Artikel teilen! von Einem der auszog...(27) Bonn - FES 1987-92 Teil III: Dann kam was völlig Anderes hinzu. Kaum vorstellbar ist heute ein Bürobetrieb ohne PC, ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Dann kam was völlig Anderes hinzu. Kaum vorstellbar ist heute ein Bürobetrieb ohne PC, Vernetzung und Internet. Noch 1988 war es so. Computer waren etwas für
Freaks, ein ernsthafter Betrieb braucht solche Spielereien nicht, sagten die FES-Granden. Größter Gegner der Computerisierung war der Personalrat, Abbau von Stellen befürchtend wenn Abläufe
beschleunigt, Dokumente einfacher erstellt, Zahlen eleganter verarbeitet werden. Aber auch die FES musste dem Mainstream folgen, die neue Technologie erproben. In Quito hatte ich begonnen, mit so
einem Ding herum zu spielen, viel mehr war nicht drin, praktische Einsatzmöglichkeiten gab es wenige, erst mit dem Siegeszug des PC kamen sie massenweise. Interessiert an Neuerungen war ich ein
idealer Kandidat für die Arbeitsgruppe, mehr noch, weil sie einen brauchten, der die Praxisanforderungen kannte. Die kleine Gruppe bestand erst mal aus 3 Leuten, Peter, Kalle und mir, eigentlich
nur 2 1/2, denn 50% meiner Arbeitszeit war ich nach wie vor Referent für Projekte in Lateinamerika. Manfred war Leiter, hatte als 2. Personalchef die Idee durchgesetzt. Der einzige Fachmann war
Peter, er konnte programmieren. Spannend wurde es, wir betraten Neuland, experimentierten rum, was kann denn ein Computer an Arbeitsabläufen verbessern. Ja, ja, schreiben kann er, das kann auch
eine Schreibmaschine, sagte man uns. Finanzen erfassen könnte was sein. Ein guter Trick und praktisch dazu war, die SachbearbeiterInnen von Beginn an einzuschließen, die hatten nachher wenig
Hürden bei der Anwendung, es war ja ihr Programm. Es klappte, sie erzählten mir die Abläufe, ich schrieb das Ding auf
Multiplan, dem Vorgänger von Excel. Was für ein Abenteuer! Tabellenkalkulation programmieren lernen, anpassen auf die komplexe Finanzabrechnung Ausland,
automatisieren, idiotensicher machen. Und dann standen sie in der Abteilung, die ersten PC´s , wurden bewundert, konnten sogar was. Von Hand ausrechnen entfiel, die Fehlerquote sank, die
Abrechnungen gingen schneller und eleganter, wir hatten einen Fuß in der Tür. Wie elegant ein PC Fehler verbessern, einwandfreie Dokumente ausdruckt, das fanden die Sekretärinnen von selbst
heraus und forderten ihrerseits eigene PCs.
Bei mehr als 100 Auslandsmitarbeitern lag die Idee nahe, Daten fern zu übertragen. Internet gab es zwar, war aber unbekannt, beschränkt auf universitären und militärischen Einsatz, nicht zugänglich für normale Anwender. Modems gab es, die Dinger, die piepsen, wenn sie Verbindung aufnehmen. Mach du das, sagte Manfred. Ich hatte so ein Ding noch nicht mal gesehen, telefonierte rum, bei der Post gabs welche. Die gab’s zwar, aber von denen hatte niemand Ahnung und Erfahrung, also ausprobieren. Es war ein Gefühl wie bei der Mondlandung, als zum 1. Mal mein Modem mit dem im Nachbarzimmer piepsend anfing zu kommunizieren und Daten auszutauschen. Es ging - prinzipiell. Oft genug funktionierte es nicht. Trotzdem, sie mussten in die Büros. Paketweise kamen monatlich Abrechnungen aus aller Welt, mussten per Hand bearbeitet und Jahre aufgehoben werden. Der Bundesrechnungshof verlangte das. Hier wollten wir ran, Abrechnungen elektronisch übertragen. Lateinamerika wurde ausgewählt, war ja mein Kontinent, für viel Geld eine Firma mit der Entwicklung einer Spezialsoftware beauftragt - musste ja alles idiotensicher in Handhabung und Übertragung sein. Zwei Spezialisten reisten rum, installierten, informierten, kosteten Geld. Und dann war es der größte Flopp. Nicht eine Abrechnung haben wir übertragen, die Überseeverbindungen brachen ab, die Leute gaben auf. Erst 20 Jahre später konnte die Idee mit Hilfe des sicheren Internet letztendlich realisiert werden. Das Ganze hatte dann doch noch einen für uns positiven Nebeneffekt. In allen beteiligten Büros waren nun PCs und die wurden mehr und mehr genutzt. Und mit den Modems begann die Zeit der Emails. Das ging, Provider kamen auf auch in Lateinamerika, mit den Modems konnte man sich in Mailboxen einwählen, Emails verschicken und empfangen, das war besser als faxen oder sogar Lochkarten für Fernschreiber drucken und durchrasseln lassen. Die Zahl der Ablehner lockerte sich, sogar Chefs wollten so ein Renommierding auf dem Schreibtisch. Machen wir, sagte Manfred, auch wenn es nur da steht. Danach können sie nicht mehr dagegen sein.
Schleichend hatte der PC Einzug gehalten, der nächste Schritt war Vernetzung. Wieder Neuland. Mein Referat wurde zum Testen ausgewählt, wieder gingen wir vor wie bei der Finanzbuchhaltung. Arbeitsgruppen analysierten Bedarf und neue Abläufe, Leitungen wurden gezogen, ein Server beschafft. Heute ist derselbe Raum die Netzwerkzentrale der Stiftung, mit Dutzenden von Hochleistungsservern ausgestattet, klimatisiert, professionell verkabelt. Als wir begannen, kamen die Leitungen aus der Wand, der Server stand auf einem Tisch, wir rannten uns die Hacken ab, immer wieder floppte eine Anwendung. Geschult musste auch noch werden, die PC-Abteilung wuchs. Und das funktionierte so gut, dass nach und nach alle Abteilungen dran kamen und an das Netz angeschlossen wurde. Wir hatten gewonnen. Auch an Erfahrung, Wissen und Kenntnissen. Peter ist inzwischen Leiter der PC-Abteilung, hat Manfred abgelöst, der eine eigene Softwarefirma gründete, das Portal „Meine Stadt“ aufbaute, Kalle ist zuständig für 100e von PCs der Stiftung in Deutschland und ich bin gern gesehener Gast. Dann schwärmen wir von alten Zeiten, vom Abenteuer PC. Einen besonderen Triumph hatte ich noch. Bei einer Tagung in Mexiko gestand der besonders Computer-resistente Referatsleiter Dr. B.: Kollege, eins muss ich sagen, Sie hatten einen weiteren Blick als ich. Hatte ich? Eher Lust auf Neues und eine ungewisse Ahnung.
Fünf Jahre später wurde es Zeit für einen neuen Auslandsaufenthalt. Es juckte, lateinamerikanische Lebensart gegen das zumeist dröge Deutschland einzutauschen. Ich saß an der Quelle, wusste wo und wer gebraucht wurde, wir nahmen Brasilien, Rio de Janeiro.