Sunday, 23. august 2009 7 23 /08 /Aug. /2009 10:07

Da legte uns der Kerl in unserem letzten Jahr doch noch einen ins Nest. Viel Exotisches hatten wir schon erlebt, einen Militärputsch noch nicht. In der Nacht schon hatten wir Schüsse gehört, am Morgen sahen wir von unserem Fenster mit Blick schräg hinunter auf das Flugfeld Gestalten in grüner Kampfuniform über das Feld hetzen, regierungstreue Heereseinheiten mit Panzer und Flak den Flughafen umstellen, Salven knattern, Vargas, ein junger hau drauf Offizier, jüngster General und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, putschte gegen den Präsidenten Leon Febres Cordero.  Etwa 400 "Rebellen", auch Zivilpersonen hatten die Militärbase eingenommen und damit den Flughafen, Demonstranten vor dem Gebäude schlossen sich ihnen an, bildeten eine Mauer, kletterten auf die Panzer der Regierungstruppen, schrieen "abajo", nieder Leon, skandierten "el pueblo unido, jamas será vencido", aus Allende Zeiten bekannter Slogan vom vereinigten Volk, das niemals besiegt werden kann. Vargas gab Pressekonferenzen, forderte den Rücktritt von Febres Cordero, wir hörten Radio Kolumbien, in Ecuador herrschte Ausnahmezustand und Pressezensur, nur noch regierungskonforme Sender durften regierungskonforme Nachrichten verbreiten.

 

Bleiben sie zu Hause, Ruhe bewahren, wies der Rundfunk an. Ich musste um die Entwicklungshelfer und ihre Sicherheit  bangen, fuhr auf Schleichwegen ins Büro, telefonierte wie wild, mit der Botschaft, mit dem Büro, mit den EH´s, die erreichbar waren: bleibt wo ihr seid. Was ist im Land los? Ist das ein Flächenbrand oder nur eine einsame Aktion? Die Botschaft wusste es nicht, bat um Informationen von Seiten der EH´s die flächendeckend im Land verteilt arbeiteten, niemand war sich sicher, die sozialen Bedingungen ließen nichts Gutes erwarten. Daraus konnte schon ein Aufstand werden. Die Bezirke Pichincha (also wir) und Manabi (in Portoviejo waren EHs)  wurden zu Sicherheitszonen erklärt, bleiben Sie ruhig, die Situation ist unter Kontrolle. Von wegen Kontrolle, sie schossen immer noch auf dem Flughafen rum.

 

Um 12.30 meldete M, die mit dem Fernglas den Flughafen beobachtete, starke Schießereien, Krankenwagen rasten mit Blaulicht durch die Gegend, die Regierungstruppen rückten vor, Panzer schlichen über die Flugpisten auf das Gebäude der "Rebellen" zu, 1 Std. später war das Gefecht vorbei. Vargas wurde verhaftet, 4 Tote waren zu beklagen, darunter eine Frau und ein Kind durch Querschläger, zahlreiche Verwundete. Drei Tage später war der Spuk vorbei, der Ausnahmezustand aufgehoben, der Zentrale konnte Entwarnung durchgegeben werden, kein EH war gefährdet, das Land kehrte schnell zur Normalität zurück. Es war ja nicht das erste Mal. Für uns schon. Seit der liberalen Revolution 1895 hat das Militär 18 Mal gegen gewählte Präsidenten geputscht. 

 

Was war geschehen? Febres Cordero, ein reaktionärer Caudillo, sammelte Getreue um sich, hatte gegen Teile der Armee einen neuen Verteidigungsminister eingesetzt, ging gegen das Volk mit Härte vor, war als Präsident der Reichen bekannt. Vargas sah sich wohl als Erfüllungsgehilfe nicht nur militärischer Belange, hoffte auf Verstärkung durch soziale Erhebungen, wirr, unausgegoren, doch bestimmt sah er sich in einer Reihe mit den großen lateinamerikanischen Militärs, angefangen bei dem Befreier vom spanischen Joch, Bolivar, auch die sozialrevolutionäre Militärrevolution in Peru Anfang der 70er Jahre mag im Vorbild gewesen sein, obwohl alle bisher grandios gescheitert waren. Jetzt war auch er gescheitert.

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