweichungen vom Kernthema süffisant zurückgewiesen.
Kreislaufprobleme? Kalte Füße? Ziehnse warme Socken an. Beschließe, mich wie Wasser zu verhalten.
Bewundernswert die Mannschaft der Abteilung. Sie müssen schnell sein, manches erinnert an Fließband - der 1. misst Temperatur, der 2. Puls, der 3. Blutdruck - und doch nehmen sie sich Zeit für
Probleme, lassen reden, hören zu. In all ihrer Eile bleibt ein freundliches Wort, ein netter Blick, ein Lächeln öfters übrig. Sie erinnern mich an die Freundlichkeit und Fürsorge des medizinischen
Personals in Afrika und Lateinamerika. Ein 3fach Hoch auf sie.
Sonntag, 2.8.
Helmut will heim, ein Notstand sei es, seine Frau könne ohne ihn nicht weiter, die Nerven, die Nerven, sie machen alles noch schlimmer. Jetzt quetsche ich ihn aus, will noch die wichtigen Reste
seines Lebens wissen und lernen von ihm. Lapskaus lerne ich (Rindfleischstücke und Zwiebeln in Schmalz angebraten, rote Beete dazu, grob gequetschte Kartoffeln dazu, zum Schluss Heringe), wie man
schlechten Fisch erkennt (an stumpf aussehenden Schuppen und schlechtem Geruch. Fische werden mit Öl eingeschmiert, dann glänzen die Schuppen wieder. Sein Trick, er kauft ein kleines Stück,
geht um die Ecke und riecht), wie man frischen Aal erkennt (an der rosaroten Unterseite der Schuppen), wie man Matjes Hering richtig macht (gute "Matsches" sagt er in seinem norddeutschen Singsang,
kriegt man nur in Holland oder hier bei Laasphe, da wo die Holländer einkehren). Ich erfahre, wie es in der Maschine eines Dampfschiffes zugeht (schmieren, schmieren, schmieren, im Laufschritt
alles was sich bewegt immer wieder schmieren, auch wenn ein Finger dabei drauf geht, die Maschine darf nicht fest fahren), wie damals der Kapitän, der Erste und der Leitende am Gewinn beteiligt war
und sich nicht um Vorschriften kümmerte (die ollen Seelenverkäufer), ich erfahre, wie es bei den Amis war als Inspektor für Fahrzeugreparaturen, als der er nach Dautphe kam um die Maschinen im Girl
Scout Lager zu kontrollieren, seine Frau kennen lernte, sesshaft wurde und am Staffelberg bei den schwer erziehbaren Jungens hängen blieb als Gruppenleiter. 26 Jahre lang, aber immer noch mit
Sehnsucht nach dem Meer. Jetzt fahr ich wieder hin, zu meine Schwester ihr Haus un guck mir das Wasser an. Wild muss es sein, das Meer, wild. Der Arzt entließ ihn, schade.
Das Essen ist hervorragend. Anfangs allerdings wunderte mich, dass die überbackene Kartoffelmatsche und das in Soße gebadete Schweinefleisch mit Vollkornkost zu tun haben sollte. Das Rätsel löste
sich, ich hatte "Vollwertkost" bestellt und das "Voll" mit "Korn" und gesund assoziiert.
Montag, 3.8.
Friedrich Wilhelm war nur eine Nacht Gast. Er hatte Koliken, sein Verdacht auf Nierenstein konnte nicht verifiziert werden, der Arzt schickte ihn am nächsten Morgen wieder heim. Friedrich Wilhelm
schwätzte gerne. Seine Fragen und Aussagen beendete er mit einem gewollten Gelächter. Ungekämmt, unrasiert, braun im Gesicht, schneeweiß am dickbäuchigen Körper, angetan mit schwarzer
Schießer-Unterwäsche schlurfte er lieber vor zur Kabine der Krankenschwestern um sich die Serum-Flasche entfernen zu lassen. Den Ruf-Knopf drücken? Nein, ich gehe lieber, hachhachhach. Er schwätzte
seine vielfältigen Krankheiten vor- und rückwärts in den Raum, ob ich las, Musik hörte oder ihm zugewandt war. Schwieg er, lag er wie ein gestrandeter Wal auf seinem Bett und ließ die Zeit
vorbeigehen.
