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Dienstag, 25. august 2009 2 25 /08 /2009 10:32

Routine verzeichnet mein Bürotagebuch, mit Erstaunen lese ich: 5:45 Beginn, wohl nicht alle Tage, aber viel gearbeitet habe ich, die Hälfte der Zeit im Büro, die andere Hälfte Dienstreisen, Projektbesuche, Evaluierungen, Kontakte im ganzen Land. Ruhe war eingekehrt in dieses anfangs so unruhige Programm, nun konzentriert um technisch-handwerkliche Ausbildung mit solchem Erfolg, dass das Ministerium Mitarbeit eröffnete, allgemein gültige Lehrpläne zu entwickeln. Sicher, die Landwirte gab es noch, wie auch nicht in diesem landwirtschaftlich ausgerichteten Entwicklungsland. Nun aber waren sie technische Berater ohne sozialrevolutionären Anspruch, genau so wie in allen anderen Programmteilen. Knapp 50 EHs hatte ich ins Land geholt, mit Frauen und Kindern eine über 100-köpfige Community zu verwalten und zu betreuen. EHs sind eng an ihre Organisation angebunden, erhalten ein nach Status und Kinderzahl gestaffeltes Unterhaltsgeld, von ihrer Organisation die Unterkunft, für ihre Kinder Schulgeld, Arztgeld, sie sollen sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Natürlich gab es Konflikte. Wie auch nicht. Schwierigkeiten zwischen EHs waren zu bereinigen, mit Projektträgern zu klären, modi vivendi zu finden, wie die Arbeit weiter gehen konnte. Darin war ich gut, vermitteln  konnte ich.


Bei Konflikten fällt mir immer Theo ein, der Agrarfachmann frisch von der Universität. Zwar hatten wir sein Spezialgebiet "alternative andine Anbaumethoden" angefordert, wollten einen erfahrenen Fachmann, kriegten den Theoretiker. An der Auswahl in Berlin waren wir nicht beteiligt, Fehlbesetzungen kamen schon mal vor. Theo war eine. Seinen ersten Kampf begann er um einen Jeep, mit dem vorgesehenen Geländemotorrad war er nicht einverstanden, wollte standesgemäß bei den Hochland-Indios erscheinen. Petition um Petition ging ein und bis nach Berlin. Sein nächstes Ziel war, den Indios Pünktlichkeit beizubringen. Ihnen, die keine Uhr kannten, sich nach der Sonne richteten, lange auf dem Feld blieben, setzte Theo die Versammlungen auf 16:00 an. Eine viertel Stunde warte ich, dann können sie sehen, wie sie mich erreichen, sagte er. Alles Zureden half nichts, Theo hielt deutsche Werte hoch.


Ungewollt verschaffte er uns die skurrilste Autofahrt. Vermitteln sollte ich zwischen Träger, EH und Zielgruppe, den Indios, am Montag war eine Versammlung angesetzt, weit im Süden, in den Bergen bei Cuenca. 1 1/2 Tage Fahrt waren vorzusehen, Sonntag Abend wollte ich zu Vorgesprächen vor Ort sein. M kam mit, Samstag kamen wir bis Guayaquil wie vorgesehen. Nun war Sonntag Volkszählung. Jeder musste in seinem Haus bleiben, den Zählern Rede und Antwort stehen, nicht umherlaufen, nichts durcheinander bringen. Totales Fahrverbot für alle, nur für Ausnahmen nicht, zu der wir gehörten. Ein rotes Banner prangte auf unserer Windschutzscheibe, wies uns aus als privilegiert. Ich war stolz auf meine Kontakte und Vorsorge. Doch dann ging es los. Wir mussten tanken, irrten in der unheimlich menschenleeren Stadt umher, fanden keine offene Tankstelle, wie denn auch, kein Auto unterwegs, Ausgehverbot bis 17.00 nachmittags, erst dann bekamen wir Benzin. Das hatte ich nicht berücksichtigt, meine Planung hatte den ersten Knacks. Vor Sonnenaufgang am nächsten Morgen fuhren wir los, kamen bis zum nächsten Ort, da spielte die Elektrik des Wagens verrückt. Ein einsamer Frühaufsteher gab Auskunft, ja, dort wohnt ein Mechaniker. Menschen umringten den Wagen, zogen an Kabeln, schraubten, gaben gute Ratschläge und irgendwann lief der Wagen wieder (dass dieser self made man Kabel kurz geschlossen hatte merkten wir erst nach unserer Rückkehr. Der Wagen fing an zu brennen). Kurz vor Mittag der nächste Schlag: Reifenpanne. Kein Problem, wir, durch viele Platten auf den unwegsamen Straßen eingespieltes Team, brauchten normal nur 10 Minuten. Diesmal nicht, der Kreuzschlüssel brach ab. Kein Fahrzeug weit und breit, dann ein Lastwagen, der half aus. Der Schlüssel musste geschweißt, der Reifen geflickt werden, zu riskant war die Fahrt ohne Ersatz. Die Werkstatt im nächsten Ort geschlossen, da hinten fährt der Besitzer zum Mittagessen, sagte einer. Der arme Mann, er dachte an Verfolgung, ich verfolgte ihn in der Tat bis weit außerhalb der Stadt, dann gab er auf, hielt und fuhr mit uns zurück zur Reparatur. Bis kurz vor unser Ziel kamen wir noch, die entgegenkommenden Fahrzeuge blinkten, Menschen gestikulierten, es war nicht Freundlichkeit, es war ein Erdrutsch, den sie anzeigen wollten. Verzweifelt hielten wir nach einem Umweg Ausschau, vermeinten am gegenüberliegenden Berg einen zu sehen, verfranzten uns total und blieben erschöpft an einem Bach stehen. Nur kurz wollten wir ausruhen, schliefen auf der Wiese ein, kamen um 18.00 Uhr als es dunkel wurde wieder zu uns, fuhren nach Cuenca zurück und Theo verkündete, der Beauftragte schafft es nicht, mich zu betreuen.


Mit Theo und seinem Projekt ging es schlecht aus, wie auch anders, ich musste ihn abziehen an eine Stelle ohne große praktische Anforderung, ließ ihn evaluieren, das konnte er, lernte dabei eine EH näher kennen, die noch als Restbestand aus der alten, "revolutionären" Fraktion übrig geblieben war, beide verliebten sich, zogen zusammen, gaben Ruhe, beendeten ihre Verträge, ich war sie los. Dachte ich und hatte die Rechnung ohne Theo gemacht. Er, der mit herausragenden Noten in seiner theoretischen Laufbahn Bedachte, akzeptierte meine zurückhaltendes, neutral-distanziertes Zeugnis nicht, ging bis vor den Petitionsausschuss des Bundestages, die Zentrale schaltete sich ein, ich musste nachbessern und nachbessern, gab schlussendlich entnervt auf. Theo erhielt sein gutes Zeugnis.

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