Gebrauchsanweisung
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Der Count Down begann und mit ihm all die
Auflösungserscheinungen, wenn man Zelte abbricht. Wir wollten nicht gehen aber wir mussten, selten lässt eine Entwicklungshilfe-Organisation ihre Mitarbeiter länger als 5 Jahre in einem Land. Sie
sagen, sie hätten Angst vor der Verbuschung ihrer Fachleute, ich denke, sie haben Bedenken ob der Hausmacht, die lange Erfahrung und eingefahrene Kontakte mit sich bringt. Wie auch immer, wir
mussten Abschied nehmen und das fiel uns verdammt schwer. Frank war schon weg, ihn zog es nach dem Abitur und vor dem Studium zu seiner Freundin, Goran wollte mit M zurück nach Nürnberg und eine
Lehre im Hotel beginnen, sie hatte dort ihre Planstelle als Lehrerin. Ich hatte einen Kontakt zur Friedrich Ebert Stiftung in Bonn. Manfred, Leiter des Büros in Quito, war vor uns nach
Deutschland zurückgekehrt, nun 2. Personalchef und wollte mich. Das würde ich nach der Rückkehr regeln.
Los Bohios ist eines unserer beliebtesten Ziele zum Ausspannen, Auftanken, Besuchern leere Strände zeigen. Kleine Holzhäuschen zweistöckig, einfach eingerichtet,
ideal gelegen zwischen Strand und Dorf auf der anderen Seite des Flusses. Ein primitiver Holzsteg führt hinüber, abends wehen lateinamerikanische Rhythmen des Tanzlokals herüber. Oft haben
wir nackt oben vor dem Eingang gesessen, der Musik in der heißen Tropennacht gelauscht, genossen, ausprobiert, ob es zu heiß für die Liebe war. Langsam wussten wir nicht mehr, ob sie uns
anlachten in Los Bohios weil sie uns mochten oder weil sie uns gesehen hatten.
Ein Kapuzineräffchen hielten sie an einer langen, leichten Kette, das sprang von Palme zu Palme und beklaute die Gäste. Einmal hatte das Äffchen sich eine Freundin ausgesucht - das
Huhn des Hauses. Sie waren unzertrennlich, schliefen zusammen eng umschlungen. Tagsüber lauste er sie und wenn Leute sich näherten, ging er in Verteidigungsstellung. Eine seltsam-seltene
Symbiose.
Auf meinem Osterei steht kunstvoll was Schönes: Lieber R! Du hast die Farbe rot - weil das die Farbe der Liebe ist und weil Du rote Haare magst und rote Lippen und rote hochhackige Schuhe. Frohe Ostern wünsche ich Dir und viel, viel Rot auch weiterhin. Ich hab dich sehr lieb, Deine M ¤
M tat mir den Gefallen, zog sich scharf an, trug rot. Doch einmal führte Gelb fast zu einem Verkehrsunfall. Das kam so:
Das Kleid fanden wir in Guayaquil,
elegant von vorne, auffallend schon durch seine Farbe aber nicht gerade erotisch in´s Auge fallend. Doch beim Gehen öffneten sich an der Seite Schlitze bis zur Hüfte, zeigten M´s herrliche,
braungebrannten langen Beine. Den Machos an der Küste ging es wie mir, sie liebten Frauen. Das ließen sie hören, pfiffen, riefen Komplimente und wollten natürlich mehr. Wir wollten ausgehen, ich
hielt mit dem Wagen einen Block vor dem Hotel, M zog sich um, besagtes Kleid wollten wir ausführen. Im Rückspiegel sah ich sie in Gelb aus dem Hotel auf mich zu kommen, da kreischten Bremsen,
Hupen dazu, sie hatten M von der Seite gesehen. Lachend sprang sie in den Wagen, so ein feed back hatte ich auch noch nicht, sagte sie und strahlte.
Am Abschiedsempfang des Deutschen Botschafters nahm alles teil war Rang und Namen hatte, weniger meinetwegen, der Botschafter war bekannt für seinen guten Wein. Die Pressevertreter wollten schon wissen, was wir so im Land machten, ich fühlte mich gebauchpinselt, gab gerne Auskunft und schaffte das Fernsehinterview ganz gut. Am nächsten Tag, siehe da, große Artikel über den DED in den Zeitungen, im Fernsehen konnte ich mich bestaunen und zusammen mit unserem Film, zur guten Sendezeit ausgestrahlt, hatte ich nun doch mein Echo. Zumindest in Ecuador.
Sie besuchten uns alle, die Freunde im Land, wollten noch mal mit uns feiern, wir kamen aus dem Feiern nicht mehr raus. Freundschaften entstanden, von denen wir vorher nichts geahnt hatten, wir fühlten uns begehrt und geehrt, genossen die Zeit in einem seltsamen Gefühl von Schwerelosigkeit im luftleeren Raum. Es gibt keinen Raum ohne Zeit und die lief davon. Wir mussten packen. Die letzten Tage kamen, der Umzugswagen aber nicht. M telefonierte verzweifelt hinter ihnen her, ja, da war noch ein Feiertag dazwischen und ihre Packer hatten sich eine "Puente", Brücke genommen - möglichst viele Tage vor und nach dem Feiertag. Und was machen wir? Tranquilo, tranquilo, ruhig, ruhig und dann kam das berühmte mañana, morgen. Morgen wird alles gelöst in Lateinamerika. Nur Morgen folgt wieder ein Morgen und niemand weiß, welcher Morgen gemeint ist. Am letzten Tag stand der Container vor der Tür und zwei schmächtige Typen fingen an zu packen. Mittags mussten wir am Flughafen sein. Das schafft ihr doch nie. Si Señor, tranquilo, tranquilo, es kommt noch jemand, wir schaffen das. Und dann stellten wir fest, dass der Container zu klein war. Und ein Teil der Möbel stand auf der Straße. Und es begann zu regnen. Und wir mussten zum Flughafen. Und dann verabschiedeten wir uns von unserer schönen Wohnung und gleich auch von den Möbeln im offenen Container und auf der Straße, ob und in welchem Zustand wir sie wiedersehen würden war fraglich.
Der Abschied auf dem Flughafen war traurig. Eine Abordnung aus dem Dorf von Vicentes
Großmutter war gekommen, mitsamt der Matriarchin meiner alten Freundin. Freunde, Bekannte waren da, die kleine Flughafenhalle war voll. Vicentes Freunde
machten Musik, ich tanzte noch einmal mit meiner Freundin und dann mussten wir fliegen.
Der Lufthansa Chef sagte, ich versorge euch, trug das Handgepäck und spendierte uns Business-Klasse in der Boing 747, oben auf dem Deck. M weinte bis Venezuela. Da mussten wir umsteigen, wir wollten Freund Manfred in der Dominikanischen Republik besuchen, er hatte ein Restaurant gebaut, wollte eine 2. Existenz beginnen. Aber das ist eine andere Geschichte.
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