Von ihm lernte ich, wie Überlandleitungen verlegt werden. Er gehörte zu den Helden meiner Jugend, die mit Steigeisen auf Holzmasten kletterten. Wie die langen, schweren Leitungen da rauf kommen,
wollte ich schon immer wissen. Jetzt weiß ich, dass Hilfsrollen neben die Isolatoren montiert, mit Führungsseilen die Kabel nachgezogen und einseitig verankert werden. Auf der anderen Seite wird
mit Maschinen oder per Seilzug gespannt (entsprechend der Außentemperatur und Tabellenwerten) und dann werden die Kabel an den Isolatoren befestigt. Was, wie mir Friedrich Wilhelm bestätig,
manchmal nicht einfach ist, der Zug ist zu stark, dann müssen 2 oder 3 Mann rauf und hebeln. Vor der Besteigung muss mit einem kleinen Hämmerchen der Mast auf Morschheit geprüft werden. Ein Kollege
von ihm, der diese Prüfung vergessen hatte, mitsamt Mast umgefallen.
Frag nur, sagte er, frag nur. Lebensgeschichten sind mir lieber als Krankengeschichten, aber es kam nicht mehr viel. Mit 52 arbeitsunfähig, seither zupft er Gras aus dem Pflaster, macht den Hof und
Wald sauber, schlägt Holz aus, hilft Nachbarn, baut sich eine Veranda und sitzt drauf. Einem Nachbar musste er eine Blende einziehen, unten an der Carport-Wand, durch den Spalt war beim Mähen immer
Gras hereingeflogen, musste mittels Turbogebläses wieder hinausgetrieben werden. Jetzt ist alles in Ordnung und mit feinem Split bedeckt. Kyril schon hatte die Verankerung dieses Car.....das geht
zu weit. Ich staune. Des Menschen (Arbeits)Wille ist sein Himmelreich.
Ich genieße das Krankenhaus, keine Verpflichtung, endlose Zeit zum Lesen, Liegen, Musik Hören, Schreiben, Schlafen. Ich darf. Faul sein.
Montag Nachmittag
Jetzt liegt ein alter Mann im Bett neben mir. Der futtert wie ein Junger. Er schlurft, schmatzt, schluckt, kaut geräuschvoll alles, was vor ihn kommt. Nach seiner Einlieferung hat er um 11.00 ein
komplettes Frühstück verdrückt mit Käse, Wurst, Ei, Broten, Butter, Marmelade, Kaffee. 1 1/2 Std. später gab es Mittagessen, Vollkost für ihn, das schlurft er gerade und stöhnt leise. Er
will, dass die Reste für die Katze eingepackt werden.
Wenn er fertig ist mit reden oder essen, schläft er und stöhnt wie von Alpträumen geplagt. Manchmal hört es sich an, als wolle er den Löffel abgeben. Ohropax und iPod nutzen nicht viel, harte
Nerven mehr.
An den Krieg, sagt er, erinnere er sich vollständig, bis Moskau und Schwarzes Meer seien sie gekommen. Niemand habe ihnen gedankt, sagt er. Sogar angespuckt sei er worden, hinterher. Das muss weh
getan haben. Als er erklärt, er sei Berufssoldat in Hitlers Armee gewesen, verzichte ich auf Nachfragen. In die Gefahr, einem gegenüber zu sitzen der noch heute glaubt, Recht getan zu haben, will
ich nicht kommen. Wer weiß, was er alles auf dem Kerbholz hat.
Die dunkelhaarigen Helferinnen bezeichnet er als Ausländerinnen. Die, sagt er, sind froh, wenn sie arbeiten können. Mit seinen Enkelinnen hat er andere Erfahrungen gemacht. Sie wollen nur
studieren, sagt er, nicht mehr arbeiten. Fahren Autos kaputt und kriegen neue.
