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Sonntag, 9. august 2009 7 09 /08 /2009 10:23
Teil II

M lernte Kinder zu impfen und Mütter auf zu klären bei einer Gesundheitskampagne von Edith, den Fluss weiter hinauf, dort wo sonst niemand hin kam. Auch hier wieder die Gemeinschaft der Frauen, das Anstehen in der Warteschlange nutzend um miteinander zu reden, sich zu freuen, es wurde was für sie getan. Sie lernte, eine Bisswunde zu heilen: dem Hund wurden Haare abgeschnitten, die verbrannte Asche in die Wunde gerieben. Später sagte ihr ein Arzt, die Haare müssten nicht vom schuldigen Hund sein, das aber sei der einzige Fehlschluss im Verfahren. Verbrannte Haare seien antiseptisch, verschlössen die Wunde und enthielten Heilstoffe. Sie lernte Gold und Wäsche im Fluss waschen, Fische mit dem Stock fangen und mit den Frauen fröhlich tratschen. Sie lernte, dass es die Frauen sind, die das Leben im Dorf bestimmen, die sich für intelligenter und selbstsicherer halten als die Männer, die sie und ihre Allüren huldvoll dulden.


Sie lernte auch den Tod kennen, den, der nicht notwendig wäre mit einem Krankenhaus in der Nähe. Tag und Nacht hatte das neugeborene Kind geschrieen, es war zu früh geboren, konnte noch nicht saugen, Edith war hilflos , alle im Dorf waren unglücklich. Und keine Fahrgelegenheit war in Aussicht, zu weit die Stadt. Die Schreie gingen in Wimmern über und erstarben am frühen Morgen. Alle im Dorf trauerten mit. So sei das Leben, sagten sie, und am Abend wurde gefeiert, dass das Baby jetzt ein Engelchen sei.     


Natürlich wurde immer gefeiert, kaum hatte jemand was zu trinken ergattert. Dann saßen sie zusammen, sie, die grundsätzlich positiv gestimmt waren, und machten ein Fest daraus. Das größte Fest aber gab es, wenn der Strom kam. Ja doch, sie hatten einen kleinen Generator, nur der Treibstoff fehlte zumeist. War der Leidensdruck zu groß, das letzte Fest schon zu lange her, dann ging einer herum, sammelte hier ein paar Münzen, dort mal einen Schein, nahm die nächste Gelegenheit in die Stadt zu kommen wahr und kaufte "Diesel". Und dann ging abends der Generator an, die Glühbirnen flackerten und gleichzeitig schrillten alle Grammofone im Dorf los, die Nadel war liegen geblieben dort, wo der letzte Tropfen Diesel die Maschine still stehen ließ. Die Frauen kamen aus ihren Hütten in hochhackigen Schuhen, zurecht geputzt, die Männer hatten sich gewaschen und dann wurde getanzt, geschnattert  geliebt und gefeiert bis der letzte Tropfen Diesel den Strom abstellte.  


Freilich konnte sie - im bescheidenen Rahmen - zur Aufklärung beitragen. Ob Deutschland ein Vorort von Rom sei war leicht zu beantworten. Schwerer wurde es bei der Behauptung, das Weltall bestehe aus 7 Planeten. Der Versuch, die Unendlichkeit des Sternenhimmels einfach zu erklären führte zum ehrfurchtsvollen Kommentar: Dann haben es die Seelen aber weit, in den Himmel zu kommen.

Ihr Versuch, den jungen Lehrer mit pädagogischen Argumenten von seinem frontal-auswendig Lernen weg zu bringen, musste scheitern. Hilfsmittel, kleinere Klassen waren nicht zu finanzieren, ja das Dorf war froh, den Lehrer ab und zu in der Schule zu sehen. Sein geringer Lohn zwang zu Nebentätigkeiten in der fernen Stadt. Dann fiel die Schule aus.


Dies alles und noch mehr erzählte M und bestaunte den Komfort um sich herum. Wir hatten eine jener Hütten am Strand gemietet, die uns früher primitiv erschienen  waren. Sie haben dich eingeladen, sagte sie, komm vor der Abschiedsfeier und bleib ein paar Tage, dann kannst du mich besser verstehen.


