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Friday, 7. august 2009 5 07 /08 /Aug. /2009 09:37

Ricaurte kann man nicht als Dorf bezeichnen, diese vergessene Ansammlung von windschiefen Hütten und Verschlägen im Urwald an der Grenze zu Kolumbien. Schwarze Menschen leben hier, ein Gerücht will wissen, ihre Vorfahren, Sklaven, hätten ihr Schiff gekapert, sich befreit und seien in dieses unwegsame Gebiet geflohen. Geholfen haben sie Holzfirmen, den Urwald zu roden, der als Sekundärurwald nachwuchs, sie selbst aber um die Einnahme- und Lebensquelle brachte. Nun leben sie mehr schlecht als recht ein wenig von den Tieren und Früchten des Waldes, ein wenig vom Gold waschen - es gibt fast nichts - einige wenige vom rudimentären Anbau.

 

Die Missionsstation in San Lorenzo, 20 km entfernt im pazifischen Mangroven-Delta gelegen hatte nachgefragt, ob eine Fachkraft des DED den Frauen in Ricaurte Kenntnisse in Gemüseanbau und Kleintierzucht vermitteln könne. Wir evaluierten. Nach San Lorenzo gelangt man nur mit der Bahn oder dem Boot. Die Bahn, ein ehemaliger Bus auf Schmalspurschienen gelegt, fährt zwei Mal die Woche vom Hochland aus die Strecke, Fahrtzeit 12 - 24 Std., immer wieder müssen die Schienen geräumt werden. Mit dem Boot gelangt man in 4, 5 Std. abenteuerlicher Fahrt zwischen Inseln und Mangroven durch von La Tola aus, dem letzten Ort an einer Piste, in die Stadt. Wir wählten letzteres. Die Missionsstation stellte den Lastwagen der uns durch den Wald bis zum Fluss brachte, auch noch durch den Rio Tululbi, dann aber musste er aufgeben, die Bohlen über die Schlucht waren nur zum Balancieren geeignet.   

 

In Quito hatte man uns gewarnt, da unten herrsche der pure Machismo, Männer dominierten als absolute Herrscher die Frauen, viele trieben Bigamie. Bei der Versammlung tat sich eine Frau besonders hervor, sie gebot Männern Schweigen, hier ginge es um Frauenangelegenheiten. Sie sprach, hatte Ideen, war zentrale Person, stellte sich vor, Edith war die Krankenschwester des Dorfes, ihre Ausbildung im Hochland machte sie zur gebildeten, wichtigen Person, unübersehbar alleine durch ihre Körperfülle. Für die Hausgärten fanden wir einen Kompromiss durch eine EH, beschäftigt bei der Missionsstation, M aber fand eine Freundin und eine neue Aufgabe.

 

Ich will wissen, wie das mit dem Machismo ist, sagte sie, da stimmt doch was nicht so wie die Frauen auftreten. Edith hat mich eingeladen, für ein paar Wochen lebe ich bei ihr und ihren Kindern im Dorf. Mein lieber Schieber, das war eine Herausforderung besonderer Art. Die Hütten standen auf Stelzen, eine Hühnerleiter führte hinauf, ein großer Raum zum Kochen und Wohnen, zwei Verschläge zum Schlafen für Kinder und Erwachsene, der Boden aus groben Bohlen war in Abständen gelegt, unten sah man Schweine. Kein Wasser, keine Toilette, kein Strom. Nein, wir haben keinen Strom, sagten sie, wozu die lose verlegten Leitungen zwischen den Häusern und die Plattenspieler dienten, haben wir später erfahren. Da willst du hin? Ich halte es hier nicht zwei Tage aus. Ja, sagte sie und dann schreibe ich darüber. In La Tola verschwand sie mit ihrem Bündel auf dem Boot, in zwei Wochen wollten wir uns wieder treffen.

 