Nur noch ein halber Mensch bin ich, sagt der alte Mann. Keinen Führerschein mehr, Auto steht da, bitten muss ich um eine Fahrgelegenheit, ich höre schwer, sehe nur noch Schatten, überall sind
Schläuche, sitze den ganzen Tag rum, kann nur noch Radio hören, nix als Unsinn erzählen die da von irgend welchen Hottentotten. Dann legt er los und wettert über die Frauen im Radio, unanständig
seien die, obszön ihre Stimmen, weg damit, weg.
Nachtaktiv ist er. Fernsehen aus, Licht aus verlangt er früh um dann los zu legen. In immer kürzer werdenden Abständen geht sein Licht an, bleibt an, er muss zur Toilette gebracht werden,
Durchfall kommt dazu, es stinkt, er stöhnt. Der Mann ist arm dran. Ich langsam auch. Der Arzt lässt ihn nicht gehen, er muss einen Tag länger bleiben und ist sauer. Die haben mir die Tablette
gegeben dass ich Durchfall kriege, sagt er. Als Versuchskaninchen für die Schweinepest wähnt er sich.
Der alte Mann entpuppt sich als unduldsamer Griesgram. So möchte ich nicht werden. War der immer schon so? Oder treibt das reduzierte Leben zur Unzufriedenheit?
Mittwoch, 5.8.
Ein wundersamen Abend gestern. Der Sonnenuntergang veränderte die Farben des Waldes am Berghang gegenüber von strahlend grün zu schwarz-weißem Schattenriss, eingekuschelt im Bett Film auf dem PC
("Besser gehts nicht" mit Nicholson/Hunt u.a.), mit dem Kopfhörer mittendrin, die Gurgelgeräusche meines Nachbarn ausblendend. Nur 1x Sauerei und Aufwachen in der Nacht dank einer Windel für den
alten Mann und Schlafmittel für mich.
Wir verstehen uns nun besser. Er redet mit mir, fängt wieder an mit seinen Radioproblemen, der einzig ihm verbliebenen Verbindung zur Welt. Er kann sie nicht ab, die Frauen mit ihren schrillen
Stimmen, ich versteh sie nicht, meine Ohren klingeln, sagt er. Und dann immer wieder dieselben Nachrichten den ganzen Tag (da gebe ich im Recht), wenn sie doch nur interessante Themen hätten, aber
nein, nur Sachen vom Schah und Hottentotten. Anstelle mal was von Hitler und den interessanten Leuten damals. Ich hatte es geahnt. Er darf nach Hause, muss weiterhin mit sich selbst zurecht kommen.
Strafe muss sein.
Meditation "Praxis der liebenden Güte" erprobt. Beim 10. Mantra mit der Aufforderung, meine Liebe verströmen zu lassen ging es mir wie Alois, dem Münchner im Himmel, der Hosianna singen und
jubilieren sollte. Fixluja, sog i, luja!!!! Loast mi aus mit eirem Luja, a Moas will i.
Ein Neuer kommt mittags, der 4. in sechs Tagen. Durchgangsverkehr. Der hier sagt nicht viel, löst Kreuzworträtsel und wurde operiert. Na ja, hab genug eruiert in der Genesungsanstalt. Abends dann
stellt sich heraus, dass er,der Buchenauer, früher öfters in Hommertshausen war. Sein Opa war unser Nachbar und seine Mutter, die "Tante aus Buchenau" half beim Verkaufen in Opas Laden.
Hennjes, mein Geburtshaus, war ihm bekannt. Wir werden uns schon über den Weg gelaufen sein.
Jeden Tag hat mich M besucht. Sie kam um 4.00 strahlend und schön gekleidet um Herz und Sinne zu erfreuen. Wie schön, dass es sie gibt. Ihren Besuch werde ich vermissen. Witz komm raus, jetzt ist
sie ja immerfort da und ich kann sie anschauen wann ich will.
Donnerstag, 6.8.
Heute komm ich raus. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Es war manchmal ein wenig wie umsorgter Urlaub als Kind, wenn ich im Bett bleiben durfte.
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