Das Fest war eine kaum fassbare Orgie der Zuneigung, Freundschaft ja Liebe zu Marianne. Sie hatten Diesel besorgt, für die ganze Nacht. Die Hütte war voll mit geladenen Gästen und draußen drückten sich die Anderen um Sicht durch den schmalen Eingang, bekamen auch was ab. Wir hatten Bier gekauft, selbst gebrannten Schnaps stellten sie, ließen das Glas immer wieder rum gehen. M bekam Geschenke, Dankesreden, Lobpreisungen als erste Person von weit her, die sich kümmere, ja sogar schriftlich in die Welt hinaus tragen wolle. Der Magier des Dorfes, ein blinder, alter Mann, die Nase von Lepra zerfressen, war nicht eingeladen, kam trotzdem, hatte eine lange Ode gedichtet und auswendig gelernt, nun pries er M mit jedem Vers auf rührende Weise. Gegen 11.00 Nachts überreichte die Nachbarin M ihren Hahn, ich kann ihn nicht mitnehmen, in Quito haben wir keinen Garten, sagte sie und reichte den zappelnden Hahn in die Küche. Kurz darauf hörte man ein Gurgeln, der Hahn war tot und kam in das kochende Wasser. Zwei Std. später gab es Hähnchen-Suppe, der alte Hahn war zäh. Auch ich partizipierte, wurde gelobt, dass ich M hier hatte leben lassen. . Die Männer konnten es nicht verstehen, vermeinten eine andere Frau in Quito, die mich versorge, die Frauen waren dankbar. Zwei Tage war ich nun hier, hatte auf der urinverseuchten Matratze mehr schlecht als recht geschlafen, war immer wieder überrascht von der Freundlichkeit der Dorfbewohner, die offenbar aus Nichts etwas zu machen verstanden, die zufrieden wirkten bei allem Unglück, das sie schnell treffen konnte, von der humanen Reaktion gegenüber missliebigen Mitmenschen. Es gab einen Mann im Dorf, der war hinter jungen Mädchen her. Auf M´s Frage, warum sie ihn nicht einsperrten, kam die Antwort, er sei eben so, die Gemeinschaft wisse sich zu schützen, jeder aber sei anzuerkennen so wie er sei. Auf dem Fest dann straften sie ihn ab auf ihre Weise. Sie sperrten ihn ein mit Blick auf den Hütteneingang. Er, der Feiern über alles liebte, musste auf das wichtigste Fest des Dorfes verzichten. Von der Suppe bekam er etwas ab. .


Die Ruhe am Fluss tat mir gut, ich musste etwas Abstand gewinnen, die Sterne über dem Wasser und dem Wald funkelnden, mein Kopf brachte die verschiedenen Welten nicht zusammen. Hinter mir Gewisper, sie riefen nach M, die kam und sagte, sie haben Angst, dir sei was passiert. Immer wenn Menschen alleine am Fluss sitzen, haben sie große Probleme. Die Feier ging weiter, alles tanzte, sogar ein Baby wackelte auf seinen kurzen Beinchen im Takt, fiel ab und an auf seinen dicken Hintern, kam hoch und wackelte weiter. Wir waren die Ersten, die aufgaben, auf der Matratze hörten wir noch lange die Musik, die Ratten hatten sich verschreckt zurückgezogen, das Fest ging weiter bis Sonnenaufgang.  


Edith und Chillambo kamen nach Quito, M besuchte das Dorf noch einige Male. Zwei Patenkinder musste sie taufen mit dem vom Priester zurückgelassenen heiligen Wasser, es machte nichts, dass sie, die evangelisch Aufgewachsene das Ritual nicht beherrschte. Die paar lateinischen Worte, da waren sie sich sicher, die bringst du auch hin. Ein weiteres Mal fuhr sie mit einem Stern Reporter nach Ricaurte, der in allen Krisengebieten der Erde bekannte Fotojournalist bekam das Grauen in der Nacht, schlief auf Stühlen, berichtete bewundernd. Mit dem Filmteam, den DED dokumentierend, waren wir ebenso dort, obwohl die Hausgärten-Idee nicht gut ankam. Sie waren es nicht gewohnt, zu säen, nur zu ernten. Es war brütend heiß bei hoher Luftfeuchtigkeit, der Schweiß floss in Strömen. Und floss noch mehr, als Edith uns Hühnersuppe zu Mittag servierte. Wir saßen in ihrer Hütte auf Stühlen, noch nie ist mir so der Schweiß die Beinen hinab geflossen, durch die Ritzen im Boden getropft, keine Probleme.  


Das Buch kam bei Rowohlt Aktuell 1989 heraus. "Von der Armut im Garten des Lebens" hatte den von M favorisierten Untertitel: "Die Frauen vom Rio Tululbi", verkaufte sich ganz gut, doch dann kam die Wende, Themen über die 3. Welt waren out. Im Internet ist das Buch noch zu finden. Doch wir haben gelernt über andere Welten anders zu denken. Was, habe ich M gefragt, hat dich am meisten beeindruckt? Ihre Sicht auf unsere Welt, sagt sie. Schau hier: "Warum", fragte ich Edith, "glaubst du, dass wir mit unseren Männern glücklicher zusammen leben als ihr?". "Klar lebt ihr glücklicher mit euren Männern. Ihr habt Geld, und mit dem Geld kommt auch das Glück für die Menschen." "Es gibt aber auch Leute, die haben Geld und sind  doch nicht glücklich." "Ja, vielleicht haben die auch Streit miteinander, aber nicht, weil es ihnen an etwas fehlt. Das ist hier der Hauptgrund für Streit. Ich verstehe nicht, warum ihr streitet oder euch scheiden lasst, wo ihr doch alles habt, was ihr braucht." Ihre Freundin ergänzte: "und ihr habt Kleider, genügend zu essen, eure Kinder können zur Schule gehen und jederzeit könnt ihr zu einem Arzt. Ihr müsst glücklich sein".

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  • Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte
  • : Erlebnisse, Geschichten, Abenteuer aus verschiedenen Welten. Vom Leben in Deutschland, Chile, Ecuador, Rio de Janeiro, Kolumbien, Tansania, Mosambik und heute im Dorf. Plus Bilder, Reflektionen, Ideen zu Wirtschaft und Gesellschaft, mit Witzigem und Brauchbaren.

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