Sie kam hinten auf einem Lastwagen in Esmeraldas an, der nächsten größeren Stadt. Ein wenig abgemagert, ungepflegt, mit einem einfachen Cotton-Hänger bekleidet so wie die Frauen am Rio Tululbi. Ich war erschrocken, befürchtete, ihr ginge es schlecht, hoffte, sie würde mit zurück fahren. Ach nee, sagte sie, es ist schwer aber hochinteressant. Ich bleibe. Und erzählte. Wie sie lernte, dass mit standardisierten Interviews verschiedene Welten aufeinander trafen (Wie alt sind sie? Wart mal, ich bin älter als die da, jünger als die da. Sind sie verheiratet? Nein. Was arbeiten sie? Mit meinem Mann auf dem Feld. Sie haben gerade gesagt, sie wären nicht verheiratet. Entrüstung: aber einen Mann hab ich doch! Was macht ihr Mann, wenn sie krank sind? Dann gibt er mir Geld. Kocht er auch für sie? Wieder Entrüstung: er ist doch kein Schwuler! Wo ist ihr Mann? In der Stadt, bei seiner anderen Frau. Wie viel Kinder haben sie? Äh, also drei vom jetzigen Mann sind bei mir, zwei vom ersten Mann in der Stadt bei Verwandten, ich hab noch drei von der Cousine, zwei sind ab und an bei der Oma... Es war nichts zu machen, vergleichbare Zahlen gab es nicht). M lernte, das Flussklo zu benutzen, man gab ihr ein großes Palmenblatt und verwies sie an das Wasser, sie lernte, dass Männer die Familie zu versorgen haben, öfters auswärts leben müssen, manchmal mehrere Frauen haben. Das ist auch richtig so, sagte ihr eine, die Frau in der Stadt geht nicht aufs Feld hier im Wald und allein ist es für ihn zu gefährlich, ich gehe mit, koche für ihn, lebe mit ihm, helfe ihm. Dann ist meine Familie versorgt und er hat auch was davon. Sie lernte auch Frauen kennen, die sich entschlossen hatten, allein zu leben, Männer taugen nichts. Sie lernte, dass man nie allein sein darf, hatte Schwierigkeiten, Notizen zu machen, schon war wieder jemand da, redete. Sie lernte, dass morgens bei Sonnenaufgang der Tag anfing und abends bei Sonnenuntergang nach 12 Std. aufhörte. Sie lernte, mit den Ratten fertig zu werden, die nachts über ihren Körper liefen, sie lernte sogar, Waldratte zu essen. Es gab nur zu lernen.

 

Zum Beispiel: Fortschritt macht Windeln notwendig. Edith hatte in der Stadt Matratzen kennen gelernt, billige aus Schaumstoff, eine davon hatte sie mitgebracht. Auf der schlief sie mit ihrem einjährigen Sohn und M zusammen. Laken oder Windeln gab es nicht und so floss sein Pipi ungehindert in die Unterlage, Nacht für Nacht. Gewöhnungsbedürftig, im Feuchten aufzuwachen. Der Gestank war atemberaubend. Einen Morgen war die Matratze trocken, dafür der Schuh gefüllt, als sie hineinschlüpfte. Alle anderen Dorfbewohner schliefen auf dem Boden, nächtliche Ergüsse flossen durch die Ritzen zwischen den Dielen ab. Praktisch waren die Ritzen auch beim sauber Machen, alle Reste flogen nach unten den Schweinen zu. Gegessen wurde auf dem Boden, blieb etwas übrig, wurde es an Freunde verteilt, ein sozialer Akt mit Hintergrund, wie sich herausstellte. M war nach San Lorenzo gefahren und hatte Vorrat eingekauft für einige Tage. Edith kochte alles auf einmal und das Dorf war glücklich. Angesäuert stellte M sie zur Rede und lernte, dass nichts aufgehoben werden kann, es verkommt in dem schwül-heißen Klima umgehend, denn Kühlschränke waren unbekannt. Sie lernte, die Solidarität unter den Frauen lieben, Männer, so die allgemeine Meinung, sind nicht oft zu gebrauchen, Frauen das Zentrum der Familie und Gemeinde. Ja, ja, sagte Edith, man muss den Männern öfters mal Recht geben, das brauchen sie. Und ließ ihren Mann Chillambo im Glauben, er, die halbe Portion, sei Chef. Die Männer hatten in der Tat ernste Themen zu diskutieren. M wurde hinzu gezogen, sie war zwar eine Frau aber weit gereist. Ist jetzt Rom nähe am Himmel als wir es sind? Weil der Papst doch mit Gott redet und da muss er doch näher dran sein an ihm, oder?

 

Gearbeitet wurde um den nächsten Hunger zu stillen. Das hatten wir vorher bei Fischern an der Küste schon erfahren. Oh ja, sagten sie, viele Fische hier, jedes Mal wenn wir raus fahren haben wir das Boot voll. Wie viel wir dafür kriegen? Wir rechneten hoch, zwanzig Arbeitstage im Monat brachte ein ansehnliches Einkommen. Sie lachten, nein, nein, erst mal leben wir davon, feiern auch, geben Freunden was ab. Und wenn nichts mehr da ist, fahren wir wieder raus. Das war auch im Dorf so. Nur wenige hatten Land im Wald, sie gruben nach Wurzeln, sammelten Früchte, pflückten sich grüne Bananen, ihre Hauptnahrung und manchmal erlegten sie auch Kleintiere. Die Jagd aber war zurück gegangen seit der neue Wald nachwuchs. Die Idee der Hausgärten war gut, für die Zukunft sorgen war ihnen fremd. Manche wuschen Gold im Fluss, umgehend beendet bei der geringsten Ausbeute, Edith und der Lehrer bekamen - selten genug - ein unscheinbares staatliches Gehalt. Meist war Ruhe im Dorf, die Männer irgendwo, die Frauen zusammen am Wasser, waschend und tratschend. Ein Kirchlein gab es auch, eine Baracke mit schiefem Kreuz auf dem Dach, der zuständige Pfarrer aber wagte die beschwerliche Anreise nur ein Mal im Jahr, segnete genügend Wasser für die Taufen und Todesfälle und überließ seine Schäflein frommer Eigeninitiative.

(Fortsetzung folgt morgen oder übermorgen)

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